Dienstag, Oktober 28, 2014

„Kirche ist immer Kirche mit Anderen. Gedanken über eine ‚Theologie der Inklusion’. Part 2: Ebenbildlichkeit als theologische Grundlage“

Wenn es um eine theologische Fragestellung zum Thema Inklusion geht, muss natürlich zuerst festgestellt werden, dass es weder das Wort Inklusion noch die dazugehörigen pädagogischen oder soziologischen Konzepte in der Bibel gab. Deshalb möchte ich mich auf den Weg machen, um a) nach der ähnlichen Mustern zu suchen und, b) zur fragen, wo Exklusionen und Inklusionen in der Bibel vorkommen und wie diese ge- bzw. bewertet werden und c) ob es so etwas wie eine „inklusive Haltung“ gibt. Die anthropologische Frage ist die nach der Würde des Menschen, dies ist auch für alle weiteren Fragestellungen entscheidend. Die inhaltliche (theologische) Begründung der Menschenwürde und der daraus folgenden Menschenrechte geht dabei auf das alttestamentliche Verständnis der ‚Imago Dei' zurück, der Ebenbildlichkeit des Menschen gegenüber Gott in der Schöpfung (Gen 1, 26+27). Gott schafft den Menschen nach seinem Bilde und verschafft ihm und ihr dadurch, unabhängig von seinem/ihrem Tun, einen absoluten und universalen Wert und eine Teilhabe an Vernunft und Macht, die der Mensch als Gestaltungsauftrag auf der Erde nutzen soll. Für den Tübinger Theologen Jürgen Moltmann ist dies die Grundlage und der Kernbegriff seiner Anthropologie und er ergänzt, dass der Mensch nicht nur Repräsentant und Abglanz von Gottes Herrlichkeit ist, sondern damit auch eine Erscheinungsweise Gottes selbst, so schreibt er: „Nicht ein Fürst, sondern der Mensch, Mann und Frau gleichermaßen, alle Menschen und jeder Mensch ist Bild, Stellvertreter, Beauftragter und Abglanz Gottes“ (Moltmann 1985:224). Zur Geschichte des Menschen gehört aber auch der Sündenfall (Gen 3), durch den der Mensch in all seinen/ihren Beziehungsebenen gestört und entfremdet wurde von sich selbst, Gott und der ganzen Schöpfung. Trotzdem nennt der Psalmschreiber David den Menschen „mit Herrlichkeit gekrönt“ und „ein wenig niedriger gemacht als Gott selbst“ (Psalm 8). Diese Aussage zieht sich durch das ganze Alte und Neue Testament (Ps. 106, 20; Röm. 1, 23; Eph. 4, 24;  Kol. 3, 10). Der Mensch steht bei aller Gefallenheit in einer unauflöslichen Beziehung zu seinem Schöpfer und in einer großen Geschichte der Wiederherstellung dieser Beziehung. Im Neuen Testament wird die Ebenbildlichkeit Gottes besonders in der Ebenbildlichkeit Christi deutlich. In Christus können wir Menschen Gott wieder neu erkennen und uns selbst widerspiegeln in seiner Herrlichkeit. Dies hat aber nicht nur Auswirkungen für die eigene Wahrnehmung, sondern kommt auch allen anderen Menschen zugute (Röm 9,28; 2. Kor 4,4; Kol 1,15, Gal 3,28). Durch die Rechtfertigung des Sünders/der Sünderin entfaltet sich die Würde unabhängig von seiner/ihrer Beschaffenheit und Leistung und dies in all seiner/ihrer Fehlbarkeit. Die Ebenbildlichkeit des Menschen besteht also keinesfalls nur im grundsätzlich Guten des Menschen, sondern auch in seiner/ihrer Unvollkommenheit. Der Dresdener Professor für theologische Ethik Ulf Liedke stellt deshalb fest, dass dies beispielsweise auch für Menschen mit Behinderungen bzw. Einschränkung gilt (Liedke 2011:83-84). Die Würde und die Rechte eines Menschen sind also nicht abhängig von Status, Geschlecht, Behinderung oder Herkunft. Jede und jeder hat das Recht Teil einer Gemeinschaft zu sein und sich dort mit seinem/ihrem ganzen Sein, seinen/ihren Gaben und Aufgaben einzubringen, um so Bild, Stellvertreter, Beauftragter und Abglanz Gottes zu sein. Und doch muss auch darauf hinweisen, dass die eschatologische Dimension der Wiederkunft Christi eine zentrale Hoffnung ist, in der erst die Ebenbildlichkeit des Menschen durch die Gnade Christi wieder ganz hergestellt wird. Bis dahin spiegelt Inklusion eine Haltung der Würde und Gnade gegenüber allen Menschen wider und ist doch nur eingeschränkt lebbar. Aber in dieser Spannung, können wir doch erahnen, dass diese eschatologische Hoffnung unser Handeln und Denken schon heute verändert. Dies scheint mir für den Themenkomplex Inklusion von großer Bedeutung zu sein. Was auf der einen Seite für Christinnen und Christen in den Kirchen und Gemeinden selbstverständlich sein sollte, weil klassische Exklusionsgründe (Galater 3,28: Mann/Frau, arm/reich, Einheimischer/Fremder) durch Christus überwunden werden, ist auf der anderen Seite immer noch ein problematisch (sowohl in als auch außerhalb der Gemeinden), weil wir immer noch mit beiden Beinen mitten in dieser gefallenen Welt stehen. Inklusion muss aber genau diese Spannung aushalten, da sie sich auf der einen Seite für die Würde und die Rechte aller Menschen einsetzt und auf der anderen Seite wird durch Inklusion nicht das Paradies auf Erden geschaffen. Gerade weil es um unterschiedliche und gefallene Menschen geht, gehört aus christlicher Sicht das Thema Versöhnung zur Grundhaltung jeglicher Inklusionsdebatten.

Samstag, Oktober 25, 2014

„Kirche ist immer Kirche mit Anderen. Gedanken über eine ‚Theologie der Inklusion’. Part 1: Streitbare Begriffe“



