Dienstag, Mai 08, 2012

„Abkehr vom Phraseologischen zum Wirklichen“


Heute habe ich einen interessanten Artikel über Bonhoeffer von Karl Martin gelesen: "Die Wendung Dietrich Bonhoeffersvom Theologen zum Christen". Hier ein kurzer Ausschnitt:


An dem Brief Bonhoeffers vom 27. Januar 1936 sind drei Punkte besonders erwähnenswert. Der erste Punkt ist Bonhoeffers Aussage, dass er zu Bibel und insbesondere zur Bergpredigt gekommen sei. Mit diesem Hinweis bezieht sich Bonhoeffer auf seine „Abkehr vom Phraseologischen zum Wirklichen“. Das Zur-Bibel-Kommen war nicht eine pietistische Bekehrung – also nicht der Aufbau einer neuen, nach außen abgegrenzten Innerlichkeit. Vielmehr steht hinter dem Zur-Bibel-Kommen jene Hinwendung zur Wirklichkeit, die mit den philosophischen Studien in New York begonnen hat. Eine neue Art, die Bibel zu lesen, hat das Interesse an ihrer Lektüre erheblich gesteigert. Bonhoeffer entdeckt den Wirklichkeitsbezug der biblischen Texte. In ihnen findet Beschreibung von Wirklichkeit statt bzw. wird Veränderung von Wirklichkeit intendiert. Das eigene Leben und Verhalten wird herausgefordert. Aus der Entdeckung dieses Wirklichkeitsbezuges erwächst eine deutliche Verstärkung von Bonhoeffers Frömmigkeit.


Kommentare:

Hans-Christian Beese hat gesagt…
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Hans-Christian Beese hat gesagt…

Wenn seine Entdeckung des "Wirklichkeitsbezugs" der Bibel mit der Stipendiatszeit in New York in Verbindung steht, ist mit Wirklichkeit dann in erster Linie "soziale" Wirklichkeit gemeint? Mit anderen Worten: Entdeckte er dort das "Soziale Evangelium"?

Wer sein "Wer ist und wer war Jesus Christus" (1933) liest, muss zu dem Ergebnis kommen, dass sein Christus derselbe Christus wie derjenige von Karl Barths "Christusereignis" ist, eingebunden in eine existentialistische Akt-Theologie, die sich eindeutig gegen die reformatorische Christologie stellt.

Daniel hat gesagt…

Dein Christus, mein Christus, sein Christus... und ich dachte, es gäbe nur einen. ;-)

Hans-Christian Beese hat gesagt…

... dachtest du das?

Du wirst dich wundern, welch unterschiedlichste Konzepte da im Laufe der Geschichte entwickelt wurden: Vom Logosmythos der Gnostiker, über Nur-Gott oder Nur-Menschen, bis hin zum besagten übergeschichtlichen Christusereignis der modernen nach-kantianischen Theologie.

Auch der blillante Denker Bonhoeffer war davon nicht frei. Das Studium des Pragmatismus von John Dewey und William James hat ihn stark beeinflusst. Als Schüler Barths wollte er über Barth hinausgehen, dabei aber keinesfalls zum reformatorischen Hermeneutikverständnis und zum chalcedonischen Christusverständnis zurückkehren.

"So alsdann jemand zu euch wird sagen: Siehe, hier ist Christus! oder: da! so sollt ihr's nicht glauben."

Daniel hat gesagt…

Hmm, interessant... In der legendären anderen Diskussion hier auf diesem Blog hast du, wenn ich mich recht erinnere, noch vehement bestritten, dass unsere Wahrnehmung immer kontextuell geprägt - mithin: subjektiv - und sprachlich geformt ist.

Mir gefällt der Gedanke, dass es nicht die Wahrheit über Jesus gibt, weil er selbst die Wahrheit ist (Joh. 14,6).

Insofern wäre Wahrheit für uns nicht besitzbar, nicht verfügbar und all unser uns-in-Beziehung-setzen zu dieser Wahrheit, Christus, ob im praktischen Christsein oder im theologischen Nach-Denken (egal ob calvinistisch oder barthianisch...) wäre notgedrungen bruchstückhaft.
"Nicht, dass ich's schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei"...

