Mittwoch, Juli 30, 2014

"Über das Reich Gottes, Kirche für Loser und die Hoffnung, die alles verändert"


Zwischen Schon jetzt und Noch nicht.
Zwischen einst und hier.
Zwischen Erfahrung & Hoffnung.
Zwischen Alten und Neuen
Reich Gottes heißt: Fest der Begegnung. Gott begegnet Menschen. Auf neue und alte Art: in Feier und Trauer, in Worten und Taten, in Musik und Gebete.
Reich Gottes heiß: Neues bricht auf, mitten im Alten.

Vor einiger Zeit hatte ich am Rande eines Elternabends meiner Tochter ein anregendes Gespräch mit zwei anderen Vätern. Sie hatten nichts mit Glauben und Kirche zu tun und waren etwas erstaunt, als ich „Theologe“ auf ihre Frage nach meinem Beruf erwiderte. Sie hatten aus ihrer Sicht wohl nicht so gute Erfahrungen mit Christen und Kirche gemacht, denn sie gaben mir zu „Protokoll“, dass Kirche ja wohl eher ein Ort von ‚Losern‘ sei, von Menschen, die im Leben nicht alleine klar kommen und ernsthaft Hilfe bräuchten. Christen seien schon etwas komisch, ich solle das jetzt nicht persönlich nehmen, aber die meisten Christen bringen es doch zu nichts, weil sie sich ständig um andere kümmern müssen. Sie streben nach etwas was man nicht sieht und dafür geben sie dann alles. Die beiden Männer hatten sichtlich Spaß an ihrer Analyse und warteten mit einem Lächeln auf meine Verteidigungsrede. Ich schaute sie an und meinte nur: Ja, ihr habt ganz gut getroffen, was Kirche und Christsein ist. Vielleicht würde ich manches anders ausdrücken, aber ja, Die Kirche ist besonders für die Menschen die von der Gesellschaft ausgeschlossen werden, ist ein Platz für besondere Menschen, in jeglichem Sinne. Es stimmt, das ganze Leben auf etwas auszurichten, was man nicht sehen kann, nämlich Gott, finde ich selbst manchmal etwas merkwürdig, das möchte ich gar nicht leugnen. Und, ich finde es nicht schlimm, wenn es Menschen gibt, die sich nicht nur um sich selbst drehen und immer zuerst an sich denken. Und mal ehrlich: Mit wem arbeitet ihr den lieber zusammen? Wir hatten noch ein langes Gespräch und haben uns dann „auf ein Bier“ verabredet“.
Als ich am Abend über diese Begegnung nachdachte, kam mir das Gleichnis vom „Schatz im Acker“ in den Sinn, in dem Jesus seinen Jüngern versucht zu erklären, warum es in seinem neuen Reich geht oder wie wir heute sagen würden: Um was es im Christsein überhaupt geht. Er erklärte ihnen dies mit nur zwei Sätzen: „Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der in einem Acker vergraben war und von einem Mann entdeckt wurde. Der Mann freute sich so sehr, dass er, nachdem er den Schatz wieder vergraben hatte, alles verkaufte, was er besaß, und dafür den Acker kaufte.“ (Mt 13,44)

Das Gleichnis vom ‚Schatz im Acker’, wo der Finder des Schatzes alles was er besitzt verkauft, um eben diesen Schatz zu bekommen. Für den Finder ist in diesem Moment alles loslassen ein Gewinn, weil er genau weiß, dass er was Größeres und Wertvolleres bekommen wird. Das hat er zwar noch nicht, aber es bestimmt jetzt schon sein Denken, Glauben und Handeln. Wer den Schatz hingegen nicht sieht, wird nur den eigenen Verlust sehen und diesen beklagen. Der Schatz ist das Ziel. Bis man ans Ziel kommt, verändert sich die Gegenwart. Nur wenn es einen kostbaren Schatz gibt, lohnt sich auch der eigene Verzicht. Das Himmelreich selbst beschreibt wiederum die Beziehung zu Gott selbst, darin liegt der Schatz verborgen, in der Gemeinschaft, in der Nähe zu ihm. Obwohl dies erst in der Ewigkeit bei Gott selbst richtig zu verstehen und zu leben ist, beginnt es hier auf Erden. Durch den Heiligen Geist können wir schon jetzt etwas von der wunderbaren Gemeinschaft mit Gott erleben. Und es verändert unser Leben, weil sich die Perspektive verändert. Christen wissen, dass da noch was kommt, auch wenn uns hier auf Erden der Schatz noch gar nicht gehört. Der Tübinger Theologe Hans-Joachim Eckstein hat dies Mal wunderbar ausgedrückt: „Eine Hoffnung, die unsere Gegenwart nicht tiefgreifend verändert, ist nicht wirklich aus der Zukunft bei uns angekommen. Denn da wo Hoffnung einkehrt, verwandelt sich die Gegenwart.“ Also, die Hoffnung beginnt jetzt und verändert unser Sicht auf das Leben, den Alltag und das was wirklich wichtig ist.

Dienstag, Juli 22, 2014

„Die Verwandlung der Mächte oder warum ich trotz allem noch Hoffnung habe“


Ich lese gerade das (nun endlich übersetzte und leider stark gekürzte) Buch „Verwandlung der Mächte“ von Walter Wink. Ein kluges Buch über eine Theologie der Gewaltfreiheit, die ausgehend vom Kreuzestod Christi, die Mächte dieser Welt identifiziert, entlarvt und überwindet. Kein einfaches Buch, kein einfaches Thema und wenn ich dabei an die Nachrichten und die weltweiten Konflikte denke, wie bspw. Israel & Palästina, Ukraine, Nigeria, Syrien, etc. dann bin ich hin- und hergerissen zwischen Frustration, Hilflosigkeit und Hoffnung. Wink beschreibt anhand des Neuen Testaments, was wir gerade weltweit erleben: „Das Böse ist nicht nur personal, sondern strukturell und spirituell. Es ist nicht nur das Ergebnis menschlichen Handelns, sondern die Konsequenz gewaltiger Systeme, über die kein Individuum die volle Kontrolle besitzt.“ (:41) Aber all diese Systeme sind Teil der Schöpfung und somit auch Teil des Gefallensein und müssen erlöst werden. Und darin leben wir. Sind Teil dieser Systeme und haben diese Hoffnung auf Erlösung. Diese Hoffnung bestimmt unseren Glauben, unser Denken und unser Handeln, so dass wir schon jetzt Veränderung erleben. Das Böse muss identifiziert werden, bekämpft und bebetet, auch wenn dies herausfordernd ist. So möchte ich lernen beispielsweise für meine verfolgten Geschwister im Irak einzustehen und Michael Diener hat dies in einem kurzen Text gut beschrieben, dem ich mich anschließen möchte, wohl in dem Wissen, dass dies nur ein erster kleiner Schritt ist:
„Arabisch "N" für Nazarene, also "Nazarener/Christ" ist das Zeichen, mit dem militante ISIS Anhänger die Häuser von Christen in Mossul markiert haben. Inzwischen mussten alle Christen Mossul verlassen.

