Dienstag, Oktober 10, 2006

„Obsession des Alltäglichen“ (Eine Rezension von „Eros“, Helmut Krausser)

Manche Menschen schaffen sich eine besondere Aura, geniale Menschen neigen zum Wahnsinn. Krausser (1964) vereinigt beides und inszeniert sein Leben ebenso wie er es schützt. Ob als obdachloser Schachspieler in München oder als subjektiver Chronist mit seiner zehnjährigen Tagebuchreihe (als Vorbote aller blogger). Er liebt die Provokation und ist entweder geliebt oder gehasst. Die Leser lieben ihn, die Kritiker hassen ihn. Dazwischen gab es bisher nicht viel. Bisher.
Sein Lebenswerk ist üppig, neben diversen Musikversuchen (von Indierock bis zum Opernlibretti), Theaterstücke (das beachtliche Lederfresse), Gedichten (Strom) und Novellen (Schmerznovelle) umfasst es nun vier große Romane, die Krausser die „Tetralogie der menschlichen Existenz“ nennt: Liebe (Melodien), Tod (Thanathos), Mythos (Ultrachronos) und jetzt Eros (Eros). Mehr, so Krausser, gibt es zum Menschen nicht zu sagen und deshalb schließt er sein Lebenswerk mit Eros ab und will nie mehr einen Roman schreiben. Ernst oder Marketing. Man wird sehen.
Nun also Eros, der letzte Roman, mit Spannung erwartet, das Gegenstück zu Thanathos, dem großen psychologischen Roman, der versuchte Raskolnikow in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts zu reinkarnieren. Ein großer Wurf, der in seinem metamorphosen Schluss die Hoffnung auf Eros nährte. Jetzt Eros. Dicht in der Sprache, lässt Krausser die Lebensgeschichte des Großindustriellen Alexander von Brücken von einem (unbekannten) Autor aufschreiben. Die Geschichte einer Obsession, einer unerfüllten Liebe, eines leidenschaftlichen Eros, der antreibt, um doch unerfüllt zu bleiben. Sophie heißt das Objekt der Begierde, deren Leben vom 2. Weltkrieg, über die 68er bis in die DDR beschrieben wird. lebensnah, detailliert, kontrolliert und doch von Alexander unerreicht. Krausser portraitiert aber nicht nur Sophie, sondern zeichnet sich, vor allem in der ersten Hälfte des Buches, als wunderbarer Chronist der entstehenden Bundesrepublik aus. Die Charaktere entfalten sich, die Atmosphäre ist dicht und spürbar, die Bilder Kraussers frisch und lebendig. Die Sprache ist für Krausser erstaunlich weich und die Betrachtungsweise der Protagonisten objektiv. Die Bilder des inneren Auges entstehen wie vor allein, als wäre Eros ein Drehbuch des menschlichen Verstandes. Doch in den wirren der 60er Jahre, mitten in den Studentenunruhen verliert der Film etwas an Farbe und gewinnt an Geschwindigkeit. Einzelne Situationen verschwimmen zunehmend und die bisher gesammelten Puzzelteile werden immer schneller zusammengesetzt und natürlich lässt Krausser einige Teile aus, so dass es wie, meist bei ihm, zu einem rätselhaften Schluss kommt.
Krausser ist ein außergewöhnliches Buch gelungen, das ihn wieder von einer neuen literarischen Seite zeigt, ohne, dass er sich völlig aufgibt. Das hohe Niveau kann meiner Meinung nicht ganz bis zum Schluss durchgehalten werden und eingefleischte Krausser Fans werden sich mit der fast leidenschaftslosen Sprache des „Biografen“ erst anfreunden müssen. Keine schöpferischen Sprachexzesse, sondern eine behutsames deutsch-deutsches Portrait um eine unerfüllte Liebe. Leise schreibt Krausser mit ironischem Unterton über die Obsession des Alltäglichen, die das ganze Leben zerstören kann.

Kommentare:

martin nagel hat gesagt…

nach der rezension im standart und in der südeutschen finde ich die von dir geschriebene rezension wunderschön geschrieben und was fast noch wichtiger ist, sie macht lust auf das buch

Toby Faix hat gesagt…

Das Buch ist es wert gelesen zu werden, due Kritik in der süddeutschen läßt sämtliche Objektivität vermissen, dies darf bei aller (berechtigten) Kritik einer so großen Zeitung nicht passieren.