Samstag, Februar 04, 2012

„Die peinliche Posse um Bonhoeffer“




Heute wäre der 105. Geburtstag von Dietrich Bonhoeffer. Ich lese zurzeit die neue Biographie Bonhoeffer: „Pastor, Agent, Märtyrer und Prophet“ von Metaxas, welches bisher gut zu lesen ist, weil a) Metaxas nach guter amerikanischer Tradition journalistisch gut schreibt und b) Prof. Mayer es geschichtlich gut in den deutschen Rahmen gesetzt hat (das Buch ist toll aufgemacht). Auffallend ist nach den ersten hundert Seiten, dass es relativ „untheologisch“ ist. Bonhoeffers Auseinandersetzung mit der liberalen Theologie oder seine Sympathie für Bultmann fehlen komplett (vielleicht kommt das noch). Warum dies wahrscheinlich kein Zufall ist, wurde schon bei seinem ersten Besuch zur Buchpremiere im September in Berlin klar, als er vollmundig behauptete, dass Bonhoeffer ein Evangelikaler sei. Letzte Woche beim Willow Creek Kongress in Stuttgart trat Metaxas wieder auf und erzählte stolz, dass er Bonhoeffer den „Liberalen“ entrissen habe und ihn wieder zum „Evangelikalen“ gemacht hat. Es ist Schade, dass der Mensch Bonhoeffer für solche „Spielchen“ missbraucht wird. Gerade Bonhoeffer, der sich nie einordnen ließ, weder in die Kategorien damals, noch in die heute, hat es verdient mit mehr Respekt behandelt zu werden. Die Posse mit Metaxas ist ein gutes Beispiel wie Geschichte ins eigene Weltbild interpretiert wird. Wahrscheinlich passiert das ständig, aber selten war es so unangenehm wie in den Interviews von Metaxas.
Natürlich werden jetzt einige sagen, na und? Hauptsache Bonhoeffer wird wieder gelesen. Ja, dem stimme ich sogar zu, und man sollte damit anfangen Bonhoeffer wieder im Original zu lesen...



Kommentare:

Gabriel hat gesagt…

Amen dazu, Toby. Ich sitze gerade über der Barmer Erkläung. Die Lektüre ist ziemlich inspirierend. Sie nimmt einem ethischen Dualismus sei er orthodox-lutherisch oder neuzeitlich-evangelikal voll den Wind aus den Segeln.
Den Hype um das Buch von Metaxas kann ich nicht nachvollziehen. Habe schon im Herbst als das Medienmagazin PRO Bonhoeffer zum Evangelikalen mutieren lies, einiges dazu geschrieben:
http://www.prisma-gemeinschaft.de/2011/10/22/verdrehte-vergangenheit-%E2%80%93-wie-bonhoeffer-zum-evangelikalen-wurde/

Tobias Faix hat gesagt…

Danke, ja, es lohnt sich immer wieder "alte Schätze" neu zu entdecken und zu lernen. Habe deinen guten Beitrag unter "Evangelikal" schon verlinkt! ;)

Kilian hat gesagt…

Danke für den Beitrag.
Ich habe auch gerade, angeregt durch Peter Rollins, Widerstand und Ergebung gelesen und gucke mir jetzt auch Gemeinsames Leben mal wieder an. Jedenfalls kann man seine Kritik am Pietismus nicht leugnen. Gerade seine kritischen Analysen und seine Frömmigkeit machen ihn sehr anregend.

Tobias Faix hat gesagt…

@kilian: Das "und" bringt es gut auf den Punkt! Aber manche haben da lieber ein "entweder oder" stehen...

Gerri & Lilli Wiebe hat gesagt…

Zum Thema Bonhoeffer wird jetzt im Arpil (12-13) in Wheaton eine theologische Konferenz abgehalten, die es wohl anschließend online zu sehen gibt. Mal sehen, welches Bild von ihm dort gezeichnet wird.
http://www.wheaton.edu/Academics/Departments/Theology/Conferences-and-Lectures/Theology-Conference

Tobias Faix hat gesagt…

Ah, danke, interessant....