Just my two Hobbytheologen-Cents. :)

Daniel hat gesagt…

PS: Also ja, in diesem Fall würde ich daran festhalten, dass es den einen Jesus (sozusagen hinter/über der Sprache) gibt, weil Wahrheit sich hier gerade nicht in menschlichen Kategorien erschöpft, bzw. von diesen konstruiert wird. Jesus ist das Subjekt des Handelns...
Dieser eine Jesus ist also mehr (oder möglicherweise auch etwas völlig anderes) als alle (!) theologische Reflexion über ihn.

Hans-Christian Beese hat gesagt…
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Hans-Christian Beese hat gesagt…
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Hans-Christian Beese hat gesagt…

… was ja auch wieder eine Aussage über Christus wäre, über den man ja laut Bonhoeffer eigentlich nur schweigen kann;-)
„Christus verkündigen, heißt über ihn zu schweigen, über Christus schweigen heißt ihn zu verkündigen.“ Damit hat er die neue Hermeneutik und die neue Suche nach Christus treffend auf den Punkt gebracht.

Jesus ist Subjekt des Handelns, aber nicht mehr Objekt unseres Glaubens.

Das „geschichtliche Bewusstsein“ als hermeneutisches Prinzip gleicht einem Eisenbahnzug in Richtung purem Subjektivismus, aus dem kein Absprung möglich ist. Endstation ist der ufer- und bodenlose Ozean ewiger Kontingenz.

Im Übrigen habe ich immer geschrieben, dass Gedanken Folgen haben.

Paulus hat Irrlehren und Misskonzeptionen nicht auf kulturellen, gesellschaftlichen oder geschichtlichen, sondern klar auf fleischlichen oder dämonischen Hintergrund zurückgeführt und zwischen dem Evangelium und „anderen Evangelien“ (die keine sind) unterschieden.

Tobias Faix hat gesagt…

@Hans-Christian: Zu deiner Ausgangsfrage, ich denke, dass Bonhoeffer zwei Dinge in den USA erlebt hat, zum einen war er eher gelangweilt vom niedrigen Niveau der theologischen Diskussionen und der Abwertung Luthers in den Vorlesungen udn zum anderen war er bewegt von der Spiritualität der "schwarzen Kirche". Im Kontext des Zitates geht es ja um die Wirklichkeitsnähe, die der deutschen Theologie fehlte und welche echten theologischen Fragen hinter den ethischen und gesell-schaftspolitischen Herausforderungen der Kirchen standen.

Zum "Subjekt/Objekt Verständnis" steht ja ein schöner Satz in dem Text: "Das Denken in Dichotomien – hier Subjekt, dort Objekt, hier Erkenntnis, dort Erkenntnisgegenstand, hier Bewusstsein, dort Bewusst-seinsinhalt – kann nie und nimmer ausreichen, weil es den Defiziten des reflexiven Denkens verhaftet ist. Nur im actus directus ist Wirklichkeit – jedoch nicht so, dass isolierte Bewusst-seinshandlungen bereits als actus directi gelten könnten. Die Bewusstseinshandlungen, auch solche, die sich als Vollzug des Glaubens verstehen, müssen integriert werden in einen Ge-samtprozess menschlichen Erlebens und Nachdenkens, Hoffens und Verhaltens, in dem sie einerseits der Vorbereitung von Handlungen und andererseits der Aufarbeitung von Erfahrungen dienen."

Daniel hat gesagt…

Der "ufer- und bodenlose Ozean ewiger Kontingenz" ist weniger Endstation als vielmehr Ausgangspunkt, nämlich Ausgangspunkt menschlicher Existenz. Aus dieser kontingenten Existenz können wir im Glauben herausgerissen werden, aber: sola gratia. Deshalb, gerade weil Jesus das Subjekt des Handelns ist, kann er nicht zum Objekt unseres Glaubens werden (zumindest nicht in dem Sinne, dass wir definitorisch, intellektuell oder sonstwie über ihn verfügen).

