Freitag, April 18, 2014

„Noldes Kreuzigung - farbenfroh und ausdrucksstark“



Emil Nolde (1867-1956) gehört sicherlich zu den faszinierenden Malern des 20. Jahrhunderts. Seine farbenprächtige, expressionistische Ausdrucksweise hat ganze Generationen geprägt.
Eines seiner Hauptwerke ist der neunteilige Bilderzyklus „Das Leben Christi“, was um das Jahr 1911/12 auf der Insel Alsen entstand. „Die Kreuzigung“ ist dabei das Herzstück und mit den Maßen 220,5 x 193,5 cm ist es das größte Gemälde, das je Nolde geschaffen hat. Nolde war von Kindheit auf religiös und war fasziniert vor allem von religiösen Gefühlen und „unwiderstehliche Verlangen nach Darstellung von tiefer Geistlichkeit, Religion und Innigkeit“. Auch das Malen selbst war für Nolde ein religiöser Akt, den er beschreibt wie im Wahn: „Ich malte und malte, kaum wissend, ob es Tag oder Nacht sei, ob ich Mensch oder Maler nur war.“ Aber gerade seine religiösen Bilder stießen nicht nur auf Gegenliebe, sondern wurden wegen ihrer farbigen Ausdrucksstärke als blasphemisch bezeichnet und später im Dritten Reich verboten (entartete Kunst) und dies, obwohl Nolte selbst Antisemit und Mitglied der NSDAP war.
Das Werk Noldes ist momentan im Frankfurter Museum Städel zu sehen und lohnt sich sehr.
„Die Kreuzigung“ ist ein wunderbares Bild für eine Meditation am heutigen Karfreitag. Christus, der am Kreuz die Welt umarmt, erniedrigt sich selbst – bis zum Tod, dem Tod am Kreuz:

Er, der Gott in allem gleich war und auf einer Stufe mit ihm stand, nutzte seine Macht nicht zu seinem eigenen Vorteil aus. Im Gegenteil: Er verzichtete auf alle seine Vorrechte und stellte sich auf dieselbe Stufe wie ein Diener. Er wurde einer von uns – ein Mensch wie andere Menschen. Aber er erniedrigte sich ´noch mehr`: Im Gehorsam gegenüber Gott nahm er sogar den Tod auf sich; er starb am Kreuz ´wie ein Verbrecher`. Deshalb hat Gott ihn auch so unvergleichlich hoch erhöht und hat ihm ´als Ehrentitel` den Namen gegeben, der bedeutender ist als jeder andere Name. Und weil Jesus diesen Namen trägt, werden sich einmal alle vor ihm auf die Knie werfen, alle, die im Himmel, auf der Erde und unter der Erde sind. Alle werden anerkennen, dass Jesus Christus der Herr ist, und werden damit Gott, dem Vater, die Ehre geben.

Montag, April 14, 2014

„Wir sind von den Russen auf die Knie gezwungen worden.“ Drei Fragen an Johannes Reimer zur Lage der Christen in der Ukraine.“


TF: Du bist gestern aus der Ukraine gekommen, wo warst du dort und was hast du dort gemacht?
JR: Ich war zum einen in Kiew und zum anderen habe ich auf einer christlichen Konferenz zum Thema „Versöhnung“ gesprochen, ca. 150km von Kiew entfernt. Eigentlich war das Thema „Versöhnung“ für Gemeinden und Kirchen geplant, aber die politischen Veränderungen haben es sehr aktuell gemacht.
TF: Wie schätzen die Christen, mit denen du gesprochen hast, die aktuelle Lage ein?
JF: Es ist interessant, wie die Lage in der Ukraine die Christen aus unterschiedlichen Denominationen zusammen führt. Egal ob Christen aus der griechisch-katholischen Kirche, Protestanten, Orthodoxen, Baptisten oder Pfingstler, viele kommen zusammen, um für ihr Land zu beten. Auf dem Maidan Platz stehen Dutzende Zelte, in denen sie sich zum Gebet für ihr Land treffen. Aber es gibt auch ganz praktische Hilfen wie Essenspakete für die schlecht ausgerüstete ukrainische Armee oder es werden muslimische Flüchtlinge aus der Krim (Krimtataren) aufgenommen. Der jetzige Präsident der Ukraine (Oleksandr Turchynov) ist  selbst Baptist und hat den wegweisenden Satz gesagt: „Wir sind von den Russen auf die Knie gezwungen worden“. Die Menschen auf dem Maidan Platz glauben an ihre Ukraine und haben eher Angst vor Freischärlern als vor ethnischen Konflikten. Interessanterweise herrscht eine große Skepsis gegenüber den westlichen Mächten und Europa. Viele wissen nicht, ob das Interesse der EU ehrlich ist oder nur geopolitischer Natur. Das macht die Lage für viele nicht einfacher.
TF: Gibt es aktuelle Gebetsanliegen?
JR: Als erstes sicherlich der schwelende Konflikt in der Ostukraine. Es soll und darf nicht zu kriegerischen Auseinandersetzungen kommen, das ist  ein zentrales Anliegen, dass wir uns ihrem Friedensgebet anschließen. Das zweite ist, dass der ökumenische Geist und die Einheit der Christen anhalten. Bisherige Gemeindegräben werden durch die Not überwunden und zersplitterte Kirchen finden wieder zusammen, das ist eine sehr wertvolle Erfahrung. Viele Christen sehen darin eine große Chance einer geistlichen Erneuerung für das Land.

für aktuelle Informationen, der Zeitblog zur Ukraine.


