Freitag, Oktober 14, 2011

„Weltbild & Wahrheit“ Part 1

Vor einiger Zeit hatte ich eine interessante Diskussion in der es um die (subjektive) Wahrnehmung unserer Wirklichkeit ging und somit auch um unseren Glauben und die alte Frage nach der Wahrheit. Die Diskussion ging in etwa so:

Mann: Also Herr Faix, jetzt mal Butter bei de Fische, gibt es jetzt die eine unverfälschte Wahrheit oder nicht?
Ich: Wenn Sie jetzt meinen, ob ich diese eine unverfälschte Wahrheit für alle Menschen besitze, dann würde ich sagen: Nein.
Mann: Aha, sie glauben also nicht an die Wahrheit. Das ist typisch für diese postmoderne Generation, alles ist relativ.
Ich: Haben sie denn die unverfälschte Wahrheit?
Mann: Ja, es ist das Evangelium von Jesus Christus welches sich auf der ganzen Welt zeigt.
Ich: O.k., und wie zeigt sich das Evangelium?
Mann: Nun, es ist das Kreuz und die Auferstehung Christi.
Ich: Und was bedeutet das?
Mann: Wie was bedeutet das?
Ich: Was heißt das für ihr Leben?
Mann: Das ich mich für diesen Jesus entscheide, ihn als Herrn anerkenne, ihm kompromisslos Nachfolge und anderen davon erzähle, damit sie nicht verloren gehen.
Ich: Das verstehe ich, es ist aber auch eine sehr westliche Interpretation des Evangeliums, in Südamerika oder Afrika würde man dies vielleicht an manchen Stellen ganz anders sehen und wir sind ja noch nicht in Details.
Mann: Ich verstehe sie nicht.
Ich: Was ich sagen will, wir verstehen das Evangelium immer aus unserer Biographie , aus unserem Weltbild heraus. Dies bedeutet, dass es bestimmte Verständnisse gibt, die in unterschiedlichen Kulturen unterschiedlich wahrgenommen werden.
Mann: Aber alle müssen sich an das Evangelium Gottes halten!
Ich: Ja, aber alle nehmen dies nur subjektiv wahr.
Mann: Nein, denn es gibt eine objektive Wahrheit und an die müssen sich alle halten.
Ich: Und die haben ausgerechnet Sie?
...
Das Gespräch drehte sich dann noch etwa eine Stunde im Kreis und wir kamen nicht auf einen gemeinsamen Nenner. Deshalb nehme ich dies zum Anlass ein paar Gedanken zum Thema „Weltbild & Wahrheit“ zu machen, ein großes Thema, dem ich mich aus meinem subjektiven Blick annähern möchte.

Warum trage ich lieber Jeans als Salwar Kameez? Warum esse ich lieber Hühnchen statt Meerschweinchen? Warum assoziiere ich Jesus eher mit einem langhaarigen, weißen Mann mit langem Gewand als mit einem zornigen Che Guevara, der sich für die Armen und Unterdrückten einsetzt? Oder einfach gesagt: Warum denke, glaube und lebe ich so, wie ich es tue? Dies ist sicherlich eine der zentralen Fragen, wenn es um die subjektive Wirklichkeitsdeutung vom eigenen Leben bis hin zur Deutung des eigenen Weltverständnisses geht. Jeder Mensch wird in eine bestimmte Kultur und Zeit hineingeboren und in ihr erzogen. Der Soziologe Eickelpasch bezeichnet die kulturelle Prägung unseres Alltags als „Grammatik des Denkens, Fühlens und Handelns“, die uns fast unsichtbar einen Katalog von Spielregeln und Verhaltensmustern diktiert, die uns als Menschen helfen in unserem Dasein Orientierung und Sicherheit zu finden. Diese kulturelle Einbindung des Menschen und ihre Folgen für unser Denken, Sein und Verstehen versuchen wir in den Begriff „Weltbild“ zu fassen.
Die Rede über unser Weltbild ist immer auch selbst Ausdruck eines eigenen spezifischen Weltbildes. Dieses ist so tief in unserem modernen Sein verankert und so selbstverständlich für uns, dass wir es uns kaum anders vorstellen können. Der Begriff, oft auch in der Verknüpfung von Weltanschauung (jeder Mensch hat ein Weltbild, aber nicht jeder macht eine Weltanschauung daraus) gebraucht, gehört zu den am meisten diskutierten Themenfeldern in der Wissenschaft. Wenn man in die westliche Weltbildforschung hineinschaut stellt man fest, dass bis zur Aufklärung der Themenkomplex der Religion sehr stark mit dem jeweiligen Weltbild verknüpft war. Erst durch die Religionskritik (Feuerbach, Marx etc.) und die dadurch beginnende Emanzipation der theoretischen Weltbildkonstruktion von der Religion, bildeten sich Zunehmens säkulare Weltbilder heraus.
Einer der wichtigsten Forscher auf diesem Gebiet war der im 19. Jahrhundert lebende Philosoph Wilhelm Dilthey. Er nennt das Weltbild die Grundlage der Lebenswürdigung und des Weltverständnisses. Sein Hauptsatz für die Weltanschauungslehre lautet daher: „Die Weltanschauungen sind nicht Erzeugnisse des Denkens. Sie entstehen nicht aus dem bloßen Willen der Erkenntnis. Aus dem Lebensverhalten, der Lebenserfahrung, der Struktur unserer psychischen Totalität gehen sie hervor.“ Um also die philosophischen Systementwürfe als Ausdruck eines Weltbildes und seiner Grundstimmung zu verstehen, versuchte Dilthey verschiedene Klassifikationen der Hauptformen der Philosophie zu bestimmen. Seit dem gibt es hunderte von Definitionen und Versuche verschiedene Weltbilder zu konstruieren und wieder zu dekonstruieren. Die Liste der Versuche, ließe sich quer durch fast alle Disziplinen, Sprachen und Länder ziehen, was zeigt, dass es ein ebenso wichtiges wie faszinierendes Forschungsfeld ist.

