Dienstag, Dezember 07, 2010

„Was ist der Kern des Evangeliums?“

Heute Nachmittag habe ich einen interessanten Bericht über einen ausgeladenen Evangelisten gelesen. Er hat bei einer Evangelisationswoche über das Gericht Gottes gepredigt, was bei einigen Zuhörern und der lokalen Presse nicht gut ankam. Sie haben ihm geistlichen Druck und Manipulation vorgeworfen. In einem Interview hat der Evangelist dazu Stellung genommen und dies fand ich jetzt das eigentlich Spannende; denn der Evangelist verteidigte sein Vorgehen mit dem Hinweis, dass das Gericht Gottes zum Kern der christliche Botschaft gehöre und wenn man es weglasse, könne man gleich ganz aufhören zu evangelisieren.
Die Frage nach dem „Kern des Evangelium“ scheint mir hier doch angebracht. Was gehört zum Evangelium unbedingt dazu? Was müssen Menschen wissen, um eine Ahnung von Gott zu bekommen? Und wie bei jeder Kommunikation ist diese Aussage ja auch eine Selbstmitteilung über das eigene Gottesbild. Beides ist eine wichtige Frage, den eigenen Glauben zu reflektieren, gerade wenn es um das Thema Kontextualisierung geht. Was vom Evangelium auf unterschiedliche Art und Weise in den verschiedenen Kulturen widerspiegelt? Was gehört zu „meinem“ Evangelium? Was dagegen ist „Allgemeingut“?

Kommentare:

Lars hat gesagt…

Ich gehöre einer Glaubensgemeinschaft an, die sich sehr stark über ihr angeblich einzigartiges Bild des Evangeliums Christi definiert, in deren Kern sie die Wiederkunft Jesu sieht. (Na, welche ist es wohl?)

Und ganz ehrlich: Mich nervt das zuweilen. Denn alle Bibeltexte werden in Hinblick auf diese These gelesen. Nicht mal das Alte Testament kann auf seinen Wurzeln der israelitischen Messiaserwartung stehen gelassen werden, und die Adventszeit wird einem mit dem Hinweis, man würde ja schließlich ständig im Advent leben, madig gemacht. (Und nein, es sind nicht die Adventisten.)

Aber nicht nur die Schriftauslegung wird eintönig, auch der für das christliche Leben im Augenblick notwendige Realitätssinn wird überdeckt durch Fantasien, wie selig wir erst sein werden, wenn es dann soweit ist. Tätige Nächstenliebe steht da hintenan, oder wird bestenfalls aus dem Lohn des wiedergekommenen Herrn legitimiert. Man denkt quasi ständig im Futur II, und nicht nur über Jesus.

Aus diesem Grund halte ich derartige Kern-Debatten für problematisch. Sobald man beginnt, die Dinge derart einseitig zu sehen, führt das innerhalb des Christentums schnell zu Streit, nämlich zwischen den Fundamentalisten des einen und anderen Lagers.

Statt sich auf einen (exklusiven) Kern zu beschränken, wäre es daher vielleicht sinnvoller, darüber nachzudenken, was alles zu einem "vollständigen" Christsein alles dazugehört, wie es ja nicht nur Hans Küng oder Brian McLaren gemacht haben.

Viele Grüße, Lars

Peter Aschoff hat gesagt…

nur mal so: ist die Frage nach dem "Kern" nicht schon wieder moderner Reduktionismus?

aufnkaffee hat gesagt…

Ein breites Feld - wie war das mit der Kastanie?

Aber zum Gericht Gottes - ich glaube in der Tat, dass das zu einem möglichen Kern des Evangeliums gehört! Gericht ist nichts Schlechtes. Kann es ohne "Abrechnung" Gerechtigkeit geben? Wenn ich von dir verprügelt werde und Gott wäre es egal - was wäre das für ein Gott? Nur wenn Gott dich für deine Tat zur Rechenschaft zieht, kann Gerechtigkeit wieder hergestellt werden.