Und wenn du schon vom geschichtlichen Bewusstsein anfängst:
"In Wahrheit gehört die Geschichte nicht uns, sondern wir gehören ihr." hat Hans-Georg Gadamer mal geschrieben. Übertragen auf unser Thema müsste man wohl anfügen: In Wahrheit gehört Jesus nicht uns, sondern wir gehören ihm. q.e.d. ;-)

Und ja, eigentlich müssten wir schweigen. Aber, wie Luther so schön übersetzte: "Denn wes das Herz voll ist, des geht der Mund über." :-)
Ich denke jedoch, dass es sich durchaus lohnt, den Zielkonflikt der beiden Imperative von "Schweigen" und "Reden" nicht allzu leichtfertig zu übergehen...

Hans-Christian Beese hat gesagt…
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Hans-Christian Beese hat gesagt…
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Hans-Christian Beese hat gesagt…
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Hans-Christian Beese hat gesagt…

@Tobias,
ohne die Differenzierung Subjekt-Objekt, bzw. Erkenntnis-Erkenntnisgegenstand hat die moderne Theologie einen Jesus konstruiert, der sowohl gänzlich unbekannt, als auch gänzlich bekannt ist.
Diese Sorte Jesus kann der moderne Mensch „verstehen“, weil er nichts weiter ist, als die Personifizierung des idealen Selbst, eines Selbst, das sowohl frei als auch absolut determiniert ist.
Einmal in diesen Kantschen Zug in die Freiheit eingestiegen, mit dem Ticket des geschichtlichen Bewusstseins als Menschen- und Weltbild, bleibt ihr, ob sie es will oder nicht, keine andere Möglichkeit, als die völlige Gleichsetzung von Glauben und Christus zu akzeptieren.

Ist das geschichtliche Bewusstsein, so wie moderne Denker es verstehen, erst einmal als Ausgangspunkt akzeptiert, nützt alles Reden von Gottes Selbstoffenbarung in Christus nichts mehr: Der moderne Mensch hat bekommen, wonach er verlangt. Alles Beharren darauf, dass ein echter Übergang vom Zorn zur Gnade innerhalb der normalen Geschichte stattgefunden hat, klingt nur wie der Todesseufzer einer Maus im Maul der Katze, oder eines Lammes im Kiefer eines Wolfes.

Was Bonhoeffer m. E. nicht gesehen hat, ist (a) die absolute grundsätzliche Antithese zwischen dem Christus der Schrift und dem Christus moderner Rekonstruktion, und (b) dass Letzterer einer Ontologie, einer Epistemologie und einer Ethik Ausdruck verleiht, die inhärent bedeutungslos ist und den Menschen unter dem "Zorn des Lammes" (Offb. 6,16) belässt.

Mit Christus als Objekt unseres Glaubens meinte ich zweierlei:

(1)Es gibt objektive geschichtliche Fakten, die für uns heilsrelevant sind, einen historischen Übergang vom Zorn zur Gnade.

(2)Christus ist mehr als die Projektion unseres ethischen Ideals.

@Daniel, Ausgangspunkt menschlicher Existenz ist keineswegs Kontingenz, aus der er sich in einer Art Evolutionsprozess empor entwickelt, sondern eine vollkommene Schöpfung und ewiger Plan Gottes.
Heidegger-Schüler Gadamer ist ein nicht-christlicher, existentialistischer Philosoph, dessen Geschichtsbild eher an Heraklit als an biblische Offenbarung anknüpft.

Daniel hat gesagt…

Ich möchte hier ungern über Prädestination streiten, weil wir da über normative Thesen kaum hinauskommen werden. Ich würde jedoch daran festhalten, dass der Ausgangspunkt menschlicher Wahrnehmung/Erfahrung Kontingenz ist. Ich jedenfalls hatte Heilsgewissheit nicht mit der Muttermilch aufgesogen und mir scheint, dass das bei den meisten anderen Menschen ebensowenig der Fall ist. Aber schön, dass du offensichtlich eine Ausnahme bist. :-)
Von einer "Art Evolutionsprozess" habe ich nirgends gesprochen...

Und da bei dir offenbar weniger die Kraft des Arguments als seine Herkunft zählt (Gadamer...), bin ich hier wieder raus.

