Donnerstag, Januar 13, 2011

„Mehr Sex mit Jesus“

Manchmal wundere ich mich ja und weiß nicht so recht, wie auf einige seltsame Stilblüten des Christentums reagieren soll. Eine davon habe ich vor einiger Zeit in einem „offenen Gottesdienstteil“ erlebt, als eine junge Frau nach vorne ging und erzählt hat, dass sie sich „mehr Sex mit Jesus wünscht“. Was sie damit ausdrücken wollte, war wohl eine enge, leidenschaftliche Beziehung zu Jesus. Sicher keine menschlich, sexuelle Beziehung und doch denke, ich, dass diese Semantik problematisch ist. Ich finde ja schon die Anrede Pappi oder Daddy irritierend und habe manchmal den Eindruck als ob Gott nur noch für mich persönlich verantwortlich sei, für meine Beziehungswünsche und Sehnsüchte. Hier wird Gott zu schnell zum individuellen Wohlfühlfaktor meiner Sehnsüchte degradiert und dies hat er sicher nicht verdient.

Kommentare:

Wibke hat gesagt…

Ich stimm dir zu und würde sagen, dass es manche Gottesbilder gibt, die hier in Deutschland in einigen Kreisen auch ziemlich unpopulär sind. Da wäre zum Beispiel das des Herrschers über diese Welt und auch über das persönliche Leben des einzelnen. Bei diesem Bild kann es nämlich vorkommen, dass ich Gottes Willen tue, mich seinem Willen beuge, weil er GOTT und Herrscher ist und nicht weil das am Ende auch am Besten für mich, sein Kind ist.

Huge hat gesagt…

Schon etwas ... befremlich.

Anonym hat gesagt…

Ja, dieser Ausdruck ist schon etwas befremdlich. Aber ist es ansonsten nicht genau das, was Gott will? So persönlich uns nahe sein, dass er die erste Stelle in unserem Leben hat? (Fragezeichen)

Chris hat gesagt…

Ich glaube,dass diese Bilder von Gott, die ihn letztlich zum Flaschengeist und Wunscherfüller dekradieren letztlich nichts anderes als Versuchungen für uns sind. Damit werden wir dahin gelockt Gott nicht mehr für voll zu nehmen. Gott ist nämlich nicht nur der Kuschelpappi, AusheulFreund und Helfer in der Not. Gott ist auch Richter, Schöpfer und König aller Könige. Ich gebe Wibke recht, dass es nicht immer leicht ist sich einzugestehen, dass man sich vor Gott auch beugen muss.
Klar will Gott die erste Stelle in unserem Leben haben. Und da gehört er auch hin, denn er hat schließlich alles für uns getan. Wir sind seine Schöpfung. Er hat uns Jesus geschickt als Erlöser für unsere SChuld, damit wir wieder Gemeinschaft mit ihm haben können. Ich denke das sind mehr als genug Gründe ihm die erste Stelle in unserem Leben zu geben, einfach weil er Gott ist. Genau diese Gründe sprechen auch dagegen ihn zum KuschelGott und Wunscherfüller zu dekradieren. Halbwahrheiten sind letztlich schwer zu erkennene Versuchungen, aber sie bleiben Versuchungen.

Wibke hat gesagt…

Ist er an erster Stelle, weil er meine Wünsche und Sehnsüchte erfüllt?
Ist er an erster Stelle, weil er GOTT und Herr?

