Sonntag, Januar 25, 2015

„Die Vernützlichung der Religion ist aber der Anfang ihres Endes oder: Was wir von Christen aus China lernen können“ – 5 Fragen an Paul M. Zulehner“


Der Wiener Professor Paul M. Zulehner gilt als einer der inspirierendsten und renommiertesten Theologen des deutschsprachigen Europas. Seine Forschungsschwerpunkte sind zum einen die Erneuerung der Kirche und die Frage, wie Kirche so missionarisch sein kann, dass vor allem spirituell Suchende wieder von ihr ansprechbar sind.
Faix: Sie haben ein spannendes Buch geschrieben: ‚GottesSehnsucht’, darin geht es um Menschen, die auf der Suche nach spirituellen Erfahrungen sind, aber nicht in die traditionellen Kirchen gehen, warum passt das scheinbar nicht zusammen?
Zulehner: Die christlichen Kirchen sind derzeit spirituell erschöpft, trotz aller Aufbrüche, die es gerade deshalb auch in ihnen gibt. Ich denke nur an Taizé. Eine der Ursachen für diese spirituelle „Taubheit“ ist paradoxer Weise die Aufklärung. Sie hat aus der Religion die Mystik gestrichen; übrig blieb nur noch die staatsdienliche Moral. Die Vernützlichung der Religion ist aber der Anfang ihres Endes.
Faix: Was müssten Christen tun, um für spirituell suchende attraktiv zu sein?
Zulehner: Es gilt zunächst nicht, etwas zu tun, sondern vielmehr zu sein. Das Handeln folgt dann dem Sein. Es braucht daher Christinnen und Christen, die wieder Mystiker werden. Sowohl Karl Rahner wie Dorothee Sölle haben dies so gesehen. Sie sind in der Lage, jemanden auf dem Weg in jenes Geheimnis zu geleiten, welches das Leben im Grund immer schon ist.
Faix: Sie machen Gemeindegründung in China, wie kam es dazu und wie beurteilen sie die Lage der chinesischen Christen?
Zulehner: Die Christinnen und Christen in China sind eine Minderheit. Sie stehen damit genau so klein, arm und bescheiden da wie die frühe Jesusbewegung. Wichtig ist, aber nicht die Quantität, sondern die Qualität. Dann können Menschen, die entschlossen in der Spur Jesu leben, wie Licht und Salz sein.
Faix: Was können wir lernen von den chinesischen Geschwistern?
Zulehner: Wir lernen, dass weder Fundamentalismus noch Progressismus das Evangelium anziehend macht, sondern allein die radikale Nachfolge Jesu. Es gibt nicht wenige Christinnen und Christen in China, die bereit sind, für Ihren Glauben in den Untergrund zu gehen und Verfolgung hinzunehmen.
Faix: Vor ein paar Wochen kam ihre Autobiographie heraus, ein spannendes Buch, sehr ehrlich und kein bisschen sentimental. Wie halten sie ihre „Seele“ fit?
Zulehner: Ich habe gelernt, am Morgen in meine Meditationsecke zu gehen, um den Tag mit dem Eintauchen in das Geheimnis Gottes zu beginnen. Das ist für mich eine sprudelnde Quelle von Kraft und Orientierung geworden. Dabei weiß ich mich nicht allein. Ich kenne viele andere ganz moderne Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, die in ähnlicher Weise spirituell sind.

Mehr interessante Antworten gibt es am 14. Februar 2015 von Paul M Zulehner auf dem 8. Marburger Studientag Gesellschaftstransformation. Infos und Anmeldung.

Freitag, Januar 16, 2015

„Vom ‚Weihnachtsmanngott’ und dem ‚Kuhhandelgott’ oder: Wofür Gott in unserem Leben alles herhalten muss“


Ich habe zwischen den Jahren mal wieder Miroslavs Volfs wunderbares Buch „Umsonst Geben und Vergeben ineiner gnadenlosen Kultur“ zur Hand genommen und war wieder so fasziniert wie beim ersten Mal. Ein tiefgründiges und aktuelles Buch, in dem es um gelebte Gnade, empfangene Vergebung und verändernde Versöhnung geht. Bildhaft und anschaulich erzählt Volf erstaunlich viel aus seinem eigenen Leben und nimmt die LeserInnen mitten hinein in die Herausforderungen des alltäglichen Lebens und zieht sie doch immer wieder heraus und hinein in tiefgehende biblisch-theologische Reflektionen. Zu Beginn beschreibt er zwei sich hartnäckig haltende Gottesbildern, die mir auch immer wieder begegnen und die er wie folgt erklärt:
„Es sind vor allem zwei Gottesbilder, die auf viele von uns (in der Regel unbewusst) eine schier unwiderstehliche Anziehungskraft ausüben. Das erste möchte ich den Kuhhandelgott nennen, den zweiten den Weihnachtsmanngott. Beide sind so konzipiert, dass sie unseren Interessen dienen, aber ansonsten sind sie das Gegenteil voneinander. Mit dem einen Gott möchten wir  Deals abschließen, die für uns vorteilhaft sind, der andere Gott hat uns warm anzulächeln und mit Bonbons und allen erdenklichen Annehmlichkeiten bei Laune zu halten. Wir rennen fleißig hin und her zwischen diesen Gottesbildern. Manche ihrer Eigenschaften erinnern vage an den Gott Jesu Christi, doch im Großen und Ganzen sind die das Produkt zweier kultureller Strömungen, in denen wir schwimmen: der Strömung der harten, gnadenlosen ökonomischen Realitäten, in der wir Güter austauschen, um möglichst viel Nutzen zu haben, und der Strömung der weichen, ja infantilen Wünsche und Sehnsüchte, in der wir, einfach weil es uns gibt, pausenlos mit Geschenken überhäuft werden möchten.“
Beim Kuhhandelgott machen wir Gott Angebote, wir tun etwas für ihn und Gott revanchiert sich dann mit einer Gegenleistung. Oder: Gott verlangt etwas von uns, und wenn wir ihm gehorchen, gibt er uns eine Belohnung. Wir lesen in der Bibel, gehen regelmäßig in den Gottesdienst, spenden unser Geld, helfen unseren Nächsten, verbringen mehr Zeit in der Anbetung oder was auch immer, wir erwarten, natürlich nur ein wenig und insgeheim, dass Gott uns dann dafür belohnt. So stellen wir uns Gott vor: als jemand, mit dem man einen Handel machen kann. Volf bringt diese Gedanken mit unserer Konsumgesellschaft in Verbindung und schreibt:
„Manche Forscher, die sich mit der Volksreligion beschäftigen, beschreiben den Weihnachtsmann als einen Gott des Konsummaterialismus, dessen einziges Ziel das Beschenken ist, und viele Menschen stellen sich Gott auf diese Art vor, als einen ins Göttliche vergrößerten Weihnachtsmann. Gott ist der große Geschenkemacher, unendlich reich, immer da und immer großzügig. So sollte ein anständiger Gott jedenfalls sein. Gott gibt ohne Bedingungen und ohne etwas von uns zu fordern. So wie die Sonne scheint und eine Quelle fließt, gibt Gott; er löst unsere Probleme, erfüllt unsere Wünsche und macht uns rundherum glücklich. Ein Weihnachtsmanngott stellt keine Ansprüche an uns. Der göttliche Weihnachtsmann, das ist die nie versiegende Quelle von allem, was wir haben und noch kriegen werden. Nun ist es ja wahr: Gott ist die unerschöpfliche Quelle von allem. Aber heißt das auch, dass er keine Ansprüche an uns stellt? Wie könnte Jesus uns dann in der Bergpredigt dazu auffordern, so vollkommen zu werden wie Gott es ist? Folgendes passiert, wenn wir einen Weihnachtsmanngott anbeten: Wir glauben gerne, dass Gott die unendliche Quelle alles Guten ist, aber übersehen geflissentlich, dass er uns zu seinem Bilde erschaffen hat, also als Wesen, die so sein sollen wie er – nein, nicht göttlich wie er, denn wir sind Menschen, aber wie er „in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit“ (Epheser 4,24) und in der Liebe zu unseren Feinden (Matthäus 5,44). Als Mensch richtig leben bedeutet in Übereinstimmung damit leben, wer Gott ist und wie Gott handelt.“
Das Buch gibt es gerade zum Sonderpreis für 5,99€! Wenn du dir also was Gutes am Anfang des Jahres gönnen möchtest, dann kaufe und lese „Umsonst“ und du wirst beschenkt.