Samstag, April 05, 2014

„Mit Nutella die Welt verändern? oder Mit der Kirche für mehr Gerechtigkeit.“

Auf meinen letzten Post zum Thema „Public Theology“ fragt riepichiep wie das denn praktisch aussehen kann und dazu passt eine Pressemeldung von dieser Woche ganz gut, in der Ferrero bekannt gab, dass sie bis 2020 100 Prozent zertifiziert nachhaltigen Kakao für seine Produktion einsetzen wollen. Eine kleine, aber wichtige Meldung, vor allem wenn man weiß, dass es in Marburg seit vielen Jahren Gespräche zwischen der Kirche und Ferrero gibt, die letztes Jahr einen vorläufigen Höhepunkt erreichten.

Hier ein Kurzbericht, der damals in der 3E erschien:
Da waren sie alle: Bürgermeister, Pfarrer und Pastoren, Professoren, Politiker und jede Menge interessierter Bürgerinnen und Bürger. Drei Stunden wurde diskutiert, zugehört, argumentiert und am Ende wurden Bibeln verteilt und es stellten sich alle unter den Segen Gottes. Was war passiert? Eine Gruppe engagierter Christen hatte sich ein Jahr zuvor zusammengetan um sich dafür einzusetzen, dass Nutella für Kinder hergestellt wird, nicht von Kindern. Und dies nicht nur, weil die Marburger Kinder so gerne Nutella essen und die Arbeitsbedingungen in den afrikanischen Staaten so schlecht sind, sondern auch weil die „Nutellafabrik“ vom Hersteller Ferrero in Stadtallendorf bei Marburg liegt. Dort wird die leckere Nuss-Nugat-Creme hergestellt und das sollte nicht einfach hingenommen werden. „Suchet der Stadt bestes“, dazu gehört auch, dass Gottes Licht der Gerechtigkeit im Gemeinwesen zu sehen ist. So dachten es sich eine Hand voll Christen, die das Gespräch mit der Ferreroleitung suchte und sie auf die Missstände in ihrer Firm aufmerksam machte. Nicht wenig überraschend war diese sehr freundlich, sah aber keinen akuten Handlungsbedarf. Darauf hin wurde zusammen mit der örtlichen Michagruppe eine Petition in Leben gerufen, die man unterschreiben konnte, wenn man sich für eine faire Nutella einsetzt. Diese wurde von über 31 000 Menschen unterschrieben. Und die Übergabe war eben dieser Eingangs beschriebene Abend. Das Interessante an dieser Veranstaltung war die Mischung an unterschiedlichen Menschen, die sich durch das engagierte Auftreten der Christen in der Stadt zusammentaten. Das Zweite besondere war, die Art und Weise wie an diesem Abend diskutiert und gestritten wurde. Es war durchaus kontrovers, aber es wurde mit Respekt und Liebe miteinander umgegangen, so dass sich vor allem die Leute von Ferrero wunderten und das, obwohl es am Ende keine Einigung gab zwischen Parteien gab. Der Einsatz für Gerechtigkeit geht auf ganz unterschiedlichen Ebenen weiter. Mit Nutella dabei die Welt verändern? Nein, sicher nicht, aber diese Aktion hat vieles ausgelöst und ich habe sechs Punkte gelernt, die für eine öffentliche Kirche wichtig sind:
1.    Kirche ist für die Menschen da: Und versucht die Kluft zwischen Glaubenstheorie und Glaubenspraxis sowie Diakonie und Mission zu überwinden. Denn im anbrechenden Reich Gottes zeigt sich dieses vor allem mit den Armen, Benachteiligten und Ausgestoßenen. Die Sprache des Evangeliums ist dabei klar, die Gesunden brauchen keinen Arzt und das eine verlorene Schaf wird gesucht. In Jesus bricht das verheißene (Jes 35, 61) an und wird unter uns sichtbar (Lk 4).
2.    Die Vergangenheit ehren und von ihr lernen: Immer schon haben sich Christen und Kirchen für die Menschen des Gemeinwesen eingesetzt und stark gemacht. Dies ist keine Option einer Kirche sondern gehört zu ihrer ‚DNA’ und ihrem biblischen Auftrag. Die Geschichte der Diakonie zeigt dies eindrucksvoll auf. Aber auch neue Initiativen und Projekte leben in dieser Zeit des Umbruchs. Im Studienprogramm Gesellschaftstransformation haben wir momentan über 60 Projekte die zwischen Kirche und Gesellschaft entstanden sind und sich in der Gemeinwesenarbeit verorten. Die Erfahrungen dabei sind durchweg positiv.
3.    Wertschätzung und Empowerment: Das Evangelium ist die Einladung zu einer heilenden Gemeinschaft, da jeder Mensch als Ebenbild Gottes geschaffen wurde und deshalb eine unverrückbare Würde besitzt. Unser Glaube, der durch die Liebe tätig wird zeigt den Menschen diese Wertschätzung und befähigt sie ihr Leben zu gestalten (Gal 5,6).
4.    Vernetzung leben: Als Teil des Gemeinwesens hat man Pflichten und Aufgaben. Es gehört zu einer lebendigen Gemeinwesenarbeit sich einzubringen, Menschen zu unterstützen, Strukturen zu hinterfragen und Ungerechtigkeiten anzusprechen. Bei diesen Prozessen entstehen ganz neue Allianzen mit Menschen und Gruppen, die man zuvor vielleicht gar nicht kannte. Mutig und ohne Berührungsängste auf die Menschen zugehen ist neben der Sprachfähigkeit eine Grundvoraussetzung.
5.    Sprach- und Dialogfähig sein: Die einfachste Grundlage des Zusammenseins ist das gegenseitige Verständnis in Worten und Taten. Kann ich meine Motivation und meinen Einsatz für Fairen Handeln meinem Nachbarn erklären ohne dass er einen Kulturschock bekommt? Wie gehe ich mit anderen Meinungen, Kulturen und Religionen um? Nicht nur in der Theorie, sondern im persönlichen miteinander?
6.    Kritischer Konsum: Fair-Trade ist eine christliche Errungenschaft und wurde im Jahr 1946 von mennonitischen Christen (Church of the Brethren) gegründet. Zwar setzt sich die Kirche schon seit über 30 Jahren für den fairen Handel ein und das Thema schafft es langsam an die Öffentlichkeit, dort ist der Konsum immer noch verschwindend gering, selbst bei Schokolade liegt der Anteil des Fairen Handels bei 0,2%! In anderen Branchen noch geringer.
Christen haben eine gesellschaftliche Verantwortung für das Gemeinwesen. Warum? Weil sie ein Teil davon sind und weil es Teil ihrer Mission ist. Ein Akteur von vielen die sich auf dem Parkett unserer Gesellschaft tummeln. Wenn wir ernst genommen werden wollen, dann führt da kein Weg dran vorbei.

