Montag, Februar 14, 2011

"Weltanschauung & Wahrheit. Kritischer Realismus nach NT Wright. Part 2"

Als erkenntnistheoretische Gegenbewegung zur eher positivistischen Sicht führt Wright die phänomenologischer Sicht an, die er selbst so interpretiert: „Dingen aus der (scheinbar) externen Welt konfrontiert werde, sind meine eigenen Sinneseindrücke. Diese Sicht übersetzt mit einer vermeintlichen epistemologischen Demut die Rede von externen Objekten („Dies ist eine Tasse“) in Aussagen über Sinneseindrücke („Ich nehme harte, runde, glatte und warme Gefühle in meinen Händen wahr“).“ (Seite 61) Dies verdeutlicht, dass die Wahrnehmung aus phänomenologischer Sichtweise linear vom Beobachter zum Objekt verläuft, die scheinbare Evidenz jedoch nur meine eigene Wahrnehmung bestätigen kann, und sich so der Beobachter immer nur seiner selbst bewusst wird. Wright weist auf verschiedene Ausprägungen beider Positionen hin, und schlägt dann als Gegenmodell eine Form des kritischen Realismus vor. Kritischer Realismus nach NT Wright (dabei geht er von Ben Meyers Buch „Critical Realism and the New Testament“ aus) beschreibt den „Erkenntnisprozess unter Anerkennung der Realität des zu erkennenden Gegenstandes im Unterschied zum Erkennenden (daher „Realismus“), während gleichzeitig vollständig anerkannt wird, dass der einzige Zugang, den wir zu dieser Realität haben, entlang des spiralförmigen Weges eines angemessenen Dialoges oder einer Konversation zwischen dem Erkennenden und dem zu erkennenden Gegenstand liegt (daher „kritisch“)“. (62) Dieses Verständnis skizziert Wright mit folgender Grafik:

Beobachter --------------------------------------------------------------> Objekt
erste Beobachtung
<---------------------------------------------------------------------------------
wird von kritischer Reflexion herausgefordert,
---------------------------------------------------------------------------------->
kann aber die Herausforderung bestehen
und wahrhaftig von der Realität sprechen.

Dies bedeutet, dass wir als Menschen keinen direkten „Gottesstandpunkt“ haben, sondern alles durch ein Raster aus Erwartungen, Erinnerungen, Storys, psychologischen Zuständen etc. interpretieren, sozusagen durch eine „Linse unserer Weltanschauung“.