Dienstag, März 13, 2007

„Mangos und Bananen – vom Einfluss der Kultur auf unseren Glauben Teil 3“

Waren es zu Beginn der Kontextualisierung die so genannten „Drittweltländer“, die den „Abschied vom Gott der Europäer“ (Schreiter 1992) gefordert hatten, so haben sich inzwischen die Europäer weitergehend von ihrem Gott verabschiedet und somit ein neues Kapitel von Kontextualisierung aufgeschlagen. Besonders die Entwicklungen im Zuge der Postmoderne verstärken den Einfluss der kontextuellen Theologie innerhalb der westlichen Kultur, da die traditionellen kirchlichen Dogmen des christlichen Abendlandes immer mehr an Bedeutung verlieren und sich eine neue Säkularisierung breit gemacht hat. Die Auswirkungen des Pluralismus und des Individualismus auf die Missionswissenschaft und deren Praxis sind nicht zu übersehen. Die religiöse De-Institutionalisierung der christlichen Religion beginnt und eine individuelle religiöse Orientierung breitet sich in der westlichen Welt aus. Diese grundlegenden Veränderungen in den letzten Jahrzehnten haben besonders in der Theologie Spuren hinterlassen und eine neue Diskussion hervorgerufen, wie Theologie und auch Missionswissenschaften zu verstehen sind (Kirk 1999:7-22; Sundermeier 1999:214- 248). Die kontextuelle Theologie beschäftigt sich nicht nur mit dem biblischen Text und der theologischen Reflexion, sondern sucht die Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Kontext, in dem Theologie getrieben wird. Die theologische Reflexion wird in die jeweilige Lebenssituation eingebettet. Theologisches Handeln ist somit auch politisches, soziales und wirtschaftliches Handeln. Es handelt sich in der kontextuellen Theologie um einen Paradigmenwechsel innerhalb der Theologie, der im Wesentlichen im Bereich der missionarischen Praxis und der Missiologie entstanden ist. Kontextuelle Theologie ist immer auch „Tat-Theologie“, sie sucht die Anbindung an Menschen und nicht nur an Theorien. Der Missionstheologie David Bosch beschreibt in seinem Buch „Transforming Mission“ fünf wesentlichen Merkmale für die kontextuelle Theologie (Bosch 1991:425):

1. Die westliche Theologie hat bisher der Legitimation der bestehenden Verhältnisse in der Welt nur gedient.
2. Die Welt ist kein statisches Gebäude, das nur erklärt werden muss, sondern eine wirkliche und menschliche Welt, die verändert werden muss.
3. Der Einsatz für Arme und Randgruppen ist der erste Schritt im theologischen Arbeiten.
4. Theologen sitzen nicht im Elfenbeinturm ihrer Wissenschaft, sondern müssen mit anderen und Betroffenen gemeinsam Theologie betreiben.
5. Theologie ist in erster Linie Tat und nicht Wissen.

Kommentare:

Volker hat gesagt…

Bei dem Thema wäre sicher auch das neue Buch von
Alan Hirsch,
The Forgotten Ways: Reactivating the Missional Church, sehr interessant.

http://www.amazon.com/Forgotten-Ways-Reactivating-Missional-Church/dp/1587431645/ref=sr_1_1/103-9727643-7398232?ie=UTF8&s=books&qid=1173868306&sr=8-1

Manfred hat gesagt…

Theologie mit Diakonie zu ersetzen ist ebenso einseitig, wie das umgekehrte Modell, das ich für "westlich" halte. Wenn man überhaupt von westlicher Theologie sprechen kann.

Klingt erst mal schlau, ist aber zu polemisch und pauschal.

Ohne "Elfenbeintürme" wäre die Kirch ein kleiner verstrittener Haufen gelieben. So sind wir wenigstens ein großer verstrittener Haufen ^^

Wer der Theologie das Denken absprechen will, setzt sich historischer Umnachtung aus.

Tobias Faix hat gesagt…

@manfred: Also, vielleicht ist das in meinen kurzen post nicht gut rübergegkommen oder falsch verstanden worden, es geht nicht um den Ersatz, sondern darum, dass Theologie immer eine Tat zur Folge hat (und wenn es weniger Streits sind). Theologie um ihrer selbst willen neigt zum Pharisäertum. Das hat überhaupt nichts zu tun, mit nicht mehr denken, im Gegenteil, was man auch an Bosch sieht, der einer der größten Denker war, aber die Richtung und das Ziel des Denkens ist entscheidend!

Manfred. hat gesagt…

Naja, das geht schnell beim Bloggen. Ist halt schwierig, wenn man das Buch nicht selber gelesen hat und auch nicht die größte Motivation hat, englische Bücher zu lesen.

Aber eine bestimmte Frage habe ich: Wie soll man denn mit der 'Betroffenen der Randgruppe' Theologie treiben?

Und außerdem kann man nicht nur vom Ziel her denken. Kreative Köpfe müssen auch mal nur kreativ sein dürfen.

Tobias Faix hat gesagt…

Wie man mit einer Randgruppe Theologie treibt: Sie lieben, helfen, Essen austeilen, Kinder betreuen, aufs Amt begleiten (Mt 25).
Das mit dem kreativen Denken, da geb ich dir recht, manchmal muss man einfach loslegen , nicht immer das Ziel vor Augen...
Bosch lesen lohnt sich immer, momentan auf Englisch, vielleicht bald auf deutsch....

Matthias hat gesagt…

"1. Die westliche Theologie hat bisher der Legitimation der bestehenden Verhältnisse in der Welt nur gedient."

