Montag, Dezember 31, 2012

„Maria und Josef in Neukölln – Lernen für 2013!“



Letztes habe ich zwischen den Jahren auf das sehr interessante „Zeitexperiment“ hingewiesen, in dem zwei als Obdachlose verkleidete Zeitredakteure im „Reichenmilieu“ (Kronberg im Taunus) unterwegs waren und ihre bitteren Erfahrungen in einem lesenswerten und heiß diskutieren Artikel veröffentlicht haben. Jetzt geht dieses Experiment weiter, dieses Mal führt der Weg von zwei „obdachlosen Zeitreportern“ nach Berlin-Neukölln und die Erfahrungen sind überraschend anders, hier ein kurzer Ausschnitt:
Und dann steht da plötzlich dieser Kerl: breites Kreuz, dunkler Bartschatten, raspelkurzes Haar. In seinen Händen zwei Tüten Capri-Sonne, Geschmacksrichtung Orange. Er ist eben aus dem Netto-Markt gekommen. Er muss sie dort für uns gekauft haben. Er geht zu einem alten VW Golf, steigt ein, steigt aus und kommt zurück mit sechs Mandarinen und einer Visitenkarte, darauf die Libanon-Zeder und die Adresse eines Lokals.
»Ich bin Habib«, sagt der Mann. »Meine Nummer steht auf der Karte. Ich hab einen Laden hier um die Ecke. Ihr seid immer meine Gäste.«
Es ist beschämend. Nicht nur des Bettelns wegen. Sondern weil dieses Betteln eine Lüge ist. Eine Lüge zwar, die helfen soll, die Wahrheit zu erkunden. Doch auch eine, mit der wir ausgerechnet die Wohlgesinnten hintergehen. Wir ahnen nicht, welche Folgen das noch haben wird.
Sozialromantik oder ein reales Abbild des Prekariats in Deutschland? Sind Arme doch hilfsbereiter als Reiche? Oder gilt dies nur für das eigene Milieu? Würden die Armen auch den Reichen helfen? Oder die Reichen auch (nur) den Reichen? Die beiden Berichte beantworten vieles und stellen noch mehr neue Fragen. Wichtige Fragen, die mich auch in das Jahr 2013 begleiten werden. Interessant ist, dass in beiden Berichten immer wieder die Religionsgemeinschaften (Moscheen und Kirchen) aufgesucht, hinterfragt und untersucht werden. Wie stellen sich die religiösen Menschen den Fragen von Armut und Not? Haben sie nicht eine besondere Verpflichtung? So wird dieser Text zur Pflichtlektüre und Herausforderung gerade für Christinnen und Christen und ihr eigenes Verhalten für das Jahr 2013.


Kommentare:

Philipp Mertens hat gesagt…

Hi Toby!
Danke für Deine Gedanken. War auf den Bericht zwischenzeitlich auch gestoßen und fand das Ergebnis ähnlich beschämend, wie Du es beschreibst. Tja, es wohl eine Herausforderung an jeden einzelnen von uns. Wie oft gehe ich unbekümmert an Obdachlosen vorbei, weil ich mir einrede, dass wir ja eigentlich ein gut funktionierendes soziales Netz haben (sollten), womit ich mich dann aber womöglich lediglich meiner eigenen Verantwortung entziehe. Andererseits gibt es ja tatsächlich soziale Einrichtungen, und wenn wir dann doch mal Obdachlosen etwas zu essen (statt Geld) anbieten, stößt das teils eher auf Missmut als Freude.

Ich gebe Dir besonders dahingehend recht, dass wir als Kirchen, die als Institutionen ja über bestimmte Ressourcen (z.B. Räume u.ä.) verfügen, noch mehr im Bereich Soziales tun können und sollten, egal ob für Obdachlose oder Kinder, die einfach mittags 'ne ordentliche Mahlzeit und vielleicht 'ne Hausaufgabenbetreuung brauchen (was mich als Individuum natürlich aus meiner persönlichen Verantwortung nimmt).

