Donnerstag, Juni 14, 2007

„Gesellschaftstransformation“ Part 2

Das große Interesse und auch die kritischen Nachfragen zum Thema Gesellschaftstransformation haben mich sehr gefreut. Es zeigt, dass ein großes Interesse und Nachdenken zu diesem Thema vorhanden ist, aber auch der Begriff sehr unscharf, wenn nicht sogar unklar ist. Ich bin mir selbst noch nicht so 100% darüber im Klaren. Von „Gottesstaat“ bis „Wohlstandsevangelium“ – mit Gesellschaftstransformation kann wohl alles und nichts assoziiert werden. Der Begriff stammt eigentlich aus der Politologie und der Soziologie und beschreibt die Transformation einer Region oder eines Staates (z.B. nach einer Diktatur hin zu einem demokratischen Staat). Dabei spielen viele verschiedene Dinge eine Rolle und diese Veränderung auf den unterschiedlichsten Ebenen (Wie werden die Ressourcen verteilt? Wie entstehen Machtverhältnisse? Welche soziale Verantwortung hat der Staat? etc.) sollen zum wohl der Gemeinschaft und zum wohl des Einzelnen dienen. Im theologischen Kontext bekommt der Begriff nun eine neue Tiefe, nicht nur das menschlich Machbare, nicht nur demokratische Prozesse und Strategien sind wichtig, sondern die Würde des Menschen durch seinen Wert vor Gott spielt eine entscheidende Rolle. Die Veränderungsprozesse durch den Heiligen Geist werden im Umgang mit Menschen und Natur sichtbar. Wenn 5,6 Millionen Kinder (nach den neusten UN-Angaben) jedes Jahr an Hunger und Unterernährung sterben, bevor sie das Alter von fünf Jahren erreichen haben, ist das weder der Wille Gottes noch kann es uns Christen egal sein. Gott hat uns einen Auftrag für diese Welt gegeben, den wir nicht einfach so abschütteln können. Dabei ist mir völlig klar, dass dies kein idealistischer Auftrag ist, die Welt in ihren paradiesischen Ursprung zurückzuführen, aber zwischen Paradies und Chaos gibt es eine Menge zu tun. Leben in der Spannung zwischen jetzt und noch nicht! Das Reich Gottes hat begonnen, ist aber noch nicht vollendet. In dieser kreativen Spannung leben wir Menschen und wer immer diese Spannung einseitig auflöst wird ungesund und verzerrt in seiner Theologie und in seinem Handeln werden. Wir sind zwar geistlich gerettet, aber stehen mit beiden Beinen in dieser gefallenen Welt. Die eine Einseitigkeit geht in die Richtung: Wir können jetzt schon ganz und gar hier auf Erden Heil werden, wir müssen es nur annehmen und glauben, dann werden wir gesund, reich und schön (etwas flapsig ausgedrückt). Die andere Einseitigkeit geht ins andere Extrem: Wir müssen uns vor allem irdischen und leiblichen zurückziehen und uns ganz auf die innere Heiligung konzentrieren (mehr platonische Philosophie als christliche Theologie). Dazwischen leben wir. Und wir haben als Christen nicht den Auftrag die Welt zu retten, das hat Jesus schon getan, sondern sie zu gestalten. Dieser Gestaltung gehört zu unserem Auftrag als Christen und Gemeinden. Und dieser Auftrag hört nicht an der Gemeindetür auf, sondern beginnt eigentlich erst da. Wir können den Blick von Ungerechtigkeit und Armut nicht einfach abwenden, weder hier vor Ort noch von den Geschehnissen weltweit. Dabei gibt es sicherlich verschiedene Möglichkeiten dem entgegenzutreten, die Gedanken der Gesellschaftstransformation, geistliche Veränderungen nicht nur individuell, sondern auch strukturell zu sehen, mag davon auch nur eine sein. Transformation beginnt mit dem Denken, dem Erkennen und dem daraus verändernden Handeln der Menschen für Gerechtigkeit und Heil vor Gott und den Menschen.