Mittwoch, Januar 07, 2015

„Verändertes London – veränderte Jugendarbeit. Neues und interessantes aus der internationalen Arbeit mit Jugendlichen“







Die letzten Tage waren wir als Familie in London. Ich habe auf der IASYM Konferenz (International Association for the Study of Youth Ministry) gesprochen, gehört und gelernt und Christine und die Kids haben London entdeckt und ich habe mich, so gut es ging, zu ihnen gesellt. Es war in mehrerlei Hinsicht eine spannende Woche. Eine Woche voller Veränderungen, die erste war London selbst. Ich war schon lange nicht mehr da, 17 Jahre, und es hat sich viel verändert. Die einstmals historische Innenstadt mit der St. Pauls Kirche in der Mitte ist kaum noch zu erkennen vor lauter riesigen Glas- und Betonbunker, die wie riesige Berge alles überragen. Postmoderne Architektur ist dann wohl der Euphemismus für die neue Londoner Skyline. Anyway, London bleibt eine faszinierende Stadt der Kulturen, Bewegungen und Religionen. Manchmal musste ich innerlich lächeln, wenn ich in der überfüllten U-Bahn die Menschen beobachtete, an die zeitgleichen Pegida Proteste in Dresden dachte, was würden die Pegida Anhänger wohl in London tun?
Um Veränderungsprozesse ging es auch auf der IASYM Konferenz, knapp 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus über 20 Ländern diskutierten über verschiedene Themenfelder der Jugendtheologie und deren Einfluss auf die Jugendarbeit und umgekehrt. Neben vier ‚Keynotes’ gab es30 verschiedene Vorträge, Diskussionen, Forschungsreports und Panals mit allen erdenklichen Themen rund um das Themengebiet Jugendarbeit. Dabei gab es allerlei heiße Diskussionen, vor allem wenn es um das Thema „Theologie von Jugendlichen“ ging. Aber auch methodologische Fragen führten immer wieder diskutiert, wie zum Beispiel die Praktische Theologie mit der empirischen Sozialforschung zusammenarbeiten sollte und ob sie nicht in der Gefahr stehe, sich dabei selbst zu verkaufen. Besonders einige amerikanische Theologen forderten einen ‚theological turn’ in der Diskussion, was ich nicht nur übertrieben, sondern auch falsch finde, aber das ist wieder eine eigene Diskussion. Interessant war, dass sich Jugendarbeit (in fast allen Ländern) sich immer mehr von Gemeindearbeit wegbewegt, weil das Verständnis von ‚Glaube’ zwischen Jugendlichen und Erwachsenen sich immer mehr auseinander bewegen. Daneben gab es verschiedene geistliche Angebote, Begegnungen und eine sehr spannende Exkursion zu ‚Oasis’, einer beeindruckenden Stadtteilarbeit in London, die ähnlich wie unsere Transformationsstudien arbeitet, nur etwas wesentlich größer!
Insgesamt war es ein wirklich gutes Niveau, das erfreulich international vertreten war und zeigt, dass Jugendarbeit im Aufwind ist und sich dabei sehr verändert. Weg von einer programm- und konsumorientierten hin zu einer partizipatorischen und selberermächtigenden Arbeit. Es ist sehr erfreulich, dass die Arbeit mit Jugendlichen mit akademischem Anspruch reflektiert, gefördert und multipliziert wird.
Wer sich mehr für die Konferenz interessiert, findet bei Prof. Robben von der TU Dortmund weitere Berichte und Eindrücke. Wer sich inhaltlich für die Themen interessiert, sei auf das 'Journal of Youth & Theology' hingewiesen. 



Mittwoch, Dezember 31, 2014

"Warum die Jahreslosung 2015 nichts mit christlicher Sozialromantik zu tun hat. Herausfordernde Gedanken für ein mutiges Miteinander im neuen Jahr."