Naja, oder wenn wir einander vergeben... zum Glück ist Gott in Wirklichkeit sehr "ungerecht". Und dann war da doch noch was mit so einem Kreuz... *denk* ;-)

Die Schwierigkeit bleibt freilich, zu beschreiben, was "Gericht" meint. Da gibt es gefühlte 371 Varianten unter Christen, vermutlich ist die Dunkelziffer noch viel höher.

LG,
Rolf

Gabriel hat gesagt…

Die Frage ist doch, wie man mit der Botschaft von Gottes Gericht angemessen und relevant umgeht. Das Problem liegt doch auf der Hand, wenn der Ansatz der evangelistischen Verkündigung der ist, dass man um die Gute Nachricht entfalten zu können, die Negativfolie des Gerichtes Gottes braucht. „How to make people lost?“ war eine der zentrale Fragen die ich vor Jahren in Punkto „Evangelisationsschulung“ erhielt. Wenn der Ansatz der ist, dass man die Gnade Gottes nur deutlich machen kann, wenn man den Leuten eigentlich sagt, wie übel und sündig sie sind und ihnen ein schlechtes Gewissen einredet, das sie ohne „Evangelisationspredigt“ gar nicht hätten, dann kann man gerne auf die Gerichts- und Höllenpredigten verzichten. Und ganz praktisch: diejenigen, die sich aus Höllenangst vorsorglich Christen geworden sind, haben es um etliches schwerer gesunde Schritte in der Nachfolge zu tun. Die Gerichtspredigten vermisse ich zutiefst da, wo sie hingehören, in den Gottesdienst um eine übersättigte Christenheit aus dem Winterschlaf des Konsumismus aufzuwecken um sich dem Thema Recht und Gerechtigkeit zuzuwenden, das die Propheten und auch Jesus immer wieder betonten.

Michael hat gesagt…

@Peter Aschoff: Nun ja, einen Kern, eine Mitte oder wie immer man es auch immer nennen will, hat doch jeder, der versucht, Schrift auszulegen, anzuwenden etc. Was wäre denn die andere, die nicht so modernistisch-reduzierende Herangehensweise? Ein vorbehaltloser, objektiver Blick auf das Evangelium? Wie soll das gehen?

berlinjc hat gesagt…

Wäre es zu unintellektuell, jetzt mit Joh 3,16 zu kommen? :-)

rinkeson hat gesagt…

Ich finde nicht ganz unerheblich, dass man den Kern des Evangeliums von den Bildern unterscheidet, die ihr illustrieren.
Man kann das Gerichtsmotiv natürlich konsequent anwenden und - rechtlich einwandfrei - die nicht Schuldbewussten mit der Ansage abkanzeln, dass Unwissenheit nicht vor Strafe schützt. Aber bei genauem Hinsehen, führt das eher von Christus weg, als zu ihm hin. Insofern bin ich in der Kern-Debatte immer dafür, Bilder, Instrumente und Methoden von ihrem Ergebnis (den "Früchten") her zu erschließen. Spätestens dann wird deutlich, wo die vermeintlichen Kerne doch nur schale Schale sind.

Anonym hat gesagt…

wenn wir gott im kontext des Evangeliums als richter sehen, sehe ich eher eine gerechtsperchung des menschen. Und nicht ein gott, der gleiches mit gleichem vergillt. Gott zieht uns in seine Realität. D.h. seine wirklichkeit verändert mich.
johannes 3.16 sagt. wer an jesus glaubt, denn wird gott zurechtbringen.
weiter denke ich, dass das wort gericht in unsern köpfen im bezug auf das evangelium falsch geprägt ist.

Anonym hat gesagt…

gott hat es garnicht nötig als richter aufzutreten und gleiches mit gleichem zu vergelten. ist es nicht der mensch selbst, der das "gericht" über sich und unsere Welt herbei führt? beispiel Klimawandel! der ist von uns menschen gemacht..da stecken alle unter einer decke. christen und nichtchristen. wir setzen gottes gleichgewicht außerkraft und die naturgewalten nehmen sich wieder das, was gott vor 1000enden jahren gebunden hat. meiner meinung nach geht es im kern des Evangeliums primär und vor allem um Gottes Heilswillen für alle Menschen. das vernichtende Gericht für uns menschen hat jesus am kreuz getragen und nicht wir.

