Donnerstag, Juni 23, 2011

„Warum erst jetzt? Horst Köhler im Interview“

Gut einem Jahr nach seinem spektakulären Rücktritt hat Horst Köhler vor kurzem sein erstes Interview gegeben und dies hat mich sehr überrascht, nicht wegen der Rechtfertigung seines Rücktritts, den halte ich immer noch für falsch, aber seine inhaltlichen Aussagen sind überraschend deutlich und müssten in der Politik und darüber hinaus dringend diskutiert werden.
Hier drei Zitate, das ganze Interview gibt es hier.

Köhler: Meine Einschätzung ist: Ja, es braucht aber Zeit. Das ging den Europäern in ihrer Demokratiegeschichte nicht anders. Das Wichtigste sehe ich darin, dass die Afrikaner endlich sich wieder selbst entdecken. Bei vielen afrikanischen Gesprächspartnern war die Stimmung früher: Wir wollen Hilfe, weil wir arm sind, weil wir Hunger haben, weil wir Aids haben. In den letzten Jahren hat sich das verändert in den Wunsch, als Partner wahrgenommen zu werden. Manchmal höre ich auch: Das sind keine Hilfen, die wir erbitten müssen, das ist das Mindeste, was ihr geben müsst. Nehmt bitte zur Kenntnis, dass eure Politik als Kolonialmächte bis hin zur Phase des Ost-West-Konflikts einiges dazu beigetragen hat, dass wir jetzt in so einer schwierigen Situation sind.


Köhler: So! Andere Beispiele: An der Überfischung afrikanischer Küstengewässer sind nicht nur Asiaten, sondern auch Europäer beteiligt. Oder: Korruption grassiert in Afrika noch immer mit maßgeblicher Beteiligung ausländischer Investoren. Oder: Die Agrarsubventionen der Industrieländer machen es den Afrikanern immer noch schwer, eine eigene Ernährungswirtschaft aufzubauen. Um nicht missverstanden zu werden: Die Hauptverantwortung für Fortschritt auf dem afrikanischen Kontinent tragen die afrikanischen Regierungen. Die Liste der politischen und wirtschaftlichen Doppelstandards im Umgang mit Afrika ist aber lang. Ich sehe einen Fortschritt darin, dass immer mehr Intellektuelle und politische Führer in Afrika solche Doppelstandards nicht mehr hinnehmen wollen. Glaubwürdigkeit ist auch in der internationalen Politik eine unverzichtbare Ressource, um Vertrauen aufzubauen. Ein besonders guter Ruf Europas im Hinblick auf Glaubwürdigkeit ist mir in Afrika bisher nicht aufgefallen.



ZEIT: Ist Ihnen bewusst, dass Sie, wenn es um Afrika und gelegentlich auch wenn es um die Finanzpolitik geht, wie ein Antiimperialist reden?

Köhler: Möglich, für mich ist es nur die Konsequenz der Frage nach Frieden und Stabilität in der verflochtenen Welt des 21. Jahrhunderts. Ich bin kein Revoluzzer, aber ich sehe Formen des Kapitalismus, Ralf Dahrendorf hätte gesagt des »Schuldenkapitalismus«, die Freiheit und Demokratie gefährden. Geld regiert die Welt, sagt der Volksmund. Das muss so lange nicht beunruhigen, wie mit Geldschöpfung auch Wertschöpfung für die gesamte Gesellschaft verbunden ist. Davon haben sich aber Teile der »Finanzindustrie« verabschiedet. Die internationale Finanzkrise muss als Verpflichtung verstanden werden, den Primat der Politik gegenüber den Finanzmärkten durchzusetzen.