Ich gebe zu, dass dies nur ein kleiner Beitrag ist, aber er spiegelt ganz gut wieder, was „Public Theology“ in der praktischen Umsetzung heißen kann.



Donnerstag, April 03, 2014

„Warum Glaube immer persönlich – aber nie privat ist"


„Auf der Flucht vor der öffentlichen Auseinandersetzung erreicht dieser und jener die Freistatt einer privaten Tugendhaftigkeit. Er stiehlt nicht, er mordet nicht, er bricht nicht die Ehe, er tut nach seinen Kräften Gutes. Aber in seinem freiwilligen Verzicht auf Öffentlichkeit weiß er die erlaubten Grenzen, die ihn vor dem Konflikt bewahren, genau einzuhalten. So muss er seine Augen und Ohren verschließen vor dem Unrecht um ihn herum. Nur auf Kosten eines Selbstbetruges kann er seine private Untadeligkeit vor der Befleckung durch verantwortliches Handeln in der Welt reinerhalten. Bei allem, was er tut, wird ihn das, was er unterlässt, nicht zur Ruhe kommen lassen.“ (Dietrich Bonhoeffer, Ethik, DBW 6, 66.)

In den letzten Jahrzehnten haben sich viele Christen, Kirchen und Gemeinden aus dem öffentlich konstruktiven Diskurs zurückgezogen. Durch die gesellschaftlichen Umbrüche und den kritischen Umgang mit religiösen Institutionen gab es auf allen Seiten oftmals Unsicherheiten und durchaus auch Sprach- und Verständigungsprobleme. In den letzten Jahren verändert sich dies zunehmend. Christen entdecken die Öffentlichkeit, was sehr zu begrüßen ist, tun sich manchmal bei Inhalt und Ausdruck schwer. Deshalb freut es mich, dass auch im Theologiestudium vermehrt darauf gesetzt wird und die in Deutschland zarte Pflanze der ‚Public Theology’ immer mehr wächst. Wir brauchen eine (neue) Kultur, die das ‚persönlich’ betont, dass das Evangelium mit all seiner Kraft und Macht mich betrifft als ganzen Mensch in allen meinen Systemen, aber dass dieses Evangelium nicht meine Privatsache ist, die nur mich (und meinen engsten Familien- und Freundeskreis) etwas angeht. Privat bedeutet auf lateinisch ‚abtrennen’ und auch ‚berauben’ und genau das passiert, wenn wir unseren Glauben ‚privat’ verstehen. Wir berauben uns der ureigensten Kraft des Evangeliums, das sich von je her der öffentlichen Debatte gestellt hat und als Korrektiv zum gesellschaftlichen Mainstream sich besonders für die Schwachen, Benachteiligten und Ausgestoßenen eingesetzt hat. Das, wie Bonhoeffer vorlebte, auch politisch kritisch zu sein, ohne eigene Machtansprüche zu stellen, kommt oftmals zu kurz. Und da zeigt sich auch sehr gut die Spannung, zwischen ‚privat und persönlich’, da, wenn das Persönliche verloren geht, die eigene Ge- und Betroffenheit des Evangeliums, alles Öffentliche zum Menschlichen verkommt. Es braucht den Geist Gottes, der zu beidem befähigt und den Mut und die Demut dies zu leben. Das ist die schöne Herausforderung in der wir als Christen stehen und die uns die nächsten Jahre beschäftigen wird, da bin ich mir ganz sicher...

Dazu passend von einem der Mitförderer der ‚Public Theology’ in Deutschland, dem Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern Prof. Bischof Bedford-Strohm:

„Wer öffentliche Theologie im Herzen hat, der wird auf den Kanzeln und in den Gemeindehäusern davon sprechen, der wird aber auch mit Leidenschaftlichkeit und Sachlichkeit in die Rathäuser und Regierungsbüros gehen, er wird in die Mikrophone der Journalisten hinein sprechen und er wird davon erzählen, welche Kraft in der reichen Tradition des Christentums steckt und welch lebensfreundliche Orientierungen davon für die Welt von heute ausgehen.“