Marika hat gesagt…

Schon ein sehr spannendes Thema!! Da geht ein riesen Fass auf, o mei.. Von meiner Tendenz her seit einigen Monaten schlage ich mich eher tatsächlich auf die strengere Seite der Gottesbilder, zumindest mal in der Theorie. Glaube auch, dass viel De-Gradierung passiert in vielen Vorstellungen von Gott und was uns wer er für uns ist. Da is schon der Weg verkehrt herum. Andererseits gibt es in ihm so viel, dass es nachvollziehbar ist, dass viele verschiedene Bilder entstehen. Was mich bedenklich stimmt, ist dann meist die EX-Clusivität dieser Bilder, sprich das entweder oder und das eine passt auf keinen Fall ins andere. Mein Theo-Dozent sagte immer, wir sind zu griechisch geprägt, können nicht die Elipse denken mit den zwei Brennpunkten, die sich nicht diametral gegenüber stehen. Das Ganzheitliche.. Trotzdem: Ich finde, wir scheitern in unser christlichen Gesellschaft, ich auch, ein bißchen an Erfurcht und dem allmächtigen Gott, dem Heiligen. Da wenn ich versuche ein wenig hinzukommen, merke ich, ich kann wenig damit anfangen, versteh, begreife wenig. Aber vielleicht ist genau das?! Lieber keine einfachen Bilder schaffen, um des Verstehens willen, oder? Gibt genug, was wir verstehen könnten, und leben es trotzdem nicht.. Lieber keine großen Bilder und Luftschlösser.. Was immer wieder diesem Erklärungs- und Verständniszwang zum unterliegen kommt, ist doch Gottes Souveranität, die wir zwar mit großen Worten und Liedern beschließen, untermauern und verherrlichen, zumindest Sonntags zwei Stunden, wollen wir oft im Alltag nicht haben.. Wie weit sind wir dann von Ihm weg? Ach ja, suche ja selbst immer wieder den golden Mittelweg, wie alle anderen auch.. net fromm und groß, dafür ernst und klein.. Eben: da geht ein großes Fass auf ;-).. Keine Theologie, nur Gedanken.. und um denkende Mitchristen bin ich immer froh :-) Hach ja..

Tobias Faix hat gesagt…

@wibke: es geht mir nicht gegen eine persönliche Gottesbeziehung, aber wenn ich Gott ehren will, dann geht es ja mehr um ihn und nicht in erster Linie um mich und meine Bedürfnisse. Ich störe mich eher an dem Egoismus, der manchmal dahinter steckt.

Tobias Faix hat gesagt…

@marika: Vielleicht ist der Mittelweg: Liebe Gott und deinen Nächsten, da liegt eine gute Spannung drin, oder?

Wibke hat gesagt…

@tobias: Mir auch nicht. Ich habe da an eine Stelle aus dem Matthäusevanglium gedacht. Jesus und Pertrus, die auf dem Wasser gehen. Als sie ins Boot zurückkehren fielen die anderen vor Jesus nieder und haben gesagt: "Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!" Ich gehe davon aus, dass seine Jünger eine persönliche Beziehung zu ihm hatten.
Meine Beziehung zu Gott ist auch sehr persönlich und das ist gut so und wichtig, denn ohne diese könnte ich Gott auch nicht lieben. Wir sollen Gott von ganzem Herzen lieben, das geht nicht ohne die innige Beziehung zu ihm. Er ist der HERR, mein Gott, den ich liebe. Weil er der HERR ist, tue ich seinen Willen.

Anonym hat gesagt…

»Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und an seiner Frau hängen, und die zwei werden "ein" Fleisch sein«. Dies Geheimnis ist groß; ich deute es aber auf Christus und die Gemeinde.
Aus Eph. 6,31-32

Andere Wortwahl aber ähnlicher Inhalt wie die verstörende Überschrift dieses Eintrags...

Gruß, Mark

Tobias Faix hat gesagt…

@wibke: ich glaube wir schreiben aneinander vorbei, es geht mir nicht um die "Liebe zu Gott", sondern darum, wie diese Liebe sich zeigt. Wenn ich sage, dass ich Gott liebe, dann zeigt sich dies zum Beispiel wie ich mit den Menschen um mich herum umgehe. Ich kann nicht sagen ich liebe Gott, aber die Menschen um mich herum sind mir egal. Bei mehr "Sex mit Jesus" geht es aber nur um mich, um die Befriedigung meiner Bedürfnisse. Diese Einseitigkeit wollte ich herausstellen.

