Freitag, Dezember 31, 2010

"Mehr Wut bitte! 2010 – ein Rückblick"



In den verschiedenen Jahresrückblicken spielt das Wort des Jahres „Wutbürger“ eine zentrale Rolle und es herrscht allgemeine Verwunderung darüber, dass Bürger wieder (sic!) gegen was sind. Ich denke, dass es nicht genug Wut und ich mir für das neue Jahr mehr wütende Bürger wünsche. Aber bleiben wir erstmal beim Jahr 2010:
Nun ja, es war wohl nicht immer Wut, manchmal war es auch Raffgier oder Frustration, aber die Rücktrittsdichte der Politiker 2010 war so hoch wie noch nie. Auffallend dabei war sicherlich, dass es im Volk dabei kaum Wut gab. Als vor ein paar Jahren Lafontaine von allen politischen Ämtern zurücktrat wurde sein Haus für Tage belagert und er als „Landesverräter“ gebrandmarkt und bis heute nicht rehabilitiert. Jetzt treten die Politiker reihenweise zurück und das Volk quittiert es mit einem Achselzucken, immer nach dem Motto: Der Nächste wird es auch nicht besser machen. Also geh. Aber genau diese Lethargie bringt die Demokratie in Bedrängnis und selbstgefällige Politiker wie Roland Koch sind die Brandstifter dafür. Wer stolz erzählt, dass sein Rücktritt von langer Hand geplant war, also vor der letzten Hessenwahl, der betrügt die Wählerinnen und Wähler und muss sich nicht wundern, wenn das Vertrauen in die Politik nachlässt. Da nützt es auch nichts, wenn das Bildungsbürgertum im Schwabenland ihre gefühlte Ohnmacht gegenüber der Politik im neuen Bahnhof kanalisieren und aufgebracht auf die Straße gehen. Sicher, ein guter Schritt, aber die Wut muss die treffen, die es verdienen und die verteidigen, die es wirklich brauchen. Denn nur auf die Straße gehen, wenn es um meine eigenen Belange geht, reicht für eine Solidargemeinschaft nicht aus. Schon gar nicht, wenn es darum geht auf die Schwächsten der Gesellschaft draufzuhauen und da sind wir schon beim Wutbuch des Jahres und da kann es ja nur eines geben mit dem programmatischen Titel „Deutschland schafft sich ab“ vom Didi Hallervorden der Politik: Thilo Sarrazin. Er hat das anstrengende Buch des Jahres 2010 geschrieben und ich habe mich durch alle seine wilden Thesen und Statistiken durchquälen müssen. Sein Buch über einige „Problemviertel Berlins“ enthält eben für diese einige Wahrheiten, vor denen man nicht die Augen verschießen sollte. Aber die Grundmotive des Buches sind weder zu tolerieren noch zu entschuldigen. Das Spiel mit der Angst hat in der Geschichte schon oft funktioniert und Sarrazin macht es sich schamlos zu nutze, immer nach dem Motto: „Palim Palim, der Moslem, der ist schlimm“. Dazu einen guten Schuss Darwinismus, ein paar schöne Statistiken, die die eigenen Thesen untermauern und schon ist der Trunk der angstbesessenen Fremdenfeindlichkeit fertig, der rechtfertigt dass die Starken die Schwachen „fressen“. Natürlich hat Herr Sarrazin das alles nicht so gemeint und natürlich wollte er konstruktiv auf ein gesamtgesellschaftliches Problem hinweisen und natürlich hat es so die breit zustimmende Bevölkerung auch verstanden. Nur eben ich nicht und ich habe eine Wut auf das Wutbuch des Jahres und zwei Dinge müssen da noch gesagt werden. In den letzten Jahren gab es viele Diskussionen um die immer mehr „verhärtenden“ Milieus in Deutschland. Bei der „Sarrazindiskussion“ gab es plötzlich milieuübergreifende Koalitionen, die vorher scheinbar kaum denkbar gewesen waren. Da hat sich das Bildungsbürgertum mit dem Stammtischen der Welt gegen die nicht integrierte muslimische Masse verbündet. Na, das ist ja auch was. Was mich allerdings am meisten gewundert hat, war die latente Zustimmung von vielen Christinnen und Christen zu Sarrazins Thesen. Natürlich nicht so laut, aber es war schon verwunderlich, dass ausgerechnet christliche Kreationisten mit Sarrazins darwinistische Thesen sympathisieren. Aber lassen wir das und wenden uns der Wut an sich zu. Wir brauchen mehr Wut, mehr Wut gegen die schleichende Ungerechtigkeit, an die wir uns schon zu lange gewöhnt haben. An die Ungerechtigkeit, die wir im Alltag nicht mehr sehen, weil sie ein Teil von uns selbst geworden ist. Beim Einkaufen, in der Nachbarschaft und in der Politik. Hier wünsche ich mir mehr Wut, die nicht unkontrolliert das Eigene sucht, sondern sich solidarisch für die einsetzt, die im Jahr 2011 Beistand, Gemeinschaft und Hilfe brauchen. Das ist für mich eine große Herausforderung, an der ich vielleicht auch im nächsten Jahr scheitern werde und auch das macht mich jetzt schon wieder wütend...