Eine tolle Jahreslosung, keine Frage: Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob. (Röm 15,7) Das singt man gerne und vergibt auch seiner/m Schwester/Bruder in der Sitzreihe vor einem bereitwillig, wenn es um eine unterschiedliche Sichtweise von Musikstilen oder der richtigen Bekleidung für den Gottesdienst geht. Aber wie ist das, wenn es über die ‚emotionale Befindlichkeiten’ einer gut bürgerlichen Gemeinde hinausgeht? Im Kontext der Jahreslosung von Römer 14 und 15 geht es Paulus um das Zusammenleben der Gemeinde und der Umgang mit einer der großen theologischen Streitfragen des 1. Jahrhunderts zwischen Judenchristen und Heidenchristen mit der Frage, ob das mosaische Gesetz für alle weiter bindend ist (zum Beispiel in Speisevorschriften oder dem Sabbatgebot, auch in 1. Kor 8-10; Gal 4, Eph 5; Apg 15). Paulus regiert auf diesen Streit klar und schreibt: „Denn im Reich Gottes geht es nicht um Fragen des Essens und Trinkens, sondern um das, was der Heilige Geist bewirkt: Gerechtigkeit, Frieden und Freude.“ Aber er weiß auch, dass es für Einzelne zur Sünde werden kann und dass deshalb die Starken (die zum Beispiel Götzenopferfleisch essen können) auf die Schwachen (für die das Essen von Götzenopferfleisch zur Sünde wird) Rücksicht nehmen sollen. Mit diesem Hintergrund geht es dann auch in Kapitel 15 (und die Fragen werden nicht einfacher) um Mission und nicht zuletzt um die Verfolgungssituation der ersten Gemeinden. Also sehr ernsthafte und existenzielle Themen der Gemeinde in Rom und der gesamten damaligen Christenheit. In diesem Kontext geht es nun um die gegenseitige Annahme der Christen, damals und auch heute. Es geht um die Schwestern und Brüder, die mir ernsthafte Mühe machen, mich um meinen Schlaf bringen und denen ich manchmal am liebsten das Christsein absprechen würde. Und das macht es so herausfordernd. Unser Glaube ist sichtbar, erkennbar und verletzlich, auch gerade durch innerhalb einer christliche Gemeinschaft. Dies war für mich im Jahr 2014, in dem wir die Ergebnisse unserer Studie ‚Warumich nicht mehr glaube’ veröffentlichten, besonders schmerzlich zu erleben. Denn dort haben wir mit Christinnen und Christen gesprochen, die oftmals genau von dieser Gemeinschaft verletzt, ausgegrenzt und ausgestoßen wurden. Sie haben dieses ‚angenommen sein’ nicht erlebt, weil sie angeblich ‚zu viel gezweifelt haben’, ‚moralisch falsch gelebt’ oder eine theologisch nicht ‚annehmbare Position’ vertreten haben. Und ich war oft sprachlos über das, was mitten unter uns, in unseren Kirchen und Gemeinden, lautlos von statten geht. Der von mir sehr geschätzte amerikanische Autor und Journalist Philip Yancey hat dazu gerade ein Interview (zu seinem neuen Buch) gegeben, in dem er das aufgreift und den Christen vorwirft in ihrem Umgang und ihrer Rhetorik oft gnadenlos zu sein. Oder wie eine Interviewte anmerkte: „Christen sind nicht, was sie singen.“ Von Gnade reden und sie leben, sind oftmals zwei Paar Schuhe. Für andere kann ich das oftmals leicht erkennen, aber Paulus ruft gerade mir zu, dass dieser Text mir gilt im Umgang mit genau diesen Geschwistern, die ich so schwierig finde. Dies wird auch klar, wenn wir uns das Ziel der Jahreslosung anschauen: Die (neu entstandene) Gemeinschaft soll Gott loben, das ‚wie’ ist begründend zu verstehen, erst durch die Annahme Christi können wir die anderen annehmen. Dies wird auch durch die beiden ‚Schlüsselwörter’ deutlich: ‚nehmt einander an’ ist ein Imperativ und ‚wie Christus euch angenommen’ hat ist ein  Indikativ. Diese scheinbaren Kleinigkeiten machen aber einen riesigen Unterschied aus, denn durch das angenommen sein durch Christus (Singular, Aorist: eine Form, die es im Deutschen so gar nicht gibt und die kein Anfang und kein Ende hat) entsteht der Anspruch, die anderen anzunehmen (Plural, Präsens; jemanden bei sich aufnehmen, durchaus ganz praktisch in seinem Haus). Dadurch wird klar, wenn alle durch Christus angenommen sind und einen gemeinsamen Leib bilden (1. Kor 12, Röm 12), können sich die einzelnen Glieder, auch in ihrer Unterschiedlichkeit, annehmen. Es geht hier also nicht um einen Harmonisierungsversuch, sondern um eine theologische Klärung für grundsätzliche Unterschiede, die damals auch über Jahrzehnte nicht gelöst wurden. Theologische ‚Wahrheiten’ und Liebe sind keine Gegensätze, sondern bedingen sich. Die Liebe Gottes ist dabei für Paulus kein ‚Hilfsverb’, sondern eine eigene ernst zu nehmende Kategorie (Röm 13; 1. Kor 13) die, wie die oben genannten Gerechtigkeit, Frieden und Freude vom Heiligen Geist Veränderungsprozesse bewirken, die sich gerade im Bezug auf unser soziales Miteinander zeigen, wie die Frucht des Geistes in Gal 5,22+23 zeigt (Die Frucht hingegen, die der Geist Gottes hervorbringt, besteht in Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Rücksichtnahme und Selbstbeherrschung). Lauter empirisch erlebbare Erkennungszeichen von Christen. Dies sollte uns Mut geben, bei unterschiedlichen Meinungen nicht gleich Grundsatzfragen zu stellen und nach der ‚objektiven Wahrheit’ zu suchen und Geschwistern den Glauben abzusprechen. Wir kommen alle aus derselben Gnade, das sollten wir nicht vergessen. Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob. Und wie hat Christus uns angenommen? Er hat dich angenommen – Indikativ. Punkt. Seine Gnade hat keine Grenze. Seine Liebe gilt allen Menschen gleich, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft oder ihrer sexuellen Identität. Jesus hat sich den Menschen immer zugewandt, den Reichen, den Armen, den Verletzten, den Kranken, den Sündern oder den Gerechten. Jesus bietet Versöhnung und Veränderung an, dabei sind seine Gnade und Gerechtigkeit, Liebe und Wahrheit keine Gegensätze, sondern gehören zusammen. Kein punktuelles Erleben, sondern ein lebenslanger Prozess aus dem wir leben und aus dem die Annahme unter uns erst erwächst. Die Jahreslosung spiegelt eine christliche Haltung wider, die Christus in uns hineinlegt und die wir in dieser Welt leben sollen. Das will ich erleben und leben und das ist meine Hoffnung für das Jahr 2015, für mich und für uns, auf das die Welt erkenne, dass wir Gottes Kinder sind.

In diesem Sinne wünsche ich allen einen gesegneten Start ins Jahr 2015!