In den letzten Monaten habe ich mich verstärkt mit dem Thema Inklusion beschäftigt. Ein Thema, das in der Pädagogik momentan heiß diskutiert wird und viele Emotionen hervorruft. Als Theologe interessiert ich mich neben dieser spannenden Debatte natürlich für die Frage, wie die Bibel dieses Thema sieht, ja wie es theologisch einzuordnen ist. Und das ist mehr als spannend, deshalb möchte ich in den nächsten Wochen immer Mal wieder ein paar meiner Gedanken dazu posten. Dazu kommt, dass das Thema in den letzten Wochen durch die Flüchtlingsthematik neu an Aktualität gewonnen hat. Denn wenn wir von Inklusion reden, dann geht es vor allem um die Ausgrenzung von unterschiedlichen Minderheiten und ihr (fehlendes) Recht auf ein gleichberechtigtes Miteinander in der Gesellschaft. Darum geht es beim Thema Inklusion auch immer implizit um das Thema Exklusion, also, wer in der Gesellschaft ausgegrenzt wird, aus welchen Gründen auch immer. Exklusion beschreibt dabei die Menschen, die für die Gesellschaft überflüssig sind und die deshalb keinen regulären Platz bekommen (gerade in der systemischen Sicht von Luhmann wird das Thema Inklusion erst durch die sichtbare Exklusion deutlich). Oftmals hat dies mit den großen Themen Geld, Arbeit, Status oder auch der Frage nach der Nützlichkeit zu tun. Deshalb spricht der britische Soziologe Anthony Giddens von einer „doppelte Exklusion“, nämlich eine Selbstabgrenzung der „herrschenden Eliten“ und eine mehr oder weniger gewollte Aus- bzw. Abgrenzung der unteren Schichten nach oben. Hillman definiert daran anschließend Inklusion aus soziologischer Sicht: „Inklusion bezeichnet als soziologischer Begriff die Einbeziehung von Gesellschaftsangehörigen in soziale Gebilde, in gesellschaftliche Funktionsbereiche und in die jeweils umfassende Gesamtgesellschaft.“ (Hillmann 2007:377) Mir ist klar, dass der Inklusionsbegriff in der heutigen Diskussion in Deutschland schwerpunktmäßig im Bereich der Sonderpädagogik (Arbeit mit Menschen mit Behinderungen) und der Schulpädagogik verwendet wird, deshalb möchte ich zu Beginn möchte die wichtigsten Begriffe aus dem allgemeinen pädagogischen Diskurs kurz darstellen, da es besonders um die zentralen Begriffe Integration und Inklusion immer wieder Missverständnisse gibt:
  • „Exklusion“: Ausschluss von Minderheiten aus der Gesellschaft
  • „Segregation“: Absonderung von Minderheiten vom Rest der Gesellschaft
  • „Integration“: Anpassung an und langsamer Einbezug von gesellschaftlichen Minderheiten in die gesellschaftlichen Mehrheit
  • „Inklusion“: Teilhabe von Minderheiten durch strukturelle, gesellschaftliche und persönliche Veränderungen alle Beteiligter

Besonders die Begrifflichkeiten Inklusion und Integration stehen im Mittelpunkt der Diskussion (stehen beide Begriffe gegeneinander oder ist das eine nur eine Weiterentwicklung des anderen oder meinen beide eigentlich doch dasselbe?) und müssen deshalb mit bedacht verstanden und beschrieben werden. Was sich jedoch schon jetzt sagen lässt, es gibt nicht das eine Wunderkonzept, sondern es geht die Beschäftigung mit dem Thema. „Inklusion“ hat immer auch mit eigenen Veränderungsprozessen zu tun. Deshalb auch in der Überschrift ein abgewandeltes Bonhoefferzitat, der im Kontext von „Kirche und Armut“ sagte: „Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.“, ich würde das für eine ‚Theologie der Inklusion’ erweitern und sagen: „Kirche ist immer Kirche mit Anderen“.

Mittwoch, Oktober 15, 2014

"Einladung zum Inspirationstag „kirche.neu“ mit Oskar Muriu"

Herzliche Einladung an alle, die das Anliegen haben, Gemeinden missionarisch zu erneuern und sich wünschen, dass eine Vielzahl von neuen Ausdrucksformen von Gemeinden unter allen Milieus und Kulturen in Deutschland entstehen.
Das Ziel dieses Inspirationstages ist:
  • sich inspirieren zu lassen von schon vorhandenen Initiativen für Gemeindeneugründungen und neuen Ausdrucksformen von Gemeinde; 
  • zu lernen von einem innovativen Leiter aus Afrika, wie wir in Deutschland mit Pionieren aus anderen Teilen der Welt fruchtbringend zusammenarbeiten können,
  • dazu kommen verschiedene Netzwerke und Initiativen aus unterschiedlichen Kirchen und Gemeinden zusammen.

Der Tag soll stark vom Austausch und gegenseitigem Lernen geprägt sein. Wir wünschen uns aber auch einen starken Impuls von einem innovativen Leiter, der in unterschiedlichsten Kontexten neue Initiativen gefördert hat. Wir sind überzeugt, dass wir Deutsche von Leitern aus der nichtwestlichen Welt eine ganze Menge lernen können, insbesondere wie Glaube geweckt und gestärkt werden kann.
Als inspirierenden Redner haben wir Pastor Oscar Muriu eingeladen. Er leitet die Nairobi Chapel, in der er als Praktikant vor 25 Jahren begonnen hat, als sie nur noch 20 Mitglieder hatte. Die Gemeinde ist stark gewachsen und hat viele Tochtergemeinden gegründet. Inzwischen gehören etwa 14.000 Gottesdienstbesucher zu den mehr als 40 Gemeinden. (www.nairobichapel.org). Oscar Muriu war einer der Hauptreferenten auf dem Leadership Summit in Chicago von Willow Creek 2013, hat auf dem URBANA Jugendmissionskongress mit 20.000 Teilnehmern gesprochen, und war schon mehr als zehnmal zu Diensten in Deutschland (vor allem in Wiedenest, Niederhöchstadt und Berlin).
Anmeldung:
Redner: Pastor Oscar Muriu, Leiter der Nairobi Chapel Kenia
Ort: Bürgerzentrum von Niederhöchstadt, Eschborn (neben der Ev. Kirche)
Zeit: Mittwoch, 26.11.2014, 10.30h-16.30h
TN Beitrag: 25 €, incl. Mittagessen, Getränke und Knabbereien
Anmeldung: Bitte über folgende Webseite:  www.konsultation-gg.de/index.php/anmeldung



Freitag, Oktober 10, 2014

„Das Paradies habe ich mir immer als eine Art Bibliothek vorgestellt. Ein kleiner Erlebnisgang durch die Frankfurter Buchmesse.“