Sonntag, März 23, 2014

„Starke Hoffnungszeichen. Wie Veränderungen tatsächlich möglich sind“






Über 300 Teilnehmende strömten gestern zum 7. Marburger Studientag Gesellschaftstransformation, der zusammen mit dem Kinderhilfswerk Compassion unter dem Thema „Grenzen überwinden – ganzheitlich dienen“ veranstaltet wurde. Der erste Hauptvortrag wurde von Shiferaw Michael, dem ehemaligen Justizminister von Äthiopien gehalten. Freundlich, klug und mit viel Charme erzählte er von den Hoffnungen und Herausforderungen der Christen und Kirchen in Äthiopien und wies darauf hin, dass die größten Grenzen in unserem Kopf seien. Deshalb brauchen wir eine „Transformation unseres Denkens“, dies sei ein zentraler Punkt für die äthiopischen Christen und vielleicht auch für die Christen in Deutschland. Ganzheitlicher Glaube sei die Grundvoraussetzung für eine Veränderung von Glaube, Gemeinde und Gesellschaft und fängt in den Familien und bei den Kindern an. Welche Rolle spielt die Familien und die Kinder in unseren Gemeinden? In unseren Gottesdiensten? Engagiert forderte Shiferaw die Christen in seinem Land auf, mutig Grenzen zu überwinden und sich nicht mit Erreichtem zufrieden zugeben. „Wir haben einen Gott der Kreativität, wo spiegelt sich das in unserem Leben wider?“ In Kleingruppen wurde das Gehörte reflektiert, diskutiert und gefragt, was dies für unsere Situation heißen kann. Aus den Kleingruppen heraus gab es dann eine ganze Menge an Fragen, die Shiferaw kompetent beantwortete. Nach einer Pause wurden verschiedene Gemeindeprojekte vorgestellt und gezeigt, wie heute Veränderungsprozesse ganz praktisch aussehen können (zum Beispiel: ‚AufAugenhöhe: interkulturelle Begegnung’ in Haiger). Anschließend wurden die besten Projekte der Transfomationsstudiengänge 2012 prämiert (Glückwunsch an Mareike Weber für das Projekt ‚Schulaufbau in Uganda’ und Andreas Mang und Waldemar Leinweber für ihre Projekte ‚Gemeindetransformation’ und ‚Nachbarschaft’!). Nach dem Mittagessen gab es zur Vertiefung, Umsetzung und/oder Weiterführung der gehörten Gedanken zwölf verschiedene Workshops mit tollen Referentinnen und Referenten (u.a. mit Bernd Oettinghaus, Dr. Gisela Schneider, Dietmar Roller oder Klaus Schönberg), bevor der Tag mit einem fulminanten Abschlussvortrag von Pfarrerin Monika Deitenbeck-Goseberg endete. Sie nahm viele Gedanken des Tages auf narrative Weise auf und zeigte an vielen praktischen Beispielen wie Christen und Gemeinden heute in ganz konkreten Schritten eigene Grenzen im Denken und Handeln überwinden können. Dabei seien das Gebet, die tätige Liebe und das mutige Experimentieren entscheidende Schlüssel, um Grenzen zu überschreiten. Auf ihrer Gebetsbank würden viele Tränen fließen, denn Transformation bei uns und Anderen brauchen Zeit, Energie und Geduld. Aber, so Deitenbeck-Goseberg, es lohne sich, da sich tatsächlich Veränderung möglich ist und so erzählte sie von ihrer ‚Rollidisco“ in der Kirche und dem wöchentlichen Obdachlosentreff und den sonntäglichen Gottesdiensten, wo alle gemeinsam zusammenkommen um Gott zu feiern. Jeder hat im Gottesdienst eine Aufgabe, egal ob die Behinderung sichtbar ist oder auch nicht, egal ob Menschen eine Wohnung haben oder nicht, egal, ob sie tätowiert sind oder nicht, egal ob sie jung oder alt, arm oder reich wären, so Deitenbeck-Goseberg, die Liebe Gottes gilt für alle gleich und kann alle Grenzen überwinden. So endete ein toller und inspirierender Tag und Pastor Karsten Wagner aus Hamburg sagte zum Abschluss: „Es war schön, mal wieder ‚transformatorische Luft’ zu atmen. Ich habe viel gelernt und bin tollen Menschen begegnet. Freue mich schon auf das nächste Mal.“ Und Thorsten Riewesell von Jumpers schrieb: „Das war ein sehr guter GT-Studientag in Marburg mit vielen tollen, leicht verrückten und leidenschaftlichen Leuten, die nicht nur träumen, sondern verändern und starke Hoffnungszeichen sind. Danke!“ Auch Shiferaw Michael war begeistert und freute sich über „so viele begeisterte Christen, die sein Bild von Deutschland verändert haben“ und er freue sich auf den weiteren Austausch zwischen Christen beider Länder.
Und so bleibt uns nur der Dank an die vielen Teilnehmer, die sich so wunderbar eingebracht haben, den tollen Referentinnen und Referenten, den Ausstellern und Projektpräsentierenden, die Transformation sehr anschaulich und ‚anfassbar’ gemacht haben und dem mbs Team, das durch praktische Hilfe in Technik, Musik, Halle etc. den Rahmen für diesen Tag gebildet hat. Danke.
Der 8. Studientag Gesellschaftstransformation findet am 14. Februar 2015 statt, dort werden u.a. Christina Brudereck, Prof. Dr. Zulehner und Frank Heinrich dabei sein.