Mein verändertes Profilbild soll zeigen: ich bin auch einer von denen, die mit diesem Jesus unterwegs sind und ich leide mit meinen Schwestern und Brüdern, die um ihres Glaubens willen verfolgt werden - im Irak, in Syrien, in Nigeria und an so vielen anderen Orten.
Und ich wünsche mir, dass sich Menschen muslimischen Glaubens von diesem barbarischen und unmenschlichen Verhalten distanzieren und es vorbehaltlos verurteilen - gerade diejenigen, die politische oder religiöse Verantwortung tragen. Zugleich steht aber dieses "N" auch dafür, dass NIEMAND um seines Glaubens willen verfolgt, misshandelt, seiner Menschenrechte beraubt oder getötet werden soll.
Ich distanziere mich ausdrücklich von allen Islamhassern, von all denen, die fb benutzen, weil sie meinen, "DER" Islam sei immer und nur gewalttätig, menschenverachtend und militant. Ich bedauere zutiefst, wie viel Misstrauen und Hass gegenüber Menschen muslimischen Glaubens durch Christen gefördert wird. Ich bin nicht blauäugig, ich mache mir keine Illusionen über gewalttätige Elemente im Koran, aber ich weigere mich, muslimische Gläubige in Sippenhaft zu nehmen und ich glaube, dass ein friedliches Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen Religionen möglich ist.“

Dienstag, Juli 15, 2014

„Gott gibt uns die Würde der Mitverursachung oder Gott und die Menschenwürde“



Letzte Woche haben wir im Kontext von Modul 4 im Studienprogramm Gesellschaftstransformation über eine Theologie der Transformation diskutiert. Dabei wurde dieser Satz von Monika Deitenbeck-Goseberg eingebracht: „Gott gibt uns die Würde der Mitverursachung“. Im Hintergrund stand eine Diskussion über die Menschenwürde wie wir sie heute kennen („Die Würde des Menschen ist unantastbar“ (Artikel 1), so steht es in unserem Grundgesetz und so ist es festgehalten in allen großen Gesellschaftsordnungen von der Charta der Vereinten Nationen (1945) bis zur Grundrechtscharta der Europäischen Union (2000)). Die Geschichte der Menschenwürde geht bis in die Antike zurück. Die erste nachweisliche allgemeine Menschenwürde formulierte der Philosoph und Politiker Marcus Tullius Cicero im ersten Jahrhundert vor Christus und betonte dabei zweierlei, zum einen das Wesensmerkmal der Menschenwürde, die jedem Menschen unabhängig seines Standes zukomme und zum zweiten den Gestaltungsauftrag diese auch frei auszuleben und Gestalt werden zu lassen. Dieses Verständnis geht eigentlich noch früher auf die alttestamentliche Beschreibung der Imago Dei zurück, der Ebenbildlichkeit des Menschen gegenüber Gott in der Schöpfung (Gen 1, 26+27). Gott schafft den Menschen nach seinem Bilde und verschafft ihm dadurch, unabhängig von seinem Tun, einen absoluten und universalen Wert und eine Teilhabe an Vernunft und Macht, die der Mensch als Gestaltungsauftrag auf der Erde nutzen soll. Für den Tübinger Theologen Moltmann ist dies die Grundlage und der Kernbegriff seiner Anthropologie und er ergänzt, dass der Mensch nicht nur Repräsentant und Abglanz von Gottes Herrlichkeit ist, sondern damit auch eine Erscheinungsweise Gottes selbst, so schreibt er: „Nicht ein Fürst, sondern der Mensch, Mann und Frau gleichermaßen, alle Menschen und jeder Mensch ist Bild, Stellvertreter, Beauftragter und Abglanz Gottes“ (Moltmann 1985:224). Dabei ist klar, dass die Geschichte des Menschen mit Gen 1 nicht aufhört, sondern durch den Sündenfall (Gen 3) der Mensch verdunkelt, gestört und entfremdet wurde von sich selbst, Gott und der ganzen Schöpfung. Trotzdem nennt der Psalmschreiber David den Menschen „mit Herrlichkeit gekrönt“ und „ein wenig niedriger gemacht als Gott selbst“ (Psalm 8). Es gibt also nach dem Sündenfall eine Kontinuität der Ebenbildlichkeit Gottes in der ungebrochenen Würde und im Gestaltungsauftrag und eine Diskontinuität in der Gebrochenheit der Beziehungsebenen. Der Theologe Paul Tillich unterscheidet hilfreich zwischen dem Bereich der Schöpfung (Essenz) und dem Bereich des Falls (Existenz). „Sofern die Existenz des Menschen den Charakter des Selbstwiderspruchs oder der Entfremdung hat, wird eine doppelte Betrachtungsweise verlangt“ (Tillich 1956:81). Nirgends in der Bibel wird die Ebenbildlichkeit Gottes im Menschen aufgelöst, im Gegenteil, die Geschichte Gottes mit dem Menschen ist eine Geschichte der Wiederherstellung (der Existenz) der unterschiedlichen Beziehungsebenen des Menschen, die in Kreuz und Auferstehung Christi. Die ‚imago Christi“ (aus Gnade) und spiegelt sich in der eschatologischen Hoffnung in uns Menschen wider. Bis dahin leben wir in einer Spannung zwischen Ebenbildlichkeit und Fall. Dabei steht außer Frage, dass dies für jeden Menschen gilt, unabhängig seines Tun, seines sozialen Status, seiner nationalen oder sexuellen Identität. Die Würde des Menschen ist unantastbar...

