Dienstag, Januar 06, 2009

„Was ist emerging church Part 3: theologische Perspektiven“

Wenn man sich der Frage nach den theologische Perspektiven nähern möchte, muss zuerst festgehalten werden, dass es keine „Theologie der emerging church“ gibt. Dies hat gleich mehrere Gründe, zum einen ist die EmCh Bewegung viel zu jung, als dass sie schon über eine eigene Theologie verfügen würde und zum anderen, und dies gilt besonders für Deutschland, bewegt sich die EmCh in ganz unterschiedlichen theologischen Orten und Gemeinden (siehe Part 2), so dass es keine einheitliche Theologie im Sinne einer Dogmatik in näherer Zukunft geben wird. Was viele eint, ist die Suche nach einem sicheren Ort, um über Theologie, Glauben und Gemeinde nachzudenken und zu diskutieren. Dabei gibt es theologische Themen, die mehr im Mittelpunkt stehen wie die Ekklesiologie, die Soteriologie oder die Missiologie. Aber auch in diesen Teildisziplinen gibt es ganz unterschiedliche Diskussionen und Herangehensweisen. Peter Rollins hat dies gut zusammengefasst:

„Der erste Anlauf, dieses Netzwerk zu verstehen, hinterlässt oft eine gewisse Enttäuschung, weil sich sein kinetisches und dynamisches Wesen nicht einfach auf ein paar theologische Lehren und rituelle Praktiken reduzieren lässt. Stattdessen haben wir es mit einer vielschichtigen Matrix von Beziehungen zu tun, die unterschiedliche Gemeinschaften verbinden. Schon ein kurzer Überblick über dieses Netzwerk verrät, dass die Beteiligten weder eine bestehende theologische Tradition verbindet, noch der Wunsch, eines Tages eine zu entwickeln.“ (übersetzt von P. Aschoff)


Wenn es also nicht über die einzelnen theologischen Themenfelder geht, müssen wir uns dem Thema Theologie etwas weitläufiger nähern, von der methodologischen Seite. Dann würde ich die emerging Bewegung in Deutschland folgendermaßen theologisch einordnen: „Emerging church ist der Versuch einer Kontextualisierung des Evangeliums in das örtliche Milieu.“ Alle weiteren theologischen Fragen können in diesem Rahmen geführt werden. In Part 4 wird es um die soziologische Einordnung gehen und dann auch um die Milieus. Was in der Mission schon seit über 20 Jahren gang und gebe ist, passt nun auch in den westlichen Ländern: Kontextualisierung. Prof. Feldkeller von der Universität Berlin schreibt beispielweise (in Anlehnung an Bosch), dass wir eine neue Missionstheologie für den Western brauchen. Jede Theologie ist kontextuelle Theologie, da es keine Theologie „im luftleeren“ Raum gibt. Deshalb verändert sich Theologie durch die Jahrhunderte immer wieder, bis heute. Die lebensverändernden Umbrüche der Postindustrialisierung zeichnen einen Paradigmenwechsel, der allumfassend ist und uns herausfordert, das Evangelium ganz neu zu leben. Diese Veränderungen fangen damit an, die eigene Prägung zu hinterfragen, und die „Ursprünglichkeit“ der Bibel im neuen Kontext zu entdecken. Kennzeichen ist dann die Erkenntnis, dass es perspektivische Grenzen gibt. Keine einzelne Version der Theologie stellt eine „vollständige Theologie“ dar. Deshalb brauchen wir die „emergent conversation“, um in die eigenen „blinden Flecke“ Licht zu bekommen.

Kommentare:

volker hat gesagt…

Hi Toby,
denkst Du dass das, was Scot McKnight auf "Jesus Creed" als "Den Dritten Weg" (THE THIRD WAY) bezeichnet, auch auf die Theologie der Emerging Church zutrifft? Ich habe die Bezeichnung "Third Way" in Deutschland noch nicht so gehört (im Gegensatz zur "Third Wave", die nach Peter Wagner eine dritte Bewegung des Hl. Geistes nach Pfingst- und charismatischer Bewegung ist). Vielleicht ist dieser "Dritte Weg" aber eine gute Charakterisierung eines mehr theologischen Paradigmenwechsels, während die Emerging Church vielleicht etwas mehr auf neuere Formen (Kontextualisierung etc.) setzt (und dabei theologisch offen ist).

volker hat gesagt…

Hier noch der Link zu Scot's Blog: http://blog.beliefnet.com/jesuscreed/2008/12/the-third-way.html

Ilona hat gesagt…

Es könnte verwirren, dass das Ganze so wenig greifbar ist - also, ohne konkrete emergent-Theologie oder die Planung von emergent-Gemeinden. Aber ich find's vor allem sehr, sehr spannend! Und es scheint mir auch mehr Sinn zu machen, Dinge von innen her zu verändern als die x-te neue Gemeinde(form) zu gründen. Hab' ich das alles richtig verstanden? ;-)

LG,
Ilona

Tobias Faix hat gesagt…

@volker: Jain, McKnight versucht einen "thrid way" zwischen "liberaler" und "konservativer" Theologie zu bestreiten, der die beiden "klassischen Kategorien" sprengt. McKnight ist sicher ein Theologe der einen größeren Einfluss auf die EmCh Bewegung hat.