Donnerstag, März 20, 2014

„Mentoring als Dekonversionsprophylaxe“



Heute kam die 6. Auflage meines Mentoringbuches auf den Markt, was mich sehr freut, da sich das Thema Mentoring tatsächlich langsam unter Christen und Gemeinden durchzusetzen scheint. Langezeit lag dieses Buch wie Blei in den Regalen des Neukirchener Verlags, bevor es in den letzten Jahren eine Auflage nach der anderen erlebte. Und doch glaube ich, dass es immer noch zu wenig gelebt wird. Gerade im Bezug auf unsere Dekonversionsstudie wurde mir noch mal deutlich welche Chancen gerade Gemeinde haben. Ein Sache, die sich durch fast alle Leitmotive der Entkehrten zog, war, dass sie ihr Zweifel, Enttäuschungen etc. mit sich selbst ausgemacht hatten, dass sie keine „Raum“ in ihrer Kirche und Gemeinde fanden, der für sie so vertrauenswürdig war, als dass sie sich ihm anvertrauen konnten. Jetzt liegt dies sicher auch an jedem ein Stück selbst und doch denke, ich dass uns a) die Gesprächkultur für Unangenehmes und Schwieriges fehlt und b) die Vertrauensräume um darüber ins Gespräch zu kommen. Mentoringbeziehungen bieten eine Möglichkeit darauf zu reagieren, weil sie genau auf diese beiden Punkte antworten. Sicher, Mentoring ist kein Allheilmittel und sowieso eher eine ‚leise Revolution’, aber nachhaltig gerade in Glaubens- und Persönlichkeitsprägung. Deshalb wünsche ich mir mehr ‚gestandene Christinnen und Christen’, die für Mentoringbeziehungen bereitstehen und sich auf eines der schönsten Abenteuer unserer Zeit einlassen: einen Menschen begleiten. Gemeinden müssen lernen ihr Generationenpotenzial zu nutzen, statt sich über ihr Liedgut zu streiten, da liegt meiner Meinung noch sehr viel verborgen...

Du suchst eine/n MenorIn? Willst MentorIn werden? Vielleicht findest du hier was: cMn

Du möchtest dich zur/m MentorIn ausbildne lassen? Dann vielleicht hier.

Montag, März 17, 2014

"Der Countdown läuft..."






...die Band probt, das Catering wird bestellt, Michael Shiferaw fliegt am Mittwoch aus Addis Abeba ein, Monika Deitenbeck-Goseberg kann es kaum erwarten von ihren Erfahrungen mit Obdachlosen und der Rollidisco zu berichten. Der 7. Studientag Gesellschaftstransformation steht kurz bevor. Am 22. März 2014 geht es um 10:00h in der Evangeliumshalle in Marburg zum Thema „Grenzen überwinden – ganzheitlich dienen“ los. Die Hauptreferenten sind Michael Shiferaw (Addis Abeba) und Monika Deitenbeck-Goseberg (Lüdenscheid). Zudem gibt es zehn vertiefende und praxisnahe Seminare, einen ‚Best Practice Raum‘, eine inspirierende Fachausstellung und es werden über 20 Praxisprojekte aus dem Studienprogramm präsentiert. Bereits über 250 Personen haben sich angemeldet, aber Kurzentschlossene können sich immer noch anmelden und sind uns herzlich willkommen. 

In vielen Gebieten der Welt boomt die christliche Gemeinde, so auch in Äthiopien, die evangelischen Christen haben sich dort im letzten Jahrzehnt fast verdoppelt. Dabei ist die Situation nicht einfach, da sich Christen mit Armut und einem aufstrebenden Islam auseinandersetzen müssen. Aber genau dies stärkt die Gemeinden, die sich aktiv in ihren Stadtteil einbringen und Verantwortung für die Mitbürgerinnen und Mitbürger übernehmen. Eine Frage an unserem Studientag ist: Was können wir von den Geschwistern in Äthiopien lernen? Mit dem Wissen, dass unsere westliche Situation in Deutschland ganz anders ist, wollen wir uns von Michael Shiferaw herausfordern lassen, unseren Glauben zu schärfen und uns hinterfragen lassen, wo wir uns als Gemeinde vielleicht selbst Grenzen gesetzt haben, die Gott gar nicht möchte. Monika Deitenbeck-Goseberg wird das Thema der selbst gesetzten Grenzen aufnehmen und praxisnah davon berichten, wie diese in ihrer Gemeinde Stück für Stück abgebaut wurden und die Gemeinde nach außen und innen gewachsen ist. Die Frage ist daher: Wo stehen wir uns mit unseren Gewohnheiten und Traditionen selbst im Weg? Wie können wir eine Willkommenskultur in unseren Gottesdiensten leben? Wie schaffen wir es, milieuübergreifend Menschen eine Heimat in unserer Gemeinde zu bieten? Diese und andere Fragen werden durch die Hauptreferenten, aber auch durch die Seminare und Praxisprojekte an diesem Tag aufgenommen und mit Ihnen erarbeitet werden.
Hier der Flyer.

Seminare:

1. »Ganzheitlich ein Land verändern heißt: mit den Kindern beginnen.« (Michael Shiferaw)
2. »Gebet für deine Stadt – Verheißungen einer Transformation und wachsenden Einheit geistlich aktivieren und was deine Gemeinde davon hat.« (Bernd Oettinghaus)
3. »Blutige Handys? Was der Coltanabbau im Kongo mit unseren Handy zu tun hat und wie wir die Gerechtigkeit Gottes in unserem Alltag besser leben können.« (Dr. Gisela Schneider)
4. »Gemeinsam mit Migranten Gemeinde bauen – Chancen und Herausforderungen.« (Thomas Milk und Omar Barboza)
5. »Lebe 58: Mit Jesaja 58 einen teilenden Lebensstil entwickeln. Interaktive und multimediale Exegese.« (Andreas Schuss)
6. »Der Engel der Kulturen. Anhand verschiedener Projekte und Beispiele soll praktisch überlegt werden wie christliche und
muslimische Kinder und Jugendliche in einen gemeinsamen Dialog über ihren Glauben kommen.« (Sabine Rüter)
7. »Gemeinde und Kommune: Neue Partnerschaft entdecken. Wie christliche Gemeinden und Werke mit Wohnbaugesellschaften und Kommunen zusammen arbeiten können.« (Thorsten Riewesell & Team)
8. »Grenzenlose Freiheit? Warum Freiheit nicht ohne Grenzen, Gesetze & Rechtsprechung aufblühen kann.« (Dietmar Roller & Daniel Rentschler)
9. »Weltweite Partnerschaft: Aufeinander hören – voneinander lernen – Gemeinden im globalen Fokus.« (Steve Volke)
10. »Von der Transformation der Ortsgemeinde, oder die Quadratur des Kreises. Wie etablierte Gemeinden sich trotzdem verändern können.« (Klaus Schönberg)

