Samstag, Februar 09, 2008

"Das Missverständnis Missionsbefehl"

Ich habe mich für eine Predigt vor einiger Zeit intensiver mit dem so genannten Missionsbefehl aus Matthäus 28 auseinander gesetzt und dabei eine für mich erschreckende und beglückende Erkenntnis gewonnen. Jahrelang hatte ich die Lutherübersetzung im Kopf, die den griechischen Text mit vier Imperativen wiedergibt:
19 Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes 20 und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.
Also: Vier Imperative, vier Befehle, die wir nacheinander ausführen sollen
1. Geht!
2. Macht!
3. Tauft!
4. Lehrt!
Diese Übersetzung Luthers ist aber falsch, es stehen im griechischen Text keine vier Imperative, sondern nur zwei. Und dies macht einen großen Unterschied. Richtig: zwei Imperativ, zwei Partizipien, keine zeitliche Abfolge, sondern eines bedingt das andere, es geschieht zeitgleich, während, indem eben:
1. Auftrag: Geht
2. Aufgabe: Macht
Wie (Methode): In dem ihr tauft und in dem ihr lehrt.
Interessant ist für mich, dass es nicht um eine chronologische Reihenfolge geht, sondern um einen Auftrag und dessen Beschreibung. Ich hatte früher immer das Gefühl, so und so muss man evangelisieren und nach dieser bestimmten Reihenfolge hat man es zu tun, aber dieses Verständnis wird dem Text nicht gerecht. Diese Erkenntnis ist für mich sehr entspannend und beschreibt wunderbar einen Aspekt eines missionalen Lebensstils. Der Auftrag ist Teil des Ganzen und lebt in allem was wir tun auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Eingerahmt wird dieser Auftrag und Anspruch des Evangeliums übrigens durch zwei Zusprüche (Vers 18 und 20b). Das finde ich sehr ermutigend, es liegt nicht an mir ...

Kommentare:

kapeka hat gesagt…

Richtig. Das ist eine wichtige Beobachtung, die zwar klein aber fein und auch von Bedeutung ist.

wegbegleiter hat gesagt…

Wobei natürlich das zu Jünger machen nicht ursächlich durch die Taufe geschieht - aber die Stelle zeigt schön deutlich, wie eng Glaube und Taufe verknüpft sind und wie schnell ein Frischling im Glauben getauft wurde, während bei uns (Freikirchen sind gerade gemeint) manchmal Monate und Jahre vergehen... oder gar Jahrzehnte... das NT sieht sie quasi als Einheit... danke für die Gedanken.

Achti hat gesagt…

Der Christof wieder mit seiner Taufe... ;-)

Will hier nicht klugscheißen, nur präzisieren, da mir diese Stelle auch sehr wichtig geworden ist.
Es sind nämlich drei Partizipien und nur ein finites Verb: zu Jüngern machen. Selbst das Gehen ist eine Implikation davon. Das bringt es nochmal auf die Spitze.

Tobias Faix hat gesagt…

@wegbegleiter: Die Tauffrage wird durch die Stelle sicher nicht gelöst, aber sie entspannt die Frage etwas.... :)

Tobias Faix hat gesagt…

@achti: Danke! :)

Ulrich M. hat gesagt…

die gute alte elberfelder übersetzung weist zumindest in der fußnote auf die partizipien hin(revidierte EÜ).
für solche fragen ist sie wirklich hilfreich.

Tobias Faix hat gesagt…

Ja, lese die Elberfelder nie ohne ihre Fußnoten! :)

Coppy hat gesagt…

Wobei ich mich frage ob die modale Übersetzung angemessen ist. Die Partizipien von Taufen und Lehren beziehen sich ja nicht auf die Völker. Panta ta ethnä ist ja Neutrum Plural, aber die Objekte der beiden Partizipien sind ja jeweil autous (Akkusativ, Maskulinum, Plural).
D.h. wenn sich das Taufen und Lehren auf die Völker beziehen würde, müsste da auta stehen. Da aber die maskuline Form hier steht sind so wie ich das sehe hier die Jünger, die mathätai (maskulin) aus dem "zu Jüngern machen" (mathäteusate) gemeint. Das macht aber dann die modale Übersetzung schwierig, da die Völker nicht durch Taufen und Lehren zu Jüngern gemacht werden, sondern die Jüngern aus den Völker getauft und gelehrt werden sollen.

So habe ich das zumindest mal gelernt ;-)

Tobias Faix hat gesagt…

@coppy: Das ist schon richtig und doch besteht ein innerer Zusammenhang. Wie schreibt der gute Ulrich Luz im EKK so schön: "das nicht explizierte Verbum mathätein wird durch die beiden Partizipialsätze erläutert."

werner hat gesagt…

Also für mich als Nicht-Theologen stellt sich doch eigentlich nur die Frage: "Kann ich Menschen die anders oder gar nicht glaube in ihrer Haltung so stehen lassen oder muss ich sie missionieren, damit sie nicht in die Hölle kommen?" Letzteres hat mir viele Jahre viel Druck und Angst gemacht, was es jetzt nicht mehr tut, weil ich so nicht mehr denken kann und will. Nun kann ich mich wieder entspannt über meinen Glauben unterhalten...

Lars hat gesagt…

Danke Toby!

Anonym hat gesagt…

Patiziep Aurist Passiv beim Grenzüberschreitenden Hingehen wird bei Steyer (Leipzig) gerade als ein Besonderer Befehl gesehen. Im Koine Griechisch ist dieses aus paralleler Literatur erschlossen. Also das wenn du hingegangen worden bist ist eine dem Studenten zu verzeihende Übersetzung aber nicht für einen Altgriechen. Gerade jetzt wo die Zweibahnstraße der Mission entsteht ist der betonte Befehl über die Grenze zu gehen für alle Christen sehr wichtig. Es entspricht der altestamentlichen Forderung : Du sollst den Fremden lieben wie dich selbst.
3.Mose 19,34