Donnerstag, August 02, 2012

"Nachgefragt (1) bei Dr. Alfred Meier zur Lage in Mali, dem Weltkulturerbe in Timbuktu und den Chancen der Demokratie."



Dr. Alfred Meier ist Dozent für Missionswissenschaften am Theologischen Seminar Rheinland und aktiver Blogger.
1. Du bloggst regelmäßig über die Ereignisse in Mali, woher kommt deine Liebe und dein Wissen?
Als Familie haben wir von 1988 bis 2006 in Mali gelebt, sind mit dem Land und seinen Leuten verbunden. Wir haben unsere Energie, unser visionäres Denken, unsere Perspektiven und Liebe in die Menschen in Mali investiert. Mali ist für uns nicht nur "missionarisches Einsatzgebiet". Es ist eine emotionale Verbindung entstanden. Und uns ist das Schicksal der Menschen, die in einem der ärmsten Länder der Erle leben nicht egal. Keine Aufgabe in Deutschland hat mich bisher emotional, geistlich und strategisch so herausgefordert und zufrieden gestellt wie das, was wir in Mali erlebt haben. Seit dem Staatsstreich vom März 2012 verfolge ich die frankophone westafrikanische Presse, telefoniere und chatte mit ehemaligen Kollegen und Freunden im Land. Das sind die Quellen, aus der meine Informationen stammen.
2. Wir lesen in Deutschland mit Sorgen über die Ereignisse in Mali, wie schätzt du die Lage ein?
In der deutschen Presse tauchen ab und zu zusammenfassende Berichte auf. Die Lage ist kritisch. Die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit, die an einem Strang zieht, um die enormen Probleme im Land zu lösen, zögert sich hinaus. Wie überall auf der Welt suchen Politiker ihren persönlichen Vorteil und sind vom Machtstreben geprägt. Dabei ist die soziale Not durch Teuerung und Lebensmittelknappheit, durch Ernteausfälle und den Rückzug maßgeblicher Investoren sehr groß. Hinzu kommt, dass das Land faktisch geteilt ist. Die radikal islamitische Gefahr im Norden ist absolut nicht zu unterschätzen. Somalia und Nordnigeria zeigen sehr plastisch, wie salafistisch geprägter radikaler Islam das Leben der Menschen bedroht und prägt. Nur die Einheit der Regierung in der Hauptstadt Bamako und der feste Wille der westafrikanischen Nachbarn, der Afrikanischen Union und der UNO werden letztlich dazu beitragen, die Terroristen in die Knie zu zwingen und für nachhaltige stabile Verhältnisse zu sorgen.
3. Mali war ja eine der ersten "muslimischen Demokratien" in Afrika, besteht überhaupt noch eine Chance dass diese bleibt?
Die Chancen für das Überleben der Demokratie stehen eigentlich nicht schlecht. Hier bin ich relativ optimistisch. Denn der Druck der internationalen Staatengemeinschaft ist groß. Sollte z.B. das Militär den Prozess der Konsolidierung der demokratischen Institutionen (Präsident, freie Wahlen, Nationalversammlung, Gerichtsbarkeit) stören, würde dies Wirtschaftssanktionen und die zunehmende Isolierung des Landes zur Folge haben, mit negativen Folgen für den sozialen Frieden im Land. Von daher besteht ein gewisser Druck von außen, der sich hier vorteilhaft auswirkt.
4. In Timbuktu steht das Weltkulturerbe in Gefahr von den muslimischen Rebellen zerstört zu werden. Wie ist die aktuelle Lage?
Die Lage ist unverändert kritisch und die internationale Aufregung groß. Die Bevölkerung wird gezwungen, sich unter die Scharia zu fügen. Vergehen werden hart und konsequent bestraft. Die Leute fühlen sich von der Zentralregierung in Bamako im Stich gelassen. Dies führt einerseits zu Protesten, andererseits besteht die Gefahr, dass junge Leute sich den radikalen Kräften anschließen. Schon heute ist die massenweise Rekrutierung auch von Kindersoldaten an der Tagesordnung. Die Kids werden geködert, indem ihnen Bildung, medizinische Versorgung und Unterhalt versprochen wird.  Die Islamiten haben in allen großen Zentren Nordmalis das Sagen. Die Tuaregrebellen sind zum großen Teil geflohen. Die Gründe für die Zerstörung der alten Denkmäler liegt im alten Konflikt zwischen salafistischem und sufistischem Islam begründet. Hier und da flammt ziviler Widerstand auf. Junge Männer und Frauen gehen auf die Straße und protestieren. Nicht selten geht dies ohne Mord und Totschlag vonstatten. 
5. Du reist jetzt nach Mali, was wirst du machen?
Meine Frau und ich werden während unserer zweiwöchigen Reise nach Mali ehemalige Kollegen und Freunde treffen. Wir wollen hören, wie sie unter den jetzigen Umständen leben und arbeiten. Wir wollen auf den Straßen und Märkten die einfachen Leute treffen und sie fragen, was sie von den Entwicklungen in Mali halten. Wir möchten einfach zuhören und gemeinsam beten und so unsere Solidarität zeigen. Wir werden im Landesinneren auch NGO-Mitarbeiter und Pastoren aus Gemeinden und Regionen treffen, die ziemlich dicht am Einflussgebiet der Islamisten leben. Wir werden jedoch die meiste Zeit in der Hauptstadt Bamako verbringen, Flüchtlinge, die ihre Heimat im Norden verloren haben besuchen und an Gottesdiensten teilnehmen und predigen. An einer theolog. Fachschule, die wir vor 10 Jahren gegründet haben und die seit geraumer Zeit von einem afrikanischen Studienleiter geleitet wird, werde ich einen Kurs in Missionstheologie unterrichten. Sehr gespannt sind wir auch darauf, was Gott uns persönlich zeigen wird und welche Perspektiven sich ergeben.
Danke für das Gespräch.
Aktuelle Berichte gibt es auf dem Blog von Alfred Meier.