Kommentare:

Onkel Toby hat gesagt…

Ich weiss nicht, mir ist der Begriff GT zu dick. Da hängen dann gleich wieder Tonnen an Erwartungen dran, denen niemand gerecht werden kann. Dein Begriff Weltgestaltung gefällt mir da besser, den kann ich besser auf mein individuelles Leben runterrechnen. Ich sehe da eine Analogie zu bewussten Konsumieren:

Ich kaufe keine Adidas - nicht weil ich glaube, das die Firma deswegen ihre Sweatshops schliesst, sondern weil ich versuche, auch beim Konsumieren ethische Kategorien miteinzubeziehen. Genauso wenig gehe ich davon aus, das ich die Gesellschaft transformieren werde, indem ich mein Leben danach ausrichte, was "Gottes Reich" aufbaut.

Ich weiss auch garnicht, ob Gott eine Transformation wirklich will. Wie Du schon schreibst - die Welt hat er bereits gerettet.

Ansonsten sehe ich das ähnlich.

Tobias Faix hat gesagt…

@onkel Toby: Ich gebe dir recht, dass der Begriff GT noch etwas holprig ist, ab der Begriff Weltgestaltung weniger "dick" ist, hängt glaub ich vom subjektiven Empfinden ab.... ;)
Das Gott eine Transformation möchte,heißt, eine Welt, die nicht nur geistlich errettet, sondern auch verantwortlich mit Ressourcen umgeht, der Unterdrückung von Menschen nicht egal ist, da bin ich sehr überzeugt, weil sich das wie ein roter Faden durch AT und NT zieht.
An was gearbeitet werden muss, sind aber sowaohl die Schärfe der Begrifflichkeiten als auch die theologische Präzision, da bin ich über alle Hilfe, Vernetzung, Anregung etc. dankbar. Ich befinde mich zurzeit in einem Prozess und merke, wie wichtig das Thema ist, aber auch, wie unsicher ich mich in vielem noch bin.

Onkel Toby hat gesagt…

Walter von der Tiefebene hat das Grundsätzlich für mich sehr gut zusammengefasst, vielleicht hast Du's auch schon gelesen:

http://glauben.twoday.net/stories/3726525/

Tobias Faix hat gesagt…

Ja, danke, hab ich gelesen udn finde es sehr interessant, vor allem die Clusterebene, was ich gerade für Deutschland für umsetzungsfähig halte. Aber es greift mit doch wieder nur zu sehr in den Gemeindekontext ein, es geht zwar auch um Kultur, aber eben um die Gemeindekultur. Ich stimme mit ihm überein, dass ich keine "christliche Kultur" möchte, aber mir fehlt die gesellschaftsrelevante Betonung der des Christseins. Ich glaube, dass wir Christen us nicht einfach raus halten können, du hast das wunderbar beschrieben für die Ebene der Einzelperson mit den adidas Turnschuhen, wie würde so ein ethisches Verhalten auf Gemeindebene aussehen? In was für einer Korrelation steht die Gemeinde zu ihrem Stadtteil/Dorf?