Gerri & Lilli Wiebe hat gesagt…

Irgendwo hat jeder so seinen Kern im Bibelverständnis. Für die einen sind es die vier Gesetze, oder ähnliche Dogmen. Ich schlage vor, dass der Kern eher eine Geschichte sein kann. Eine "Grand Narrative", wie NT Wright und auch Christopher Wright es formulieren würden. Obwohl ich kein Fan von Evangeliumskurzfassungen bin, fand ich mal eine etwas bessere Darstellung des Evangeliums als Pendant zu den vier geistlichen Gesetzen auf youtube http://www.youtube.com/watch?v=kCVcSiUUMhY. Würde mal gern wissen, was ihr von dieser Fassung haltet.

Alex hat gesagt…

In diesem Zusammenhang stellt sivh für mich die Frage nach der Defitition eines Christen? Was macht uns aus?

Tobias Faix hat gesagt…

eine interessante Diskussion über "Geistestaufe" findet gerade bei berlinjc statt, interessant vor allem dann, wenn man sie nicht inhaltlich liest, sondern vom Thema Kontextualisierung" und unserer Diskussion vom "Kern des Evangeliums"....

http://berlinjc.wordpress.com/2010/12/02/geistestaufe-fortsetzung/#comments

Tobias Faix hat gesagt…

@gerri: Danke, interessantes Video!

Tobias Faix hat gesagt…

ich glaube, dass wir zwei Diskussionen haben, die aber innerlich zusammenhängen. Einmal die Frage nach der "Gerichtspredigt" und einmal die Frage nach dem "Kern des Evangeliums", wobei es mir nicht um das Wort "Kern" geht, das habe ich aus dem Artikel aufgenommen. Vielleicht ist es auch irreführend in dem Sinn, dass es in einer pluralistischen Welt das letzte Stück Wahrheit verkörpert, nach dem sich viele Sehnen. So verstehe ich es aber nicht, dann eher als "Story" wie bei den "Wrights" oder das Bild des Missiologen Hwa Yung, der das Bild des "Kernes" kritisiert hat und es als "Bananentheologie" abgetan hat, außen zwar gelb (er ist aus Malaysia) aber innen immer noch weiß, heißt eine schöne westliche Mittelstandstheologie. Er fordert für Asien eine Mangotheologie, die innen udn außen gelb ist.....

Lars hat gesagt…

@Michael: Natürlich kann man von allem möglichen den Mittelpunkt bestimmen - aber ist das immer sinnvoll?

Der Mittelpunkt von Deutschland bspw. - ganz davon abgesehen, dass man da auch auf ähnlich viele Definitionen stoßen wird, wo der nun wirklich liegt - ist nicht besonders spannend. Und überhaupt handelt es dabei um eine ganz künstlich-willkürliche Wahl.

Selbst wenn wir sinnvollerweise von einem Schwerpunkt ausgehen: Sobald die Gewichtung in den einzelnen Bereichen nicht homogen verteilt ist (und das ist bei der Bibel nunmal der Fall), reduzieren wir damit die Information über das betrachtete Objekt in unzulässig verlustvoller Weise.

Insofern würde ich Peter zustimmen.

Zur Story: Mit dem Begriff kann ich mich schon eher anfreunden, habe aber das Gefühl, dass - auch wenn Jesus als Christus natürlich die Peripetie darstellt, auf die alles zuläuft - die biblische Story so dicht verwoben ist, dass es schwer wird, hier einen zentralen Handlungsstrang gewinnbringend zu isolieren.

Ben hat gesagt…

Ich denke schon, dass man einen Kern finden kann wenn man möchte. Hat für mich viel mit 1Ko2,2 zu tun:

"Denn ich hatte mir vorgenommen, unter euch nichts anderes zu wissen, als nur Jesus Christus, und zwar als Gekreuzigten."

Cheers,
Ben

Tobias Faix hat gesagt…

Jesus ist immer die richtige Antwort! :)

Nein, im ernst, ich finde tatsächlich, dass Jesus als relationale Wahrheit ein Zentrum des Glaubens und des Evangeliums darstellt...