Nach diesem Zitat von Jorge Luis Borges war ich heute dem Paradies sehr nahe – auf der größten Buchmesse der Welt. So bin ich den ganzen Tag zwischen Büchern und Menschenmassen gewandelt und habe mich mitnehmen lassen in eine fast andere Welt. Neben tausenden Neuerscheinungen waren auch viele Autorinnen und Autoren da, haben ihre neuen Werke vorgestellt, über ihre Motive und Motivationen gesprochen und so für sich und ihr Werk geworben. Der wunderbare Kinderbuchautor Andreas Steinhöfel hat sich über die Angst der Eltern ausgelassen, die ihre Kinder unmündig machen und so sehr verunsichern, dass die Kinder, sobald sie das Haus verlassen, am besten immer einen Helm tragen sollten. Aber, so Steinhöfel, ein Helm könne die Kinder nicht vor den Unsicherheiten der gesellschaftlichen Verschiebungen schützen. Recht hat er, also Helm runter. Immer Recht hat der kluge und etwas selbstverliebte Roger Willemsen, der sich gut gelaunt und scherzend unter die Menge mischte. Wahrscheinlich können seine dabei gemachten, streng soziologischen Beobachtungen, dann im nächsten Zeitmagazin nachgelesen werden. Der Franzose Thomas Piketty hat über sein so außergewöhnliches wie umstrittenes Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ gesprochen und seine kapitalismuskritischen Thesen verteidigt. Dabei hat er mir soviel Lust gemacht, sein Buch zu lesen, dass ich es mir gleich bestellt habe. Und zwischendrin wurde es hektisch, vor allem bei den Verlagen, die etwas mit den neuen Friedensnobelpreisträgern (Friedensnobelpreis ging zurecht heute an die zwei Kinderrechtsaktivisten Malala Yousafzai aus Pakistan und Kailash Satyarthi aus Indien) zu tun hatten. Aktuell will man sein. So aktuell wie die vielen jungen, gut aussehenden und eloquent argumentierenden Aboverkaufsfrauen und -männer, die gefühlt an jeder Ecke standen und die paradiesischen Zustände der Besucherinnen und Besucher ausnutzen wollten. Klar, wir wollen alle ein bisschen intellektuell sein und da helfen Zeit, Süddeutsche oder Welt im Alltag gerne nach. Ach ja, zwischendurch durften auch meine beiden Kollegen und ich aus unserem Buch „Warum ich nicht mehr glaube“ lesen und uns dem interessierten und wohlwollenden Publikum stellen. Im Forum der Bildung - wenn das keine Motivation ist.


Dienstag, Oktober 07, 2014

"Warum ich nicht mehr glaube - live auf der Buchmesse"



Morgen öffnet die Frankfurter Buchmesse für das Fachpublikum seine Tore. In der größten Buchschau der Welt gibt es wieder allerhand spannende neue Bücher und hunderte von Lesungen und Interviews mit Autorinnen und Autoren aus dem In- und Ausland. 
Wir werden auch dabei sein und am Freitag aus unserem Buch "Warum ich nicht mehr glaube" lesen. 

Vielleicht sehen wir uns im Forum Bildung, Halle 4.2 B56


Uhrzeit: 
11.30 – 12.00
Ort: 
Forum Bildung, 4.2 B56







"Warum ich nicht mehr glaube"
Die Autoren des Buches "Warum ich nicht mehr glaube" lassen Menschen zu Wort kommen, die sich vom Glauben abgewandt haben und forschen nach Gründen und übereinstimmenden Leitmotiven. Wie kann es dazu kommen, dass Menschen von ihrer Gemeinde enttäuscht und mit ihren Zweifeln allein gelassen werden? 

Die Autoren Tobias Faix, Tobias Künkler und Martin Hofmann stehen diesen und anderen Fragen Rede und Antwort. 

Freitag, Oktober 03, 2014

„Das Wunder der Freiheit und Einheit: Grund zum Danken und zum Nachdenken über Versöhnung"



Heute ist ein Tag zum Feiern. 25 Jahre Wende, friedliche Revolution, Tag der Deutschen Einheit. Und es ist wichtig die Geschichte lebendig zu halten, deshalb freue ich mich über viele Feierlichkeiten und Zeitzeugenberichte in ganz Deutschland. Zum heutigen Tag ist auch ein Buch herausgekommen, dass den Titel „Das Wunder der Freiheit und Einheit“ trägt und in dem über 50 Autorinnen und Autoren (Gauck, Joachim, Genscher, Hans-Dietrich, Haack, Dieter, Heinrich, Frank, Lieberknecht, Christine, Meckel, Markus; Lengsfeld, Vera, Meckel, Markus; Führer, Christian, Kaul, Albrecht, Krause, Brigitte u.a.) ihre Erlebnisse, Reflexionen und Überlegungen rund um die Wende aufgeschrieben, was einen sehr guten und reichhaltigen Einblick auf die Zeiten vor , während und nach der Wendezeit gibt (wobei der Schwerpunkt auf dem historischen Zeitabschnitt vom 3. Oktober bis 9. November 1989 liegt). Besonderes interessant  ist dabei die Rolle viele Christinnen und Christen in der Zeit der friedlichen Revolution. Das Buch ist deshalb auch so aufgeteilt, dass jedes Thema mit einem kleinen biblisch-theologischen Impuls beginnt, danach gibt es einen Zeitzeugenbericht und zum Ende erfährt man als Leserin und Leser interessante Hintergründe. Die einzelnen Kapitel greifen die Spannung in der Zeit auf und heißen bspw. „Eingesperrt oder befreit“; „Beten und das Gerechte tun“ oder „Laut schweigen und sich zeigen“. Ich durfte einen kleinen Beitrag zum Themenkomplex „Einmischen und verändern“ beitragen, in dem ich am Beispiel von Daniel aufgezeigt habe, dass Glaube immer persönlich, aber nie privat ist. Insgesamt ein wichtiges und wunderbares Lesebuch zu einem zentralen Thema unserer deutschen Geschichte.
Bei allem Feiern und Danken, ist aber auch zu bedenken, dass nicht alles gut war und ist rund um die deutsche Wiedervereinigung. Ich denke an letztes Jahr, wo ich mit Miroslav Volf ein paar Tage in Berlin war und wir uns mit dem Thema „Wiedervereinigung und Versöhnung“ beschäftigt haben. Wir haben verschiedene Zeitzeugen aus der ehemaligen DDR (Politiker, Theologen, Bürgerrechtler etc.) getroffen und sie befragt, wie sie die Einheit erlebt haben. Dies war auf der einen Seite sehr unterschiedlich und doch gab es eine gemeinsame Aussage, die mich doch überraschte, denn alle waren der Meinung, dass es eigentlich keine Wiedervereinigung des Volkes gab, sondern eine ökonomische Übernahme des Ostens durch den Westen. Mir ist bewusst, dass dies ein komplexes Themengebiet ist und ich muss zugeben, dass ich da noch einiges zu lernen habe. Auch gibt es wenige Forschungsarbeiten zu dem Themengebiet, da scheint mir noch einiges nötig zu sein. Denn das Thema Versöhnung scheint auch 25 Jahre nach der Wende noch nicht abgeschlossen zu sein. Auch daran möchte ich heute denken.
Das Buch „Das Wunder der Freiheit und Einheit“ ist bei der Evangelische Verlagsanstalt herausgekommen, hrg. von  Harald Bretschneider, Bernd Oettinghaus, Frank Richter, und es gibt eine Homepage zum Buch.


