Mittwoch, Juli 11, 2012

"Wort oder Tat? – Evangelisation oder Diakonie?"



Nach dem letzten Blogeintrag wurde ich vermehrt darauf angesprochen, ob gesellschaftsrelevante Gemeinde denn nicht zu einseitig sein und die Wortverkündigung und die Evangelisation vernachlässigen würde oder gar ganz ausschließt. Das tut sie in meinen Augen nicht, denn es wäre ein Fehler, da die Bibel weder Wort noch Tat oder Evangelisation oder Diakonie trennt, noch spielt sie beide gar gegeneinander aus. Beides hat seinen Platz und seine Zeit. Wenn ich in die erste Gemeinde schaue, dann entdecke ich beides und zwar mit großer Wertschätzung. Es gab viele Wunder und Heilungen, aber das vielleicht größte Wunder war, dass Menschen angefangen haben auf ihren Besitz zu verzichten und alles herzugeben was sie hatten. Gütergemeinschaft hieß dieses herausfordernde Wort, das nicht den Zwang zum Teilen meinte, sondern die Möglichkeit dazu (Apg 4,32). Dass mitten in dieser Erwckungszeit nicht alles gut war, zeigen die nächsten Kapitel. Zunächst schützt Gott auf harte Art und Weise die Gemeinde vor Heuchelei und falscher Einflussnahme, als Hananias und Saphira versuchen die Apostel, die Gemeinde und Gott zu hintergehen (Apg 5,1-11). Und dann wird deutlich, warum dieses miteinander Teilen so nötig war (Apg 6,1-7). Durch die Gütergemeinschaft wurde die Gemeinde auch attraktiv für sozial Schwache, wie zum Beispiel griechische Witwen, da es zu der Zeit keinerlei soziale Absicherungen gab. Die Zahl der diese Witwen nahmen schlagartig zu, so dass sie nicht mehr versorgt werden konnten, was für eine große Unruhe in der Gemeinde gesorgt hat. Die Apostel setzten daraufhin Diakone ein, die diesen Missstand beheben, sollten so dass für alle gesorgt werden kann. Interessant ist hierbei, dass die Qualifikation für diese diakonische Tätigkeit ein „guter Ruf und voll Heiligen Geistes“ (Apg 6,3) war. Es gab keine Ausspielung oder gar Rangfolge von Wort und Tat, sondern beides war ein geistlicher, ja ein geistgewirkter Dienst. Der Abschnitt endet mit dem Hinweis, dass sich das Wort Gottes ausbreitete und die Zahl der Christen dadurch stark wuchs (Apg. 6,7). Die Christen waren sich ihrer „Öffentlichkeitsarbeit“ durchaus bewusst, spielte der soziale Dienst auch im Alten Testament eine große Rolle und war eine Art Gradmesser des Glaubens. Auch der Umgang mit Witwen ist ein Prüfstein für die praktizierte Nächstenliebe im Volk Gottes und somit auch für die intakte Beziehung zu Gott (vgl. 5.Mose 14,28f; 16,11.14). Dies wussten auch die ersten Christen, sie wollten weder ihre Gottesbeziehung, noch ihre Glaubwürdigkeit in ihrer jüdischen Umwelt verlieren.
Wort und Tat oder Evangelisation und Diakonie? Beides gehört für mich untrennbar zusammen. Einige Jahrhunderte später brachte es Johann Heinrich Wichern auf den Punkt  als er sagte, dass 1. Diakonie ohne Evangelisation ist ziellos sei, 2. Evangelisation ohne Diakonie ist fruchtlos und 3. Evangelistische Diakonie hat immer die Gesellschaft im Blick hat.