Donnerstag, Juli 10, 2014

„Warum Margot Käßmann denkt, dass Luther heute stolz wäre“




Es war ihre Kirche, in der sie in den Kindergottesdienst ging, konfirmiert wurde und den Jugendkreis besuchte: die Herrenwaldkirche Stadtallendorf. Aus Kostengründen wurde sie jetzt geschlossen. Doch dann kam Jumpers mit vielen jungen Menschen und neuen Ideen. Ideen für eine neue Nutzung der Kirche, ganz anders, etwas fremd, aber frisch und voller Elan. Die Kirche wurde Jumpers übergegeben, um einen Winterspielplatz, ein Bildungs- und Begegnungszentrum und einen Treffpunkt für alle 72 in Stadtallendorf lebenden Nationalitäten aufzubauen. Heute war Einweihung, Übergabe und Eröffnung und viele aus Politik, Kirche und Wirtschaft kamen, um ihre Stadtallendorfer Kirche zu ihrem Stadtallendorfer Projekt zu machen und eben auch Margot Käßmann. Sie kam zurück an den Ort ihrer Kindheit und Jugend und erzählte locker von ihren ersten Tanzversuchen und begeistert vom Reformationsjahr 2017, deren Botschafterin sie ist und dann sagte sie es: „Luther wäre stolz auf Jumpers, weil er immer für neue Formen von Kirche war und das erleben wir hier gerade.“ Applaus. Denn auch in dieser neuen Kirche wohnt Gott und begegnet den Menschen, die er liebt und wertschätzt. Dafür steht Jumpers, Jugend mit Perspektive.

Montag, Juli 07, 2014

„Fit für die Welt. Theologiestudium macht fit und fertig“






So lautete das Motto auf der GBFE Absolvierungsfeier letzte Woche. 14 Studierende unseres Studienprogramms Gesellschaftstransformation haben feierlich ihren MTh Abschluss von der UNISA überreicht bekommen. Ein erhebender Moment für die Studierenden, die an spannenden Themen geforscht haben und auch für uns Dozierenden, die diesen Prozess begleitet haben. Umrahmt von toller Musik gab es einen Festvortrag von Dr. Bernhard Ott über das schöne zweideutige Thema „Fit für die Welt. Theologiestudium macht fit und fertig“. Anhand der Emmausgeschichte (Lukas 24) hat Ott anschaulich die „Pädagogik Jesu“ dargestellt und aufgezeigt, wie Jesus seine Nachfolger in sieben Schritten „Kompetenzen lehrt“. Natürlich waren in dieser Woche auch wieder Professoren unserer Partneruniversität aus Südafrika da. Dr. Elsabe Klopers (aus der Praktischen Theologie) sprach über das aktuelle Thema „Warum Menschen in die Kirche gehen? Gottesdienst in zerbrechlichen Welten“ und Dr. Zuze Banda (Head oft he Dep Christian Spirituality, Church History and Missiology) sprach über das spannende südafrikanische Phänomen der „Zuggottesdienste“ (Church on Train Wheels). Außerdem gab es rund um die Absolvierung so genannte Werkstattberichte, bei denen aktuelle Studierende ihren aktuellen Forschungsstand ihrer Masterarbeiten präsentierten und von Studierenden und Dozierenden Feedback bekommen haben. Heute geht es schon wieder mit den Modulen 4 und 8 unserer Transformationsstudien weiter, wir erwarten über 60 Studierende zu spannenden Themen von der neuen Paulusperspektive und dem Reich Gottes über politische Rahmenbedingungen in der Entwicklungszusammenarbeit bis zum Entwurf einer  Public Theology.

Dienstag, Juni 24, 2014

„Feuer unter der Haube – mit Diakonissen über Berufung reden“





„Unglaublich, was die für eine Leidenschaft haben!“ Wir stehen auf dem Parkplatz vor dem Diakonissenmutterhaus Hebron und haben gerade ein spannendes Treffen von unterschiedlichen Lebenswelten hinter uns. Ein Kurs vom mbs bibelseminar traf auf 20 Feierabenddiakonissen. Entstanden ist dieses Treffen vor ein paar Wochen, als ich eingeladen war, über das Thema Berufung bei den Einkehrtagen der Diakonissen zu sprechen. Ich war etwas aufgeregt, da das Durchschnittsalter bei ca. 75 Jahren lag und ich mich gefragt habe, was ich ihnen über Berufung erzählen soll. Aber die Aufregung war ganz umsonst und zumindest ich habe an diesem Nachmittag sehr viel gelernt, vor allem, wie Gott junge Frauen in seinen Dienst ruft. Und die Geschichten waren nicht antiquiert oder geistlich abgehoben, sondern mitten aus dem Leben. Da ging es um Sehnsüchte, Sex und Lebensträume und wie Gott führt und beruft. Und da entstand die Idee, diese Geschichten weiterzugeben und dazu neue Geschichten zu hören, wie Gott heute Menschen ruft. So kam es zu dieser außerordentlichen Begegnung bei köstlichen Kuchen und duftenden Kaffee. Immer zwei Diakonissen und zwei Studierende saßen zusammen und haben sich zugehört, nachgefragt, gestaunt und gewundert, gelacht und gebetet. Und am Ende sind alle bereichert nach Hause gegangen. So standen wir da spontan im Kreis vor dem Mutterhaus nach der Begegnung und tauschten die ersten Eindrücke aus.  „Meine Diakonisse hat Jahrzehnte lang mit Migranten gearbeitet.“ „Meine mit psychisch Kranken.“ „Und meine mit Flüchtlingen“ So manche Vorurteile mussten an diesem Nachmittag auf der Strecke bleiben und die Haube der Diakonissen leuchtete für einige etwas heiliger. Nicht weil sich die Diakonissen selbst heiliger fühlten oder gar machten, nein, weil junge Menschen auf Lebensgeschichten gehört haben, die ehrlich, brüchig und voller Leidenschaft für diesen Jesus sind, diesen Jesus, der sie berufen hat. Ganz unterschiedlich, durch lange Prozesse, innere Widerstände, Träume und/oder Bibelverse. Gott war und ist da kreativ und so bleibt der Satz von Willi zum Schluss: „Und meine hat immer noch funkelnde Augen, als sie mir von ihrer Berufung zur Diakonisse erzählt hat und das ist schon über 60 Jahre her!“ Ja, Berufung ist ein Prozess, manchmal ein lebenslanger...


