Dienstag, November 07, 2006

"Exklusivismus in der Evolutionsdebatte"

In Marburg „tobt“ gerade eine richtige Schlacht zwischen Kreationisten (Intelligent Design), theistischen Evolutionären und Evolutionsanhängern. Jeden Tag Leserbriefe und jede Menge Diskussionen und gegenseitige Vorwürfe. Das Lustige ist, dass alle „Parteien“ einen exklusivistischen Absolutheitsanspruch vertreten. Die einem im Namen Gottes, die anderen im Namen der Wissenschaft und die dritten im Namen des Humanismus. Egal, für welche Richtung man sich entscheidet, streitet oder glaubt, es wird mit dieser Grundhaltung nichts werden. Das regt mich auf, macht mich traurig und wütend zugleich. Es werden blind Argumente geschossen, aber die Ursachen und die unterschiedlichen „Paradigmenbrillen“ kaum beachtet. So wird das nichts. Da rühmen alle die neue Toleranz der Postmoderne, den Pluralismus, der alle Meinungen gleichzeitig stehen lässt und wenn es ein bisschen zur Sache geht, ist alles wieder dahin. Das gibt mir echt zu denken. Vor allem die Schärfe der Debatte überrascht, als hänge von dem Ausgang der Debatte das Heil des Gläubigen oder der gesamten Wissenschaft ab. Apropos Wissenschaft, die wird von allen Seiten vereinnahmt als wäre es eine Hure, die man kaufen könnte. Wissenschaft lässt sich aber nicht einfach vor den Karren der eigenen, vorgefertigten Meinung spannen, weder auf der einen noch auf der anderen Seite. Eine Diskussion auf der Sachebene finde ich gut, wichtig und richtig, aber bitte die dialogischen Regel nicht vergessen. Zumindest von denen die sich Christen nennen, würde ich das erwarten.

Kommentare:

e-MiX hat gesagt…

mit dem beitrag sprichst du mir aus der seele. vor allem unter christen fehlt mir oft eine angemessene, sinnvolle und tolerante art der diskussion.

und was die anderen betrifft, würde ich es wiederholen, exakt auf den punkt gebracht.

und es regt mich auch auf.

fono hat gesagt…

>als hänge von dem Ausgang der Debatte das Heil des Gläubigen oder der gesamten Wissenschaft ab.

In gewisser Weise ist es auch so, wenn es auch nicht unbedingt um das Seelenheil geht. Ich persönlich möchte als Christ allerdings nicht mit Kreationisten in einen Topf geworfen werden, insofern ist mir die Debatte wichtig.

Letztlich geht es auch um die Wissenschaft an sich und wie sie betrieben wird. Würde ID als solche durch einen Einsatz im Schulunterricht faktisch legitimiert, wären dadurch alle echten Wissenschaften abgewertet.

Deshalb kann ich die Schärfe der Debatte nicht nur verstehen, sondern ich bitte sogar darum. Hier steht einiges auf dem Spiel.

Heike hat gesagt…

sehr interessanter blog eintrag - diese diskussion gibt es hier in USA schon seit jahren, manchaml mit sehr verbitterten und verhaerteten Fronten auf allen Ebenen: Schulen, Bildungsministerien der Laender, Kirchen... es gibt ganze Organisationen, die sich der Mission zur Verbreitung des creationism verschrieben haben. Diese machen es wirklich heilsabhaengig, ob man an die Schoepfungsgeshichte glaubt oder nicht (answersingenesis.org), mit dem Argument, wenn man nur einen Vers in der Bibel hinterfragt, oeffnet man die Tuer fuer Zweifel und Negation der ganzen Wahrheit. Haette nicht gedacht, dass ein solches Thema in Marburg solche Wellen schlaegt.

Toby Faix hat gesagt…

@fono: Was ist "Schärfe in einer Debatte"? Wenn es um Populismus geht, so wie in den meisten Leserbriefen, dann lehne ich es ab. Wenn es um einen Dialog geht, in dem ich auch andere Meinungen HÖRE, dann befürworte ich es. Dann kann auch deutlich un dklar argumentiert werden, was ich bisher aber selten erlebt habe. Und dieses pseudowissenschaftliche Gelabbere ist kaum zu ertragen: "Der anerkannte Wissenschaftler xy hat aber gesagt". Na dann...

Toby Faix hat gesagt…

@heike: Ich ehrlich gesagt auch nicht, vor allem nicht in der Heftigkeit. Und diese "Dominoangstmachargumentation" gibt es hier leider auch... ob wir das von Amerika lernen sollen??

fono hat gesagt…

@toby
>so wie in den meisten Leserbriefen

Ach, Leserbriefe spiegeln zwar eine bestimmte Meinung wieder, sind aber letztlich genauso unwichtig wie unsere Weblogs.

>Wenn es um einen Dialog geht

Ein Dialog mit Kreationisten ist schwierig bis unmöglich (weiß ich aus eigener Erfahrung und Diskussionen), weil deren Anhänger beharrlich darauf bestehen, daß ihrer Ideen als wissenschaftlich anerkannt werden müßten. Wenn man sie aber auf diese Ebene heraufhebt, hat man ihnen schon einen Fuß in die Tür gestellt. verständlich publik zu machen.