Dienstag, September 30, 2014

„Gebet als spiritueller Widerstand“


Meine Frau hat in den Sommerferien von Walter Wink „Verwandlungder Mächte: Eine Theologie der Gewaltfreiheit“ gelesen und ist ganz begeistert. Davon angesteckt habe ich am Wochenende auch mal wieder darin gelesen und habe einen Aspekt entdeckt, der mir beim früheren Lesen nicht so aufgefallen ist und der gerade mitten in meine Situation passt: „Gebet als spiritueller Widerstand“. In Zeiten von ISIS, Boko Haram und Ebola weiß ich oftmals nicht mehr was ich beten soll, fehlt mir der Glaube und Wille. Und da mitten hinein ermutigt mich Wink mit seinen frischen Gedanken über Fürbitte. Das Gebet und die Gewalten, wir beten im Namen dessen, der am Kreuz die Mächte dieser Welt besiegt hat und treten im Gebet in das Wirkungsfeld Gottes ein.
Fürbitte imaginiert eine alternative Zukunft, anders als die, welche vom Schicksal durch das Zusammenwirken gegenwärtiger Kräfte bestimmt zu sein. Das Gebet lässt die Luft einer kommenden Zeit in die erstickende Atmosphäre der Gegenwart hineinwehen. Die Geschichte gehört den Fürbittern, die durch ihren Glauben die Zukunft heraufführen. Das ist nicht nur eine religiöse Aussage. Sie gilt genauso für Kommunisten oder Kapitalisten oder Anarchisten. Die Zukunft gehört jedem, der die Vision einer neuen und erstrebenswerten Möglichkeit heraufbeschwören kann, einer Möglichkeit, die durch Glauben aufgegriffen und als unvermeidlich festgehalten wird. Die Gestaltgeber der Zukunft sind die Fürbitter, die die ersehnte neue Gegenwart aus der Zukunft hervorrufen. Wir sind beim Beten eher eingebunden in einen gemeinsamen Schöpfungsakt, in dem ein kleines Segment des Universums sich erhebt und lichtdurchlässig, glühend wird, zu einem vibrierenden Kraftzentrum, das die Macht des Universums ausstrahlt. (aus: „Verwandlung der Mächte: Eine Theologie der Gewaltfreiheit“ )

Mittwoch, September 24, 2014

„Kirche als Bewusstseinsstörung. Korinthische Brocken. Ein Essay über Paulus.“ Sommerlektüre Part 3


Es war vielleicht das überraschendste Buch meines Sommers. Ich hatte schon einiges gehört und gelesen und habe mich sehr auf das Buch gefreut: "Korinthische Brocken. Ein Essay über Paulus". Und das Buch hält den Erwartungen stand, nein, es hat sie übertroffen. Aber es braucht seine Zeit. Denn ChristianLehnert hat seinen ganz eigenen Stil, nicht nur wie er schreibst auch was er schreibt. So wechseln sich Worterklärungen, persönliche Erlebnisse und historische Hintergründe munter und ohne Vorankündigung ab, nehmen mich als Leser mit nach Korinth, in die ehemalige DDR und einmal quer durch die Kunstgeschichte. Was jetzt etwas unorthodox und vielleicht sogar wild klingt, wird durch die präzise und poetische Sprache Lehnerts zu einer wunderbaren Einheit geformt. In 14 Kapiteln führt einen Christian Lehnert durch den ersten Korintherbrief, bleibt nah am Text, untersucht die einzelnen Worte, dreht jeden Stein herum und deutet dann doch in großen theologischen und historischen Zusammenhänge. Zieht Vergleiche und sucht frische Bilder, um dem Entdeckten eine Bedeutung, Sprache und Symbolik zu geben. So wird Glaube ein Ereignis und Gnade als Existenz allen Seienden beschrieben, nicht ein Zusatz zu einem gelingen Leben, nicht als Ausgleich für das nicht Geschaffte, Versäumte oder Versagte. Nein, Lebensquell, Ursprung und Grundlage des Lebens, Anfang und Ende und das Zwischendrin. Man merkt Lehnert an wie darum ringt Paulus zu verstehen, wie er sich von klassischen Auslegungen und dogmatischen Konzepten versucht zu befreien und dies gelingt ihm äußerst gut, manchmal war ich ganz hingerissen, manchmal wollte ich laut widersprechen, aber nichts lies mich unberührt. Kann man einem Buch ein größere Kompliment machen?
Wie ein roter Faden zieht sich dabei das Thema Gemeinde/Kirche durch das Buch und auch hier sucht Lehnert nach dem, was Paulus eigentlich damit meinte und schreibt dann:
„Die deutschen Übersetzungsmöglichkeiten »Gemeinde« oder »Kirche« verstellen beide eher das Verständnis – das erste Wort, weil es partiell gedacht ist, bürgerliche Vereinskultur steht vor Augen, das andere, weil es institutionell verfestigt. Ekklesia aber ist die Beschreibung einer Unterbrechung, etwas wie eine Bewusstseinsstörung. Sie ähnelt dem Nachbild eines grellen Lichtes, wenn man geblendet die Augen schließt und Ringe zerfließen, gelb und orange, nunmehr ohne Entsprechung in der äußeren Wirklichkeit. Etwas geschah, und was bleibt?“

Es lohnt sich also zu lesen, weil es ein kluges und frisches Buch ist, weil es Mut macht Glauben anzunehmen, zu wagen und zu leben.

Freitag, September 12, 2014

Wie lautet die ‚lutherische‘ Frage heute? Über ‚religiöse Touristen' in quasireligiöse Kontexten und mutigen Experimenten"


Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? fragte Luther und seine Generation und ich frage mich, was dies für den postsäkularen Menschen heute heißt? Was ist die ‚gute Nachricht’ für die Menschen heute? Wenn wir dies exemplarisch für die neue Generation fragen und ihnen mal „empirisch“ aufs Maul schauen, dann fällt zuerst auf, dass sich die institutionelle und in Kirchen organisierten Religion hin zu einem subjektiven und erlebnisorientierten Spiritualität verändert hat, dies bestätigen fasst alle Umfragen der letzten Jahre:
  • 60% der Deutschen sind „spirituell Suchende“ (Zulehner: GottesSehnsucht 2008)
  • 11% Hochreligiöse & 41% Religiöse: Jugendliche in Deutschland: (Bertelsmann Religionsmonitor 2008)
  • 49% der deutschen Jugendlichen sind in unterschiedlicher Weise religiös (16. Shell Jugendstudie 2010)
  • 63,1% der Jugendlichen innerhalb der Kirche von Westfalen (Schulen, Offene Jugendarbeit etc.) glauben an einen Gott (empirica 2012)