Freitag, Juni 20, 2014

„Berufung, Identität und etwas Ironie oder was wir von Paulus lernen können“


Als Beispiel möchte ich die Berufung des Paulus nehmen. Allerdings ist sie meiner Meinung nach viel interessanter als manchmal beschrieben wird und hat nichts mit dem Namensspiel „vom Saulus vom Paulus“ zu tun. Dass sie in der Bibel eine sehr wichtige Rolle spielt, erkennt man ziemlich schnell. In der Ausführlichkeit und der Genauigkeit mit der Lukas die Perikope erzählt, kann man erkennen, welche Wichtigkeit dahinter steckt. Dieses entscheidende Ereignis will Lukas so genau wie möglich beschreiben und tut dies insgesamt drei Mal. So kommt die Berufungsgeschichte dreimal in der Apostelgeschichte (9,1ff; 22,4ff; 26,9ff) und einmal im Galaterbrief (Gal.1,16f) vor. Dazu wird sie noch einige Male angedeutet oder erwähnt, ohne ausführlich erzählt zu werden. Und die Berufung von Paulus ist nicht nur eine verrückte Geschichte, sondern auch voller Ironie:

·  Gott sucht sich den größten seiner Verfolger aus, um ihn zu seinem wichtigsten Mann zu machen!
·      Da wird so vieles völlig auf den Kopf gestellt. Da begegnet einer Jesus und plötzlich ändert sich die Richtung seines Lebens komplett.
·   Der Herrschende muss blind an die Hand genommen werden, wie ein kleines Kind wird er geführt
·      Der Verfolger soll in Zukunft selbst verfolgt werden und leiden
·     Der, der die Christen verfolgt und ihnen Angst macht, braucht sie, damit er wieder sehen kann
·   Die Christen, die sich ängstlich versteckt haben, legen ihrem ärgsten Verfolger die Hände zur Heilung auf, damit er wieder gesund wird.
Die Bibel ist schon voller ambivalenter Geschichten und Gott hat definitiv Humor! Und auf den ersten Blick könnte man fast meinen, dass es eine Musterberufung war und eine dieser 180° Berufungen. Aber wenn man genau hinschaut, ist dies nur zum Teil richtig.

Was hat Paulus vor seiner Berufung ausgemacht?
1)    Er war Theologe und Lehrer (Hatte die damaligen besten Lehrer: Gamaliel)
2)   Er ging strategisch vor (um seine Ziele alle zu erreichen)
3)    Er war ein „Eiferer“, voller Leidenschaft (und freute sich sogar über den Tod von Menschen)
4)   Er nutzte die Kontakte und seine Stellung (für die Verfolgung)
Was hat Paulus nach seiner Berufung ausgemacht?
1)    Er war Theologe und Lehrer (War selbst einer der besten Lehrer)
2)   Er ging strategisch vor (Gemeindebau bis an die Grenzen der damaligen Welt)
3)    Er war ein „Eiferer“, voller Leidenschaft (er scheute weder Tod noch Leben - wurde verfolgt, gesteinigt und am Ende getötet)
Er nutzte die Kontakte und seine Stellung (seine „doppelte Staatsbürgerschaft“)

Die Richtung seiner Arbeit hat sich geändert, aber Gott hat vieles was Paulus ausgemacht hat vor seiner Berufung auch nach seiner Berufung benutzt. Dann muss noch eine Anmerkung gemacht werden: Nach seiner Berufung war Paulus war erst mal 14 Jahre lang weg von der Bildfläche (Tarsus) und wir wissen nicht genau, was er dort machte, aber er wuchs im Glauben, in seiner Persönlichkeit und erst dann holte ihn Barnabas nach Antiochia und er wurde mit ihm zusammen auserwählt und ausgesandt (Gal 2,1).

Mehr zum Themenkomplex Berufung gibt es hier.


Donnerstag, Juni 12, 2014

„Zur WM Einstimmung: Vom Mentalen her quasi Weltmeister“



Zum heutigen WM Auftakt möchte ich eine kleine, feine literarische Empfehlung aussprechen, mit der ich mich auf die WM blendet vorbereitet habe. Horst Evers wunderbares Buch: „Vom Mentalen her quasiWeltmeister“ beschreibt die WM Teilnehmerstaaten (und noch die, die es eigentlich auch verdient hätte und die man auch ein bisschen vermisst) und geht dabei auf humorvolle Weise allen Klischees und Absurditäten der einzelnen Ländern auf den Grund. Dabei lässt er nichts aus, von Charakterschwächen über geschichtliche Anekdoten bis Mentalitätsanalysen wird alles geboten. Gespickt wird das ganze durch die biographischen Erlebnisse des Autors und seine aberwitzigen Vergleiche. Wer also nicht nur wissen will wer Weltmeister wird, sondern welches Volk es eigentlich verdient hat, dem sei dieses Buch empfohlen über das geschrieben steht: "Die lustigste Völkerkunde, seit Gott den Ball geschaffen hat.“ Stimmt.


Freitag, Juni 06, 2014

„Exklusivitätsallergie, das Missverständnis Pluralismus und die Hoffnung auf Pfingsten“