In der neuen Reihe "Nachgefragt" werde ich in den nächsten Monaten unregelmäßig verschiedene Menschen zu interessanten und aktuellen Themen befragen.

Sonntag, Juli 29, 2012

„Wort & Tat: Wie wichtig ist Diakonie?“


Mein Kollege Thomas Kröck hat „Diakonie als Anbetung Gottes“ bezeichnet, eine Beschreibung die mir sehr gut gefällt, weil sie die Zielrichtung weg vom Problem, hin zum Ziel der Diakonie lenkt. Eine gute Definition habe ich im Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde gefunden: „Die Kirche hat den Auftrag, Gottes Liebe zur Welt in Jesus Christus allen Menschen zu bezeugen. Diakonie ist eine Gestalt dieses Zeugnisses und nimmt sich besonders der Menschen in leiblicher Not, seelischer Bedrängnis und in sozialer Ungerechtigkeit an. Das Heil Gottes vollzieht sich in der Diakonie in Wort und Tat als ganzheitlichen Dienst am Menschen.“ In Deutschland gehört diakonisches Handeln von jeher zum Christsein und der verschiedenen Kirchen (bspw. das Diakonische Werk, Caritas, DGD,  Diakonie der Baptisten etc.) dazu und wenn man zwei prägende geschichtliche Figuren herausheben möchte, könnten dies zum einen August Herman Francke (1663-1727), der sich um die Armenfürsorge kümmerte und Waisenhäuser und Armenschulen gründete und so eine ganze Sozialreform in Deutschland einleitete und zum anderen Johann Hinrich Wichern (1808-1881) sein, der in der Frühzeit der Industrialisierung sich der neuen Verarmung in Deutschland annahm und die Innere Mission gründete, aus der später das Diakonische Werk der EKD hervorging, einer der größten Arbeitgeber in Deutschland bis heute. Aus dieser für das deutsche Sozialsystem sehr wichtigen Entwicklung sind aber auch Probleme entstanden, zwei sollen hier kurz genannt werden. Erstens wurde durch die Professionalisierung und Institutionalisierung der Diakonie diese immer mehr aus der Kirche herausgezogen. Für die Kirchen hat die Diakonie viele Arbeiten übernommen und auch die Freikirchen haben ihre diakonische Arbeiten ausgelagert und ihre Gemeinden oftmals außerhalb der Städte gelegt, wo Menschen mit Benachteiligungen (Behinderungen, Ältere, Arme etc.) kaum Möglichkeiten haben hinzukommen. Viele landeskirchliche Gemeinschaften, die eigentlich gerade aus einer diakonischen Identität heraus gegründet würden, haben sich in den letzten Jahrzehnten im Zuge eines einseitig verstandenen Heiligungsverständnis aus dieser Arbeit (teilweise) zurück gezogen. So sind viele Kirchen und Gemeinden heute vor allem gottesdienstzentrierte Mittelstandsgemeinden (natürlich mit Ausnahmen) geworden. Das zweite Problem ereignet sich innerhalb der institutionalisierten Diakonie und in der Säkularisierung der verschiedenen Werke. Zwar ist bspw. das Leitbild des Diakonischen Werkes (Wir orientieren unser Handeln an der Bibel. Wir achten die Würde jedes Menschen. Wir leisten Hilfe und verschaffen Gehör. Wir sind aus einer lebendigen Tradition innovativ. Wir sind eine Dienstgemeinschaft von Frauen und Männern. Wir sind dort, wo Menschen uns brauchen. Wir sind Kirche. Wir setzen uns ein für das Leben in der einen Welt) biblisch-theologisch durchdrungen und zeigt die geschichtliche Herkunft  und Ausrichtung, doch lässt sich dies in der Größe und mit dem Personalaufwand kaum noch so leben. Für die Kirchen und Gemeinden besteht deshalb die Aufgabe, wieder neu ihre diakonische Identität zu leben und den biblischen Auftrag auszufüllen. Bonhoeffer hat es mal ziemlich lapidar auf den Punkt gebracht als er sagte: "Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist“. Der amerikanische Pastor Tim Keller beschreibt dies in seinem neuen Buch (Warum Gerechtigkeit?) aus biblisch-theologischer Sicht, in dem er Stück für Stück durch die ganze Bibel geht (vom mosaischen Gesetz über die Propheten zu Jesus und Paulus) und so nachweist, dass diakonisches Handeln ein zentraler Bestandteil des Willen Gottes und somit auch unseres Christseins ist und selbstverständlich in der Gemeinde seinen Platz hat, ja sogar ein Identitäts- und Erkennungsmerkmal ist. Aber genau darin liegt vielleicht die größte Herausforderung, diakonisch handeln ist anstrengend, fordert heraus und ich merke, dass es mir leichter fällt „die Wahrheit zu predigen“ als anderen zu dienen. Vielleicht hat es deshalb so eine große Betonung in der Bibel und Jesus sagte seinen Jüngern, dass die Welt sie an ihrer Liebe erkennt. Zwei hilfreiche Bücher wie diakonisches Handeln im Kontext der Gemeinde heute aussehen kann, bieten Thomas Kröck in seinem Buch „Offene Türen in unsere Welt: Wenn Christen ihren Nachbarn helfen“ und der 3. Band unserer Transformationsstudien: Die Welt verstehen.