Montag, Dezember 29, 2014

"Theology of Joy - Mit Freude die Welt verändern"

Zum Weihnachtsfest 2014 hat das Yale Center for Faith & Culture mit der Veröffentlichung einiger Videos ein halbjähriges Forschungsprojekt 'Theology of Joy' beendet. Es bestand aus verschiedenen Tagungen in denen das Thema aus unterschiedlichsten Blickwinkeln von Expertinnen und Experten aus der ganzen Welt unter die Lupe genommen wurden. Herausgekommen ist eine sehr interessante Dokumentation eines bislang unterbelichteten Themas. Etwas salopp könnte man sagen: Mit Freude die Welt verändern. Hier ein Beispiel einer Tagung mit sehr interessanten Beiträgen:
How can a theology of joy become a transformative theological movement?
A theology of joy that envisions joy as the summit of human well-being has the power to transform lives and communities; indeed, this is the Christian and Jewish hope. What does it look like for theological ideas to take on the energy and impact of social and religious movements? What are the dynamics of transformative academic and social/cultural movements, how are they related, and what, if anything, can we do to support, prompt, facilitate, and further such movements? What is the role of seminaries, universities, churches, denominations, and people of faith? Finally, how can we tell if a theological movement is succeeding?
Leider sind nicht alle Beiträge online, deshalb hier stellvertretend ein 'Einstiegsgespräch' über das Thema von den von mir sehr geschätzten Theologen NT Wright und Miroslav Volf:

Mittwoch, Dezember 24, 2014

„Die Nacht ist vorgedrungen – und der Morgenstern ist schon zu sehn. Weihnachtsgedanken 2014.“



Die Nacht ist vorgedrungen,
der Tag ist nicht mehr fern.
So sei nun Lob gesungen
dem hellen Morgenstern.
Auch wer zur Nacht geweinet,
der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet
auch deine Angst und Pein.

Dem alle Engel dienen,
wird nun ein Kind und Knecht.
Gott selber ist erschienen
zur Sühne für sein Recht.
Wer schuldig ist auf Erden,
verhüll nicht mehr sein Haupt.
Er soll errettet werden,
wenn er dem Kinde glaubt.

Dieses von Jochen Klepper (1903–1942) geschriebene Gedicht und von Johannes Petzold vertonte Adventslied passt nach meinem Empfinden gut zum diesjährigen Weihnachtsfest – sowohl zum eigentlichen Geschehen als auch zur aktuellen politischen Lage in dieser Welt.
Für viele Menschen war das Jahr 2014 ein „dunkles Jahr“ in ihrem Leben, allein weil sie in den falschen Regionen dieser Welt wohnten (Nigeria, Syrien, Ukraine, Liberia etc.) oder den falsche Glaubensrichtung hatten (und hier seinen sowohl Christen als auch Muslime genannt) oder eben beides. Viele in Deutschland haben im Vergleich dazu -bei allem individuellen Erleben- ein gutes Jahr gehabt. Und dennoch steigt die Unzufriedenheit und viele Menschen gehen auf die Straße um gegen Überfremdung und Islamisierung zu demonstrieren. Da stockt mir manchmal der Atem und ich versuche diese Geschehnisse zusammenzubringen, was mir aber nur schwerlich gelingt.
Und da, mitten hinein, in alle Dunkelheit, scheint der Morgenstern – Christus. Hinein mitten in den Nordirak und Dresden bis in das Mikrosystem der eigenen Familie.
Hoffnung – auf Gerechtigkeit mitten in der Ungerechtigkeit; auf Hilfe mitten in der Hilflosigkeit; auf Gnade in gnadenlosen Zeiten.
Der Morgenstern – aufgegangen um in die Dunkelheit zu leuchten, steht er da, zwischen Himmel und Erde. Schon ist sein Leuchten zu sehen und verwandelt mit seinem Licht die Gegenwart und doch ist er noch nicht völlig aufgegangen, ist vieles auf Erden noch dunkel und leer, aber die Nacht weicht zurück.
Weihnachten spiegelt dies in wunderbarer Weise wieder, der Stern weist den Weg hin zum Stall, zum Christuskind. Und dort, in Dunkelheit und Armut ist der Heiland geboren, der Morgenstern, um uns den Weg zu weisen mitten durch diese Welt. Dort im Dunkeln wohnt Gott, bei den Tieren, bei den Ausländern, bei den Verfolgten, den Armen und Ausgestoßenen. Nicht im grellen Scheinwerferlicht und der großen Bühne, vielleicht nicht mal auf mancher Kirchenbühne. Deshalb sollten wir uns auch an diesem Weihnachten nicht blenden lassen von falschen Lichtern, sondern nach dem wahren Morgenstern Ausschau halten.
In diesem Sinn wünsche ich allen Leserinnen und Lesern ein wegweisendes Weihnachtsfest.
Herzlich Tobias


Die Nacht ist schon im Schwinden,
macht euch zum Stalle auf!
Ihr sollt das Heil dort finden,
das aller Zeiten Lauf
von Anfang an verkündet,
seit eure Schuld geschah.
Nun hat sich euch verbündet,
den Gott selbst ausersah.

Gott will im Dunkel wohnen
und hat es doch erhellt.
Als wollte er belohnen,
so richtet er die Welt.
Der sich den Erdkreis baute,
der lässt den Sünder nicht.
Wer hier dem Sohn vertraute,
kommt dort aus dem Gericht.

Jochen Klepper, 1937



Freitag, Dezember 19, 2014

„Kirche ist immer Kirche mit Anderen. Gedanken über eine ‚Theologie der Inklusion’. Part 4: Gemeinde als Ort gelebter Inklusion“

 