Walter hat gesagt…

Nachdem ich euch hier gelesen habe, wird mir erst klar, woher mein Unbehagen am Begriff "GT" kommt und weshalb mir "Weltgestaltung" (sicher auch nicht das Gelbe vom Ei) lieber ist.
Zuerst einmal: Tobias, ich gehe mit dir völlig überein, was das Interesse an der Gesellschaftsrelevanz des Glaubens betrifft. Wenn du aus meinen Posts auf Tiefebene einen zu sehr gemeindebezogenen Eindruck hattest, dann liegt das daran, dass mein Interesse da anders gelagert war und man nicht immer alles gleichzeitig sagen kann.
Für mich ist aber die eigentliche Frage, wie sich GT oder Weltgestaltung in der Nachfolge Jesu eigentlich vollzieht (dass sie es tut/tun sollte, ist für mich klar).
Der Kernpunkt ist: Mir riecht "GT" zu sehr nach einem staatlichen Weg (ohne dir jetzt böse Absichten zu unterstellen). Seien es sozialistische Ideen, sei es der Wunsch, die Gesellschaft irgendwie zu "verchristlichen". Immer klingt mir das nach etwas, was letzten Endes politisch durchgesetzt und juristisch festgeschrieben werden soll. Und wenn das nicht klappt, dann stehen wir frustriert da und landen am Ende doch wieder nur bei den Sex-Themen.
Ja, die Gemeinde wird auch die politischen Kommandohöhen beeinflussen, aber sie sollte sich in ihrer Praxis nicht von ihnen abhängig machen.
Wohlgemerkt: ich habe nichts gegen politische Prozesse, die die Gesellschaft umwandeln. Sie sind dringend nötig. Ich meine nur, dass die Rolle der Nachfolger Jesu eine charakteristisch andere ist.
Wenn wir die Gemeinde der christlichen Frühzeit anschauen, dann finden wir da eine real transformierende Wirkung der Christen, einfach durch ihre Existenz und ihre Art zu leben. Sie war eine Seestern-Organisation mit am Ende enormem, dezentralen Einfluss. Sie hat die Menschen massenhaft befreit, einen nach dem anderen.
Die Christen hatten aber kein Konzept, das eine GT zum Ziel erklärt hätte. Hätten sie es gehabt, dann wären sie wohl frustriert worden vom Widerspruch zwischen der Aufgabe und ihrer geringen Reichweite.
Stattdessen taten sie das, was in ihrer Reichweite lag und veränderten und gestalteten so die ihnen zugängliche Welt (die oftmals sehr begrenzt war). Im Ergebnis brachte das nach 200-300 Jahren eine riesige GT.
Ich hoffe, ihr versteht mein Interesse (ich formuliere das ja auch noch tastend): GT macht uns von anderen abhängig, denn sie ist gescheitert, wenn der Kaiser (=die politischen Instanzen und Mehrheiten) nicht mitspielt oder zu wenig Leute sich beeinflussen lassen. Weltgestaltung steht jedem offen, egal, ob die anderen mitspielen. Denn das Reich Gottes ist "nahe herbeigekommen" = jetzt schon praktizierbar.
Noch zur Klärung: ich spiele nicht "persönliches Leben" gegen Politik aus, ich sage noch nicht mal, man müsse "bei sich selbst anfangen". Ich habe nichts gegen politische Reichweite. Ich finde es gut, wenn Gemeinden sich zB in die Klimaproblematik einmischen oder für eine andere Behandlung von Ausländern eintreten usw. Das sollte viel mehr geschehen. Da haben wir gerade auch geistlich noch viel Gewinn zu erwarten. Aber wie das vielleicht mal zu einer GT führt, darüber sollten wir uns nicht zu viel Gedanken machen.

Tobias Faix hat gesagt…

@walter: Danke, sehr guter Kommentar, sehr konstruktiv - vielen Dank. Ich glaube nicht an eine christliche Politik und schon gar nicht an einen christlichen Staat, aber ich glaube, dass Christen politisch handeln können. Das ist für mich ein großer Unterschied. Und so würde ich das auf allen Ebenen sehen, GT heißt für mich nicht Politik nach der Bibel,aber es heißt, dass Christen und Gemeinden gesellschaftliche Themen aufgreifen und sich auch in gesellschaftliche Prozesse einmischen. Und was ich auf keinen Fall will: Das wir am Ende wieder auf Sex reduziert werden und zu nichts anderem was zu sagen haben! :)

Tobias Faix hat gesagt…

P.S. Zur Gemeinde: ICh glaube, dass eine Gemeinde, die nicht nur nach innen gerichtet ist, wesentlich wirkungsvoller und glaubensstärker wird. Außerdem denke ich, dass eine Gemeinde immer beides braucht, die Orientierung nach außen und innen, man kann und darf es nicht gegeneinander ausspielen.

Walter hat gesagt…

Ich stoße gerade auf Hasos aktuellen Bericht aus Manchester (http://tafel.4haso.de/?p=677). Da finden sich gleich eine ganze Reihe von (aktuellen und historischen) Beispielen, wie Christen gesellschaftsverändernd wirken können.
Besonders wichtig finde ich die erinnerung, dass hier im christlichen Raum (mit der Anti-Sklaverei-Bewegung) ein völlig neuer Typ von einflussnehmender Organisation entstanden ist. Diese Art von Beeinflussung ist das, was ich im Kopf hatte, als ich meinen Post oben schrieb.

Tobias Faix hat gesagt…

Ja, danke! Ich finde es sowieso sehr spannend wenn wir uns ein paar Paradigmenwechsel der Geschichte anschauen dun daraus lernen wie Christen darauf reagiert haben. In wie weit beeinflussen Christen solche gesellschaftlichen Wechsel udn in wie weit lehnen sie sie aus Angst ab?