Sonntag, Oktober 09, 2011

"Versuche des nachhaltigen Lebens Teil 6: Kunst & Konsum"





Ende September habe ich über zwei Bilder gepredigt, die mich im letzten Jahr sehr bewegt haben. Beide Bilder stehen in einem engen Zusammenhang. Begonnen habe ich mit dem Berühmten Gemälde von Vincent van Gogh: „Sternennacht“. Eines der bekanntesten Bilder der Gegenwart. Dies war nicht immer so. Wie bei vielen Bildern liegt das Verständnis des Bildes auch in der Biographie des Malers. Van Gogh wurde in einer Pfarrfamilie geboren und genoss eine strenge religiöse Erziehung, die ihn sein ganzes Leben begleitete. Ein anderes Interesse lernte er ebenfalls in seiner Familie, die Liebe zur Kunst. So arbeitete van Gogh nach der Schule in einer Kunsthandlung, doch wurde bald klar, dass dies nichts führ in war. Von Natur aus eher eigenbrötlerisch, war er nicht für den Verkauf geeignet, außerdem las er nur ein einziges Buch, die Bibel. Deshalb arbeitete er als Hilfsprediger und fing an Theologie zu studieren. Nach einem Jahr gab er das Studium wieder auf, weil er den „ganzen Schwindel und das Pharisäertum“ nicht mehr länger aushalten konnte. Er besuchte stattdessen ein Seminar für Laienprediger, wurde dort aber wegen Unbelehrbarkeit hinausgeworfen. Dann arbeitete wieder als Hilfsprediger in Belgien unter Bergleuten. Er lebte in völliger Armut und teilte das Wenige was er hatte mit den Bergarbeitern. Aber seine radikale Art den Glauben zu leben fand wenig Anklang und zu wurde er auch dort entlassen. Diese negativen Erfahrungen mit der Kirche und die ständige Zurückweisung von Christen waren für van Gogh schwer zu ertragen und so zog er sich völlig zurück und begann 1880 sich aufs Malen zu konzentrieren. In den folgenden zehn Jahren malte er 864 Gemälde und über 1000 Zeichnungen bevor er mit 37 Jahren starb. Van Gogh verkaufte selbst kein einziges seiner Bilder und auch sein Bruder und „Manager“ verkaufte nur wenige Bilder, so dass er in Armut und Verzweiflung die letzten Jahre lebte. Diese Skizze seiner Biographie ist natürlich sehr grob, doch hilft sie das Bild „Sternennacht“ etwas zu verstehen. Van Gogh hinterließ nicht nur seine Bilder, sondern auch über tausend Brief an seinen Bruder, in denen er seine Werke erklärte. So stehen die Zypressen im Bild für seine Auseinandersetzung mit dem Tod, die Farbe gelb steht für Gott. Interessant ist, dass aus den Häusern Gott heraus leuchtet, aus der Kirche aber nicht. Alles im Bild ist eine Einheit, Himmel & Erde, Gott, Mensch & Natur, alles mit derselben Technik gemalt und ineinander verbunden.
Der amerikanische Künstler Ron English nahm vor einigen Jahren das Motiv von “Sternennacht” auf und veränderte es stark. Zwar ist das Grundmotiv weiter zu erkennen, aber das Bild wurde verändert, es wurde zu: “Starry Night Urban Sprawl”. Die Einheit wird zerstört, die Häuser verschwinden und werden durch Konsumgüter ersetzt und mit ihnen verschwindet auch das Licht. Das Licht in der Kirche ist nicht mehr das Licht Gottes, sondern ein strahlendes weißes Licht der Konsumgesellschaft: McDonald hat übernommen. Die Konsumgesellschaft ist an der Macht und frisst ihre Kinder. Die Ausbreitung und die Machtübernahme ist nicht mehr zu stoppen – Gott hat verloren, es herrscht eine neue Religion, der Konsum.
Die beiden Bilder haben mich sehr bewegt, da ich denke, dass sie sehr viel über mein Leben, die Christen und unsere Gesellschaft aussagen. Unsere Konsumgesellschaft hat längt die Macht übernommen und sich auch in das religiöse Leben eingeschlichen. Was leuchtet noch aus unseren Kirchen? Was aus unseren Häusern? Nach welchen Maßstäben leben wir? Beurteilen wir unsere Gottesdienste? Unser geistliches Leben? Sind wir nicht zu einer christliche Subkultur verkommen, statt eine Kontrastgesellschaft zu leben? Fragen denen ich mich stellen möchte, da ich nicht wie “Starry Night Urban Sprawl” enden möchte.

Die Bilder & Inspiration stammen aus dem empfehlenswerten Buch von Skye Jethani: "The Divine Commodity: Discovering a Faith Beyond Consumer Christianity"