Tobias Faix hat gesagt…

Ilona: Ja, da gebe ich dir Recht. Natürlich wäre es einfacher, wenn es wieder um die "Sieben SChritte zur perfekten Gemeinde" gehen würde, aber das hatten wir in den letzten Jahrzehnten zu genüge. :)

Andib hat gesagt…

Moin Tobi,

du schreibst es nicht explizit, aber es klingt und ich meine es mach die EmCh mit aus: Zum Einen der Verzicht auf die Absicht, EINE Theologie zu haben und damit gleichzeitig: Das Akzeptieren der Tatsache, dass es keinen Standpunkt mehr gibt, von dem aus man versuchen kann, eine "vollständige" Theologie zu entwickeln.

Das mag sich ja erst mal nach nichts besonderem anhören, ist aber ein paradigmatischer Wandel. Der bewußte Verzicht auf Absolutheiten. Das hat jede Menge Konsequenzen! V.a nicht nur theologische ...

Tobias Faix hat gesagt…

Ja, das ist genau der Punkt. Gibt es die eine wahre Theologie? Es spielt sicher eine Rolle, was man unter "Theologie" überhaupt versteht, aber im Allgemeinen ist Theologie immer eine menschliche Interpretation und somit zwangsläufig einseitig. Deshalb ging es mir erst Mal darum die Rahmenbedingungen zu klären, bevor theologische Diskussionen im Einzelnen anfangen.

andib hat gesagt…

Jep! Allerdings: Unsereiner sagt das so leicht; fast nebenher "Theologie ist zwangsläufig einseitig". Vielleicht ist das vollständige Akzeptieren der Perspektivität eins der wenigen Dogmen der EmCh und der Verzicht auf Absolutheiten die Grundlage für die gelingende EmCoversation.

Tobias Faix hat gesagt…

Ja, aber man muss sich ja nur die Theologiegeschichte anschauen, um zu merken, dass jede Theologie in den Kontext ihrer Zeit eingebettet ist, ja sogar ohne diesen Kontext hat nicht zu verstehen ist. Dieses Jahr ist Calvinjahr, ein großer Theologe und Reformator, aber ist die Institutio die alleinige Wahrheit? Das würde doch niemand behaupten...

Andib hat gesagt…

Genau, das würde heute niemand behaupten. Damals haben sie sich aber die Köppe dafür abgehauen oder Kriege geführt. In "der Theologie" gab es zumindest vor ein paar Jahren oder Jahrzehnten noch ordentliche Streitigkeiten über Erkenntnistheorie oder den wissenschaftlichen Methodenkanon in den biblischen Fächern. Im Evangelikalen Raum gibt es bis heute genügend Leute, die sich im Besitz der einen Wahrheit wähnen oder wissen wollen, was genau die Bibel ist und wie sie auszulegen ist.
Von diesen Streitgkeiten und dieser Sicherheit hat sich die EmCh meiner Meinung nach verabschiedet und das halte ich für eine wichtige inhaltliche Entscheidung ... auch wenn sie evtl. schon im Mainstream angekommen ist - weiß ich nicht. Es macht ja einen ziehmlichen Unterschied, ob ich Calvin für kontextuell halte oder auch mich selbst und ALLES, was ich denke!

Andreas hat gesagt…

Wie steht es denn mit der Frage, ob es ein wahres Dogma gibt?
Mir scheint, wenn es auch nur ein wahres Dogma gibt, dann gibt es auch eine wahre Theologie.

Gibt es ein wahres Dogma?

Tobias Faix hat gesagt…

Ja, ich finde mit Dogma (als Glaubenssatz) kommt man der Sache sicherlich etwas näher. Aber die Problematik bleibt, es gibt von vielen Menschen (Kirchen) unterschiedliche Dogmen (BSp. Katholische Kirche), die sich u.a. widersprechen. Ist jedes Dogma die Wahrheit? Nein, aber unterschiedliche Menschen können sich ein Dogma beschreiben und es als Wahrheit anerkennen.