Henni hat gesagt…

Der Frage nach dem "Kern" ist dann gefährlich, wenn man damit "nur" Gericht und Hölle abschaffen möchte! Vielleicht hätte sich der genannte Evangelist besser etwas anders artikulieren sollen. Wir kennen ja nur den einen Satz der Predigt...Dass ein Mensch, welcher nicht mit Gott im Reinen ist laut Bibel ewig verloren geht, bleibt nun mal wahr. Anstatt dies zu relativieren sollte man als Christ viel mehr selber wieder sein Denken und Handeln ändern, wenn man hier "gleichgültig" geworden ist.

math1as hat gesagt…

Wir haben als Christen nicht die Freiheit uns selbst aus zu suchen was uns als Kern gut gefallen würde, sonder müssen den Dingen Vorrang geben denen auch die Bibel Vorrang gibt und genauso wenig haben wir den Luxus uns in der Verkündigung auszusuchen welche Dinge wir weglassen. Nun aber zum Kern.
1 Kor 15 1-4
1 Nun will ich euch noch einmal an die gute Botschaft erinnern, liebe Brüder, die ich euch verkündet habe. Ihr habt sie damals angenommen, und sie ist auch heute das Fundament eures Glaubens.
2 Durch sie werdet ihr gerettet, wenn ihr daran festhaltet genau so, wie ich sie euch verkündet habe - es sei denn, ihr seid vergeblich zum Glauben gekommen.
3 Ich habe euch das weitergegeben, was am >>>wichtigsten<<< ist und was auch mir selbst überliefert wurde - dass Christus für unsere Sünden starb, genau wie es in der Schrift steht.
4 Er wurde begraben und ist am dritten Tag von den Toten auferstanden, wie es in der Schrift steht.

Dieses Evangelium muss natürlich um Sinn zu machen in eine größere Geschichte eingebaut werden in der klar wird das wir als Sünder schuldig vor Gott sind und vor seinem Zorn gerettet werden müssen. Was ja auch in den auf Joh 3,16 folgenden Versen geschieht. Wer aber nicht glaubt der ist schon verurteilt.

Und noch deutlicher in Joh 3,36 Und alle, die an den Sohn Gottes glauben, haben das ewige Leben. Doch die, die dem Sohn nicht gehorchen, werden das ewige Leben nie erfahren, sondern der Zorn Gottes liegt weiterhin auf ihnen.

Was in Freiburg geschehen ist ist das die Veranstalter Menschen mehr gefürchtet haben als Gott, denn Jesus war nie darum besorgt seine Menge zu behalten oder die Leute nicht zu verschrecken er wollte einfach nur den Willen seines Vaters tun. (Joh 6)

Tobias Faix hat gesagt…

@math1as: Danke für deinen Beitrag, ich verstehe ihn zum Teil, zum Teil aber auch nicht. Du schriebst zu Beginn, dass wir uns den Kern des Evangeliums nicht selber aussuchen können, dann suchst du aber unter tausenden von Versen die aus, die dir plausibel erscheinen, das verstehe ich nicht so ganz. Was sind die Begründungen dafür?

ZU deinem Schluss, naja, mit dem Argument kannst du alles belegen und auch rechtfertigen, dies halte ich nicht für hilfreich....

math1as hat gesagt…

In 1.Kor 15,3 sagt uns Paulus selbst was das wichtigste ist. Die anderen Verse haben mit meinem ersten Punkt nichts zu tun.

Das ich mit dem Argument alles belegen kann stimmt eigentlich nicht sondern ich kann damit nur das belegen was Jesus vorgelebt hat und ich denke halt das wir seine Missionstrategie verwende sollten und nicht unserer eigene.

Tobias Faix hat gesagt…

O.k., jetzt verstehe ich besser und doch noch mal eine kleine Anmerkung zum Verständnis: "Wenn Paulus an die Korinther schreibt, dass das Folgende das Wichtigste sein, heißt dies, dass es automatisch für uns auch das Wichtigste ist?