Parallel zu den Seminaren:
11. Best Practice Room (Interaktive Ideenbörse): mit Tobias Müller und Praxisideen von Piero Scarfalloto: Interkulturelle Jugendarbeit und Daniel Wegner: Chillaui Cineplex – Evangelische Kirche interkulturell. Eigene Erfahrungen und Praxisbeispiele sind willkommen. Bitte anmelden bei tobias.mueller@m-b-s.org
12. Transformation studieren? Informationen über die beiden Studienprogramme Gesellschaftstransformation und Development Studies & Transformation. (Tobias Künkler, Tobias Faix & Thomas Kröck)

 

Freitag, März 07, 2014

„Resilienter Glaube? Stark im eigenen Glauben werden.“


Selten habe ich so viele konstruktive Mails bekommen wie zum letzten Post. Dies zeigt, dass das Thema ‚gesunder Glaube’ ein wichtiges und zentrales ist. Am meisten gestört hat dabei die Bezeichnung ‚gesund’, weil es immer auch ein ‚krank’ impliziert. Das war auch im Kontext der Studie so gemeint, da wir festgestellt haben, dass es eine Glaubenskultur gibt, die tatsächlich einen ‚krankmachenden Glauben’ fördert. Aber losgelöst von dem Buch, gebe ich den Anmerkungen gerne Recht und würde auch von einem 'mündigen Glauben' sprechen. Aber ich möchte noch einen weiteren Begriff in die Diskussion einwerfen, der vor allem von meinem Kollegen Tobias Künkler in unsere gemeinsamen Gespräche (rund um die Studie) eingebracht wurde: resilienter Glaube. Wenn wir darüber nachdenken, wie ein mündiger Glaube aussehen kann, ist es sinnvoll, einen Seitenblick auf die Ergebnisse der sogenannten Resilienzforschung zu werfen.  Resilienz steht für die psychische Widerstandsfähigkeit eines Menschen. Das Wort stammt ursprünglich aus der Materialkunde und bedeutet wörtlich Elastizität, Spannkraft, Strapazierfähigkeit. Man begann, sich mit diesem Thema zu beschäftigen, als man durch Langzeitstudien die Entwicklung von Menschen über einen langen Zeitraum (bis zu mehreren Jahrzehnten) untersuchte. Vor allem ging es darum zu erforschen, inwiefern sich widrige Bedingungen in der Kindheit auf die weitere Entwicklung auswirken. So fand man heraus, dass von den Kindern, die unter sehr belastenden Umständen aufgewachsen waren, ein gewisser Anteil (der je nach Untersuchung zwischen 10 und 30 Prozent schwankt) als Erwachsene relativ gesund war. Es gibt also Situationen und Prägungen, die die Widerstandkraft eines Menschen fördert und es gibt auch das Gegenteil, sogenannte Risikofaktoren. Risikofaktoren sind Faktoren, die die Wahrscheinlichkeit einer negativen Entwicklung, also die Entstehung von Lern- oder Entwicklungsstörungen oder den Ausbruch psychischer Krankheiten, erhöhen. Dazu gehören beispielsweise eine unsichere Bindung zu frühen Bezugspersonen, Armut, das Aufwachsen in Wohngegenden mit hohem Kriminalitätsanteil, dauerhafte familiäre Disharmonie, ungünstige Erziehungspraktiken der Eltern, häufige Umzüge und Schulwechsel, Verlust eines Geschwisterteils oder engen Freundes etc., aber auch personale Faktoren wie ein niedriger Intelligenzquotient, Wahrnehmungsstörungen oder ein schwieriges Temperament. Noch interessanter sind vielleicht die Schutzfaktoren. Teils haben sie allgemein einen positiven Einfluss auf die Entwicklung, teils entfalten sie ihren Schutzschirm erst in Krisensituationen bzw. beim Zusammenwirken verschiedener Risikofaktoren. Der eindeutig wichtigste Schutzfaktor ist dabei eine dauerhafte, gute Beziehung zu mindestens einer primären Bezugsperson, also meist zu einem Elternteil. Weitere gut belegte Schutzfaktoren sind unter anderem Stabilität und konstruktive Kommunikation in der Familie, enge Geschwisterbindungen, ein hohes Bildungsniveau der Eltern, kompetente und fürsorgliche Erwachsene außerhalb der Familie. Und auch hier gibt es personale Faktoren wie ein robustes, aktives und kontaktfreudiges Temperament oder das erstgeborene Kind zu sein.
Auf dem Hintergrund dieser hier nur sehr verkürzt wiedergegebenen Ergebnisse der Resilienzforschung stellt sich in unserem Zusammenhang die Frage nach einem resilienten, also widerstandsfähigen Glauben. Wie können Risiko- und Schutzfaktoren des Glaubens aussehen? Geistlicher Missbrauch, anhaltende negative Gemeindeerfahrungen, die Druck und Stress verursachen, eine als problematisch erlebte christliche Sozialisation, der Verlust nahestehender Personen, der an der Güte Gottes zweifeln lässt sind einige der Risikofaktoren im Glauben. Als Schutzfaktoren kommt man angesichts der großen Bedeutung von familiären Faktoren schnell auf die geistliche „Familie“, also die Kirche, Gemeinde, Gemeinschaft, die als Schutzfaktor wirkt, sofern sie geprägt ist durch Stabilität, konstruktive Kommunikation und ein kompetentes und fürsorgliches Verhalten der Leitungspersonen. Neben diesen gemeinschaftlichen Schutzfaktoren gibt es aber eine ganze Menge an innerer Glaubensfaktoren, die einem helfen können eine eigene Selbstwahrnehmung des Glaubens zu erfahren. Dazu gehört seine geistlichen Gefühle (positiv und negativ) zu kennen und sie ausdrücken (tatsächlich Worte dafür zu haben) zu können. Bei sich und anderen (geistliche) Stimmungen erkennen und einzuordnen. In wie weit kann ich meinen Glauben und mein Gottesbild für mich und andere plausibel erklären? Wo fehlen mir Worte? Wo Argumente? Wo biblisches Wissen? Die eigenen Grenzen erkennen und ggf. auch anzunehmen und in diesem ganzen Prozess zu wissen, dass ich als geliebtes Kind Gottes in ihm sicher geborgen bin (und was bedeutet dieses Wissen/Gefühl für mich). Dies sind nur einige erste und unfertige Gedanken, aber ich glaube, dass es sich lohnt weiter darüber nachzudenken, da dieses Thema nach unserer Einschätzung in vielen Gemeinden zu kurz kommt. In der Pädagogik gibt es mittlerweile umfangreiche Programme zur Stärkung der Resilienz. Vielleicht bräuchte es auch in Gemeinden nicht nur Grund-, Basic- oder Alphakurse, sondern die gezielte Förderung eines mündigen, eigenständigen Glaubens. Noch wichtiger als irgendwelche Programme sind jedoch, wie schon beschrieben, eine gute und fördernde Gemeindekultur sowie das Vorleben eines ganzheitlichen Glaubens, der sich, weder um sich selbst, noch auf selbstzerstörerische Art und Weise um andere dreht und eigene Bedürfnisse leugnet.