Tobias Faix hat gesagt…

@mark: sorry, da geht es aber um was ganz anderes in Epheser 5, zumindest als es mir in meinem Eintrag ging, siehe meinen letzten Beitrag @wibke

Anonym hat gesagt…

Mein Zitat aus Eph 6 bezieht sich auf den ursprünglichen Post und soll zunächst nur mal darauf hinweisen, dass sich Paulus nicht scheut, die Beziehung zwischen Gott und Mensch in recht sinnlichen Begriffe zu beschreiben. Was die Rednerin in besagtem Gottesdienst meinte und wie legitim ihr Wunsch war oder ist will ich damit nicht beurteilen.

Allerdings finde ich es bemerkenswert, dass die Bibel sinnliche Sprache für das Erkennen von Gott und seiner Liebe verwendet (z.B. auch "Schmeckt und seht..."). Paulus' Gebet in Eph 3, dass die Heiligen die Liebe Christ begreifen mögen, ist intellektuell und theologisch sehr tiefgründig aber gleichzeitig auch sehr emotional.

Die meisten Predigten, die ich zu hören bekomme, zielen auf den Willen des Menschen ab und versuchen ihn durch Appell oder Drohung zu verändern. Gottes Wirken resp. das Werk Christi am Kreuz stehen in den seltensten Fällen im Vordergrund. Demgegenüber sehe ich in der Bibel immer wieder die Tendenz, dass die Erfahrung der Liebe Gottes Menschen verändert, auch in ihrem Umgang mit anderen. In diesem Sinne ist Wunsch nach mehr "Sex mit Jesus" richtig verstanden vielleicht biblischer als ein weiterer ins Leere verlaufender Aufruf zu mehr Hingabe und Gehorsam.

- Mark

Andi b hat gesagt…

... ein kleines Zitat: "Liebe ist politisch!" Songtitel von Stadtklangfluss - könnte aber auch von Doro Sölle sein ;-)

shaunthesheep hat gesagt…

also ich finds fast blasphemisch. klar stillt gott alle unsere bedürfnisse und er kann uns sogar körperlich nah sein.
das bedürfnis nach seiner spürbaren nähe finde ich nicht egoistisch. das ist doch genau das, was ein liebender fühlt, oder?

shaunthesheep hat gesagt…

nachtrag: blasphemisch finde ich den ausdruck "sex mit jesus". da wird was doch sehr reduziert dargestellt.

das hat für mich auch nix von "gott an die erste stelle setzen". das ist schon nochmal ne andere ausdrucksweise.

aber das grundsätzliche bedürfnis nach der nähe jesu schließt doch nicht aus, auch dinge für ihn tun zu wollen, oder? sollten wir nicht gerade wieder lernen, auch sehnsucht nach ihm auszudrücken? und gestärkt von der nähe wieder viel leichter und erfüllter mit ihm unterwegs sein können?

Tobias Faix hat gesagt…

@mark: Ich weiß nicht wer du bist, aber du bist ein Guter! :) Deine Interpretation ist gut und wohlwollend und ich wäre glücklich, wenn sie zutreffen würde.

Natürlich ist das Zitat "Sex mit Jesus" aus dem Zusammenhang gerissen, ich habe es jetzt mehrmals gehört und der Zusammenhang war, zumindest habe ich ihn zu verstanden, immer sehr einseitig. Es ging um mich, mehr Nähe für mich, mehr Liebe für mich, mehr dies und das. Dazu diese seltsame Semantik, dies fand ich sehr ich-zentriert. Die Motivation mag ja in Ordnung sein, aber vielleicht reicht das nicht immer. Und das passt zu meinen allgemeinen Beobachtungen in Gesellschaft & Gemeinde. Nehmen wir den christlichen Besteller "Die Hütte", viele gute Ideen, schöne Bilder udn Parabeln, aber die Aussage, dass Gott, Jesus, der HG und die Weisheit, also gleich vier Personen sich ein WE nur um mich kümmern, drückt eine Sehnsucht aus, die ich zumindest hinterfragen würde.

Verstehst du mich jetzt besser?

