Donnerstag, August 19, 2010

"Ab heute endlich radikaler!"


In christlichen Kreisen erlebe ich es oft, dass in Predigten und anderen Veranstaltungen mit Appellen gearbeitet wird und ich selbst neige leider auch manchmal dazu. Jetzt endlich Christus richtig nachfolgen, authentischer, radikaler und ab heute werde ich dies und jenes endlich verändern. Die Motivation ist hoch und vielleicht bin ich dabei emotional berührt und das ist auch alles in Ordnung. Die Ernüchterung folgt oftmals mit ein paar Tagen abstand. Der Alltag scheint eine größere Schwerkraft zu haben als die eben noch erlebte Fliegkraft der geistlichen Veränderung. Zu der Ernüchterung kommt die Enttäuschung, vielleicht auch Zweifel, Wut oder Frustration auf Gott und mich selbst. Das Problem ist, dass Appelle zu kurz greifen, sie zielen auf unsere Glaubenspraxis, die aber von unserer Theologie, unserer Erfahrung und unserem Weltbild beeinflusst und gelenkt wird. Die Veränderungen spielen sich sozusagen auf der Oberfläche unseres Glaubens ab und haben so kaum Einfluss auf das was uns über Jahre (still und heimlich) geprägt hat. Das gilt auch für Streitigkeiten, die sich auf der „Ebene der Theologie“ sich abspielen. Man streitet zwar über Bibelstellen, theologische Ansätze und hermeneutische Unterschiede, aber oftmals liegt die Problematik viel tiefer und lässt sich auf der theologischen Ebene allein gar nicht lösen, sondern es muss ein tieferes Verständnis der eigenen Erfahrung und des eigenen Weltbildes erreicht werden. Das ist mühsam und braucht Zeit, aber es ist vielleicht die einzige Möglichkeit einen respektvollen Dialog zu führen und sich selbst und den Nächsten besser zu verstehen. Paulus war sich dessen bewusst und hat deshalb der Gemeinde in Rom geschrieben, dass es einen Veränderungsprozess des Denkens und Handeln braucht, der durch den Heiligen Geist geschieht.