Samstag, März 29, 2008

„Olympia ,die Menschenrechte und die Politik“

Das olympische Feuer brennt und wird von verdienten Sportlerinnen und Sportlern der Vergangenheit werbeträchtig um die Welt getragen. Die Vertreter von Olympia bemühen sich derweil zwanghaft, die Olympischen Spiele in China zu verteidigen und die Chancen zu rühmen. Allen voran IOC Vizepräsident Bach, der gerne und oft davon spricht, dass die Olympischen Spiele von der Politik nicht instrumentalisiert werden dürfen. Die westlichen Regierungen müssen andere Mittel finden, um ihre Vorbehalte gegenüber China zu artikulieren. Mit letzterem hat Dr. Bach sicher Recht, aber wenn wir ehrlich sind, geschieht Ersteres schon die ganze Zeit. China instrumentalisiert die Olympischen Spiele nach Herzenslust und führt die westlichen Politiker wie ein Schwein mit goldenem Nasenring durch die olympischen Ringe. Jegliche Einmischung von westlicher Seite verbittet sich die chinesische Regierung mit dem Hinweis auf „innere Angelegenheiten“, die niemand anderen was angehen. China führt einen „Volkskrieg gegen den Separatismus“, der nicht nur notwendig, sondern auch konsequent mit aller Härte zu Ende geführt wird. Ja klar, die Welt feiert (gedopte) Weltrekordler und jubelt zusammen mit dem chinesischen Militär den Stars und Sternchen der Leichtathletik zu, während zeitgleich tibetische Mönche in Internierungslager verschleppt, Christen verfolgt und Regimekritiker verschleppt werden. Die Olympischen Spiele finden nicht im luftleeren Raum statt, sondern mitten im Leben, in einem Land, das sich wirtschaftlich wunderbar öffnen kann und dies auch im Bezug auf Menschenrechte und Religionsfreiheit tun sollte. Wie das am Besten unterstützt werden kann, ist sicher eine heikle Frage und nicht einfach zu beantworten, aber nur IOC Mitglieder und Sportler zu befragen, halte ich doch für sehr einseitig. Da können sich unsere Politiker nicht einfach raushalten. Apropos Politiker: Unsere Bundesregierung geht einfach nicht zur Eröffnung der Olympischen Spiele hin, war auch noch nie geplant. Sportereignisse interessieren Frau Merkel & Co ja überhaupt nicht. Ehrlich, so einfach darf man sich als Repräsentanten der Bundesrepublik nicht aus der Affäre ziehen. Ich seh nichts, ich hör nichts und ich sag nichts. Tibet – kenn ich nicht. China, kenne ich nur vom Wirtschaftsteil der FAZ und die Menschenrechte werden nach chinesischen Prinzipien penibel genau eingehalten. Ja, dann ist ja alles gut, das Feuer brennt, die Spiele können beginnen...

Kommentare:

Günter J. Matthia hat gesagt…

Ich frage mich schon seit Tagen, ob der Vergleich Deutschland unter Hitler / China heute zulässig ist. In beiden Fällen gibt es Olympische Spiele unter einem totalitären und undemokratischen Regime, das die Spiele instrumentalisiert, um der Welt zu suggerieren, man sei ja im Grunde ein ganz und gar zivilisiertes Land...

Vermutlich ist der Vergleich aber politisch unkorrekt, denn er ist in den Medien nicht zu finden.

Tobias Faix hat gesagt…

Oh, er ist in den Medien zu finden, aber genau so vorsichtig wie du es formulierst. In der Süddeutschen war heute morgen ein Artikel über Boykott von Olympia, u.a. von 1936. Ich habe auch darüber nachgedacht, sehe auch manche Parallelen, aber auch Unterschiede...

Rüdiger Halder, seines Zeichen konservativer, emergenter Pfingstler. hat gesagt…

Also mir schlägt die Ganze Sache mit Tibet mächtig auf dem Magen. Es ist sicherlich politisch nicht korrekt Hitler als Vergleich ins Spiel zu bringen. Aber es geht ja letztlich um eine destruktive, menschenverachtende und zerstörerische Weltanschauung, die sich in diesem totalitären System niederschlägt. Ich denke es gäbe auch für unsere Politiker genug sprachliche Ansätze um China ,politisch korrekt’ trotzdem ordentlich die Meinung zu geigen und z. B. in Sachen Olympia Boykott Akzente zu setzen. Doch letztlich wird der Wirtschaftsstandort China, mit seinem für den Westen unglaublichen Wachstumsmarkt, um ein vielfaches höher gesehen, als daß man sich hier wegen ein paar Mönche die Schnauze verbrennt. Das tut weh!
Was wir Merkel dennoch zugute halten müssen ist, daß sie es sich nicht nehmen ließ, trotz des Protestes seitens China, mit dem Dalai Lama zu sprechen. Also das Merkel nichts hört, nichts sieht und nichts sagt, stimmt hier m. E. nicht ganz.
Ich spüre für mich wieder mal die Ohnmacht in mir, nicht wirklich etwas dagegen unternehmen zu können. Dennoch habe ich gelernt, daß ich nicht zuerst die Frage bewegen soll, wie kann ich z. B. gegen China aufbegehren, mich mit Tibet solidarisieren? Hier kommt meistens dabei heraus, daß ich nicht glauben, daß die Welt gerechter wird, nur weil ich keine Fischdose aus China mehr kaufe. Für mich geht es grundsätzlich darum, daß ich hier als Christ eine grundsätzliche Verantwortung von Gott habe und zunächst ihm von meiner Herzenshaltung her Rechenschaftspflichtig bin. Diese Grundhaltung ist zunächst völlig unabhängig von der Frage, was ich als einzelner z. B. in Bezug auf China bewirken kann. Mein Handeln und gerade mein Nichthandeln hat immer zunächst eine Bedeutung vor Gott. Dies nimmt mir die Ohmacht und gibt mir Sinn für mein Handeln, welchen ich so oft nicht sehen kann. Und so mache ich mich auf, es zu vermeiden, ein solches totalitäres System zu unterstützen. Klar, vielfach wissen wir nicht, woher Dinge, die wir kaufen, oder Teile davon, herstammen. Dies nimmt uns dennoch nicht aus der Verantwortung im Rahmen unserer Möglichkeiten näher hinzublicken und Menschen dafür zu sensibilisieren. Und warum sollte dies nicht bei IKEA beginnen? ;)

