Montag, November 16, 2009

„dranStudie 19plus: Ein kritischer Blick“

Keine Frage, die dranStudie 19plus hat unsere Erwartungen gesprengt und unsere Hypothesen widerlegt: Die Gemeinden werden von der jungen Generation viel positiver gesehen als vermutet. Das ist sehr erfreulich. Aber man darf sich auch nicht verführen lassen von den Zahlen, da die Interpretation natürlich von unterschiedlichen Blickwinkeln möglich ist. Deshalb möchte ich mal einen gemeindekritischen Blick wagen, nicht weil ich gegen Gemeinde bin (ganz und gar nicht), sondern um eine realistischen Blick auf das Ganze zu bekommen. Fangen wir mit einer zentralen Zahl an: 61,8% der jungen Erwachsenen sehen Gemeinde als ihre geistliche Heimat an. Das ist überraschend hoch, aber heißt im Umkehrschluss auch, dass 38,2% der jungen Erwachsenen ihre Gemeinde nicht als ihre geistliche Heimat sehen, oder jeder 3. Junge Erwachsene. Von der Stichprobe habe wir sicherlich mit 92,4 % mehrheitlich jE die momentan in eine Gemeinde gehen, heißt 7,6% der Befragten haben keine Gemeinde (in ganzen Zahlen waren das: 193 jE, von diesen lohnt sich sicherlich auch eine extra Auswertung). Diejenigen die in eine Gemeinde gehen, sehen diese aber durchaus kritisch. So sagt nur jeder zweite JE sagt, dass sie/er durch die Gemeinde Kraft für den Alltag bekommt (57,8% oder bei persönlichen Problemen Unterstützung von der Gemeinde erhält (51,1%). Dies sind schon sehr nachdenkliche Zahlen, die zeigen, dass jE zwar sehr engagiert sind, eine hohe Identifikation mit der Gemeinde haben, aber für ihre geistlichen Ziele nicht die gewünschte Unterstützung bekommen. Wenn man bspw. darauf schaut, was sich jE unter geistlicher Heimat verstehen, so kommt man auf die Top 3: „ich finde es wichtig, dass Christen sich sozial engagieren.“ 86,6%; „ich finde es wichtig, Christsein mehr über Taten als über Worte zu leben.“ 80,9%; „ich denke regelmäßig darüber nach, wie ich als Christ authentisch leben 78,9%. Aber gerade diese Dinge spielen in der Gemeinde keine zentrale Rolle. JE wollen aber gerne über diese Themen reden, sie diskutieren (89,4%) und wenn man sie fragt, was sie sich am meisten von der Gemeinde wünschen, so antworten sie mit „Mentoring“.
Sehr interessant ist auch die Einschätzung der Haupt- und Ehrenamtlichen Leiterinnen und Leiter in Gemeinden. Sie schätzen die Situation sehr viel negativer ein. Nur 10,5% glauben, dass sich jE in ihren Gemeinden wohlfühlen. Überhaupt haben jE in Gemeinden ihren Leitern zufolge das Gefühl, dass ihre Mitarbeit zwar willkommen ist, aber auf die Frage, ob die Meinung der jE in ihrer Gemeinde ausreichend in wichtigen Entscheidungsprozessen berücksichtigt wird, antworten nur 10,5% mit Ja. Warum sehen die leitenden Personen die jE im Bezug auf die Gemeinde so negativ? Und warum sagt die Mehrheit der jE, bei aller Kritik, dass sie sich mit ihrer Gemeinde identifiziert. Hier ist eine riesige Diskrepanz an der es gilt weiterzudenken...

Die Ergebnisse der dranStudie gibt es in einem dranSpezial im Januar 2010

Kommentare:

Christoph hat gesagt…

Hast du schon was von der WillowCreek-Reveal Studie gehört. Wird DAS THEMA beim nächsten Kongress werden. Hab zu Hause die erste Auflage (2009) auf Deutsch liegen.
Da haben Sie eine riesen Umfrage in Willow durchgeführt. Die Ergebnisse lassen sich sicherlich interessant mit der Dran Studie vergleichen.

Übrigens, deutscher Titel der Studie: Prüfen - Aufrüttelnde Erkenntnisse der REVEAL-Studie über Gemeindeleben und geistliches Wachstum von Greg L. Hawkins und Cally Parkinson, Stuttgart, 2009.

Thomas hat gesagt…

Finde ich toll, dass ihr euch systematisch und mit so großem Aufwand mit dem Thema beschäftigt! Ich denke das ist wichtig!

Also zu den Diskrepanzen, die du zwischen den Umfragen siehst:

Erstmal lauten die Fragen ja nicht gleich. Zwischen "wohlfühlen" und "geistliche Heimat" ist ja ein gewisser Unterschied und gerade unter dem Begriff "geistliche Heimat" kann man ja vieles verstehen. Möglicherweise empfindet man schon etwas wie ein Zugehörigkeitsgefühl, fühlt sich aber trotzdem unwohl.

Außerdem sind nur 7,6% der Befragten ohne Gemeinde. Hast du Schätzungen, wie hoch der Anteil de Gemeindelosen tatsächlich ist? Das würde mich mal interessieren. Ich würde mal davon ausgehen, dass der tatsächliche Anteil der Gemeindelosen viel höher ist - logisch, da diese durch die Umfrage auch schwieriger erreicht werden können.

Von daher würde es mich mal interessieren, wie du selber schon sagst, mal diese Gruppe separat zu betrachten, die Gemeinde sicher viel distanzierter sehen. Wenn man dann noch davon ausgeht, dass die Mitarbeiter diesen Teil der Jugendlichen stärker im Blick haben, erklärt sich vielleicht auch die Diskrepanz.

Gruß Thomas

Armin hat gesagt…

"Warum sehen die leitenden Personen die jE im Bezug auf die Gemeinde so negativ?"
Vielleicht spiegelt es ja die Unzufriedenheit der Mitarbeiter/Leiter wieder?? Vielleicht ist es momentan dringender sich um sie zu kümmern (Z.B. im Sinne vom angesprochenen Mentoring etc.) als um die jE an sich??? Vielleicht besteht hier sogar eine Gefahr, dass durch die Studie auf die JE fokussiert wird aber mehr auf die Leiter fokusssiert werden sollte??? Ein Ergebnis war: Die JE wünschen sich Mentoring. Dann könnte man doch Mentoring für alle Leiter und Mitarbeiter anbieten und plötzlich wollen alle JE mitarbeiten ;-)

Sind nur ein paar spontane Gedanken, hab erhlich gesagt die Studie noch nicht mal gelesen und weiß auch nicht wer da als Leiter befragt wurde.
Liebe Grüße

Tobias Faix hat gesagt…

@Christoph: Ist das nur die Übersetzung der amerikanischen Studie oder schon eine Studie in Deutschland?

Tobias Faix hat gesagt…

@Thomas: Die "Gemeindelosen" herauszubekommen und zu befragen würde mich auch sehr interessieren, aber quantitativ ist dies wohl kaum möglich, bleibt nur qualitativ...

Tobias Faix hat gesagt…

@Armin: Dafür keine Schlechten! :)