Anonym hat gesagt…

auch mein amen dazu lieber bruder. eigentlich ein gutes buch, die motivation bonhoeffer für diese oder für jene richtung zu retten, ist einfach nur peinlich. er war und ist immer lesenwert- und deshalb für alle interessierten anregend über den eigenen horizont hinaus zu denken.

herzliche grüsse nach marburg, martin

Wibke hat gesagt…

Wie sieht es jetzt aus? Würdest du das Buch empfehlen?
Bonhoeffer lese ich gerne. Vielleicht auch weil ich irgendwie einiges von dem was ich bisher gelesen habe nachempfinden kann. Da stellt sich für mich die Frage, lohnt sich das Buch?

Tobias Faix hat gesagt…

Ja, ich würde es empfehlen.

Tobias Faix hat gesagt…

als gute (und etwas unkritische) Ergänzung zu Bethge...

Sebastian hat gesagt…

Mir ist beim Lesen der Bethge-Biografie erstmals richtig bewusst geworden, wie Bonhoeffer sich doch auch im Laufe seines Lebens entwickelt haben muss und dass es wahrscheinlich notwendig ist seine Texte auch jeweils unter diesem Gesichtspunkt zu lesen.
Mich hat es irgendwie traurig gemacht, von dieser Metaxas-Veröffentlichung zu hören.

Steffi hat gesagt…

Ist ja witzig, ich habe auch gerade die ersten hundert Seiten gelesen, und ich muss sagen, ich war ziemlich ernüchtert. Da nimmt man so ein fein aufgemachtes, schweres und auch nicht gerade günstiges Buch in die Hand, und dann geht es erst einmal darum, wie viele Promis Bonhoeffer in seiner Familie hatte, dass er Marmeladenbrote zum Frühstück und Käsestullen in der Schule gegessen hat. Das erinnert mich an eine ähnlich aufgemachte, ebenso verheißungsvolle Biographie über Julia Roberts, in der am Ende nur stand, welches Kleid sie auf welcher Veranstaltung getragen hat. Seitenweise schreibt Metaxas über B.s Überlegung, bei wem er seine Doktorarbeit schreiben soll, und wie sich alle quasi um ihn reißen, und dann über die Doktorarbeit selbst: ein einziger Satz! Mich irritiert der amerikanische Blick auf Bonhoeffer, die z.T. umständlichen Beschreibungen der politischen Lage oder der deutschen Geographie, auch sprachlich ist der Text an manchen Stellen irgendwie ungelenk (süchtig AUF Kultur...?), so als hätte der Übersetzer (der ja auch schon lange im Geschäft ist) versucht, Metaxas an die heute altertümlich wirkende Sprache Bonhoeffers anzupassen. Ich werde das Buch auf jeden Fall weiterlesen, ärgere mich aber ein wenig, dass ich mein Geld nicht lieber für die Bethge-Biographie ausgegeben habe (die ich leider noch nicht kenne).

Philipp Mertens hat gesagt…

Habe Metaxas angefangen, allerdings auf Englisch. Beim Vergleich mit Bethge (der meiner Ansicht nach immer noch DIE Biographie über Bonhoeffer geschrieben hat) fällt mir zunächst auf, dass Metaxas doch irgendwie recht populärwissenschaftlich schreibt. Bethge wirkt irgendwie deutlich tiefer und differenzierter.

Die “Ahnentafel“ gehört dabei natürlich zu Bonhoeffer dazu. Das hat ihn geprägt, hat ihm Kontakte verschafft, usw. Bei Bethge ist das noch viel ausführlicher…

Aber mir fällt gerade auch bei der Lektüre auf Englisch auf, wie selbst Aussagen Bonhoeffers aufgrund der Sprache im Englischen evangelikaler klingen als im Deutschen. Mir fällt diese Tendenz bei Metaxas auch auf, dass er dazu neigt, Bonhoeffer gern in diese Ecke zu drücken. Gleichzeitig macht aber auch viel die Sprache (ich gehe mal davon aus, dass Metaxas die Quellen nicht allesamt im Deutschen gelesen hat).