Am Wochenende feiern wir Pfingsten und blicken auf die erste Gemeinde in Jerusalem und den Geist Gottes und sehnen uns nach Sprachfähigkeit und der Überwindung von kulturellen Grenzen. Und auch an diesem Pfingstfest können wir beides gut gebrauchen. Ich habe aus vielen Gesprächen den Eindruck, dass viele Gemeinden in Deutschland über die tatsächlichen Auswirkungen von einem Kulturwandel hin zu einer „Postmoderne“ überrascht sind. Man hat dutzende Bücher über die Auswirkung des Postmoderne oder des Pluralismus gelesen, Vorträge gehört und diskutiert, hat dies aber stets auf der Metaebene getan. Natürlich merkte man, dass Beziehungen eine gesteigerte Aufmerksam im Kontext der Gemeinde brauchen, dass die Verbindlichkeit nachlässt und die Generation 19plus sich aus dem Gemeindeleben zurückzieht und dafür ist man auch bereit methodisch etwas zu tun, neue Musikstile, neue Namen, neue kreative Elemente, aber die Theologie bleibt gleich. Der Anstrich hat sich verändert, schimmert postmodern, aber der Inhalt ist gleich geblieben. Jetzt stellen wir in Deutschland fest, dass viele Menschen sich aber von dem „postmodernen Farbanstrich“ nicht beeindrucken lassen, sondern den Inhalt kritisieren, ja geradezu allergisch reagieren, wenn sie den vereinnahmenden Exklusivismusanspruch in manchen Gesprächen hören und sie wollen sich nicht einfach von „der einen Wahrheit“ überzeugen lassen. Aber auf dem Markt der religiösen Möglichkeiten reicht ein neuer Anstrich nicht aus, da geht es auch um Inhalte und plötzlich merkt man, dass der Inhalt eine „exklusivistische Theologie“ ist, die kaum dialogfähig ist und auf einem modernen Wahrheitsbegriff ruht, der objektiv über allen anderen steht. Dazu kommt, dass sich Menschen durch zu viele Wahlmöglichkeiten verunsichern lassen und sich an den Rändern sammeln. Dies gilt sowohl für den „linken Rand“, der idealisierend die Welt verbessern möchte und dadurch selbst radikalisiert wird (sozusagen ein "exklusivistischer Pluralismus", der aussagt, dass es nur noch die eine pluralistische Wahrheit gibt) als auch für den „rechten Rand“, der sich in einer unsicher gewordenen Zeit verzweifelt an die „alte objektive Wahrheit“ klammert. So verhärten sich mitten in einer ach so pluralistisch lebenden Gesellschaft die äußeren Ränder, was manche Christinnen und Christen noch mehr verwundert, da man doch gerade dachte, die Postmoderne und den Pluralismus verstanden zu haben (schön zu sehen bei Diskussionen wie Inklusion oder Homosexualität). Inhaltlich wird dies am Thema „Mission“ sehr deutlich. Zwar hat sich der Begriff „missional“ in den letzten Jahren mehr und mehr durchgesetzt, aber die Konsequenz was dies im Leben zwischen Familie, Beruf und Kirche heißt, ist schwer umzusetzen. So versucht man die „Tat“ gegenüber dem „Wort“ aufzuwerten und die Grenzen zwischen „Kirche und Welt“ zu überwinden, aber wenn konkrete Anfragen kommen, verfällt man zu leicht wieder in die „Rhetorik“ zurück. Und dann spricht man wieder davon, dass es nun Mal nur eine Wahrheit gibt und die für alle gilt, da könne man ja schließlich auch nichts machen. Dies wird besonders im interreligiösen Dialog deutlich. Andere Religionen werden von manchen Christinnen und Christen immer noch angstbesetzt gesehen und somit als „Feind“ deklariert, was besonders für den Islam gilt. Mit dieser Deutung ist aber kaum ein Dialog möglich. Die Folge ist, dass man nach ähnlichen Methoden sucht (außer militante), die man selbst am Islam ablehnt. Ein Dialog kann aber nur auf einer Basis des Respekts und der Achtung des Anderen gelingen und auf der Grundlage eines demokratischen Kontextes. Letzteres haben wir in Deutschland, nur beim erstgenannten hapert es noch, dabei schließen sich Dialog und Mission keinesfalls aus wie David Bosch schon vor 20 Jahren eindrucksvoll belegt hat. Und ich höre sie schon die Widerrede: „Ja, aber, was ist, wenn der Andere mich nicht mit Respekt behandelt und selbst eine exklusivistische Meinung vertritt? Dann sind all die schönen Worte nicht wert!“ Stimmt: Dann gilt das alte Jesuswort: Behandelt dich der andere schlecht, dann darfst du das bitte auch. Gleiches Recht für alle.“  Oder war es doch eher so: „Handelt den Menschen gegenüber in allem so, wie ihr es von ihnen euch gegenüber erwartet.“ (Mt 7,12) Es ist die Haltung mit der wir das Wort Mission neben allen inhaltlichen Diskussionen füllen müssen, die Haltung wie ich dem Anderen begegne und ihm meine Wahrheit erzähle und ihm zuhöre, was er zu sagen hat oder wie Hemmerle es mal schön ausrückte: „Lass mich dich lernen, Dein Denken und Sprechen, Dein Fragen und Dasein, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich Dir zu überliefern habe.“ Dann kann Pfingsten werden, weil wir vielleicht tatsächlich anfangen uns wieder zu verstehen...

Freitag, Mai 30, 2014

"Wann ist ein Christ ein Christ? Und wer darf das entscheiden?"






Letztes Wochenende war ich mit meinen beiden Kollegen (Tobias Künkler und Martin Hofmann) auf einer kleinen Lesetour mit unserem Buch „Warum ich nicht mehr glaube“. In drei Tagen vom Westen über die Mitte in den wilden Süden, das war zum einen sehr aufregend und zum anderen auch sehr intensiv und emotional. Die Abende waren so aufgebaut, dass wir die wichtigsten Ergebnisse präsentiert haben, eine Entkehrungsgeschichte gelesen und dann gemeinsam mit den Leuten diskutiert haben. Das eigentlich herausfordernde kam aber meist danach, auf allen Lesungen waren auch Menschen, die eine Entkehrungsgeschichte hinter sich hatten und, ermutigt durch das Buch, jetzt über ihre Erfahrungen reden wollen. Ehemalige Pastoren bspw. erzählten von ihren Zweifeln und wie sie plötzlich nicht mehr predigen konnten. Aber es gab auch andere Geschichten, eine Frau erzählte, wie sie nicht mehr glauben konnte und wie ihre beiden besten Freundinnen zu ihr standen und sie fünf Jahre in ihrem Unglauben begleiteten, bis sie plötzlich wieder Hoffnung hatte und jetzt wieder langsam anfängt mit Gott. Aber es gab auch immer mal wieder eine Frage bzw. Anmerkung, die mir in den letzten Wochen häufiger gestellt wurde: „Die waren doch alle nie richtig bekehrt!“ Ein Satz, wie ein Urteil. Und die Argumentation dahinter ist nicht gerade besser: „Wenn die richtig bekehrt wären, dann könnten sie sich nicht entkehren!“ Auch ein paar angefügte Bibelverse machen es meines Erachtens nicht glaubwürdiger, denn bei der Frage geht es vielleicht gar nicht so sehr darum, ob sie Recht haben, wer will das auf Erden beantworten? Sondern um die Haltung dahinter. Es ist genau die Haltung, die einige im Buch Interviewten in ihrem Entschluss sich zu entkehren bestätigt hat. Wer entscheidet das, wann ein Mensch glaubt, wenn der Glaube ein Geschenk ist? Ab wann kann oder darf ich mich Christ nennen? Im Moment meiner Entscheidung? Und wer urteilt darüber? Menschen oder Gott? Viele Fragen und weil diese nicht so einfach und immer klar zu beantworten sind, haben wir im Buch die Meinung der Interviewten ernst genommen. Wenn sie gesagt haben, dass sie sich für ein Leben mit Gott entschieden und (im Durchschnitt 23 Jahre) mit ihm gelebt haben, in der Gemeinde haupt- oder ehrenamtlich mitgearbeitet haben, ja, dann haben wir ihnen einfach geglaubt.