Was auf der einen Seite für Christinnen und Christen in Kirchen und Gemeinden selbstverständlich sein sollte, weil klassische Exklusionsgründe (Gal 3,28: Mann/Frau, arm/reich, Einheimischer/Fremder) durch Christus überwunden wurden, ist auf der anderen Seite immer noch problematisch, weil wir immer noch mit beiden Beinen mitten in dieser gefallenen Welt stehen. Inklusion muss aber genau diese Spannung aushalten, da sie sich auf der einen Seite für die Würde und die Rechte aller Menschen einsetzt, auf der anderen Seite aber durch Inklusion nicht das Paradies auf Erden geschaffen wird. Gerade weil es um unterschiedliche und gefallene Menschen geht, gehört aus christlicher Sicht das Thema Versöhnung zur Grundhaltung jeglicher Inklusionsdebatte. Dabei geht es nicht um eine billige „Gleichmacherei“, sondern um die zentrale Frage einer neuen Gemeinschaft. Wenn wir im Neuen Testament vom Gedanken der ‚Inklusion’ reden wollen, dann ist dies kein Individualgeschehen, sondern eingebettet in die neue Gemeinschaft, die Christus durch Kreuz und Auferstehung gestiftet hat. Der Theologe Miroslav Volf zitiert dazu seinen Lehrer Jürgen Moltmann (Volf 2012:23):
„Am Kreuz Christi ist diese Liebe (d.h. die Liebe Gottes) für die anderen da, für Sünder – die widerstrebenden – Feinde. Die gegenseitige Selbsthingabe aneinander innerhalb der Trinität erweist sich in Christi Selbsthingabe in einer Welt, die im Widerspruch zu Gott steht; und dieses Sich-Verschenken bezieht alle, die an ihn glauben, in das ewige Leben der göttlichen Liebe ein“ (Moltmann1991:137).
Gott leidet in Christus am Kreuz für alle Ausgrenzungen und öffnet so erst die Tür zu dieser neuen Gemeinschaft zwischen Gott und den Menschen. Die Selbsthingabe Christi feiern wir im Abendmahl, in dem diese neue Gemeinschaft hier auf Erden schon sichtbar wird. Hier kommen beide Punkte zusammen, denn in Taufe und Abendmahl erinnern sich die Nachfolgerinnen und Nachfolger Christi an ihre Ebenbildlichkeit Gottes und feiern dann die Teilhabe an der neuen Gemeinschaft und dem Leib Christi (1. Kor 11, 21.24). Durch ihn erleben wir eine Transformation unseres Denken und Handelns (Röm 12, 2) und können so die neue Gemeinschaft miteinander leben. Dies zeigt sich auch in dem von Paulus immer wieder bemühten Bild des Leibes (Röm 12; 1. Kor 12), in dem alle gleichwertig zusammen gehören, aber jeder verschiedene Aufgaben hat, 1. Kor 12, 12-31:
„Denn wie der Leib einer ist und doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch ein Leib sind: so auch Christus. Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt. Denn auch der Leib ist nicht ein Glied, sondern viele. Wenn aber der Fuß spräche: Ich bin keine Hand, darum bin ich nicht Glied des Leibes, sollte er deshalb nicht Glied des Leibes sein? Und wenn das Ohr spräche: Ich bin kein Auge, darum bin ich nicht Glied des Leibes, sollte es deshalb nicht Glied des Leibes sein? Wenn der ganze Leib Auge wäre, wo bliebe das Gehör? Wenn er ganz Gehör wäre, wo bliebe der Geruch? Nun aber hat Gott die Glieder eingesetzt, ein jedes von ihnen im Leib, so wie er gewollt hat. Wenn aber alle Glieder ein Glied wären, wo bliebe der Leib? Nun aber sind es viele Glieder, aber der Leib ist einer. Das Auge kann nicht sagen zu der Hand: Ich brauche dich nicht; oder auch das Haupt zu den Füßen: Ich brauche euch nicht. Vielmehr sind die Glieder des Leibes, die uns die schwächsten zu sein scheinen, die nötigsten; und die uns am wenigsten ehrbar zu sein scheinen, die umkleiden wir mit besonderer Ehre; und bei den unanständigen achten wir besonders auf Anstand; denn die anständigen brauchen’s nicht. Aber Gott hat den Leib zusammengefügt und dem geringeren Glied höhere Ehre gegeben, damit im Leib keine Spaltung sei, sondern die Glieder in gleicher Weise füreinander sorgen. Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit. Ihr aber seid der Leib Christi und jeder von euch ein Glied.“

Hier werden Einheit, Gleichwertigkeit und Verschiedenheit christologisch begründet und als Kennzeichen der christlichen Gemeinschaft beschrieben. Merz beschreibt dies: „In Jesus Christus ‚inkludiert’ Gott in unüberbietbarer Weise selbst, vereint die Menschen im Versöhnungsgeschehen, was die spezifische Eigenheit der Inklusion aus christlicher bzw. theologischer Perspektive begründet“ (Merz 2014:94). Oder wie Anne Krauss es treffend zusammenfasst: „Inklusion geschieht in der Gleichheit aller Menschen als Gottes Geschöpfe und in der Gleichheit aller Menschen als ‚geschädigte Schöpfung’“ (Krauss 2010:426). Dies zeigt sich gerade in einer gelebten Gemeinschaft wie Paulus sie im ‚Leib-Glied-Beispiel’ aufgreift, in der eben nicht alle gleich gemacht werden und auch nicht die gleichen Aufgaben haben, aber alle die gleiche Wertigkeit besitzen und eine ihnen zugewiesene Aufgabe haben. Ja, nur in einer inklusiven Gemeinschaft findet jede und jeder den richtigen Platz. Wolfhard Schweiker führt das weiter, wenn er schreibt: „Die Gemeinschaft wird als eine organische Einheit betrachtet, die keine Aussonderung, Abspaltung oder Stigmatisierung verträgt. Wird ein Glied verletzt, wirkt es sich auf den ganzen Körper aus: ‚Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit’ (V.16). So entsteht Solidarität in der Verschiedenheit“ (Schweiker 2011:5).

Samstag, Dezember 13, 2014

„Helft uns, einen Schutzraum aufzubauen, in dem wir überleben können.“ Drei Fragen an Dietmar Roller zur Christenverfolgung im Nordirak und Syrien.


In unserem letzten Modul unseres Studienprogramms Development Studies & Transformation war Vorsitzende von Dietmar Roller, der Vorsitzende von IJM Deutschland zu Gast, er kam direkt aus dem Nordirak und ich hatte die Möglichkeit ihn nach seinen Eindrücken zu befragen, da zur Zeit immer mehr Falschmeldungen im Umlauf sind.
Faix: Es wird in der letzten Zeit viel über Christenverfolgung gesprochen, das Thema ist in allen Medien und trotzdem wissen wir eigentlich wenig über Christenverfolgung. Jetzt warst du letzte Woche im Nordirak. Kannst du uns von der Lage erzählen, wie du sie erlebt hast?
Roller: Gerne. Wobei ich das schon erst einmal einordnen will. Also, es gibt nicht nur Christenverfolgung, es gibt generell große Verfolgungen von Minderheiten, von religiösen Minderheiten, und der Irak ist das beste Beispiel dafür, da gibt es eben nicht nur Christenverfolgung. Da werden muslimische Schiiten verfolgt, da werden Jesiden massiv verfolgt, und das nochmal in einer ganz anderen Art und Weise und einer ganz anderen Intensität als die Christen. Trotzdem bleibt natürlich, dass die Christen unheimlich leiden in der Situation, weil sie sozusagen aus ihren letzten angestammten Gebieten vertrieben wurden, und das ist ein sehr, sehr schmerzhafter Prozess.
Faix: Was hast du im Nordirak erlebt?
Roller: Ganze Regionen im Nordirak sind gerade auf der Flucht, und die Menschen sind gezeichnet von der Brutalität, die sie erlebt haben. Wobei die Christen da, im Verhältnis zu den Jesiden, noch ein bisschen geschont wurden. Der IS hat vor den Schriftreligionen noch eine gewisse Hemmung, aber bei den Jesiden gab es furchtbare Vergewaltigungen, ja sogar systematische Vergewaltigungen und systematischen Terror. So müssen viele der Mädchen, die dort vergewaltigt und verkauft worden sind, ihre Eltern anrufen und ihnen erzählen, was mit ihnen täglich geschieht, nur um weiter Angst und Terror zu verbreiten. Und den Christen ist die Angst ins Gesicht geschrieben, und der Schock alles zurücklassen zu müssen, aber auch die Brutalität, die täglich ausgeübt wird, ist schonungslos. Ich habe mit Menschen geredet, die alles verloren haben, deren Familien regelrecht abgeschlachtet wurden, die jetzt auf der Flucht sind und nicht wissen, wie es überhaupt weiter geht. Und das mit einer so kalten Brutalität, das ist schon schockierend. Und das macht einen eigentlich auch sprachlos, und dann kommen einem nur noch die Tränen in so einer Situation. Weil es einfach so brutal ist.
Faix: Was würdest du denn von der westlichen Welt erwarten?
Roller: Naja, was würden denn die Christen und die Jesiden von der westlichen Welt erwarten? Ich meine, ich habe mit vielen gesprochen, die sagen: „Helft uns, einen Schutzraum aufzubauen, in dem wir überleben können. Das ist das einzige, was hilft, ansonsten gehen wir hier weg und kommen zu euch.“ Das ist eine ganz klare Aussage, das erwarten die Menschen: konkrete Hilfe. Wir können und müssen helfen, können die Menschen nicht im Nichts stehen lassen, sondern haben da auch eine Aufgabe als Deutsche, als Christen, hier Solidarität zu üben. Und ich denke, wenn es darum geht, Asylanten aufzunehmen, dann sollte man den Menschen, die aus so einer harten Verfolgung herauskommen, den Vorzug geben. Wir sollten klar Stellung beziehen und unsere Regierung ermutigen, den verfolgten Menschen im Irak einen Schutzraum zu bieten, und dann sollten wir so viele wie möglich aufnehmen und sie willkommen heißen hier mitten unter uns.
Viele Christen haben es verlernt, politisch aktiv zu sein und zu handeln. Wir haben uns in unsere eigenen Nischen zurückgezogen, und so machen wir uns mitschuldig an unseren eigenen Geschwistern. Wir müssen lernen, unseren Glauben öffentlich zu leben und für die Schwächsten einzustehen.
Faix: Danke für das Interview.