Der Bielefelder Soziologe Hurrelmann hat die neue spirituelle Suche passend beschrieben: „Jugendliche sind im weitesten Sinne ‚religiöse Touristen'; sie tauchen kurz und sporadisch in religiöse oder quasireligiöse Kontexte ein und nehmen die Angebote mit, die ihnen derzeit bei der Lebensbewältigung am nützlichsten erscheinen." Die letzte Shell Studie hat gezeigt, dass Gott dabei immer weniger Person und immer mehr Beziehung ist (sowohl bei Ev.:2010: 26%, 2006: 30%, als auch bei den katholischen: 2010: 32%, 2006: 40%). Diese spirituelle Sehnsucht steht also in einer engen Beziehung mit der Suche nach Beziehungen und dem Sinn im Leben (Bußmann, Faix, Gütlich 2013:78). So ist die ‚lutherische Frage’ heute am besten mit der Frage: „Was gibt mir Sinn und hilft mir mein Leben zu gestalten?“ zu beantworten. Dabei werden verschiedene Angebote wahrgenommen und individuell nach eigenen Erfahrungen zusammengestellt. Diese ‚Patchworkreligiosität fasst die 15jährige Janine gut zusammen, wenn sie über ihren Glauben sagt: „Ich bin gerne evangelisch, da es eine Konfession der Freiheit ist, in der sich Yin und Yang das Gleichgewicht halten.“ (Bußmann, Faix, Gütlich 2013:6). Jetzt könnte man annehmen, dass die Kirchen voll sind, denn sie sind ja spezialisiert darauf gerade die Sinnfragen der Menschen zu beantworten, aber dies ist nicht der Fall. Deshalb müssen wir uns fragen, wie hier „neue Brücken“ gebaut werden können.
Dies bedeutet, dass „neue Brücken“ gebaut werden müssen. Wir brauchen mutige Gedanken, Planungen, Konzepte für, mit und von der neuen Generation. Es reicht nicht, die „alten Brücken“ zu renovieren, wenn sie doch nur ins Leere führen. Gerade im Hinblick auf das Reformationsjahr 2017 erscheint sogar unumgänglich. Dabei müssen neue Projekte und Versuche nicht eine Haltbarkeit von 500 Jahre haben, sondern können als Gottesbegegnungen in vorläufigen Formen durchaus experimentellen Charakter haben. Die anglikanische Kirche hat es beispielsweise mit den „freshexpressions“ vorgemacht, was es bedeutet, neue Brücken zu bauen, die nach über zehn Jahren planen und bauen tatsächlich für viele Kirchendistanzierte einen neuen Weg in die Kirche weisen. Dies sollte Mut machen, alte Denkkategorien zu überwinden und fest Strukturen zu hinterfragen. Vieles ist dabei an der Basis schon in Bewegung geraten und längt gibt es solche Projekte und „Brücken“ auch in Deutschland, aber wir müssen sie wahrnehmen, systematisieren und unterstützen, damit sie nicht zu „Feigenblätter der eigenen Bewegung“ werden. Damit dies gelingt brauchen wir eine doppelte Bewegung, zum einen zu den Menschen hin und zum anderen müssen wir einen alternativen Lebens- und Glaubensstil anbieten, an dem die Liebe Gottes erkennbar wird.

Freitag, September 05, 2014

„Sommerlektüre Part 2: Imperium. Auf der Suche nach der Erlösung durch Kokosnüsse“


Ich mag Christian Kracht, den zurückgezogenen Wahlschweizer, der ein so begnadeter Schriftsteller ist und so wenig mit dem Leben zurecht kommt. Schon vor 30 Jahren habe ich seine „Tempo Kolumnen“ mit Begeisterung gelesen und zusammen mit Maxim Biller hat er mir die Welt erklärt. ‚Faserland’, sein erster Roman, eine brillante Beobachtung Deutschlands, geschrieben aus dem Zug heraus, unbestechlich der Blick, treffend im Ton. Kracht eben, ein wunderbar klarer Beobachter. Dann wurde es stiller um ihn, Kracht lebte und arbeitete meist in Asien (Indien, Nepal etc.) als Journalist (Kolumnen in der FAZ; Reiseberichte in ‚Der Freund’ etc.), veröffentlichte mit ‚1979’ und ‚Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten’ zwei weitere Romane. Dann kam mit großem Knall „Imperium“, die Feuilletons überschlugen sich mit Lobeshymnen und als ihm dann Antisemitismus vorgeworfen wurde, war der Erfolg perfekt. Lange habe ich das Buch liegen lassen, wollte es am Stück lesen, nicht einfach überlesen. Der jetzige Sommer schien geeignet, Mittelmeer, Italien, Ruhe und Sonne und Strand und Kracht. Los ging es. Die sonderbare Geschichte des August Engelhardt und seiner krankhaften Obsession für Kokosnüsse. Der Roman spielt, wie schon ‚Stoner’, Ende des 19. Anfang des 20. Jahrhunderts, doch im Gegenteil zu Stoners Distanziertheit geht Kracht mit seiner Hauptfigur mitten hinein und dies ist durchaus wörtlich zu nehmen, denn Kracht schreibt das ganze Buch in ihrem Duktus, als wäre er direkt aus der Zeit entsprungen. Aber zurück zu unserem eigenwilligen Antihelden Engelhardt, der, gleich auf seiner ersten Reise zu seinem großen Ziel, treffend charakterisiert wird: „An Bord der Prinz Waldemar befand sich also der junge August Engelhardt aus Nürnberg, Bartträger, Vegetarier, Nudist. Er hatte vor einiger Zeit in Deutschland ein Buch mit dem schwärmerischen Titel ‚Eine sorgenfreie Zukunft’ veröffentlicht, nun reiste er nach Neupommern, um Land zu kaufen für eine Kokosplantage, wieviel genau, und wo, das wusste er noch nicht. Er würde Pflanzer  werden, doch nicht aus Profitgier, sondern zutiefst empfundenen Glauben, er könne Kraft seiner großen Idee die Welt, die ihm feindlich, dumm und grausam dünkte, für immer verändern“ (Seite 19). Im Grunde ist mit diesen Sätzen die Grundidee, sowie die Story des Buches, erzählt. Sonderling Engelhardt kauft eine Südseeinsel und begegnet dabei eine Menge an skurilen Menschen, die wie er, den verschiedenen Leidenschaften frönen, sei es dem Vegetarismus, Nudismus oder einfach so aussteigen wollen. Sehr unterhaltsam aufgebaut und in einer Sprache, die man schon lange nicht mehr in der zeitgenössischen Literatur gelesen hat. Aber genau diese Sprache muss man lieben, wollen und aushalten, mit Letzterem hatte ich manchmal meine Schwierigkeiten. Im dritten Teil des Buches gewinnt diese wieder an Fahrt und somit wächst auch mein Lesevergnügen. Der Schluss ist dann fast etwas zu schnell, die wichtigsten Protagonisten des Buches werden in ihrem Ende beschrieben und Engelhardt, leprakrank und dem Wahnsinn nahe ... (möchte ja nicht zuviel verraten)
Im Grund hat Kracht ein zutiefst spirituelles Buch geschrieben, ein Buch, das mitten in einer dekadenten Aufbruch- und Entdeckerphase der kolonialen Globalisierung (und des deutschen Idealismus) und des ungezügelten Kapitalismus nach Erlösung sucht. Erlösung aus all dem Materiellen, Alltäglichen und Banalen. Es ist ein Roman über Aussteiger, wie es zu dieser Zeit viele gab, erinnert sei nur an Monte Veritas am Lago Maggiore, den nackten und tanzenden Künstlern, die zur selben Zeit, nur in der Schweiz, den Ausstieg aus dem ach so bürgerlichen Leben suchten und genau von diesem am Ende eingeholt wurden. Bei Kracht ist die Kokosnuss das Zeichen der Erlösung zu einem neuen Leben, ja zum Paradies, das sich am Ende als irdische Hölle erweist und wieder einmal aufzeigt, dass die immanente Sehnsucht des Menschen immer wieder an sich selbst scheitert. So ist Krachts Buch auch eine Parabel für unsere globale und kapitalistische Zeit, in der man scheinbar alles kaufen und besitzen kann und doch dadurch nicht nur nicht glücklich, sondern scheitern wird und ach ja, weglaufen, egal wohin, egal mit welcher Intensität und noch so verrückten Idee, egal ob hier oder dort, der Mensch scheitert, letztlich dann doch an sich selbst.


