Samstag, September 01, 2012

„Was ist Gesellschaftstransformation? Part 2: Um was es geht“

Wen oder was will Gesellschaftstransformation (GT) eigentlich transformieren? Diese Frage wurde mir in den letzten Jahren häufig gestellt. Und ich glaube, wenn ich diese Frage beantworten will, muss ich mir im Klaren sein, vor welchen Herausforderung Kirchen und Gemeinden heute stehen und welche Rolle Christinnen und Christen in unserer Gesellschaft spielen sollen. Dabei möchte ich drei (es gibt sicherlich mehr) wichtige Fragen stellen, die wir mit GT zu beantworten vesuchen: 1. Wie können wir in einer zunehmend pluralisierten Welt das Evangelium angemessen kommunizieren und verständlich machen, was das Gute an der guten Nachricht ist? 2. Wie können wir in einer Zeit wachsender sozialer Probleme und knapper werdender öffentlicher Ressourcen eine gesellschaftsrelevante Rolle einnehmen? 3. Wie können wir in einer Zeit des Traditionsabbruchs unser Profil bewahren und gleichzeitig gesellschaftsrelevant sein? GT steht für Gottes Heilshandeln an und in dieser Welt (‚missio Dei‘), das den Menschen als Ganzes (Geist, Seele & Leib) und in all seinen Bezügen (geistlich, sozial und ökologisch) erfasst und nachhaltig verändert. Als Gemeinde und als einzelne Nachfolger sind wir eingeladen, an diesem ganzheitlichen Heilshandeln zu partizipieren und das Reich Gottes zu bauen. Der Gedanke der Gesellschaftstransformation versucht die Ganzheitlichkeit des Wirken Gottes in dieser Welt in den Blick zu nehmen und beschreibt Veränderungsprozesse, die aus einer Integration von Mission und sozialem Wandel erwachsen. Diese Prozesse zeigen sich im Wachstum von Gerechtigkeit und zielen auf ein ganzheitliches Heil (Schalom) ab. Gesellschaftstransformation bewirkt somit eine missionale Gestaltung von Christsein und christlichen Gemeinden, in der sich verändernden Wirklichkeit dieser Welt. Theologisch beschreibt Gesellschaftstransformation dabei die inkarnatorische Dimension von Liebe und Tat im ganzheitlichen Prozess der Veränderung im jeweiligen gesellschaftlichen und kulturellen Kontext. Vinay Samuel hat dies wunderbar ausgedrückt als er schrieb: "Transformation ist die Ermöglichung, dass Gottes Vision in allen Beziehungen, sozialen, wirtschaftlichen und geistlichen, verwirklicht wird, dass Gottes Wille in der menschlichen Gesellschaft widergespiegelt wird und seine Liebe durch alle Gesellschaften erfahren wird, besonders von den Armen." (Samuel/Sugden, 1999:0)

Mittwoch, August 29, 2012

„Was ist Gesellschaftstransformation? Part 1: Die Entstehungsgeschichte“

Im Oktober startet der fünfte Jahrgang des Studienprogramms Gesellschaftstransformation, worüber wir uns sehr freuen. Nach dem im Internet doch immer wieder die kuriosesten Geschichten um dieses Studienprogramm auftauchen, möchte ich meinen Blog nutzen, um etwas Licht in manches Dunkel zu bringen. Ich gebe zu, dass das Wort Gesellschaftstransformation etwas sperrig ist, er stammt eigentlich aus der Politologie und der Soziologie und beschreibt die Transformation einer Region oder eines Staates (z.B. nach einer Diktatur hin zu einem demokratischen Staat). Dabei spielen viele verschiedene Entwicklungen eine Rolle und es entstehen Veränderungsprozesse auf den unterschiedlichsten Ebenen (Wie werden die Ressourcen verteilt? Wie entstehen Machtverhältnisse? Welche soziale Verantwortung hat der Staat? etc.). Im theologischen Kontext bekommt der Begriff nun eine neue Dimension, nicht nur das menschlich Machbare, nicht nur demokratische Prozesse und Strategien sind wichtig, sondern die Würde des Menschen durch seinen Wert vor Gott spielt eine entscheidende Rolle. Die Veränderungsprozesse durch den Heiligen Geist werden im Umgang mit Menschen und Natur sichtbar. Gott hat uns Menschen den Auftrag die Welt zu gestalten. Dabei ist uns völlig klar, dass dies kein idealistischer Auftrag ist, die Welt (wieder) in ihren paradiesischen Ursprung zurückzuführen, aber zwischen Paradies und Chaos gibt es eine Menge zu tun. Das Reich Gottes hat begonnen, ist aber noch nicht vollendet. In dieser kreativen Spannung leben wir Menschen und wer immer diese Spannung einseitig auflöst wird steht in der Gefahr in seiner Theologie und in seinem Handeln ungesund und verzerrt zu werden. Um diese Spannung ging es auch, als der Begriff zum ersten Mal in der Theologie gebraucht wurde. Dies war 1983 auf der internationalen Konferenz in Wheaton (USA), dort haben sich verschiedene Theologen, vor allem aus der Zweidrittelwelt, wie David Bosch, Vinay Samuel, Rene Padilla, Andrew Kirk oder Ron Sider getroffen und darüber diskutiert wie die Spannung von Wort und Tat des Evangeliums beschrieben werden kann („The Church in Response to Human Need - dealt with the ways that both evangelism and social concern are part of the biblical mission of the Church“). Hintergrund war die Auseinandersetzung erst zwischen Ökumenikern und Evangelikalen und dann zwischen den verschiedenen Strömungen innerhalb der weltweiten Evangelischen Allianz. Der theologischen Termini „Transformation“ hat sich darauf hin in vielen Ländern der Welt durchgesetzt und ist zu einem zentralen Begriff in der internationalen Theologie geworden.