Das mit der Entwicklung bei Bonhoeffer trifft sicherlich zu, aber nur in Maßen: Während er bis Ende der 1920/Anfang der 1930er noch mehr dogmatisch über die Gotteserkenntnis reflektiert und sein Fokus auf der Kirche liegt (“Christus als Gemeinde existierend“), ist mit dem Verschieben des Blickwinkels auf die Christologie hin mehr Nachfolge und Ethik im Fokus. Man erkennt aber immer den roten Faden. Es ist beeindruckend, wie er schon in Seminararbeiten Überlegungen anreißt, die dann in Arbeiten Jahre schon auf einmal konkret werden.

Ach so: 'N Mittelding zwischen Bethge und Metaxas ist vielleicht die Bio von Schlingensiepen, die auch noch relativ aktuell ist (warte aber noch auf sie, kann zum Inhalt noch nix sagen).

Tobias Faix hat gesagt…

@steffi: Ich finde, das die Biographie mit der Zeit immer besser wird, bin gespannt, wie es dir geht?

Tobias Faix hat gesagt…

@philipp: Danke für den Tipp, kannte ich noch nicht!

Steffi hat gesagt…

@Tobi: Stimmt genau! Habe heute Nachmittag "Das Führerprinzip" (ab S. 175) gelesen und mich dabei ertappt, dass ich beim Lesen die Luft angehalten habe, so hat es mich mitgerissen. Endlich geht es auch mal um Inhalte, sehr schön. Bin immer noch manchmal amüsiert über den amerikanischen Blickwinkel, denke aber jetzt, dass die eher "popularwissenschaftliche" Herangehensweise auch seine guten Seiten hat. Für mich ein leichter Einstieg in Bonhoeffers Leben und Theologie; schließe mich also alles in allem Deiner Meinung an: Hauptsache, vielen Leuten wird es leicht gemacht, Bonhoeffer kennenzulernen, dann hat das Buch seinen Dienst getan.

Sebastian hat gesagt…

Aber findet ihr denn nicht die Grundaussage, dass Metaxas Bonhoeffer für die Evangelikalen "Zurückgewinnen" will etwas fragwürdig?

Tobias Faix hat gesagt…

Ja, deshalb habe ich ja den ganzen Beitrag geschrieben! :)

Niklas hat gesagt…

Ich habe die Biographie von Metaxas auch ganz gelesen und muss sagen, dass sie mich gefesselt hat. Mir wurde der Mensch Bonhoeffer zum ersten Mal richtig nahe gebracht. Auch wegen meinen noch jungen Jahren(knapp 16), fiel es mir sehr leicht Metaxas' Biographie zu lesen. Wenn ich vorher Zitate von Bonhoeffer las, habe ich sie entweder nicht verstanden oder nicht weiter darüber nachgedacht. Ich finde es auch nicht schlecht, dass Metaxas die offenbar "evangelikale" Art, jeden Tag die Bibel zu lesen, hervorhebt.
Dank Metaxas wurde ich auch ermutigt über Politik und Gesellschaft nachzudenken.
Ich kann daher nur positiv über Metaxas Werk schreiben, vielleicht aber auch nur deshalb, weil ich noch nicht das nötige Fachwissen besitze...Ich denke, dass viele viel zu 'theologisch' an die Sache herangehen. Für Leute, die Begriffe wie 'liberal' oder 'evangelikal' gar nicht kennen, ist dieses Buch ein erster Schritt, sich mit Bonhoeffer zu befassen.

Viele Grüße
Niklas

PS:Ich lese deinen Blog regelmäßig. Einfach klasse! Danke!

Tobias Faix hat gesagt…

Danke, guter Kommentar, wenn dass das Buch bei dir erreicht hat, ist es doch sehr gut! Und du hast Recht, manchmal machen Theologen das Leben zu kompliziert! :)