Dienstag, September 02, 2014

"Das Ziel von Jüngerschaft"

Über das Thema „Jüngerschaft“ wurde schon sehr viel geschrieben und das zu Recht, denn es ist ein wesentliches Thema für Christen. Aber es gibt auch eine sehr einseitige Interpretation von Jüngerschaft, die weit verbreitet ist. Schaut man in so mache Jüngerschaftskurse, dann findet man viele wichtige Themenkomplexe, wie „Jesus“, Heiliger Geist“ oder „Gebet“, was natürlich auch zentrale Themen sind, aber es fehlt meiner Meinung die Ausrichtung. Dallas Willard, dessen Buch „Jünger leben mittendrin“ ich gerade lese, hat dies wunderbar auf den Punkt gebracht, wenn er schreibt:
„Jüngerschaft dient nicht der Gemeinde. Vielmehr ist die Gemeinde für die Jüngerschaft da. Jüngerschaft dient der Welt, der Welt, die Gott so sehr liebt, für die er große Hoffnungen hat und aus der er große Dinge hervorbringen wird. Dort hat Jüngerschaft ihren Platz. Wenn wir Jüngerschaft auf das Gemeindearbeit beschränken, dann werden wir nie ihre Kraft erleben, mit der sie uns und die Welt um uns herum verändern kann.“
Dallas Willard, Jünger leben mittendrin, 21


Donnerstag, August 28, 2014

"Warum ich nicht mehr glaube. Lesung & Diskussion in Essen"


Nachdem wir im Mai eine kleine Lesetour quer durch die Republik gemacht haben, gibt es am kommenden Sonntag einen kleinen Nachschlag, wir werden in Essen bei e/motion zu Gast sein, worauf wir uns schon sehr freuen. Hier der Einladungstext, vielleicht bist du interessiert an diesem sehr herausfordernden udn spannenden Thema:

Herzliche Einladung am Sonntag, den 31. August 2014, anschließend an den SONday zu einer Lesung aus dem Buch “Warum ich nicht mehr glaube” von Tobias Faix, Martin Hofmann & Tobias Künkler  zu bleiben, dazu zukommen und/oder Gäste mitzubringen!
Ein paar Infos zum Buch:

“Wie verliert man seinen Glauben? Warum geht es oft jungen Leuten so? Die Autoren lassen Menschen zu Wort kommen, die sich vom Glauben abgewandt haben, und forschen nach Gründen und übereinstimmenden Leitmotiven.”

"Wer sich von diesen - zum Teil dramatischen - Zeugnissen den Spiegel vorhalten lässt, wer sich als Rad im Getriebe der Entkehrung anderer erkennt, der wird vorsichtig im Urteil über Ex-Fromme. Diese Lektüre kann nur zur Buße und zu neuer Empathie mit denen führen, die auf der Strecke geblieben sind, aber vielleicht freier sind als wir, dichter an Gott selbst und seinem Wort. Wir lernen zu verstehen und werden still, ganz still. Und dann setzt vielleicht ein fruchtbarer Lernprozess ein, der im schönsten Fall zu einem versöhnten Treffen der Bekehrten mit den Entkehrten führt."
Jürgen Mette, Theologe und Publizist


:: Wann? 31. August 2014, 19:00h
:: Wo? Kerckhoffstraße 22b (Martin-Luther-Straße 118b), Essen

Montag, August 25, 2014

„Sommerlektüre Part 1: Stoner. Puristische Chronologie eines Vergessenen.“




Wenn ein Roman fast 50 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung (1965) wiederentdeckt und dann zu einem weltweiten Besteller wird, dann hat man es ohne Zweifel mit einem besonderen Buch zu tun. JohnWilliams heißt der vergessene Autor, seines Zeichens Dozent für Literaturwissenschaft und Autor einer Hand voll Romane und Gedichtbände. Nicht sonderlich erfolgreich in seinem Leben und Streben nach Anerkennung im damaligen Literaturbetrieb. Und jetzt dieser Durchbruch mit ‚Stoner’, lange nach seinem Tod. William Stoner ist die Hauptfigur dieses feinen Romans in dem es eigentlich um nichts anderes geht als um das Leben dieses stoischen Mannes, der sein Schicksal so ruhig zu ertragen weiß, wie Williams es chronologisch und leise portraitiert. Von der Geburt auf einer einsamen Farm, über sein „Berufungserlebnis“ zum Literaturstudium in der Columbia University (Massachusetts), von der er seit seines Lebens nicht mehr loskommt, bis zu seinem Tod. 40 Jahre lehrte der gute Stoner dort und erlebt alles im Leben Wichtige: Liebe, Leidenschaft, Verrat, Krieg, Tod und Freundschaft. Und John Williams beschreibt dies mit jener lakonischen Ruhe, fast Gleichgültigkeit, Präzision und Hingabe, in der auch sein Romanheld das Leben hinzunehmen scheint. Natürlich ist es kein autobiographischer Roman, doch scheint Williams zumindest einiges seines Lebens (und seiner vier Ehen) in die Figur Stoner hineingelegt zu haben. Der Roman beginnt Ende des 19. Jahrhunderts und lebt und überlebt zwei Weltkriege, die aber nicht mehr als eine düstere Kulisse für William Stoner darstellen. Er selbst scheint das Leben gar nicht so recht zu begreifen und wird von einem seiner Professoren regelrecht zur Literatur gezwungen, um dann seine Liebe zu englischen Sprache zu erkennen und für immer die elterliche Farm hinter sich zu lassen. So bleibt er 40 Jahre auf der Universität, an der er studierte und ironischer Weise am letzten Tag zum ordentlichen Professor ernannt wird. Dazwischen liegt eine unglückliche Ehe, eine leidenschaftliche Affäre und der Einblick in ein universitäres Leben Anfang des Jahrhunderts. Williams ist mit ‚Stoner’ zweifelsohne ein großer Roman gelungen, der gerade durch seine sprachlichen Unaufdringlichkeit und Distanziertheit einen langsamen aber unaufhörlichen Sog aufbaut, der einem nicht mehr loslässt, bis man die letzte Seite aufgesogen und verschlungen hat.

Donnerstag, August 21, 2014

"Mit dem Känguru auf langer Fahrt"



Gestern wurde ich gefragt, wie es denn sei, mit zwei Preteens zwölf Stunden bei Hitze und Stau in den Urlaub zu fahren? Kein Problem hab ich gesagt, denn wir hatten "das Känguru" an Board. Ok, nicht live und in Farbe, aber immerhin als Livelesung. Der unvergleichliche Marc-Uwe Kling hat sein neustes Werk „Die Känguru-Offenbarung“ auf sechs CD eingelesen, was dann mal locker acht Stunden Autofahrt in ein wunderbares Hörvergnügen verwandelt. Danke Marc-Uwe, du hast das grandios gemacht. Und die Rückfahrt? Kein Problem, da ging es wieder von vorne los...