Hans-Christian Beese hat gesagt…

Man kann sich doch über Gadamer unterhalten, ohne gleich „raus“ sein zu müssen, oder?;-)

Gadamer ist nun mal ein Meilenstein in der Entwicklung der „neuen Hermeneutik“. Sein „Wahrheit und Methode“, vermittelt den Eindruck, er wolle „kantianischer“ als Kant und „diltheyscher“ als Dilthey sein.

Der ganze Zweck moderner Hermeneutik besteht laut Gadamer darin, im Kantschen Sinne kritisch zu sein, d. h. die Präsuppositionen aufzuspüren, die jedem Interpretationsprozess zugrunde liegen.
Doch war seines Erachtens Kant seinen eigenen Prinzipien nicht ganz treu, weil er gewisse selbständige Wesenseinheiten jenseits der menschlichen Erfahrung beibehielt, die möglicherweise Einfluss auf diese Erfahrung nehmen könnten.
Dilthey schaffte es nicht viel weiter als Kant. Er versuchte zwar, die Hermeneutik von der Knechtschaft dogmatischer Lehren zu befreien. Was Dilthey nicht sah, war, dass um wahrhaft kritisch zu sein, der Mensch nicht nur von den Ketten des Dogmas befreit werden muss, sondern dass die eigentliche Natur des Dogmas verwandelt werden muss.
Nur indem wir somit über Dilthey in unserer Anwendung wahrhaft kritischer Epistemologie hinausgehen, können wir die Bedeutung von Schleiermachers Hermeneutik wirklich würdigen. Erst dann wird deutlich, dass Schleiermacher eine Sicht von Universalität und Individualität entwirft, die beidem gerecht wird: dem Gedanken der Souveränität und demjenigen der Gnadenuniversalität, wie wir sie heute verstehen.
Durch seine Suche nach einer Theorie geschichtlicher Vernunft verschrieb sich Dilthey von vornherein einem Dualismus zwischen Philosophie und Erfahrung, die er nicht überwinden konnte (Gadamer, „Wahrheit und Methode“)
Erst mit Heidegger erschien ein echt kritisches Verständnis des geschichtlichen Bewusstseins auf der Bildfläche. In Heidegger wird die „philosophische Absicht Diltheys“ freigesetzt. Andere lieferten ihre Beiträge, doch es war Heidegger, der die Notwendigkeit radikaler Veränderung gedanklicher Aktivität ins rechte Licht rückte, welche die Ablehnung jeder Vorstellung von Wesenheit mit sich brachte.
Heidegger knüpft an Husserls Phänomenologie an. Mit Hilfe von Husserls Gedanken der Intentionalität entwarf Heidegger eine Kritik verschiedener Formen von „Objektivismus“, selbst desjenigen von Dilthey. Durch Husserls intentionale Phänomenologie bewirkt Heidegger eine kopernikanische Revolution des Selbstverständnisses. Dieses Selbstverständnis umfasst alle Wirklichkeit. „Die Universalität des absoluten Geistes umschließt alles Seins in absoluter Geschichtlichkeit, in welcher Natur als ein Produkt des Geistes untergeordnet ist.“

Hans-Christian Beese hat gesagt…
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Hans-Christian Beese hat gesagt…
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Hans-Christian Beese hat gesagt…

p.s. hast du mal R. G. Collingwood gelesen? In seinem Gedanken von der Logik von Frage und Antwort („Fragehorizont“) knüpft Gadamer eng an Collingwood ("The Idea of History") an. Würde dir gefallen;-)

Gadamer in deutscher Sprache und Collingood in englischer Sprache stehen gemeinsam in der Annahme der letztendlichen Selbstgenügsamkeit und Eigenständigkeit des Menschen als Quelle und Richtwert sinnhaften sprachlichen Ausdrucks.
Moderne theologische Hermeneutik ist bemüht, die Prinzipien allgemeiner Hermeneutik von Männern wie Gadamer und Collingwood auf die Frage nach dem „historischen Jesus“ anzuwenden.
Der historische Jesus wird nach den hermeneutischen Prinzipien des innerlich eigenständigen Menschen konstruiert. Jesus muss das sein, was ihm bei seinem Versuch, zu einem authentischen Dasein zu finden, behilflich ist.

Meine hobby-philosophischen zwei Scherflein;-)