Ein ausführliches Interview über das Buch gibt es hier.
Eine weitere Lesung und Diskussion gibt es am 4. Juni in Marburg im Christus-Treff.

Sonntag, Mai 25, 2014

"Die Würde ist unantastbar und bedarf dennoch des Schutzes"


Heute war Europawahl und ich empfand den Wahlkampf zäh und habe mich über die Intransparenz bei den Verhandlungen über das neue Freihandelsabkommen zwischen EU und USA geärgert, die den wichtigen demokratischen Prozess für ein geeintes Europa konterkariert.  Dass es auch anders geht zeigt die Rede von Dr. Navid Kermani zur Feierstunde zu „65 Jahre Grundgesetz" die er am 23.05.2014 im deutschen Bundestag hielt. Ein Lehrstück an Demokratieverständnis und eine Pflichtlektüre für uns alle. Danke.

Hier zum Nachlesen.




Montag, Mai 19, 2014

„Über die Zukunft der Kirche.“





Die letzten Woche war ich auf dem EKD Zukunftskongress in Wuppertal/Dortmund, hörte interessiert zu,  traf unterschiedlichste Menschen und gestaltete mit Oberkirchenrat Dr. Roger Mielke und Pastor Jost Stahlschmidt zwei Seminare zur Frage der Anschlussfähigkeit der Kirche in den bestehenden Transformationsprozessen. Der Eröffnungsabend in der beeindruckenden historischen Stadthalle Wuppertals zeigte, dass die mittlere Führungsebene der Kirche Zielgruppe war. Der Ratsvorsitzende Schneider eröffnete feierlich den Abend, Bundespräsident Gauck sprach, ganz Pastor, über den Inhalt des Evangeliums, das niemals mehrheitsfähig und immer unbequem bleiben wird, die Moderatoren führten professionell durch den Abend, die Orgel umrahmte das Programm feierlich und das Ensemble Thios Omilos präsentierte a capella Gesang. Wenn „the medium the message“ ist, ist die Zukunft der Kirche (milieuorientiert gedacht) ziemlich klar umrissen. Zur inhaltliche Einführung ins Thema ‚Information, Transformation, Reformation’ sprach der Soziologe Prof. Dr. Knoblauch und präsentierte die aktuellen gesellschaftlichen Transformationsprozesse („Die Transformation von Religion und Gesellschaft“). Eine sehr gute und kompakte Zusammenfassung der aktuellen Diskurse mit Hinweisen, was dies für die kirchliche Arbeit bedeuten könnte. Eine Steilvorlage für die anschließende Podiumsdiskussion, die diesen Ball aber kaum und wenn, dann eher widerwillig aufnahm. Das verwunderte mich und je länger der Abend dauerte, desto mehr verfielen die Teilnehmenden in eine Art ‚Abstiegsrethorik’ (lag vielleicht daran, dass der HSV zeitgleich spielte), in der das eigene Vorgehen verteidigt und Durchhalteparolen zum Besten gegeben wurde („Ja, die Situation ist nicht einfach, aber Rücken durchdrücken und durch, wir machen doch keine schlechte Arbeit“). Gerade auf das von Knoblauch immer wieder ins Spiel gebrachten Thema „Respiritualisierung der Gesellschaft“ wollte keiner so recht eingehen. Stattdessen wurde auf die eigene Lage hingewiesen und die sähe doch ganz anders aus, wie die aktuelle Mitgliederbefragung der EKD zeige, die Mitglieder sehen sich selbst wieder engagierter, persönlicher und öffentlicher, traditioneller. In den Seminaren und bei den vielen Gesprächen beim Essen und zwischen den Veranstaltungen wurde dagegen kontroverser diskutiert, sowohl was Defizite als auch Chancen angeht. Es ist deutlich zu merken, dass viele sich sowohl ein geistliches Arbeiten mit den Menschen in und außerhalb der Kirche wünschen wie auch notwendige strukturelle Reformprozesse.
Insgesamt viel Gutes, aber es fehlte an mutigen Ideen und Basisorientierung. Nicht alles muss auf ‚500 Jahre’ angelegt sein, vielleicht braucht es mehr Experimente und „Gottesbegegnung in vorläufigen Formen“. Mehr Mut, in den bestehenden Strukturen Freiräume für neue Netzwerke zu schaffen, dass mehr Menschen sich an Kirche beteiligen können. Eine Chance wären vielleicht neue Formate gewesen, auch wenn dies bei Großveranstaltungen schwer umzusetzen ist. Aber wo anders sollen die Teilnehmenden positive Erfahrungen damit machen?

Bericht über das Zukunftsforum mit interessanter Diskussion.


