Sonntag, Juli 29, 2012

„Wort & Tat: Wie wichtig ist Diakonie?“


Mein Kollege Thomas Kröck hat „Diakonie als Anbetung Gottes“ bezeichnet, eine Beschreibung die mir sehr gut gefällt, weil sie die Zielrichtung weg vom Problem, hin zum Ziel der Diakonie lenkt. Eine gute Definition habe ich im Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde gefunden: „Die Kirche hat den Auftrag, Gottes Liebe zur Welt in Jesus Christus allen Menschen zu bezeugen. Diakonie ist eine Gestalt dieses Zeugnisses und nimmt sich besonders der Menschen in leiblicher Not, seelischer Bedrängnis und in sozialer Ungerechtigkeit an. Das Heil Gottes vollzieht sich in der Diakonie in Wort und Tat als ganzheitlichen Dienst am Menschen.“ In Deutschland gehört diakonisches Handeln von jeher zum Christsein und der verschiedenen Kirchen (bspw. das Diakonische Werk, Caritas, DGD,  Diakonie der Baptisten etc.) dazu und wenn man zwei prägende geschichtliche Figuren herausheben möchte, könnten dies zum einen August Herman Francke (1663-1727), der sich um die Armenfürsorge kümmerte und Waisenhäuser und Armenschulen gründete und so eine ganze Sozialreform in Deutschland einleitete und zum anderen Johann Hinrich Wichern (1808-1881) sein, der in der Frühzeit der Industrialisierung sich der neuen Verarmung in Deutschland annahm und die Innere Mission gründete, aus der später das Diakonische Werk der EKD hervorging, einer der größten Arbeitgeber in Deutschland bis heute. Aus dieser für das deutsche Sozialsystem sehr wichtigen Entwicklung sind aber auch Probleme entstanden, zwei sollen hier kurz genannt werden. Erstens wurde durch die Professionalisierung und Institutionalisierung der Diakonie diese immer mehr aus der Kirche herausgezogen. Für die Kirchen hat die Diakonie viele Arbeiten übernommen und auch die Freikirchen haben ihre diakonische Arbeiten ausgelagert und ihre Gemeinden oftmals außerhalb der Städte gelegt, wo Menschen mit Benachteiligungen (Behinderungen, Ältere, Arme etc.) kaum Möglichkeiten haben hinzukommen. Viele landeskirchliche Gemeinschaften, die eigentlich gerade aus einer diakonischen Identität heraus gegründet würden, haben sich in den letzten Jahrzehnten im Zuge eines einseitig verstandenen Heiligungsverständnis aus dieser Arbeit (teilweise) zurück gezogen. So sind viele Kirchen und Gemeinden heute vor allem gottesdienstzentrierte Mittelstandsgemeinden (natürlich mit Ausnahmen) geworden. Das zweite Problem ereignet sich innerhalb der institutionalisierten Diakonie und in der Säkularisierung der verschiedenen Werke. Zwar ist bspw. das Leitbild des Diakonischen Werkes (Wir orientieren unser Handeln an der Bibel. Wir achten die Würde jedes Menschen. Wir leisten Hilfe und verschaffen Gehör. Wir sind aus einer lebendigen Tradition innovativ. Wir sind eine Dienstgemeinschaft von Frauen und Männern. Wir sind dort, wo Menschen uns brauchen. Wir sind Kirche. Wir setzen uns ein für das Leben in der einen Welt) biblisch-theologisch durchdrungen und zeigt die geschichtliche Herkunft  und Ausrichtung, doch lässt sich dies in der Größe und mit dem Personalaufwand kaum noch so leben. Für die Kirchen und Gemeinden besteht deshalb die Aufgabe, wieder neu ihre diakonische Identität zu leben und den biblischen Auftrag auszufüllen. Bonhoeffer hat es mal ziemlich lapidar auf den Punkt gebracht als er sagte: "Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist“. Der amerikanische Pastor Tim Keller beschreibt dies in seinem neuen Buch (Warum Gerechtigkeit?) aus biblisch-theologischer Sicht, in dem er Stück für Stück durch die ganze Bibel geht (vom mosaischen Gesetz über die Propheten zu Jesus und Paulus) und so nachweist, dass diakonisches Handeln ein zentraler Bestandteil des Willen Gottes und somit auch unseres Christseins ist und selbstverständlich in der Gemeinde seinen Platz hat, ja sogar ein Identitäts- und Erkennungsmerkmal ist. Aber genau darin liegt vielleicht die größte Herausforderung, diakonisch handeln ist anstrengend, fordert heraus und ich merke, dass es mir leichter fällt „die Wahrheit zu predigen“ als anderen zu dienen. Vielleicht hat es deshalb so eine große Betonung in der Bibel und Jesus sagte seinen Jüngern, dass die Welt sie an ihrer Liebe erkennt. Zwei hilfreiche Bücher wie diakonisches Handeln im Kontext der Gemeinde heute aussehen kann, bieten Thomas Kröck in seinem Buch „Offene Türen in unsere Welt: Wenn Christen ihren Nachbarn helfen“ und der 3. Band unserer Transformationsstudien: Die Welt verstehen.

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