Dietmar Roller ist Vorstandsvorsitzender von IJM (International Justice Mission), einer international tätigen gemeinnützigen christlichen Nichtregierungsorganisation (NRO/NGO), die sich den Opfern schwerster Menschenrechtsverletzungen in Entwicklungs- und Schwellenländern widmet.


Donnerstag, Dezember 11, 2014

Mittwoch, Dezember 03, 2014

„Kirche ist immer Kirche mit Anderen. Gedanken über eine ‚Theologie der Inklusion’. Part 3: Identität und Anderssein"


Heute ist der "internationale Tag für Menschen mit Behinderungen", ein guter Grund meine kleine Gedankenreihe zum Thema "Theologie der Inklusion" weiterzuführen.
In Part 1 und 2 habe ich versucht die Grundlagen eines theologisch verstandenen Inklusionsbegriffs zu reflektieren, den ich jetzt im neutestamentlichen Kontext anschauen möchte. Dabei möchte ich besonders auf das Buch von Miroslav Volf und sein wegweisendes Buch "Von der Ausgrenzung zur Umarmung" verweisen, aus dem ich einige Gedanken entliehen habe. Die am häufigsten gebrauchte neutestamentliche Metapher für das Volk Gottes ist der Leib Christi. In dem einen Leib Christi leben in einem komplexen Zusammenspiel sehr unterschiedliche Glieder, nämlich Juden und Griechen, Männern und Frauen, Sklaven und Freie. In Christus sind sie eins an dem Leib, also gleich würdig, und doch bleiben sie unterschiedlich in ihren Aufgaben. Volf beschreibt dies folgendermaßen:
„Der Geist löscht die körperlichen Unterschiede nicht aus, sondern er ermöglicht den Zugang zum einen Leib Christi für Menschen mit solchen Unterschieden zu gleichen Bedingungen. Was der Geist auslöscht (oder wenigstens lockert), ist die stabile und sozial konstruierte Wechselbeziehung von Unterschieden und sozialen Rollen. Die Gaben des Geistes werden ungeachtet dieser Unterschiede gegeben“ (Volf 2012:55).
In einer Gemeinschaft seinen Platz zu finden unabhängig von seiner Herkunft ist ein christliches Identitätsmerkmal, das auf die Ebenbildlichkeit Gottes zurückgeht. Alle Menschen haben denselben Wert und dieselbe Würde unabhängig von ihrem Tun und können somit Teil des Leibes Christi werden.
Ein großes Missverständnis in der aktuellen Inklusionsdebatte besteht aber darin, daraus zu schließen, dass alle Menschen das Recht haben alles gleich tun zu können oder zu müssen. Dieser „Zwang zur Inklusion“ wird aber weder der Ebenbildlichkeit Gottes in seiner Vielfalt, noch dem Bild des Leibes Christi gerecht. Wer denkt, dass Inklusion alle Grenzen aufhebt, wird den Menschen nicht gerecht und wird am Ende einen neuen Exklusivismus hervorbringen. Volf beschreibt dies folgendermaßen:
„Schmähe alle Grenzen, bezeichne jede dezidierte Identität als Unterdrückung, hefte das Schild ‚Exklusion’ auf jede dauerhafte Differenz – und du hast zielloses Treiben statt klarsichtigem Handeln, wahllose Aktivität statt moralischem Engagement und Verantwortlichkeit, langfristig Leichenstarre statt des Tanzes der Freiheit“ (Volf 2012:76).
Würde und Vielfalt schließen sich nicht aus, im Gegenteil, sie bedingen sich sogar. Paulus spricht nicht von einer Auflösung der Identität oder davon, dass es keine kulturellen Unterschiede mehr gibt oder die Geschlechtlichkeit aufgehoben wird, sondern sieht Unterschiede in ihrem geschöpflichen Platz und ihrer Ebenbildlichkeit in Gott selbst als wertvoll an. Die Schöpfung am Anfang der Menschheitsgeschichte kannte schon eine Vielfalt und eine Harmonie. Im Schöpfungsprozess (Gen 1+2) wird von Gott geordnet und differenziert, aber nicht ausgeschlossen. Differenzierung besteht in einem relational verstandenen ‚Trennen und Binden’ von Licht und Dunkelheit, Tag und Nacht, Meer und Land etc. Alles hat seinen Platz und ergibt zusammen ein wunderbar funktionierendes Ganzes. Durch den Sündenfall ist vieles durcheinandergekommen und hat sich in den einzelnen Beziehungsebenen entfremdet (Gott – Mensch; Mensch – Mensch; Mensch – sich selbst und Mensch - Natur), doch beschreibt uns die Bibel die große Geschichte Gottes, der diese Beziehungsebenen wieder herstellt. Durch Tod und Auferstehung Christi gehen wir ein in die neue Schöpfung Gottes, die zwar auf Erden noch nicht vollendet ist, aber uns einen hoffnungsvollen Vorgeschmack auf das gibt, was da kommt (2.Kor 5,17). Noch einmal Volf, der dies wunderbar auf den Punkt bringt:
„Wir sind, wer wir sind, nicht weil wir von den anderen neben uns unterschieden sind, sondern weil wir sowohl unterschieden als auch verbunden sind, verschiedenartig und verwandt. Die Grenzen, die unsere Identität ausmachen, sind sowohl Barrieren als auch Brücken“ (Volf 2012:78).