Ja und nein. Was ist z.B. mit Franz von Assisi? Dieser ist für mich immer noch ein Paradebeispiel dafür, was gelebte Theologie bedeutet. Hand, Kopf und Herz sehe ich in diesem Menschen vereint.



"2. Die Welt ist kein statisches Gebäude, das nur erklärt werden muss, sondern eine wirkliche und menschliche Welt, die verändert werden muss."

Dies ist wohl eine große Gefahr der Theologie, dass diese nur "nachzeichnet" und "denkt"- statt zu handeln. Bei manchen Theologen frage ich mich, was denn bleibt- im Sinne des Wertes des Lebens. Bücher und viele (Streit-)Schriften? ...

3. Der Einsatz für Arme und Randgruppen ist der erste Schritt im theologischen Arbeiten.

Ja. Ich selbst habe drei Jahre unter Obdachlosen, Drogenabhängigen und Prostituierten als 'Streetworker' gearbeitet. Ich glaube, dass ich dort am meisten geprägt worden bin was "meine Theologie" anbelangt und die Tat der Grundstein sein sollte, bevor jemand sich äußert. Zitat von Franz von Assisi: "Verkündigt das Evangelium - wenn nötig, dann verwendet Worte dazu". Leider ist es oft umgekehrt und ich glaube inzwischen fest, dass Gott auch mal "frommen Lärm" richten wird. Der Lärm, der es Menschen unmöglich macht zu glauben.
"Deshalb muss jedes Sprechen über Gott aus dem Schweigen geboren werden und in ihm verankert sein."
(Maurice Zundel)


4. Theologen sitzen nicht im Elfenbeinturm ihrer Wissenschaft, sondern müssen mit anderen und Betroffenen gemeinsam Theologie betreiben.

Dies erzeugt wohl eine lebensnotwendige Dynamik. Eine schöne Erkenntnis ...


5. Theologie ist in erster Linie Tat und nicht Wissen.

Die Trennung von Tat und Wissen ist in der Theologie ein Phänomen. Und gerade diese Diskrepanz ist es, welche Menschen von Christus fernhält. Warum sind wir bequem geworden und haben unsere Arme, Beine und Hände gegen "Wissen" eingetauscht? Das Evangelium ist einfach zu leben. Doch wir haben es geschafft uns in Theorien zu verstecken.

"Mein Volk, was habe ich dir getan, womit nur habe ich dich betrübt? Antworte mir!"

(Karfreitagsliturgie)


Dazu muss ich sagen, dass ich das Buch nicht gelsen habe und meine Kommentare zu diesen Thesen spontan geschrieben sind.


Gruß,

Matthias

Manfred hat gesagt…

Was mir noch kommt:
Wenn Theologie in erster Linie Handeln und nicht Wissen sein soll, muss man einen anderen Begriff wählen.

Die Lehre von Gott, ist gerade Wissen oder Wissenwollen.

@Tobi:
So wie Theologie treiben mit Randgruppen beschreibst, ist es doch Diakonie. Es ist die Tat. Während für mich nunmal Theologie das Wissen und Forschen ist. Das braucht seinen Platz und hat seine Berechtigung. Die Bibel besteht aus mehr, als nur "Gehe hin verkaufe was Du hast und gib es den Armen".
Da gibt es auch das Denken und Sinnen über Gott.

Ich kann mir gut vorstellen, dass wir 'heute' bzw. sehr bald, eine Aversion gegen das Wissen und Studieren haben/werden. Sicher ist die Tat oft zu kurz gekommen. Nur sind Menschen seit jeher gut, das eine zu vernichten ohne das andere zu tun. Außerdem profitieren wir alle ungemein von den 2000 Jahren Theologiegeschichte hinter uns.

Tobias Faix hat gesagt…

@matthias: Danke, sehr hilfreiche Gedanken.

Tobias Faix hat gesagt…

@manfred: Ich glaube, dass in der Theologie beides gleichermaßen steckt und man von beiden Seiten vom Pferd fallen kann. Diakone ist eine Teil der Theologie, gehört aber dazu genauso wie die Kirchengeschichte oder die Exegese. Wichtig erscheint mir die Verknüpfung der einzelnen Disziplinen. Wenn die Forschung einen Weg in die Praxis findet hat sie nicht nur eine Berechtigung, sondern bringt uns voran, wenn sie sich aber isoliert und für sich alleine steht wird sie zur Onanie.

Matthias hat gesagt…

Gerade in der Isolation der einzelnen Teilbereiche der Theologie geschieht dann eine Einseitigkeit. Die einen betonen das Wissen, die anderen die Tat und schon haben wir Theologie im Sinne der biblischen Lehre und die Diakonie schön auseinanderdevividiert. Die Folgen sehen wir heute: Gemeinden und Christen ohne Herz, aber mit einem Kopf voller ungelebter Richtigkeiten, sinnlose Streitkultur in der Theologie usw. Auf der andren Seite dann Hilfesbedürftige, welche nur einen mangelnden bzw. einseitigen Radius an Personen (Sozialarbeiter usw.) als Ansprechpartner haben. Das Komische dabei ist, dass ich bei Jesus solche Trennung nicht sehe. Und wenn mein Beitrag nun provokativ wirken sollte ... das ist so gewollt.

Tobias Faix hat gesagt…

@matthias: provokativ? Hab ich nicht so verstanden. Unserer Verständnis von Theologie ist immer einseitig, deshalb brauchen wir ja die Reflexion und die Korrektur, im blog und im Leben! :)