Mittwoch, Februar 22, 2006

"Johannes - ein gesellschaftsrelevantes Evangelium"

oder ein Beitrag zur "emerging church theology".
Das Johannesevangelium passt wunderbar in unseren gesellschaftlichen Kontext und ich kann jede Menge von Johannes und seinem Umgang mit der damaligen Zeit lernen. Johannes nimmt die damaligen Strömungen auf, benutzt die Sprache und das Wissen der griechischen Philosophie und des jüdisch hellenistischen Gnosisbegriffs und füllt diese Begrifflichkeiten apologetisch neu. Ob das so bekannte Ausdrücke wie „Wort“ (Logos) und „Wahrheit“ oder eher unscheinbare Begriffe wie „Sohn“ und „Glauben“ sind. Johannes gibt ihnen eine neue inhaltliche Bedeutung, die meist mit der Inkarnation Christi in Verbindung steht. Am auffälligsten ist dies sicher beim bekannten Johannesprolog, der sich gegen den gnostischen Erlösermythus der damaligen Zeit gewandt hat und mit den gängigen Begrifflichkeiten nur so herumspielt, bis er dann aus dem Logos die Inkarnation Christi „herauszaubert“. Das ist schon genial gemacht, das „Wort ward Fleisch“. Ein Weltbegriff mutiert in ein paar Versen zum fleischgewordenen Erlöser am Kreuz. Überhaupt ist der ganze Prolog ein kleines Wunderwerk, sein chiastischer Aufbau und die inhaltliche Zusammenfassung vom ganzen Evangelium. Ein Traum.


Die Frage ist, können, sollen und müssen wir heute dieses johannesche Prinzip übernehmen und gesellschaftliche Begriffe geistlich neu füllen, ja müssen wir dies nicht sogar tun? Wie sieht dies praktisch aus? Was für gesellschaftliche Strömungen sind das heute? (Heutige Gnosis?) Welche Begrifflichkeiten müssen neu gefüllt werden?

Kommentare:

Hufi hat gesagt…

Begriffe geistlich neu füllen ist sicherlich richtig und wahrscheinlich auch wichtig. Ich denke da einerseits an "christliche" Begriffe, die ihre Bedeutung verloren haben, die man neu füllen könnte, aber auch an Begriffe des täglichen Gebrauchs, wie "Gutes tun", "sinnvoll" usw., die man geistlich füllen könnte.
Sicherlich gibt es noch einige Bereiche mehr, wobei man auch nicht alles vergeistlichen sollte.
Das sind nur gerade die spontanen Gedanken meines inzwischen müden Geistes, ich werde noch etwas darüber nachdenken, aber erst nach dem ich etwas geschlafen habe ;-)

Mike hat gesagt…

Hallo Tobi
Ja, das Joh-Ev hat es in sich. In meiner Gemeinde haben wir dieses Jahr mit einer fortlaufenden Auslegung angefangen, wir sind zwar immer noch im ersten Kapitel, aber die Fülle und Dichte ist der Hammer!

Mathias hat gesagt…

Hi,
Das ist ein Super-Gedanke. Ich bin dafür, dass wir das Wort "Zufall" neu besetzen:

Zufall ist alles was Menschen von Gott zufällt.

Leonardo Iantorno hat gesagt…

Hi Toby!

Alte Begrifflichkeiten neu definieren ist ein guter Gedanke. Auch gerade in der Sprache, die die Jugend spricht. Besonders weil dort den verschiedensten Begriffen, die schlimmsten Bedeutungen gegeben werden. Wo das gelingt, kann ein Stück Hoffnung oder auch Sinn vermittelt werden.

Gofi hat gesagt…

Ich glaube, dass wir das ohnehin schon machen. Vielleicht nicht so kunstvoll wie Johannes. Aber wir können gar nicht anders, wenn wir das Evangelium verständlich kommunizieren wollen. Christen sind eben nicht nur Kinder Gottes, sonder immer auch Kinder ihrer Zeit. Die Sprachsensiblen unter uns arbeiten bereits an einer neuen Sprache, ohne es zu wissen. Ich sehe eher darin eine Aufgabe, sich diesen Sprachprozess bewusst zu machen, ihn bewusst anzugehen.

Die Frage, welche Begriffe neu zu füllen sind, ist allerdings müßig. Sie beantwortet sich von selbst in apologetischen Gesprächssituationen. Die Fragen der anderen drängen uns geradezu hinein in die Sprachweiterentwicklung. Das kann nur dann nicht der Fall sein, wenn kein Gespräch mehr stattfindet.

Toby Faix hat gesagt…

Ja und nein. Die Praxis im Alltagsgespräch ist das eine, was natürlich total wichtig ist. Aber ich denke die theoretische Durchdringung unserer Zeit und der Begrifflichkeiten/Situationen/Entwicklungen ist enorm wichtig. Beispielsweise, jemanden aus der Esoterikszene das Evangelium anhand von Tarotkarten zu erzählen, das empfinde ich schon als einen theoretisch vorbereiteten Schritt, der sich wahrscheinlich nicht allein aus dem Alltagsgeschehen entwickelt.