Es geht also beim Thema Inklusion nicht um eine Gleichmacherei aller Menschen, sondern um eine differierende Gleichwürdigkeit. Eine gesunde Identitätsentwicklung braucht auch Abgrenzungsmechanismen, die Unterschiedlichkeiten (in Gaben, Aufgaben und Platz) deutlich machen und Vielfalt befürworten. Der biblische Ort dies einzuüben ist die Gemeinde.

Freitag, November 28, 2014

"Der Mentoring-Kongress am 18. April 2015"

Der Mentoring-Kongress

Samstag, 18. April 2015 — Marburg

Von 10–17 Uhr laden wir ein, Mentoring in seinen unterschiedlichen Facetten kennenzulernen, seinem Geheimnis und Reichtum auf die Spur zu kommen. Menschen, die bereits im Mentoring tätig sind, möchten wir neue Impulse geben und dazu beitragen, dass ein Netzwerk für MentorInnen entsteht.
2 Vorträge  ·  8 Workshops  ·  Best Practices  ·  Interviews  ·  Aktionsfläche
Denn Mentoring...

... hat in den letzten Jahren in vielen Kirchen und Gemeinden an Bedeutung gewonnen wenn es darum geht, Mitarbeitende in ihrem glauben zu begleiten und in ihrer Persönlichkeit zu prägen. in einer zeit, in der es viele Unsicherheiten gibt, bietet Mentoring einen sicheren und vertrauensvollen raum der Begegnung, so dass besonders junge Menschen tiefgreifend und nachhaltig – und mit ihnen ganze Gemeinden und Werke – verändert werden.

... richtet sich an alle, die sich für Mentoring interessieren. er lädt ein, Mentoring in seinen unterschiedlichen Facetten kennenzulernen, seinem Geheimnis und Reichtum auf die  Spur zu kommen. Menschen, die bereits im Mentoring tätig sind, möchte er neue Impulse geben und dazu beitragen, dass ein Netzwerk für Mentorinnen entsteht. 

Ich freue mich schon sehr auf den Tag, da Top Leute kommen werden, es viel Interaktion- und Vernetzungsmöglichkeiten gibt und der letzte Mentoringkongress schon echt Klasse war. 

Mehr Infos zum Programm, Ablauf, ReferentInnen etc. bekommst du hier.
Anmeldung: hier


Donnerstag, November 20, 2014

„Das Evangelium den Armen."


In den letzten Wochen habe ich mit großem Interesse das Buch „Das Evangelium den Armen“ gelesen. Es besteht aus drei großen Teilen, einem ausführlichen ersten Teil, der sich dem Thema exegetisch, theologisch und historisch nähert (acht Beiträge auf 210 Seiten) und zwei kürzeren praktischen Teilen „Impulse für die Welt (vier Beiträge auf 40 Seiten) und „Praxisberichten“ (vier Beiträge auf 60 Seiten). Hier wird schon deutlich, worauf der Hauptaugenmerk des Buches liegt: Es soll ein in der Theologie der Pfingstbewegung bisher zu kurz gekommenes Thema systematisch aufarbeiten. Dabei wird schon bei der Auswahl der siebzehn Autorinnen und Autoren deutlich, dass sich die Herausgeber (vom Forum Theologie & Gemeinde des BFP, vertreten durch das Vorwort von Marcel Redling) bemühten, kein rein eurozentrisches Bild zu zeichnen, sondern den globalen gesellschaftlichen Entwicklungen Rechnung zu tragen (so gibt es beispielsweise Beiträge aus Argentinien, USA, Ghana).
Die Pfingstbewegung stellt weltweit die momentan am stärksten wachsende christliche Denomination dar und bildet mit ca. 500 Millionen Mitgliedern eine der größten Kirchen. Erstaunlich ist, dass der größte Wachstum in Entwicklungs- und Schwellenländern Südamerikas und Afrikas stattfindet, in der Armut und Reichtum besonders hart aufeinanderprallen. Oftmals geht damit auch die theologische Kritik einher, die der pfingstlerischen Theologie Triumphalismus und Wohlstandevangelium vorwirft. Auch dagegen wehrt sich dieser Band, genauso wie gegen eine dispensationalistische Eschatologie, die als hermeneutischer Nährboden für die eben benannte Kritik gilt. Besonders die historischen Beiträge des Buches wollen aufzeigen, dass es schon immer eine „soziale Linie“ innerhalb der Pfingstbewegung gab, die besonders Professor Vondey gut herausarbeitet (23-50), in dem er aufzeigt, dass das soziale Engagement vieler pfingsterlischen Basisgemeinden sowohl in der Geschichte als auch in der Gegenwart enorm ist und sich in praktischen Bildungsprogrammen, Beteiligung an politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen und einer sozialen Ethik zeigen. So kommt Vondey auch zu dem Ergebnis, dass die Pfingstbewegung unter einer großen theologischen und gesellschaftlichen Spannung steht und sich durch eine „Mehrdeutigkeit“ auszeichnet, die er, etwas schmeichelhaft, als ‚plurale Identität’ bezeichnet. Es folgen verschiedene Beiträge, die nun verschiedene Teile dieser Spannung und Mehrdeutigkeit aufnehmen und genauer untersuchen, wie beispielsweise der Umgang mit Schulden (77-94), Diakonie und Heilung (125-144) oder Netzwerke von Gerechtigkeit (145-196) oder Armut und Lebensstil (145-180). Ein besonders hervorzuhebender und auch thematisch typischer Beitrag stammt von Matthias Wenk, der sich mit dem Thema „Der Heilige Geist als Solidarität Gottes mit den Bedrängten und Ausgestoßenen“ (95-121) beschäftigt. Wenk nimmt das zentrale Identitätsmerkmal ‚Heiliger Geist’ der pfingstlerischen Theologie auf und führt es aber nicht in eine persönliche, individualistische Verengung und zur persönlichen Vereinnahmung des eigenen Wohles, sondern zeigt anhand des Lukasevangeliums und der Theologie des Paulus, dass die Sozialethik ein zentraler und wesentlicher Teil der Mission des Geistes Gottes auf Erden ist, die sich in Wort und Tat, individuell und strukturell im Jetzt und Noch Nicht zeigt. So kommt er zu dem Schluss: „Alle Mission ist gleichzeitig auch aktive Versöhnungsarbeit und erlebbare Demonstration der heilsstiftenden und einenden Kraft Gottes. Sie gründet sich in der Selbsthingabe Gottes an diese Welt, die der Leib Christi seinerseits in gelebter Solidarität gegenüber dem Fremden, Andersartigen und Schwachen zum Ausdruck bringt. Gerade darin ist sie unverkennbares Zeichen des kommenden Reiches Gottes. Sowohl nach der paulinischen als auch gemäß der lukanischen Pneumatologie wird Mission in der Vollmacht durch den Geist um die Dimension der Solidarität erweitert. Besonders die Pfingstgemeinden der westlichen Hemisphäre werden diese Erweiterung brauchen, wenn sie glaubwürdig missionarisch und sozialethisch handeln wollen. Dort, wo ihre Umgebung im Hier und Heute nicht schon eine heilvolle Transformation erlebt, sind sie aufgerufen, in die Zerrissenheit menschlicher Existenzen hineinzutreten und diese Nöte durch die Kraft des Geistes auszuhalten und mitzutragen ... Denn Solidarität in der Kraft des Geistes bedeutet auch, sich für diejenigen einzusetzen, die sich nicht für sich selbst einsetzen können.“ (120) Dem ist kaum etwas hinzuzufügen. Untermauert werden diese Einsichten durch theologische Reflexionen aus aller Welt und Praxisbeispielen aus Deutschland. Diese zeigen auf, dass gute theologische Arbeit auch gute Früchte hervorbringt und motivieren, die eigene Glaubens- und Gemeindepraxis zu hinterfragen. Gerade in einem „satten westlichen Christentum“ sollen und müssen wir auf unsere internationalen Geschwister hören und uns als reiche Geschwister fragen lassen, wie einseitig westlich kontextualisiert unser Evangeliumsverständnis geworden ist. So haben mich die einzelnen Beiträge sowohl theologisch, persönlich als auch ekklesiologisch herausgefordert und zum Nachdenken gebracht. Kann man von einem theologischen Buch mehr verlangen?
Die Beiträge insgesamt sind, wie bei vielen Sammelbänden vom Anspruch und Niveau sehr unterschiedlich, überzeugen aber von ihrer Gesamtkomposition und dem Gesamtbild, was einem als Leser/in am Ende bleibt. Was man dem Buch gewünscht hätte, wäre ein professionelles Lektorat, das dem Buch beispielsweise eine einheitliche Gliederung gegeben hätte, so gibt es konsequent durchgegliederte Beiträge (wie von Johannes Stephens) und welche, die überhaupt nicht gegliedert wurden (wie von Ray Mayhew), so dass man 35 Seiten ohne jegliche Unterbrechung lesen muss, was es doch anstrengend macht.
Insgesamt ist das Buch aber gut und leicht lesbar und so für jede Frau und jeden Mann in der Gemeinde empfehlenswert. Es bleibt am Ende die Hoffnung und der Wunsch, dass dieses Buch viele Leserinnen und Leser auch außerhalb der Pfingstbewegung findet, die sich mit den herausfordernden theologischen Aussagen auseinandersetzen, damit die Transformation des Geistes Gottes mitten unter uns sichtbar werde.