Tobias Faix hat gesagt…

Ja, das ist ein guter Punkt. Es nützt nichts, nur die Regierung zu kritisieren, sondern es muss das eigene Kaufverhalten hinterfragt werden...

Anonym hat gesagt…

Ich finde den Punkt mit dem "nicht im lufteeren Raum" gut.

Ich halte diese Olympiade und was damit zusammenhängt, für eine reine Farce und werde sicher nicht einschalten.

Mir scheint, als würde die Diskussion um die Olympiade ein Problem unserer heutigen westlichen Kultur aufdecken. Alles hat seinen Preis. Wir haben viele schöne Gedanken und vergessen das eigentliche Leben. Würden wir uns ehrlich mit den Lebenstatsachen Chinas, der Wirkungen von Weltpolitik und Welthandel auseinadersetzen, gäbe es sicher keine Olypiade in China. Aber irgendwie scheinen wir es immer wieder zu schaffen, unseren Traum vom guten Menschen zu leben, ohne die Kosten dafür zu sehen. Die Olypiade kostet chinesisches und tibetisches Blut.

[zynisch]Aber das ist ja egal. Es ist viel besser, der Welt zu zeigen, wie der Sport uns verbindet.[/zynisch]

Anonym hat gesagt…

was hat das alles mit ikea zu tun????

Tobias Faix hat gesagt…

@anonym: Naja, vielleicht sollte ich die Werbung für das gleichnamige Buch doch verstärken? ;)

Rüdiger Halder, seines Zeichen konservativer, emergenter Pfingstler. hat gesagt…

Hi Anonym,

das mit IKEA ist eine augenzwingernde Anspielung auf Tobys neues Buch: würde Jesus bei IKEA einkaufen? ... Toby schreibt da von einem Spiel, daß bei sich zu Hause mal durchgeführt hatte: Woher kommen deine Klamotten und Einrichtungsgegenstände? Da hatte er etwas erschrocken festgestellt, wieviel Dinge, die bei ihm so rumstehen, aus China kommen.

Rüdiger Halder, seines Zeichen konservativer, emergenter Pfingstler. hat gesagt…

Ups, ich hoffe, ich hab jetzt nicht zuviel verraten

Tobias Faix hat gesagt…

@ rüdiger: auf diesem blog gibt es doch keine Geheimnisse! ;)

Christopher hat gesagt…

Die Frage ist doch: Kann ich einen Menschen, kann eine Nation eine andere verändern? Jenseits aller politischen Korrektheit glaube ich, dass dies nicht geht. Aus dem einfachen Grund, weil ich genau weiß, dass ich mich von einem anderen nicht verändern lassen will.

Darum wird Fernsehverzicht noch weit weniger als Konsumverzicht die Probleme zwischen China und Tibet lösen. (Übrigens so wenig, wie von Politikern weggeworfene Nokia-Handys ein heimisches Handy-Werk retten konnten). Wenn es einem persönlich hilft, die eigene Hilflosigkeit zu verdauen, OK. Darüber hinaus bleiben solche Aktionen wohl eher wirkungslos.

Spannend wäre, wenn wir mal wenn wir in den Blick nehmen, was in der Vergangenheit die großen Regime in die Knie gezwungen hat.

Krieg hat sich nach WW2 ziemlich abgenutzt und nur noch selten Erfolge gezeigt. Auch wirtschaftliche Sanktionen und politischer Druck haben mehr Kolateralschäden als Veränderungen hervorgebracht.
Viel bahnbrechender waren innergesellschaftliche Veränderungen.

Klar, dass wir die Augen nicht schließen sollten und auf bessere Tage warten. Aber es ist immer ein Abwägen des Preises, den man zu zahlen hat. Wie sehr man sich für die Wahrung der Menschenrechte einsetzt, hat letztlich doch mit der Stärke des Gegenübers zu tun! Wirtschaftlich, militärisch, politisch. (Sonst hätten wir Bush längst nach Elba verbannt.) Darum ist die Abwälzung der Verantwortung via Spott und Hohn auf unsere Politiker eine fragwürdige Lösung.

