Mittwoch, Juli 25, 2012

„Wort und Tat: Wie wichtig ist Evangelisation?“


In den letzten Monaten wurde ich vermehrt darauf angesprochen, wie ich zum Thema Evangelisation stehe und im letzten Post habe ich dazu ja schon ein paar Gedanken geschrieben. In den Gesprächen wurde ich immer wieder gefragt, warum viele junge Christinnen und Christen sich mit dem Wort Evangelisation so schwer tun würden, ja sogar dagegen seien. Dies ist eine durchaus berechtigte und interessante Frage, die meines Erachtens damit zu tun hat, was man unter dem Wort Evangelisation überhaupt versteht. Evangelisation muss meiner Meinung nach immer in einer Spannung zwischen dem jeweiligen gelebten Kontext (und seinen Menschen) und dem verkündeten Evangelium stehen, nur wenn diese Spannung aufrechterhalten wird, wenn die Angesprochenen auch die gute Botschaft von Gottes Heil, Versöhnung und Gerechtigkeit verstehen können, dann macht Evangelisation Sinn. Da können wir sehr viel von interkultureller Mission lernen, wo es keine Mission ohne Kontextualisierung des Evangeliums gibt. Außerdem muss geklärt werden, was überhaupt unter dem Wort „Evangelisation“ verstanden wird. Eine Definition, die mir gut gefällt, stammt vom Missionswissenschaftler David Bosch:
„Evangelisation kann definiert werden als diejenige Dimension und Aktivität der Mission der Kirche, die versucht jeder Person, an jedem Ort, eine wirkliche Gelegenheit anzubieten, um unmittelbar durch das Evangelium zum expliziten Glauben herausgefordert zu werden. Das schließt die Perspektive ein, ihn (Christus) als Retter anzunehmen, ein lebendiges Glied seiner Gemeinde zu werden und in den Dienst der Versöhnung, des Friedens und der Gerechtigkeit auf Erden aufgenommen zu werden.“ (Bosch 2012, 626)
Mission umfasst dagegen weit mehr, wie etwa das Einsetzen für soziale Gerechtigkeit, den interreligiösen Dialog oder der Einsatz gegen strukturelle Ungerechtigkeit. Während Evangelisation den Einzelnen sieht, umfasst Mission auch ganze Gruppen (zum Beispiel Volksstämme und Ethnien vgl. Mt 28). Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Integration von Evangelisation in die Kirche selbst, noch mal Bosch: „Die missionarische Kirche ist zunächst und vor allem die örtliche Gemeinde an jedem Ort der Welt“ (Bosch, 2012, 466). Aber in den letzten Jahrzehnten war dies für manche Kirchen und Gemeinden eine Schwierigkeit und evangelistische Veranstaltungen waren eher einer missionarischen Identität hinderlich, da man dachte, dass man dies durch Evangelisationen, die man alle paar Jahre durchführt, „abgehakt“ hat. Dies hat wiederum historische Gründe, da das Wort Evangelisation in Deutschland sehr stark von Billy Graham und seinen Massenevangelisationen (und den daraus entstandenen deutschen Veranstaltungen wie ProChrist oder JesusHouse) geprägt wurde, so dass viele junge Christinnen und Christen damit aufgewachsen sind, dass in ihrer Gemeinde alle paar Jahre eine „Großevangelisation“ in der jeweiligen Stadthalle (oder ähnlichem) stattfand in der ein mehr oder weniger bekannter Evangelist (kaum Evangelistinnen oder eben eine Übertragung), mehr oder weniger erfolgreich eine Woche (manchmal auch zwei) predigte und die Menschen aufrief nach vorne zu kommen, um ihr Leben Jesus ganz zur  Verfügung zu stellen. Ob dann Leute nach vorne kamen, hing natürlich an vielen Dingen, aber vor allem daran, ob die Leute aus der Gemeinde ihre nicht frommen Nachbarn und Kollegen zu der Veranstaltung mitgebracht hatten, sofern sie denn welche hatten. Und damit wurde das Thema Evangelisation für die nächsten Jahre wieder ad acta gelegt. Es geht gar nicht darum, diese Art von Evangelisation jetzt als richtig oder falsch darzustellen, dies müsste man im Einzellfall prüfen, sondern festzuhalten, dass insgesamt oftmals eine Verengung des Begriffs Evangelisation stattgefunden hat. Eine weitere sehr verbreitete Form von Evangelisation wird häufig mit dem Wort „Freundschaftsevangelisation“ beschrieben. Jürgen Mette hat dies zu recht mal als Unwort des Jahres bezeichnet, weil es Menschen zu „Missionsobjekten“ degradiert. Es geht also nicht darum nicht zu evangelisieren, sondern eher nach dem theologischen Verständnis und der methodischen Umsetzung zu fragen. Viele gute, umfassendere und frische Evangelisationsansätze und Diskussionen um dieses Thema gibt es beispielsweise bei der agje (Arbeitsgemeinschaft Jugendevangelisation) oder der amd (Arbeitsgemeinschaft Missionarischer Kirchen). Eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Thema gibt es übrigens ab September in Band 5 unserer Reihe Transformationsstudien von Johannes Reimer mit dem Titel: Leben. Rufen. Verändern: Chancen und Herausforderungen gesellschaftstransformatorischer Evangelisation heute.