Eine ausführlichere Auseinandersetzung gibt es dazu im Buch „Warum ich nicht mehr glaube“.

Donnerstag, Februar 27, 2014

„Aspekte eines gesunden Glaubens“



Im Zusammenhang mit der Dekonversionsstudie wurde ich immer wieder damit konfrontiert, was (mein) Glaube überhaupt ist und ausmacht. In diesem Zusammenhang habe ich mit meinen beiden Kollegen viel diskutiert, wie ein gesunder und mündiger Glaube aussehen kann. Dabei ist uns zuerst wichtig geworden, dass ein gesunder Glaube nicht von alleine oder aus uns selbst entsteht, sondern immer im Zusammenhang in der Auseinandersetzung mit der Bibel, dem Wirken des Geistes und der Gemeinschaft um einen herum entsteht. Paulus beschreibt dieses Ringen um einen gesunden Glauben im Brief an seinen Mitarbeiter Titus, der mit falschem und krankmachendem Glauben in seiner Gemeinde zu tun hat, und ermutigt ihn mit den Worten: „Deshalb musst du die, ´die vom richtigen Weg abgekommen sind,` ohne falsche Nachsicht zurechtweisen, damit sie zu einem gesunden Glauben zurückfinden.“ (Titus 1,13) Glauben ist dabei nichts Abstraktes, keine Wahrheit, die wir einfach besitzen können, sondern entfaltet sich in der Beziehung von, mit und zu Gott. Einige Aspekte des gesunden Glaubens wurden uns in der Beschäftigung mit dem Thema Dekonversion besonders wichtig:
·      Ein gesunder Glaube weiß, dass jeder Mensch, bei aller Sündhaftigkeit und bei allem gefallenen Sein, im Ebenbild Gottes (Imago Dei) erschaffen ist und deshalb unabhängig seiner Herkunft, seines Standes oder seiner sexuellen Orientierung wertvoll in und vor Gott ist.
·      Ein gesunder Glaube weiß, dass das eigene Gottesbild auch von der eigenen Sozialisation und Erfahrung geprägt ist und sich deshalb in der Beziehung zu Gott, den Menschen und sich selbst weiterentwickeln darf.
·      Ein gesunder Glaube wirkt nicht kompensatorisch. Das heißt: Er dient nicht dazu, Defizite in der eigenen Persönlichkeitsentwicklung zuzudecken. Ein Mensch mit einem mündigen Glauben befindet sich in einer Entwicklung, in der er immer weniger darauf angewiesen ist, sich selbst und anderen etwas vorzumachen.
·      Ein gesunder Glaube lässt sich nicht in ein starres und festes Regelwerk pressen, sondern braucht Freiheit, sich zu entfalten.
·      Ein gesunder Glaube zeigt sich nicht durch menschliche Stärke oder Erfolg, sondern auch durch die eigene Schwachheit.
·      Ein gesunder Glaube zeigt sich in einem Prozess der Versöhnung, der durch die Kraft von Kreuz und Auferstehung ein ganzes Leben lang dauert und alle Ebenen des menschlichen Lebens und Zusammenlebens umfasst.
·      Ein gesunder Glaube fördert das eigenständige und kritische Denken. Er hilft somit dabei, die eigenen Positionen sowie die Position der Gemeinde zu überprüfen. So entsteht ein Prüf- und Aneignungsprozess, der sich gegen blinden Gehorsam und geistliche Vereinnahmung wehrt und dabei gleichzeitig die eigene Glaubensentwicklung fördert.
·      Ein gesunder Glaube hat Raum für Reflektionen und Zweifel; sie gehören im Aneignungsprozess dazu, sind normal und kein Zeichen von Unglauben oder gar Sünde.
Und dies sind nur die ersten Überlegungen, es gibt sicher noch weitere zentrale Punkte. Ein gesunder Glaube ist somit ein dynamisches Geschehen, bei dem Gott in seiner Liebe am Menschen handelt und dabei Fragen und Zweifel aushält.