Jahreslosung 2011:
"Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem." (Römer 12,21)

Montag, Dezember 27, 2010

"Wie Don Quijote den Kampf gegen die Weihnachtsmühlen aufnahm."


Don Quijote ist ein edler Ritter, der seine besten Tage hinter sich und seine größten Träume vor sich hat. Immer wieder kämpft er mit seinem ergebenen Knappen Sancho Pansa für das Gute und Schöne seiner Träume und verliert so regelmäßig wie er hofft. So auch dieses Mal, als Don Quijote seine verrostete Rüstung ölt und seinen Knappen auffordert, den Gaul Rosinante aus dem Stall zu holen. Es geht wieder los, lässt ihn Don Quijote wissen. Der gute Kampf beginnt, dieses Mal gegen den Weihnachtskonsum, weil bald wieder das Christkind kommt, und jetzt schon im September die Spekulatius im Angebot sind. Don Quijote hatte alle Weihnachtsprospekte der Stadt gesammelt und gelesen und jetzt würde er den Sonderangeboten und Kitschengeln den Kampf ansagen. So geht es nicht, brummelt Don Quijote und wetzt die Lanze, einer muss etwas unternehmen. Der September ist schon lange vorbei und Schnee bedeckt die Landschaft. Don Quijote, sein Gaul und sein Knappe sind unterwegs, um den Weihnachtskonsum den Kampf anzusagen. Weißt du, sagt Don Quijote, wir müssen was tun, denn Weihnachten ist der Orgasmus des Kapitalismus. Der Knappe schaut hab erstaunt, halb beschämt unter seinem Helm hervor und bevor er was sagen kann, doziert Don Quijote weiter: Der Kapitalismus ist ungezügelter Wachstum in einem beschränkten Körper und weißt du, wie man das nennt? Und was man damit macht? Und ohne eine Antwort abzuwarten, fährt Don Quijote fort: Krebs! Und raus schneiden ist das einzige Richtige. Die einzige Medizin. Das Einzige was hilft. Und Don Quijote hebt drohend seine rostige Lanze gen Horizont und der Knappe Sancho Pansa dreht beängstigt ab. Er weiß, was kommt und er weiß auch, wie dieser Kampf ausgehen wird. Don Quijote und sein Großmut, sein ewiger Kampf und er ist wieder dabei und Don Quijote jault vor Begeisterung und der alte Gaul wiehert und der Knappe bewundert doch im tiefsten Herzen seinen Herrn und hebt den verbeulten Helm Don Quijotes auf, der ihm vor lauter Begeisterung hinuntergefallen ist. Auf dem eisigen Boden spiegelt sich die Weihnachtsdekoration des Supermarkts und „Süßer die Glocken nie klingen“ liegt verzerrt in der Luft....