Mittwoch, Mai 14, 2014

"Vom Leben in vertrauten und in fremden Welten oder Lernen von Korinth"


Diese Woche haben wir im Studienprogramm Gesellschaftstransformation über verschiedene Chancen und Grenzen von Milieus gesprochen und wie sie Kirchen und Gemeinden darauf reagieren (Soziale und kulturelle Veränderungsprozesse am Bsp. von Milieus). Die Nutzung der Milieukarten bestimmt ja nicht nur Werbung und Konsumverhalten, sondern zusehends unsere Gemeindenentwicklung. Sollen sich Gemeinden auf ein oder zwei Milieus konzentrieren? Oder lieber milieuübergreifend arbeiten. Die Probleme sind nicht neu, sie begegnen uns schon im Neuen Testament. Denn auch in den neutestamentlichen Gemeinden gab es unterschiedliche soziale Schichten, interkulturelle Probleme und verschiedene Lebensstile. Dies führte oftmals zu großen Spannungen innerhalb der Gemeinden, manchmal sogar zu Spaltungen. Gemeinde Jesu wurde schon immer mitten im gesellschaftlichen Kontext mit den Mitteln der Kultur gebaut. Menschen mit unterschiedlichen Prägungen und Biographien kamen zusammen und erlebten die Einheit um die „Mitte Jesus“, die alle Menschen eint und gleichwertig macht (Galater 3,28)und die Spannung, die diese Einheit immer wieder auf die Probe stellte. Dies wird schon bei der Gründung der ersten Gemeinde in Jerusalem sichtbar. Nach der Pfingstpredigt von Petrus kommen tausende Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen zum Glauben an Christus, die Gemeinde entsteht, eine Einheit entsteht, die soweit führt, dass viele sogar ihr Eigentum teilen. Gleichzeitig verhungern die ausländischen Witwen mitten in der Gemeinde. Die Einheit ist auf die Probe gestellt und die Gemeinde muss darauf reagieren. Dies ist nur ein Beispiel, es folgen in den nächsten Jahrzehnten viele weitere, in Gemeinden in Rom, Korinth, Galatien und an vielen anderen Plätzen. Am Beispiel der Gemeinde in Korinth sollen die sozialen Gruppen und Spannungen im Verhältnis zum Glauben kurz skizziert werden, um zu zeigen, dass schon damals die Frage der milieuübergreifenden Arbeit eine schwierige und herausfordernde Arbeit war.
Die Gemeinde in Korinth wurde Anfang der 50er Jahre durch Paulus gegründet der insgesamt 18 Monate in Korinth war, was für ihn eine lange Zeit war. Korinth war eine berühmte Hafenstadt, die ihre große kulturelle und ökonomische Bedeutung zu der Zeit langsam verlor. Trotzdem war Korinth ein Knotenpunkt für Handelsware und durch den angelegten Kanal mit dem Mittelmeer verbunden. So kamen Schiffe aus aller Herren Länder und brachten verschiedene kulturelle und religiöse Praktiken mit nach Korinth. Bei Ausgrabungen entdeckte man tausende von Tempeln und religiöse Opferschreine, die den religiösen Pluralismus der damaligen Zeit belegen. Höhepunkt war sicherlich der Tempel der Aphrodite. Mitten in diesem Siedepunkt der Kulturen lebte die christliche Gemeinde, die aus Juden- und Heidenchristen bestand und sich in verschiedene Hausgemeinden in Korinth aufteilte, die sich in den unterschiedlichen Milieus befanden. Die Gemeinde in Korinth spiegelt die soziale und pluralistische Vielfalt und die damit verbundenen Spannungen wieder. So gab es reiche Hausbesitzer (1. Kor 1, 11), bei denen sich die Gemeinde traf und Sklaven (7,21), die kaum Rechte, geschweige denn Grundbesitz hatten. Überhaupt gab es viele eher ungebildete Christinnen und Christen (1,26) die sich untereinander in ihrem Milieu (wahrscheinlich in der Hafengegend) getroffen haben und dann kamen alle „Hausgemeinden“ in den großen Häusern der „Reichen“ zusammen (11,22). Dort kamen dann die Konflikte der verschiedenen Lebensstile offen zu Tage, so gab es ethische Probleme (Rechtsangelegenheiten, unterschiedliche Ehevorstellungen, Speisevorschriften, Götzendienst, unterschiedliche Vorstellungen von Freiheit oder sexuelle Unmoral), aber auch Probleme bei gottesdienstlichen Abläufen. So haben die Reichen vor dem Abendmahl ordentlich gegessen und getrunken (so dass einige schon betrunken kamen) und die Armen kamen hungrig und hatten nichts (11,21-22). Dazu kam die unterschiedliche religiöse Sozialisation: Es gab Juden die Christen wurden (und das Halten des jüdischen Gesetzes für alle einforderten), Heiden, die Christen wurden (und mit den ganzen jüdischen Gesetzen nicht viel anfangen konnten) und den Proselyten (Heiden, die Juden wurden und dann Christen, die beide Seiten kannten, aber im Gegensatz den Heidenchristen „beschnitten“ waren). Dies führte zusätzlich zu Konflikten, so dass Paulus sich gezwungen sah ausführlich zu beschreiben, wie das Miteinander in diesem Durcheinander möglich ist (die bekannten Kapitel über „Starke & Schwache in den Kapiteln 8+10). Dabei betont Paulus besonders zwei Gemeinsamkeiten, zum einen den Mittelpunkt des Glaubens, das Kreuz und die Auferstehung Christi (1. Kor 1,18ff; 3,11, 15,1ff) und zum anderen die Gleichstellung vor Gott trotz aller Unterschiedlichkeiten (4,9ff; 12,1ff). Diese beiden Gemeinsamkeiten waren offenbar genug, um all die Differenzen und Schwierigkeiten auszuhalten und diese Gemeinde ein Geschenk Gottes zu nennen. Das ermutigt mich, auch in unseren Kirchen und Gemeinden Spannungen und Differenzen auszuhalten, auch über eigene Milieugrenzen hinweg. Die geistliche Haltung und das Festhalten an Gemeinsamkeiten war für Paulus Hoffnung genug, dann sollte es dies auch für mich sein.
Mehr dazu gibt es im Buch ZeitGeist 2: Postmoderne Heimatkunde

Montag, Mai 05, 2014

„Über die Diskrepanz zwischen Botschaft und Botschafter, zwischen biblischer Idee und der Wirklichkeit der Kirche.“


Der Autor und Dozent Jürgen Mette hat eine Rezension von „Warum ich nicht mehr glaube“ geschrieben, die sich etwas abhebt von den üblichen bisherigen Rezensionen und ich sie deshalb hier veröffentliche. Sie bietet viel Stoff zum Nachdenken und zur Diskussion.