Ach ja, der Wiener Psychiater hat uns dann auch den ganzen Urlaub begleitet... J

Montag, August 18, 2014

"Porto Maurizio - kleine Perle an der ligurischen Küste"







Dieses Jahr waren wir in Porto Maurizio (Imperia) an der italienischen Mittelmeerküste im Familienurlaub. Die Kinder haben sich „Meer und Muscheln“ gewünscht und zumindest ersteres war da. Porto Maurizio ist eine wunderbare Kleinstadt mit einem sehr ursprünglichen ligurischen Flair, der noch nicht so touristisch übertüncht ist wie in San Remo oder Diano Marina. Viele kleine Buchten mit Kies- oder Sandstränden bieten gerade für Familien perfekte Bedingungen. Hinter der Stadt geht es in Berge mit vielen kleinen Dörfern, riesigen Olivenhainen und verwinkelten Wanderwegen. Perfekt für kleinere und größere Ausflüge. Insgesamt ein wunderbarer und erholsamer Urlaub und wir waren hoffentlich nicht zum letzten Mal in Ligurien.



Mittwoch, Juli 30, 2014

"Über das Reich Gottes, Kirche für Loser und die Hoffnung, die alles verändert"


Zwischen Schon jetzt und Noch nicht.
Zwischen einst und hier.
Zwischen Erfahrung & Hoffnung.
Zwischen Alten und Neuen
Reich Gottes heißt: Fest der Begegnung. Gott begegnet Menschen. Auf neue und alte Art: in Feier und Trauer, in Worten und Taten, in Musik und Gebete.
Reich Gottes heiß: Neues bricht auf, mitten im Alten.

Vor einiger Zeit hatte ich am Rande eines Elternabends meiner Tochter ein anregendes Gespräch mit zwei anderen Vätern. Sie hatten nichts mit Glauben und Kirche zu tun und waren etwas erstaunt, als ich „Theologe“ auf ihre Frage nach meinem Beruf erwiderte. Sie hatten aus ihrer Sicht wohl nicht so gute Erfahrungen mit Christen und Kirche gemacht, denn sie gaben mir zu „Protokoll“, dass Kirche ja wohl eher ein Ort von ‚Losern‘ sei, von Menschen, die im Leben nicht alleine klar kommen und ernsthaft Hilfe bräuchten. Christen seien schon etwas komisch, ich solle das jetzt nicht persönlich nehmen, aber die meisten Christen bringen es doch zu nichts, weil sie sich ständig um andere kümmern müssen. Sie streben nach etwas was man nicht sieht und dafür geben sie dann alles. Die beiden Männer hatten sichtlich Spaß an ihrer Analyse und warteten mit einem Lächeln auf meine Verteidigungsrede. Ich schaute sie an und meinte nur: Ja, ihr habt ganz gut getroffen, was Kirche und Christsein ist. Vielleicht würde ich manches anders ausdrücken, aber ja, Die Kirche ist besonders für die Menschen die von der Gesellschaft ausgeschlossen werden, ist ein Platz für besondere Menschen, in jeglichem Sinne. Es stimmt, das ganze Leben auf etwas auszurichten, was man nicht sehen kann, nämlich Gott, finde ich selbst manchmal etwas merkwürdig, das möchte ich gar nicht leugnen. Und, ich finde es nicht schlimm, wenn es Menschen gibt, die sich nicht nur um sich selbst drehen und immer zuerst an sich denken. Und mal ehrlich: Mit wem arbeitet ihr den lieber zusammen? Wir hatten noch ein langes Gespräch und haben uns dann „auf ein Bier“ verabredet“.
Als ich am Abend über diese Begegnung nachdachte, kam mir das Gleichnis vom „Schatz im Acker“ in den Sinn, in dem Jesus seinen Jüngern versucht zu erklären, warum es in seinem neuen Reich geht oder wie wir heute sagen würden: Um was es im Christsein überhaupt geht. Er erklärte ihnen dies mit nur zwei Sätzen: „Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der in einem Acker vergraben war und von einem Mann entdeckt wurde. Der Mann freute sich so sehr, dass er, nachdem er den Schatz wieder vergraben hatte, alles verkaufte, was er besaß, und dafür den Acker kaufte.“ (Mt 13,44)

Das Gleichnis vom ‚Schatz im Acker’, wo der Finder des Schatzes alles was er besitzt verkauft, um eben diesen Schatz zu bekommen. Für den Finder ist in diesem Moment alles loslassen ein Gewinn, weil er genau weiß, dass er was Größeres und Wertvolleres bekommen wird. Das hat er zwar noch nicht, aber es bestimmt jetzt schon sein Denken, Glauben und Handeln. Wer den Schatz hingegen nicht sieht, wird nur den eigenen Verlust sehen und diesen beklagen. Der Schatz ist das Ziel. Bis man ans Ziel kommt, verändert sich die Gegenwart. Nur wenn es einen kostbaren Schatz gibt, lohnt sich auch der eigene Verzicht. Das Himmelreich selbst beschreibt wiederum die Beziehung zu Gott selbst, darin liegt der Schatz verborgen, in der Gemeinschaft, in der Nähe zu ihm. Obwohl dies erst in der Ewigkeit bei Gott selbst richtig zu verstehen und zu leben ist, beginnt es hier auf Erden. Durch den Heiligen Geist können wir schon jetzt etwas von der wunderbaren Gemeinschaft mit Gott erleben. Und es verändert unser Leben, weil sich die Perspektive verändert. Christen wissen, dass da noch was kommt, auch wenn uns hier auf Erden der Schatz noch gar nicht gehört. Der Tübinger Theologe Hans-Joachim Eckstein hat dies Mal wunderbar ausgedrückt: „Eine Hoffnung, die unsere Gegenwart nicht tiefgreifend verändert, ist nicht wirklich aus der Zukunft bei uns angekommen. Denn da wo Hoffnung einkehrt, verwandelt sich die Gegenwart.“ Also, die Hoffnung beginnt jetzt und verändert unser Sicht auf das Leben, den Alltag und das was wirklich wichtig ist.

