Dienstag, Februar 07, 2012

„In was für einer Welt leben wir? Ein Gastbeitrag von Daniel Monninger“



Es ist eine Welt, in der eine alte Frau in einem Fernsehstudio sitzt und redet. Für Menschen wie sie, nein, nur für sie scheint der Begriff „Persönlichkeit“ erfunden und aufbewahrt worden zu sein, damals, als er vielleicht noch etwas bedeutete. Für einen Augenblick, der Ewigkeit ist, gibt es nur sie und mich. Eine alte Frau in einem Fernsehstudio, die redet und einen jungen Bengel vor der Glotze, der übermannt wird von Ehrfurcht und Schmerz und Wut und Trauer und Scham.
Die alte Frau ist Anita Lasker-Wallfisch. Man sagt, sie sei eine Auschwitz-Überlebende und man tut so, als wüsste man, was das bedeutet. So, als wäre damit alles gesagt. Dann redet Anita Lasker-Wallfisch und was man zu wissen glaubt, beschämt plötzlich. Nicht weil sie verurteilt oder auch nur mahnt. Weil sie es nicht tut. Weil ihre Augen lebendig sind und neugierig. Weil sie von ihrer Naivität erzählt und dabei weiser wirkt und gelassener und zufriedener als unser Gedenken es ihr gestatten will. Diese alte Frau ist kein Opfer.
Anita Lasker-Wallfisch kennt Auschwitz und sie kennt das Leben. Vielleicht ist es dieses Paradox, was berückt und bedrückt, aber wahrscheinlich ist das nicht, weil in diesem Augenblick, der Ewigkeit ist, etwas aufscheint, für das nicht einfach nur Worte fehlen, sondern an dem sich Worte verwunden können und Erklärungen tödlich verletzen.
In diesem Augenblick, der Ewigkeit ist, scheitern Kategorien und Erklärungen, es scheitert überhaupt der Verstand. Es drängen sich eintausend Eindrücke auf, die mehr Empfindung sind als Gedanke und die mehr sind als die Frage, zu der sie führen:
In was für einer Welt leben wir?
Es ist eine Welt, die das Erinnern verwaltet. Es ist eine Welt, in der es wichtiger ist angemessen zu sein als betroffen. Angemessen empört und beschämt, angemessen schuldbewusst und ja, auch angemessen betroffen. Doch all dies geht nur unangemessen und echt oder gar nicht. Es ist eine Welt, deren Verlogenheit zum Himmel schreit, deren Menschen man für einen Augenblick, der Ewigkeit ist, hassen muss, eine Welt, deren Kälte sich am schauerlichsten in Gefühligkeit äußert.
Es ist eine Welt, in der Anita Lasker-Wallfisch in einem Fernsehstudio sitzt und redet und Günther Jauch so tut, als wollte er erfassen, was er da fragt. Es ist eine Welt, in der Günther Jauch eine Sendung moderiert, die „Auschwitz“ im Untertitel hat und die „Die letzten Zeitzeugen“ heißt und in der Marcel Reif sitzt. Und noch ein paar andere angemessene Gäste.
Und der Augenblick, der Ewigkeit ist, ist vorüber und die Welt der gefühligen Kälte und der verlogenen Angemessenheit hat Anita Lasker-Wallfisch, die alles ist, aber kein Opfer, auf dem Altar der Unterhaltung geopfert.
Aber es ist eben doch auch eine Welt, in der eine alte Frau in einem Fernsehstudio sitzt und redet und die Welt für einen Augenblick, der Ewigkeit ist, vergessen machen kann.

Kommentare:

Gabriel hat gesagt…

Es zählt für mich zu diesen heiligen Momenten, solchen Menschen gegenüberzusitzen, ihnen zuzuhören, oder sie vor einigen Hundert Schüler zu sehen, wenn sie über ihre Erfahrungen reden. Spannend ist, dass die letzten Zeitzeugen auf eine Generation junger Menschen treffen, die gar nicht mit dem Betroffenheitsdogma der geteilten Bundesrepublik daherkommen.
In den Erinnerungsprozssen liegt so viel Potential. Warum nur, gibt es so wenige Gemeinden, in denen diese Begegnungen initiert und angestoßen werden?

Der Autor hat gesagt…

Das Potenzial in den Erinnerungsprozessen sehe ich ähnlich (gerade im Hinblick auf Dinge wie Empathie, soziales Engagement, Zivilgesellschaft), bei der Praxis bin ich nicht immer so sicher (siehe leider auch weite Teile der restlichen Jauch-Sendung...).

Und die Gemeinden... ja... das ist nochmal ein Thema für sich. Ich sag's mal vorsichtig: Wenn ich das richtig überblicke, haben gerade "die Evangelikalen" bei der Aufarbeitung ihrer Vergangenheit, gerade was die NS-Zeit betrifft, bisher nicht gerade mit übertriebenem Engagement geglänzt... Gegenbeispiele ausdrücklich erbeten!

IWe hat gesagt…

Ich kenne das Buch von anita Lasker-Walfisch, das ich sehr beeindruckend fand. Günter Jauch fand ich in dieser Sendung einfach nur geschwätzig.

Das Thema der Sendung war ja eigentlich "die letzten Zeitzeugen - gerät Auschwitz in Vergessenheit?". Die Diskutanten mit jüdischem Familienhintergrund - waren außer Anita Lasker-Walfisch keine Zeitzeugen. Dafür waren sie zu jung.

Aber aufgrund ihrer Familiengeschichte wurde deutlich, wie die Vergangenheit weiterwirkt, wenn sie auch für das genannte Thema nicht gerade die passende Besetzung waren.

Günter J. Matthia hat gesagt…

Meist schalte ich aus, nach ein paar Minuten Jauch, vor allem, wenn er zwanzig Mal durchgekaute Themen noch einmal auftischt. Am letzten Sonntag blieb ich gefesselt bei der Sendung.
Günther Jauch wirkte auf mich etwas ratlos - vielleicht äußerte sich das in Geschwätzigkeit. Andererseits: Was hätte ich zu sagen, zu fragen gewusst, wenn eine Überlebende vor mir sitzt, der es gelungen ist, zwischen "die Deutschen" und "die Täter" zu unterscheiden?

karola hat gesagt…

Danke für den Artikel. Marina Weisband, die auch in der Sendung war, hat einen eigenen, ebenfalls lesenswerten Rückblick geschrieben: http://www.marinaslied.de/?p=699