Freitag, Februar 10, 2012

"Neue Bücher braucht das Land...."



Diese Woche kam das neue Francke Magazin Theologie mit dem Schwerpunktthema Gesellschaftstransformation heraus. Es gibt zum einen Einblick in unsere Projekte ("Suchet des Dorfes Bestes", Gemeindeentwicklung auf dem Dorf), Forschungsarbeiten ("Wozu seid ihr Christen eigentlich gut" - ein Interview mit Roland Baumann, der in seiner Arztpraxis in Parchim eine Gemeinde gründet) und berichtet über die Neuerscheinungen in diesem Frühjahr (mit Vorabdrucken von "Die Welt verstehen" und "Die verändernde Kraft des Evangeliums"). Außerdem gibt es zwei spannende Interviews mit Rene Padilla (aus Argentinien) und Johannes Reimer zum Thema "Multikultureller Gemeindebau". Dazu gibt es Rezensionen der aktuellen Bücher von NT Wright, David Bosch und Alan Roxburgh! Viel Spaß beim Lesen!

Dienstag, Februar 07, 2012

„In was für einer Welt leben wir? Ein Gastbeitrag von Daniel Monninger“



Es ist eine Welt, in der eine alte Frau in einem Fernsehstudio sitzt und redet. Für Menschen wie sie, nein, nur für sie scheint der Begriff „Persönlichkeit“ erfunden und aufbewahrt worden zu sein, damals, als er vielleicht noch etwas bedeutete. Für einen Augenblick, der Ewigkeit ist, gibt es nur sie und mich. Eine alte Frau in einem Fernsehstudio, die redet und einen jungen Bengel vor der Glotze, der übermannt wird von Ehrfurcht und Schmerz und Wut und Trauer und Scham.
Die alte Frau ist Anita Lasker-Wallfisch. Man sagt, sie sei eine Auschwitz-Überlebende und man tut so, als wüsste man, was das bedeutet. So, als wäre damit alles gesagt. Dann redet Anita Lasker-Wallfisch und was man zu wissen glaubt, beschämt plötzlich. Nicht weil sie verurteilt oder auch nur mahnt. Weil sie es nicht tut. Weil ihre Augen lebendig sind und neugierig. Weil sie von ihrer Naivität erzählt und dabei weiser wirkt und gelassener und zufriedener als unser Gedenken es ihr gestatten will. Diese alte Frau ist kein Opfer.
Anita Lasker-Wallfisch kennt Auschwitz und sie kennt das Leben. Vielleicht ist es dieses Paradox, was berückt und bedrückt, aber wahrscheinlich ist das nicht, weil in diesem Augenblick, der Ewigkeit ist, etwas aufscheint, für das nicht einfach nur Worte fehlen, sondern an dem sich Worte verwunden können und Erklärungen tödlich verletzen.
In diesem Augenblick, der Ewigkeit ist, scheitern Kategorien und Erklärungen, es scheitert überhaupt der Verstand. Es drängen sich eintausend Eindrücke auf, die mehr Empfindung sind als Gedanke und die mehr sind als die Frage, zu der sie führen:
In was für einer Welt leben wir?
Es ist eine Welt, die das Erinnern verwaltet. Es ist eine Welt, in der es wichtiger ist angemessen zu sein als betroffen. Angemessen empört und beschämt, angemessen schuldbewusst und ja, auch angemessen betroffen. Doch all dies geht nur unangemessen und echt oder gar nicht. Es ist eine Welt, deren Verlogenheit zum Himmel schreit, deren Menschen man für einen Augenblick, der Ewigkeit ist, hassen muss, eine Welt, deren Kälte sich am schauerlichsten in Gefühligkeit äußert.
Es ist eine Welt, in der Anita Lasker-Wallfisch in einem Fernsehstudio sitzt und redet und Günther Jauch so tut, als wollte er erfassen, was er da fragt. Es ist eine Welt, in der Günther Jauch eine Sendung moderiert, die „Auschwitz“ im Untertitel hat und die „Die letzten Zeitzeugen“ heißt und in der Marcel Reif sitzt. Und noch ein paar andere angemessene Gäste.
Und der Augenblick, der Ewigkeit ist, ist vorüber und die Welt der gefühligen Kälte und der verlogenen Angemessenheit hat Anita Lasker-Wallfisch, die alles ist, aber kein Opfer, auf dem Altar der Unterhaltung geopfert.
Aber es ist eben doch auch eine Welt, in der eine alte Frau in einem Fernsehstudio sitzt und redet und die Welt für einen Augenblick, der Ewigkeit ist, vergessen machen kann.