Eine Rezension von Jürgen Mette: „Warum ich nicht mehr glaube.“

Der Titel provoziert halb Neugier und halb Abwehr. Will ich das wissen, muss ich das wissen? Wer vom Glauben abfällt, war doch wohl nie richtig durchbekehrt.
Wenn Halbfromme oder Namenschristen sich irgendwann aus einer ihnen fremd gewordenen und womöglich leicht angestaubten Kirche schleichen, dann würde das keinen wundern. Aber der Titel lässt vermuten, dass es um echte, engagierte, entschiedene und bekennende Christen geht, die sich mit einer klaren Entscheidung losgesagt haben und aus dem System leidenschaftlicher Herzensfrömmigkeit emigriert sind.
Bemerkenswert ist der Zeitpunkt der Erscheinung dieses Buches in der SCM-Kollektion: Dieses Entkehrungsbuch läuft mit kräftigen Auftrieb im Sog zwei anderer Bücher aus der SCM-Gruppe. Das Hänssler-Buch „Gott macht glücklich – und andere Lügen“ vom TV-Mann Dr. Markus Spieker – auch eine Analyse, die uns kalt duscht und so Herz und Hirn erfrischend durchblutet. Der zweite Wurf dieser analytischen Trilogie stammt von Ulrich Eggers und eckt mit „Ehrlich glauben – warum Christen so leicht lügen“ erfrischend an. Der Dritte im Bunde ist nun ein weiterer Aufreger aus diesem analytischen Genre: Tobias Faix und Co-Autoren präsentieren bei R.Brockhaus „Warum ich nicht mehr glaube“.
Soviel vorab: Ich verspreche weitreichende Einsichten über das Phänomen der Dekonversion, der Entkehrung. Wer weiß, warum Christen aussteigen, erfährt, was der Gemeinschaft der Heiligen fehlt.
 Zwei der Autoren – Faix und Künkler - sind promovierte Dozenten am Marburger Bildungs- und Studienzentrum (ehemals Marburger Bibelseminar) und Initiatoren vom Institut empirica. Martin Hofmann forscht an der TU Darmstadt und ebenso am Institut empirica. Faix hat sich als eifriger Autor und Co-Autor (z.B. mit seinem UNISA-Professoren-Kollegen Johannes Reimer) mit den Themen Gesellschaftstransformation und Emergent Church im konservativen Protestantismus Freund und Feind geschaffen. Ein experimentierfreudiger und gänzlich undogmatischer Beobachter nimmt uns mit seinen Mitdenkern Hofmann und Künkler auf eine Reise in ziemlich unerforschtes und emotional vermintes Terrain. Und ausgerechnet der katholische Theologe und Religionssoziologe Paul Michael Zulehner honoriert das Werk mit einem appetitanregenden Vorwort.
Wenn wir Kenntnisse über das „zum Glauben kommen“ haben, wie und warum sich Menschen be-kehren, sollten wir auch wissen, warum und wie Menschen sich wieder ent-kehren.
Der Leser wird in die Vorarbeit und die Methodik der empirischen Forschung eingeführt. Wir erfahren dann sehr aufschlussreich Kernbereiche des Glaubensverlustes: Moral, Intellekt, Identität und Gottesbeziehung. Die Dekonversations-Biografien junger Menschen sind selbstverständlich anonymisiert, aber es drängt sich ständig der Eindruck auf, dass die Geschichten mitten unter uns spielen, oder kurz vor dem Outing stehen: Eingeengte, Zerrissene, Enttäuschte, Geplagte. Ich gestehe gern, dass ich nicht die geringste Ahnung von den Abgründen hatte, in die junge Menschen auf dem Weg religiöser Sinnsuche geraten können. Was ich als Geistesleitung erfahre, als Führung Gottes, das durchschaut der Suchende als Zweckoptimismus, gruppendynamische Effekt, Machtmissbrauch, Manipulation und Ignoranz neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse. Wir als prägendes und predigendes Personal – berufen mit heiligem Ruf – sind unter Umständen Ursache für schmerzliche Entkehrungsprozesse. Dieses Buch öffnet uns Ent-zweifelten den Blick für die Ver-zweifelten, die weniger an der Bibel, sondern eher am göttlichen Personal gescheitert sind.   
Ernüchternd auch die Einsicht, dass neben dem Zweifel an der Zuverlässigkeit der Heiligen Schrift Vorbild und Prägung der Elternhäuser nicht nur den Glauben nähren, sondern die biblische Botschaft durch einen scheinheiligen Lebenswandel so zersetzen, dass die Kinder aus diesem behüteten, ängstlichen, intellektuell unmündigen und kulturpessimistischen Milieu emigrieren. Es ist die Diskrepanz zwischen Botschaft und Botschafter, zwischen biblischer Idee und der Wirklichkeit der Kirche, in dem der Unglaube keimt und schleichend zur Entkehrung führt.     
Wer sich von diesen - zum Teil dramatischen – Zeugnissen den Spiegel vorhalten lässt, wer sich als Rad im Getriebe der Entkehrung anderer erkennt, der wird vorsichtig im Urteil über Ex-Fromme. Diese Lektüre kann nur zur Buße und zu neuer Empathie mit denen führen, die auf der Strecke geblieben sind, aber vielleicht freier sind als wir, dichter an Gott selbst und seinem Wort. Wir lernen zu verstehen und werden still, ganz still. Und dann setzt vielleicht ein fruchtbarer Lernprozess ein, der im schönsten Fall zu einem versöhnten Treffen der Entkehrten führt. Wer sich entkehrt, entkernt sich nicht zwangsläufig. Die Distanz zu meiner Bekehrungsgeschichte könnte den Kern meiner Existenz aufdecken: mein Glück als Geliebter Gottes, die Freude über die Amnestie, die mir der Heiland Jesus Christus schenkt.

Montag, April 28, 2014

„Lesetour zur 2. Auflage “



Heute kommt die zweite Auflage unseres Buches „Warum ich nicht mehr glaube“ heraus und wir werden als Autorentrio eine kleine Lesetour veranstalten und dabei an folgenden Orten sein:
Donnerstag, 22.05. Witten, SCM Shop (FeG) (19:30 -21:00)
Freitag, 23.05. Gießen, FTA Books / (19:30 -21:00)
Samstag, 24.05. Holzgerlingen, SCM Shop (10:30 - 12:00 Uhr inkl. Bretzelfrühstück.)
Dabei wird es sowohl intensive Einblicke einzelne Biographien junger Erwachsener geben als auch ein systematisches Aufarbeiten der Gründe und Geschichten. Aber es soll neben den Gründen und Motiven warum junge Erwachsene nicht mehr Glauben können und wollen auch darum gehen, was Christen und Gemeinden tun können, um einen gesunden und mündigen Glauben zu fördern.