Samstag, Januar 29, 2011

"Pädagogik des Lobpreises"

Der Moderator des Gottesdienstes begrüßt eloquent die Besucherinnen und Besucher des örtlichen Gottesdiensts und leitet geschickt vom Wochenspruch zu den wöchentlichen Abkündigungen über. Als nächstes kommt die Lobpreiszeit und die Lobpreisleiterin versucht die Konzentration der Leute ganz für sich zu gewinnen, indem sie auf Gott hinweist und den Heiligen Geist einlädt jetzt zu kommen. Die Tür geht auf und... Nein, natürlich nicht, so ist das ja auch nicht gemeint und natürlich weiß auch die Lobpreisleiterin, dass der Heilige Geist nicht kommen braucht, sondern dass sie sich sein Wirken und seine Gegenwart wünscht. Zwei Verliebte sitzen ja auch im Sonnenuntergang und sagen nicht: „Möchtest du mit mir das Verschwinden der Sonne an der hiesigen Erdkrümmung bestaunen.“ Also, der Heilige Geist soll wirken und die Lobpreisleiterin fährt fort: „Bitte fühlt euch alle völlig frei, ihr könnt sitzen bleiben, aufstehen, die Hände heben oder was immer eurer Tradition entspricht, kommt vor den Herrn und ehrt ihn mit ganzen Herzen“. Während ich noch überlege, was meiner Tradition entspricht und wo um alles in der Welt gerade jetzt mein Herz ist, blättert sie kurz in ihren Noten und sagt: „Zum ersten Lied stehen wir alle auf“. Da sitze ich nun und kämpfe wie ein pubertierender Junge, ob ich aufstehen soll oder nicht. Die eine Stimme sagt, dass ich aufstehen soll und mich einfach „auf den Lobpreis einlassen“ soll (sic!) und die andere Stimme sagt, dass sie sich jemand anderes suchen soll, den sie verarschen kann. Ich stehe auf und singe nicht mit. Schlechter Kompromiss beim Lobpreis. Aber ich scheine nicht der einzige zu sein, denn die Gemeinde spiegelt nicht im Entferntesten die Hingabe der Lobpreisband wieder, was diese auch zu merken scheint. Nach der dritten Wiederholung des zweiten Liedes, bricht die zu nehmend entnervte Lobpreisleiterin den Lobpreis ab und sagt in etwa folgendes: „Liebe Gemeinde, glaubt ihr, dass der Herr sich über unseren Gesang erfreut? Dass dieser Lobpreis ein Wohlgeruch für ihn ist? Ich glaube nicht, deshalb singen wir die ersten beiden Lieder noch einmal und wir stehen alle auf und singen aus ganzem Herzen mit und loben und preisen unseren Herrn.“ Ich denke, dass Wiederholung ein pädagogisches Prinzip ist und Minus und Minus wahrscheinlich nicht nur in der Mathematik plus ergeben und erhebe mich zur Wiederholung der Wiederholungen des ersten Liedes. Meine Gedanken sind weit weg und ich bemerke wie die Tür des Gottesdienstsaales offen steht, ich glaub, der Heilige Geist ist gerade doch raus gegangen....

Sonntag, Januar 23, 2011

"herausfordernder Segen"

Heute war unser Christus-Treff Gesamtgottesdienst und es ging um unser Verhältnis zur "Welt". Es gab verschiedene Informationen, Gebete, Musik und eine Predigt, die sich alle thematisch mit den gesellschaftlichen und weltweiten Verantwortungen von uns Christen beschäftigten. Der Schlusssegen fasste den Gottesdienst hervorragend zusammen und wird mich in die kommende Woche begleiten:

Möge Gott dich segnen mit Unbehagen
über billige Antworten, Halbwahrheiten
und oberflächliche Beziehungen,
so dass du in der Tiefe deines Herzens lebst.

Möge Gott dich segnen mit Zorn
über Ungerechtigkeit, Unterdrückung
und die Ausnützung von Menschen,
so dass du dich einsetzt für Gerechtigkeit,
Freiheit und Frieden.

Möge Gott dich segnen mit Tränen,
vergossen für die, welche an Schmerzen,
Zurückweisung, Hunger und Krieg leiden,
so dass du deine Hände ausstreckst,
um sie zu trösten
und ihren Schmerz in Freude zu verwandeln.

Und möge Gott dich segnen mit genug Torheit,
damit du glaubst,
dass du in der Welt einen Unterschied machen
und das tun kannst, von dem die andern sagen,
es sei unmöglich.
(aus Asien)