Samstag, Juni 30, 2012

"Fußball & Religion: Wer besitzt die Deutungshoheit?"




Die EM ist fast vorbei, Deutschland ist ausgeschieden und die Euphorie hat sich Schuldzuweisungen & Besserwisserei aufgelöst. Zeit über die wirklich wichtigen Dinge nachzudenken, über die Religion. Aber, so höre ich den Einwand, ist das nicht der Fußball? Diese Frage stellte sich auch Dr. Andreas Prokopf letzte Woche in seinem gleichnamigen Vortrag, den er im KHG Marburg gehalten hat. Prokopf hat auf faszinierende Weise die Symbiose der zwei „spirituellen“ Konkurrenten herausgearbeitet und gezeigt, dass es viele Parallelen gibt und doch einige zentrale Unterschiede. Auffällig dabei ist, dass sich der Fußball immer wieder auf ganz unterschiedliche Art und Weise an der Religion und am „Heiligen“ bedient, manchmal etwas plump, wie in dem „Champions League Gebet“, oftmals über die Sprache („Schweinsteiger erlöst Deutschland“, hätten wir gerne gelesen) oder in der Funktion (Verdrängung der „wirklichen“ Lebenssituation, Reduzierung der Wirklichkeit, Diffamierung oder Gruppenritual). Das war schon sehr spannend und es gab auch noch ein paar schöne Sätze (und Ausführungen) wie: „Über das missionarische Wesen des Fußballfans“, die Devotionalien der Fußballfans (er brachte ein Stück Aufstiegsrasen der Fortuna mit) oder „die Ultras sind die Evangelikalen des Fußballs“ und „Kommerz ist die moderne Form der Erbsünde“. Ja, ein toller Abend mit einem begeisterten Referenten, sowohl für den Fußball, als auch für die Religion.

Zum Schluss noch einige Parallelen:
Heiliger Rasen - Heiliger Raum
Fangemeinde - Kirchengemeinde
Schlusspfiff - Schlusssegen
gemeinsames singen - gemeinsames singen
Vereinswappen auf dem Auto - Fisch auf dem Auto
Capo singt vor, ganzer Block stimmt ein - Chorleiter und Orgel stimmen an
Abneigung / Intoleranz gegen andere Vereine - Abneigung/Intoleranz gegen andere Konfessionen/Frömmigkeitsstile
Im Trikot o.a. spezifische Kleidung ins Stadion - Sonntagskleidung

Mittwoch, Juni 27, 2012

"Fußball & Literatur: Also sprach Metzelder..."



Pünktlich zum EM Halbfinale ein kurzer Buchtipp: Ich lese gerade von Moritz Rinke "Also sprach Metzelder zu Mertesacker... Lauter Liebeserklärungen an den Fußball". Ein witziges und scharfsinniges Lesevergnügen mit den besten Texten, Kolumnen und Interviews von Rinke der letzten fünf Jahre. Es sind vor allem die Tagesspiegelkolumnen der letzten Fußballgroßereignisse (WM 2006, EM 2008 und WM 2010), die Rinke in seiner ganz eigenen Dramaturgie wiedergibt und wechselweise Erinnerungen und Schmunzeln zu Tage fördert. Vor allem die Liebesbriefe von Bundeskanzlerin Merkel an Bastian Schweinsteiger sind der Hit, den "Migrationsbrief" an Özil möchte ich aber auch nicht unterschlagen und den wunderbaren Dialog zwischen Hoeness und der Meisterschale soll nicht unerwähnt bleiben. Nun ja, jetzt könnte man meinen, dass es ein rund um perfektes Buch sei. Ja, das ist es  - fast, wenn, ja wenn da nicht die Liebeserklärung "Das Wunder von der Weser" wäre. Sorry lieber Herr Rinke, aber das geht, bei aller Wertschätzung, jetzt gar nicht, auch nicht bei so wunderbaren Sätzen wie: 


"Wir wissen wie das Leben ausgeht.
wir wissen sogar meist, wie die Ehe ausgeht,
aber kein Mensch weiß, wie ein Spiel von Werder Bremen ausgeht!"