Tobias Faix hat gesagt…

@shaunthesheep: Ich habe nichts gegen "Nähe" oder "Beziehung", ganz im Gegenteil, aber Beziehungen gehen nicht nur in eine Richtung, sondern verteilen sich sozusagen von Gott - Mensch - Nächsten bis in die Schöpfung hinein. Dabei gestalten sich die Beziehungen auch unterschiedlich und sind meiner Meinung nicht einfach übertragbar.

shaunthesheep hat gesagt…

das vertehe ich - gegenseitig, nicht nur auf sich und die eigenen bedürfnisse gerichtet und so.
aber dem bedürfnis nach mehr gemeinschaft mit jesus darf doch ausdruck verliehen werden?
klar, du hast was anderes gemeint mit deinem posting.
für mich klang es nur ein bisschen danach, dass ich diesen eigenen hunger und die sehnsucht immer und stets hinten an stellen muss und auf keinen fall meinen bedürfnissen zuviel ausdruck verleihen darf. immer schön zuerst an den dienst denken und nie an mich.

beides hat platz, oder? beides gehört zusammen. finde ich.

Tobias Faix hat gesagt…

klar, dürfen die eigenen Bedürfnisse auch artikuliert werden, aber meine Kritik ist eben, dass ich den Eindruck habe, dass es zunehmend dabei bleibt...

Daniel hat gesagt…

Wäre es ketzerisch die Beobachtung zu artikulieren, dass offensichtlich "Sex" als Aufmerksamkeit erregendes Signalwort nicht nur bei SPIEGEL oder BILD, sondern, wenn man die Anzahl der Kommentare zum Maßstab nimmt, offensichtlich auch (oder gerade?) auf einem frommen Blog funktioniert? :-)

Womit natürlich noch nichts darüber gesagt wäre, dass einige meiner Vorposter durchaus interessante Gedanken zu Tastatur gebracht haben...

Tobias Faix hat gesagt…

@daniel: Du wirst doch meine Leserinnen und Leser nicht mit den Bildlesern vergleichen!!! :)

Jordanus hat gesagt…

Das moderne Liedgut ist doch voll von Versen, die zu solch einer Haltung erziehen:
"Mein Freudeschenker,mein Heimatgeber,
mein Glücklichmacher und mein Schuldvergeber, mein Friedensbringer und mein Worteinhalter, mein Liebespender bist du."
Das am häufigsten vorkommende Wort hier ist "mein". Und auch wenn es nicht so auffällig ist wie hier, schwingt es doch in sehr vielen neuen Liedern mit.
Eugene Peterson hat das in "eat this book" schön zusammengefasst: "the three-personal Father, Son and Holy Spirit is replaced by a very indiviualized personal Trinity of my holy Wants, my holy Needs an my holy Feelings".

Tobias Faix hat gesagt…

Ja, sehe den Zusammenhang auch und denke, dass worship auch immer ein Spiegel der gegenwärtigen Frömmigkeitskultur darstellt.

shaunthesheep hat gesagt…

ich glaube, ob die eigenen bedürfnisse in den vordergrund gestellt werden und es dabei auch bleibt, hängt sehr viel von der gemeinde(form) ab. in unserer gemeinde wird der dienst sehr stark in den vordergrund gestellt. für das erste halbjahr ist das ikea-arbeitsbuch sogar zentrales thema für die hauskreise ;-)))

Anonym hat gesagt…

@tobi... Daniel vergleicht hier nicht die Leser von Bild, sondern eher deinen Blog mit der Qualität von Bild! :-P
Gruss
Benny

Tobias Faix hat gesagt…

yep, genau diesem Vergleich wollte ich ausweichen. ;)

Was wieder beweist, dass die Leserinnen und Leser dieses blogs intelligenter als der Autor selbst sind und somit Daniel wahrscheinlich Recht hat, was ich nach wie vor auf das heftigste bestreiten würde! ;)

Daniel hat gesagt…

Ich werde hier vereinnahmt! Und das gleich mehrfach... ;-)

Tobias Faix hat gesagt…

das Leben ist nicht gerecht...:)

Esther hat gesagt…

Obwohl ich diese Bezeichnung befremdlich finde, drückt es doch nichts Egoistisches aus, denn Sex ist ja für beide Seiten ein Gewinn - eine innige Sache.

Tobias Faix hat gesagt…

mmmhhh, aber ist dies der Sinn von Glauben?