Was haben in der Vergangenheit jeweils Einzelne getan, um einen Beitrag zu leisten?

Für die Religiösen unter uns: Wann haben wir das letzte Mal konkret für China, Tibet und andere Sorgenkinder gebetet? Oder leben wir im Hinblick auf diese Machtverhälnisse mit überkommenen Klischees?

Tobias Faix hat gesagt…

@christoph: Ach, du bist so weise und nimmst einem jeglichen Idealismus! :)
Ich geb dir ja Recht und doch widerspreche ich leise. Natürlich nützt so ein Blogeintrag nichts und auch ein Blick in die Geschichte ist mehr als hilfreich und trotzdem glaube ich, dass Veränderung im Denken anfängt und die Beschäftigung mit dem Thema ein guter erster Schritt ist. Ich habe zum Beispiel gerade einen Podcast von zur Geschichte Tibets gehört, was sehr interessant und aufschlussreich war. Was das Konsumverhalten angeht, bin ich tatsächlich etwas idealistischer als du, bei China ist das schwierig, da ja bestimmt 50% unserer Artikel aus dem Land kommen, aber ich glaube, dass eine Verweigerung der Masse (wie immer die auch mobilisiert werden kann) eines der effektivsten Mittel ist (Shell beispielsweise). Und natürlich ist jedem der eigene Geldbeutel am nächsten, deshalb ist es auch so schwierig, aber ich will mich damit auseinandersetzen, es muss auch mich was kosten dürfen.
Und Gebet, ja, dass dürfen wir nicht vergessen. Danke!

Christopher hat gesagt…

@toby: Widersprich ruhig laut! ;-)

Idealismus will ich freilich niemandem nehmen, schließlich bin ich ja selbst notorischer Idealist. Ich bin auch durchaus sensibel hinsichtlich meines Konsumverhaltens und habe dafür gute Gründe. Und für die umweltgerechte Entsorgung von BrentSpar habe ich seinerzeit auch bei Aral getankt.

Im Übrigen glaube ich, dass Blogeinträge absolut nützlich sind. Deine allzumal.

Für das "Problem China" gibt m.E. es auch eine gewaltige Chance: 1,3 Milliarden Menschen nämlich. Es ist mir ein Rätsel, warum so entsetzlich viele von ihnen ihre Unterdrückung hinnehmen. Aber darum freue ich mich für jeden Menschen, der zu Olympia nach China reisen kann, und demokratische Sporen (oder sagen wir lieber Blütenstaub) dort hinterlässt. Isoliert und ausgegrenzt ist mir die größte Volkswirtschaft der Welt nicht nur zu gefährlich, sondern auch zu hoffnungsarm.

Tobias Faix hat gesagt…

@christopher: Leute die ich schätze und ehre, widerspreche ich immer nur leise! :)
Mit der Isolation, da gebe ich dir Recht aber alles hinnehmen sollten wir auch nicht. Ein echtes Dilemma....

ebbelwain hat gesagt…

Als tendenzieller Idealist bin ich innerlich auch auf Konfrontationskurs gegen die China-Herrscher. Doch ich erinnere mich an Reportagen aus China über die Nationalismus-Welle dort. Und der Kommentar von Kundigen lautet: wären die Roten nicht mehr an der macht, wäre der Nationalismus noch ungezügelter. Viele Chinesen sehen in sich nicht die "Emporkömmlinge ohne (politische) Kultur", die wir Westler gerne in ihnen sehen. Nein, China ist auf dem Weg- nach einer kurzen Pause im 20.Jahrhundert- wieder "die" Weltmacht zu werden. Und entsprechend gebären sie sich... leider...

Zum Weiterlesen: Faz-Artikel vom 27.3. Artikel

Matthias H. hat gesagt…

ich denke, ein Olympia-Boykott wäre zwar sinnvoll, wirkt aber lächerlich, da hat das ioc schon recht. wenn die politik sich nicht traut, wirtschaftliche sanktionen zu verhängen, weil man dann selbst einschnitte machen müsste, wie kann man dann erwarten, dass politische impulse von sportverbänden gegeben werden?!? wenn etwas geschehen sollte, dann müsste dies von anderen leuten zuerst passieren und dann kann man über einen boykott nachdenken. und niemand will ernsthaft riskieren, dass china seine dollarreserven auf den markt wirft und damit die halbe westliche welt ruiniert. das ist aus politischer und ökonomischer sicht verständlich, aus idealistischer sicht natürlich mehr als fragwürdig...

Tobias Faix hat gesagt…

@ebbelwain: Danke für den Hinweis, interessanter Artikel...

Tobias Faix hat gesagt…

@matthias h. Ja, dass ist das angesprochene Dilemma in dem die Politik steckt. Für wen und wann soll man Verantwortung übernehmen. Das ist sicher schwierig, wobei eben die Tibeter, Christen oder andere Dissidenten auch dazu gehören...