Gleichzeitig hätte ich gern auch mal professionellen Rat und Informationen von jemandem, der sich auskennt und weiß, was es z.B. für Obdachlose bereits gibt (Essen, Schlafplätze, etc.). Also konkret: Muss man sich durch Neukölln durchfragen nach einem Schlafplatz oder gibt es vielleicht längst entsprechende Orte? Ich war beispielsweise mal vor einigen Jahren in Chicago in einem homeless shelter, wo die Leute theoretisch alles Nötige bekamen. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass sich von ihren Kapazitäten aus allen Nähten platzen würden. Vielleicht ist ja auch schon konkrete Nächstenliebe, wenn ich mich mit jemand Fragendem dahingehend auseinandersetze, dass ich mit Rat und Tat zur Seite stehe, um solch einen Ort ausfindig zu machen, ggf. den Bus zu bezahlen o.ä. Wäre immerhin ein Anfang.

Soweit mal ein paar lose Gedanken von mir dazu. Ich weiß, das Thema ist echt riesig, und vermutlich finden wir da auch nicht die eine richtige Antwort, weshalb mein kurzes Statement diesen Anspruch natürlich auch nicht hat - ganz im Gegenteil. Bin gespannt, was hier noch kommt. Vielleicht lassen sich ja auch noch konkrete Erfahrungsberichte auftun…

Liebe Grüße und einen guten Jahresstart in jedem Fall!

Philipp

Tobias Faix hat gesagt…

Hi Philipp, danke für deine Gedanken, ja, ist ein komplexes Thema. :) Meine Schwägerin hat jahrelang als Sozialarbeiterin mit Wohnungssuchenden gearbeitet (http://www.oase-koeln.de) und aus den Gesprächen mit ihr und meinen Erfahrungen (z.Sb. mit HEio http://toby-faix.blogspot.de/2008/11/begegnung-mit-heio.html) bin ich für mich auf eine "Doppellösung" gekommen: a) meine christliche Nächstenliebe treibt mich an den Wohnungssuchenden in Liebe zu begegnen, ihnen vielleicht etwas Gutes zu tun (von Worten bis Taten) etc., aber hier geht es nicht darum die Situation zu lösen oder gar gar die Strukturen zu verändern, dies geschieht in b) als Christ und vor allem als christliche Gemeinde haben wir eine Verantwortung, dass wir uns gegen Ungerechtigkeit einsetzten, sei es durch eigene Programme, Aufklärung oder auch durch Vernetzung in dem wir als Gemeinde zum Bsp so Organisationen wie die Oase unterstützten etc. Beides gehört zusammen und lässt sich meines Erachtens auch nicht trennen, obwohl es unterschiedliche Ebenen sind. Dazu kommt, dass ich, bei allem mangelhaften Einsatz, bisher immer auch gestärkt und gesegnet herausgegangen bin.
So, dies ein paar (unsortierte) "Neujahrsgedanken" und die Idee mit den Erfahrungsberichten ist Klasse und da überlege ich mal wie das umzusetzen ist...

Philipp Mertens hat gesagt…

Ja, das deckt sich ja in etwa. Also, ich teile Deinen Teilung:-).

Tobias Faix hat gesagt…

;)

Kerstin hat gesagt…

Hey Toby,
der Artikel wirft tatsächlich viele Fragen auf. Einen sehr spannenden Bereich finde ich die Beobachtung, dass es selbst unter "Armen" viele "Schichten" zu geben scheint... die "wirklich" Armen, aber auch die, die sich inzwischen einen bestimmten "Status" erarbeitet haben oder ein System um sich errichten konnten, was sie irgendwie "immunisiert". Ich finde dazu passen die Gedanken vom EmergentForum von Peter - über Mächte in Systemen.
Das auch nur als kurze Gedanken im Jahr 2013 ;)

Lg, Kerstin