Anonym hat gesagt…

Ohne jetzt näheres über die konkrete Debatte zu wissen: Mich nervt es auch. Die einen tun so, als wär die Evolution bewiesen und die anderen als würde sich der Kurzzeitkreationismus angesichts der wissenschaftlichen Fakten geradezu aufdrängen. Richtig wohltuend sind da Wissenschaftler wie Siegfried Scherer, die nicht polemisch werden, sondern einfach den Stand der Wissenschaft darstellen und missliebige Fakten nicht verschweigen. Leute wie Dawkins oder Kutschera sind einfach nur nervig.

Toby Faix hat gesagt…

@fono: Ein Dialog, in dem einer die Wahrheit hat und über dem Anderen steht gibt es nicht. Das ist kein Dialog. Wenn ich nicht bereit bin eine andere Meinung stehen zu lassen, sondern den Anderen von meiner Meinung überzeugen und "bekehren" möchte, nennt man das "missionieren". Ich schaue auf den Anderen herab, dem Armen, da er ja nicht die Wahrheit erkennt. Aber ich erwarte, dass der Andere mir zuhört und meine Meinung aktzeptiert, auch wenn ich das von mir selbst nicht erwarte. So funktioniert das nicht, egal was für eine Meinung ich vertrete.

Dichristins Blog hat gesagt…

Hi Toby,

ein kurzer Gruss! Sorry, werde mich an dieser Diskussion mal nicht beteiligen! Habe gerade nur Zeit fuer das wirklich Wichtige: VFB 2 : HSV 0 !!!!

Das Leben kann ueberall auf der Welt so schoen sein :-)))

Dein Freund Matze

Toby Faix hat gesagt…

Hey, gut angekommen!? Schön wenn man Freunde hat, die auch über tausende Kilometer entfernt, Salz in die Wunden streuen! ;) Ein super gutes Einleben euch dreien!

fono hat gesagt…

@toby
Es geht erstmal nicht um die Wahrheit sondern um die Wahrheitsfindung. Es gibt festgelegte Kriterien die erfüllt sein müssen, damit eine Theorie als wissenschaftlich gelten kann. In der seriösen (oder wenn es dir lieber ist: der traditionellen) Wissenschaft ist man sich einig darüber, daß diese Vorraussetzungn von den Vertretern der ID nicht erfüllt werden. Deshalb ist es an der ID-Bewegung zu beweisen, daß ihre Hypothese mehr ist als der Versuch mit einem augemotzten Kreationismus das US-Schulsystem zu unterwandern. Afaik sind sie diese Beweise bisher schuldig geblieben, insofern erübrigt sich auch eine Diskussion auf gleicher Ebene.

Toby Faix hat gesagt…

@fono: Ich glaube es gibt verschiedene Ebenen in unserer Diskussion. Zum einen die wissenschaftliche Ebene zu der ich als Theologe gar nichts sagen kann, da ich kein Wissenschaftler bin (und ich übrigens auch behaupte, dass die Bibel kein naturwissenschaftliches Buch ist) und zum anderen die Laienebene, wie wir sie in der gegenwärtigen Diskussion am meisten finden. Und vor allem in der letzteren geht es mir um den Umgang und den Respekt den man vor einander hat. Es gibt ja nicht nur die Wahrheit, sondern auch die Liebe.

fono hat gesagt…

Ich befinde mich innerhalb dieser Diskussion natürlich auch auf der Ebene des interessierten Laien und kann dem, was du zum respektvollem Umgang schreibst nur zustimmen. Leider habe ich grobe Mißachtungen dieser Regel im persönlichen Austausch bisher hauptsächlich von der kreationistischen Fraktion erfahren müssen.

Bevor ich mein altes Archiv gelöscht habe, hatte ich eine eigene Rubrik zum Thema Kreationismus. Du glaubst nicht, was ich da für erboste E-Mails bekommen habe. Da war ich schon froh, wenn mir lediglich das Christsein abgesprochen wurde ;)

Toby Faix hat gesagt…

@fono: Ja, glaube ich dir und ich schäme mich als Christ für solche blind umher schlagende Menschen, aber ich ich möchte mich nicht auf ihre Ebene der Diskussion hinreißen lassen...

Anonym hat gesagt…

Kreationismus und ID sind doch toll! Ich zum Beispiel glaube an die Erschaffung der Welt durch das Fliegende Spaghettimonster (www.venganza.org)! Nein, kleiner Scherz, daran glaube ich nicht. Aber das erschien mir die bislang beste Antwort, die in den USA auf die ID-Debatte gegeben wurde. Mal ganz ehrlich, die Bibel als naturwissenschaftliches Lehrwerk darzustellen zeugt doch von einer Ignoranz sondersgleichen. Die Bibel ist ein Geschichtenbuch, kein Geschichtsbuch. Eine Sammlung teils grausiger Erzählungen, die starken Einfluss auf die Weltliteratur hatten und haben. Und das ist schön, denn so hat sie viele Leute zu Kreativität angeregt. Dass sie viele Leute zum Streit anregt, ist schade. Aber es gibt auch viele Leute, die sie zu Liebe anregt. Das ist meiner Ansicht nach ihr positivster Aspekt.