Mehr Gedanken dazu gibt es im 4. Kapitel des Buches "Warum ich nicht mehr glaube".

Freitag, Februar 21, 2014

„Der orthodoxe Häretiker. Oder: Warum der Umgang mit Zweifel so wichtig ist.“







„Vor allem war das Ausschlaggebende für meine Abkehr vom Glauben die theologische Auseinandersetzung mit Bibeltexten und biblischen Themen wie Sünde und den Vorstellungen von Himmel und Hölle. Ich habe gemerkt, dass sich viele Widersprüche bei mir nicht haben auflösen lassen.“ (Sophia)

„Der Glaube ist eine ganz große intellektuelle Anforderung und nicht, weil ich so klug bin oder so etwas, sondern weil es echt schwer ist, finde ich, mit den Widersprüchen in der Bibel zu leben und eben auch emotional hinterherzukommen. Es hat ja auch eine emotionale Komponente. Und ich konnte auch nie mit den Liedern, die da gesungen wurden, da habe ich die totale Krise bekommen. Also, diese Worship-Songs, die sind für mich sowieso eine einzige Phrase.“ (Magdalena)

„Glauben basiert auf Gefühlen, nicht auf Fakten.“ (Frieda)
 


Ein zentrales Leitmotiv unserer Dekonversionsstudie war „Intellekt & Zweifel“. Wie gehe ich mit meinen Fragen, Anfragen, Zweifel und Verzweiflung um? Seien es rationale Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Bibel oder emotionale Zweifel am (Nicht)Handeln Gottes. Was mache ich mit diesen Gedanken, die sich in meinem Hirn eingenistet haben und hartnäckig und regelmäßig sich auch ungefragt zu Wort melden? Keine leichte Situation und es gibt keine einfache Lösung. In unserer Studie gab es, bei aller Unterschiedlichkeit im Umgang mit Zweifeln, eine Gemeinsamkeit: Die Zweifelnden haben sich alleine gefühlt, mit kaum jemand gesprochen und sich mit ihren Zweifeln zurückgezogen. Manche, weil sie nicht verstanden wurden, manche, weil sie mit schnellen Antworten abgespeist wurden und manche, weil sie sich ihrer Zweifel geschämt haben. Aber dieser Rückzug war meines Erachtens genau das verkehrte. Zweifel sind nicht zum Schämen, sondern zeigen eine selbstständige Auseinandersetzung mit Gott, der Bibel und dem Christsein. Ja, Zweifel sind notwendig um einen reflektierten Glauben zu bekommen. Und dennoch, Zweifel sind gefährlich, wenn sie die Macht über das eigene Denken und den eigenen Glauben bekommen. Deshalb braucht der Zweifelnde einen vertrauten Raum, in dem die Zweifel ausgesprochen werden können, ohne dass man geringschätzig angeschaut oder geistlich ermahnt wird. Zweifel müssen ausgesprochen werden, diskutiert und geteilt werden, erst dann werden sie fruchtbar für den eigenen Glauben. Eine praktische Möglichkeit dies einzuüben sind Hauskreise oder sonstige Kleingruppen, sowie Mentoringbeziehungen, ein tolles methodisches Hilfsmittel ist das gestern erschienene Buch von PeterRollins „Der orthodoxe Häretiker und andere unglaubliche Geschichten.“ Der englische Philosoph und Theologe versteht es in diesem Buch neue, oftmals provozierende Gleichnisse und Geschichten zu erzählen, die einem Helfen eigene Zweifel ernst zu nehmen und zu formulieren. Seine Erläuterungen helfen dies didaktisch einzusetzen und machen es somit zu einem wunderbaren Lese- und Arbeitsbuch für die genannten Gruppen.
Hier ein Auszug aus dem Vorwort meines Kollegen Tobias Künkler und mir:
„Ich stutze, lese den Satz noch einmal, er stimmt, ich überlege, lächle, ach so, jetzt verstehe ich….“ So in etwa ging es uns beim Lesen dieses herausfordernden Buches von Peter Rollins. Der irische Philosoph, Autor und Redner ist ein Provokateur und Querdenker, der seine Mitchristen und sich selbst immer wieder durch gewollte Irritationen zum Nachdenken zwingt. Nicht immer endet es mit einem Lächeln, manchmal ärgerten wir uns auch über seine Geschichten und Parabeln, aber sie brachten uns immer ins Nachdenken über unseren eigenen Glauben. Schon in der ersten Geschichte dieses Buches wird klar, Rollins geht es nicht um die ‚Religion Christentum‘, sondern um einen Blick hinter die Kulissen. Die folgenden Geschichten und Parabeln werden irritieren, in dem sie Gewohntes in Frage stellen, wohlbekanntes verfremden und vorhandene Widersprüche aufdecken. Doch transformative Lernprozesse, aus denen wir verändert hervorgehen und ohne die Nachfolge nicht möglich ist, sind nicht möglich ohne Irritation oder gar das Empfinden der Krise. Lernen, so die Lerntheoretikerin Frigga Haug „bedeutet das Verlassen einer als sicher aufgefassten Position […] und damit eine Verunsicherung." Lernen im Sinne eines Umlernens, geht notwendig mit einem Verlernen, d.h. mit einem Verlust einher. Solche Lernprozesse werden erfahren, so Haug, „als Unsicherheit, als Unruhe, als Zweifel, als Bruch, eben als Umsturz, als Veränderung von Gewohnheit, Gültigem, für sicher und richtig Gehaltenem, als etwas Neues, das einen auch zwingt, anders zu leben.“