Dienstag, Juli 22, 2014

„Die Verwandlung der Mächte oder warum ich trotz allem noch Hoffnung habe“


Ich lese gerade das (nun endlich übersetzte und leider stark gekürzte) Buch „Verwandlung der Mächte“ von Walter Wink. Ein kluges Buch über eine Theologie der Gewaltfreiheit, die ausgehend vom Kreuzestod Christi, die Mächte dieser Welt identifiziert, entlarvt und überwindet. Kein einfaches Buch, kein einfaches Thema und wenn ich dabei an die Nachrichten und die weltweiten Konflikte denke, wie bspw. Israel & Palästina, Ukraine, Nigeria, Syrien, etc. dann bin ich hin- und hergerissen zwischen Frustration, Hilflosigkeit und Hoffnung. Wink beschreibt anhand des Neuen Testaments, was wir gerade weltweit erleben: „Das Böse ist nicht nur personal, sondern strukturell und spirituell. Es ist nicht nur das Ergebnis menschlichen Handelns, sondern die Konsequenz gewaltiger Systeme, über die kein Individuum die volle Kontrolle besitzt.“ (:41) Aber all diese Systeme sind Teil der Schöpfung und somit auch Teil des Gefallensein und müssen erlöst werden. Und darin leben wir. Sind Teil dieser Systeme und haben diese Hoffnung auf Erlösung. Diese Hoffnung bestimmt unseren Glauben, unser Denken und unser Handeln, so dass wir schon jetzt Veränderung erleben. Das Böse muss identifiziert werden, bekämpft und bebetet, auch wenn dies herausfordernd ist. So möchte ich lernen beispielsweise für meine verfolgten Geschwister im Irak einzustehen und Michael Diener hat dies in einem kurzen Text gut beschrieben, dem ich mich anschließen möchte, wohl in dem Wissen, dass dies nur ein erster kleiner Schritt ist:
„Arabisch "N" für Nazarene, also "Nazarener/Christ" ist das Zeichen, mit dem militante ISIS Anhänger die Häuser von Christen in Mossul markiert haben. Inzwischen mussten alle Christen Mossul verlassen.

Mein verändertes Profilbild soll zeigen: ich bin auch einer von denen, die mit diesem Jesus unterwegs sind und ich leide mit meinen Schwestern und Brüdern, die um ihres Glaubens willen verfolgt werden - im Irak, in Syrien, in Nigeria und an so vielen anderen Orten.
Und ich wünsche mir, dass sich Menschen muslimischen Glaubens von diesem barbarischen und unmenschlichen Verhalten distanzieren und es vorbehaltlos verurteilen - gerade diejenigen, die politische oder religiöse Verantwortung tragen. Zugleich steht aber dieses "N" auch dafür, dass NIEMAND um seines Glaubens willen verfolgt, misshandelt, seiner Menschenrechte beraubt oder getötet werden soll.
Ich distanziere mich ausdrücklich von allen Islamhassern, von all denen, die fb benutzen, weil sie meinen, "DER" Islam sei immer und nur gewalttätig, menschenverachtend und militant. Ich bedauere zutiefst, wie viel Misstrauen und Hass gegenüber Menschen muslimischen Glaubens durch Christen gefördert wird. Ich bin nicht blauäugig, ich mache mir keine Illusionen über gewalttätige Elemente im Koran, aber ich weigere mich, muslimische Gläubige in Sippenhaft zu nehmen und ich glaube, dass ein friedliches Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen Religionen möglich ist.“

Dienstag, Juli 15, 2014

„Gott gibt uns die Würde der Mitverursachung oder Gott und die Menschenwürde“



Letzte Woche haben wir im Kontext von Modul 4 im Studienprogramm Gesellschaftstransformation über eine Theologie der Transformation diskutiert. Dabei wurde dieser Satz von Monika Deitenbeck-Goseberg eingebracht: „Gott gibt uns die Würde der Mitverursachung“. Im Hintergrund stand eine Diskussion über die Menschenwürde wie wir sie heute kennen („Die Würde des Menschen ist unantastbar“ (Artikel 1), so steht es in unserem Grundgesetz und so ist es festgehalten in allen großen Gesellschaftsordnungen von der Charta der Vereinten Nationen (1945) bis zur Grundrechtscharta der Europäischen Union (2000)). Die Geschichte der Menschenwürde geht bis in die Antike zurück. Die erste nachweisliche allgemeine Menschenwürde formulierte der Philosoph und Politiker Marcus Tullius Cicero im ersten Jahrhundert vor Christus und betonte dabei zweierlei, zum einen das Wesensmerkmal der Menschenwürde, die jedem Menschen unabhängig seines Standes zukomme und zum zweiten den Gestaltungsauftrag diese auch frei auszuleben und Gestalt werden zu lassen. Dieses Verständnis geht eigentlich noch früher auf die alttestamentliche Beschreibung der Imago Dei zurück, der Ebenbildlichkeit des Menschen gegenüber Gott in der Schöpfung (Gen 1, 26+27). Gott schafft den Menschen nach seinem Bilde und verschafft ihm dadurch, unabhängig von seinem Tun, einen absoluten und universalen Wert und eine Teilhabe an Vernunft und Macht, die der Mensch als Gestaltungsauftrag auf der Erde nutzen soll. Für den Tübinger Theologen Moltmann ist dies die Grundlage und der Kernbegriff seiner Anthropologie und er ergänzt, dass der Mensch nicht nur Repräsentant und Abglanz von Gottes Herrlichkeit ist, sondern damit auch eine Erscheinungsweise Gottes selbst, so schreibt er: „Nicht ein Fürst, sondern der Mensch, Mann und Frau gleichermaßen, alle Menschen und jeder Mensch ist Bild, Stellvertreter, Beauftragter und Abglanz Gottes“ (Moltmann 1985:224). Dabei ist klar, dass die Geschichte des Menschen mit Gen 1 nicht aufhört, sondern durch den Sündenfall (Gen 3) der Mensch verdunkelt, gestört und entfremdet wurde von sich selbst, Gott und der ganzen Schöpfung. Trotzdem nennt der Psalmschreiber David den Menschen „mit Herrlichkeit gekrönt“ und „ein wenig niedriger gemacht als Gott selbst“ (Psalm 8). Es gibt also nach dem Sündenfall eine Kontinuität der Ebenbildlichkeit Gottes in der ungebrochenen Würde und im Gestaltungsauftrag und eine Diskontinuität in der Gebrochenheit der Beziehungsebenen. Der Theologe Paul Tillich unterscheidet hilfreich zwischen dem Bereich der Schöpfung (Essenz) und dem Bereich des Falls (Existenz). „Sofern die Existenz des Menschen den Charakter des Selbstwiderspruchs oder der Entfremdung hat, wird eine doppelte Betrachtungsweise verlangt“ (Tillich 1956:81). Nirgends in der Bibel wird die Ebenbildlichkeit Gottes im Menschen aufgelöst, im Gegenteil, die Geschichte Gottes mit dem Menschen ist eine Geschichte der Wiederherstellung (der Existenz) der unterschiedlichen Beziehungsebenen des Menschen, die in Kreuz und Auferstehung Christi. Die ‚imago Christi“ (aus Gnade) und spiegelt sich in der eschatologischen Hoffnung in uns Menschen wider. Bis dahin leben wir in einer Spannung zwischen Ebenbildlichkeit und Fall. Dabei steht außer Frage, dass dies für jeden Menschen gilt, unabhängig seines Tun, seines sozialen Status, seiner nationalen oder sexuellen Identität. Die Würde des Menschen ist unantastbar...