Samstag, November 15, 2014

„„Wenn Jugendliche über ihren Glauben reden wollen und Mitarbeitende der kommunalen und kirchlichen Jugendarbeit darüber diskutieren“




„Atemlos gelangweilt von der Spaßkultur und Erlebnisgesellschaft wenden sich die Menschen zunehmend der Sinnfrage des Lebens zu. Die Zukunft wird zunehmend der Sinnorientierung gehören – realisiert in der Formel: Von der Flucht in die Sinne zur Suche nach Sinn. Die Sinnorientierung wird zur wichtigsten Ressource der Zukunft und zu einer großen Herausforderung der Wirtschaft werden.“
Horst W. Opaschowski

Diese Woche war ich in Minden und in Solingen und habe mit kirchlichen und  kommunalen Vertretern über das Thema Jugendarbeit diskutiert. Die städtische und kirchliche Arbeit mit Jugendlichen wird an vielen Orten mühsamer, weil es die außerschulischen Angebote schwieriger machen, da die Ganztagsschulen mehr Zeit der Jugendlichen in Anspruch nehmen und zum anderen die Jugendlichen durch Globalisierung und Digitalisierung immer mehr von den vorherigen Generationen abgrenzen. Dies wird vor allem durch die Sprache deutlich, vor allem, wenn es um Fragen des Glaubens geht. Der Traditionsabbruch wird deutlich spürbar, so dass viele von einer „Leerstelle des Glaubens“ reden, wenn es um jugendliche Spiritualität geht. Unsere empirica Studie „Spiritualität von Jugendlichen“ hat aber etwas anderes ergeben. Jugendliche können und wollen über ihren Glauben reden, nur nicht mit jedem und wenn, dann in ‚sicheren Räumen’. Jugendliche suchen nach sinnstiftenden Glauben, fühlen sich aber oftmals unsicher und suchen vertraute Gesprächspartner mit denen sie ihre Erfahrungen, Sehnsüchte und Zweifel teilen können. Diese finden sie nicht immer in kirchlicher Jugendarbeit, weil diese sich die Tendenz hat in zwei Richtungen zu gehen, die einen die auf alles eine Antwort haben, obwohl sie die Fragen der Jugendlichen dabei kaum wahrgenommen haben und die anderen, die ihr Angebot so niederschwellig anbieten, dass die Jugendlichen kaum merken können, dass es überhaupt ein Glaubensangebot gibt. In Minden und Solingen haben wir gemeinsam versucht darüber zu diskutieren, wie Jugendarbeit zuerst Jugendliche mit ihrem Glauben ernst nehmen kann. Das war sehr spannend und ich habe mich gefreut, dass es viele spannende Ideen, Ansätze und Möglichkeiten gibt mit Jugendlichen zu arbeiten, statt wieder nur Programme für Jugendliche zu planen. Und ich bin immer wieder begeistert wie viele ehrenamtliche Mitarbeitende sich für die Arbeit mit Jugendlichen einsetzen. Die neuen spirituellen Aufbrüche der Jugendlichen sollten wir nicht der Wirtschaft überlassen..
Ansatzpunkte in der Jugendarbeit vor Ort können dabei sein:
Den Glauben der Jugendlichen ernst nehmen (Stichwort Jugendtheologie)
Gemeinschaft als zentraler Wert umsetzen
Sichere Räume anbieten (eigene Gestaltungsmöglichkeiten geben)
Semantik: Die eigene Sprachfähigkeit (der Jugendlichen) entdecken
Gebet: auf der Suche nach transzendenten Erfahrungen