Freitag, Oktober 19, 2012

„Gemeinschaft: echte Begegnung oder Konsumware?“

Das Thema Gemeinschaft ist ja allgegenwärtig und bei unserem letzten theologisch-pädagogischen Studientag ist mir ein Gedanke dazu hängen geblieben, der mich in den letzten Tagen immer wieder ins Nachdenken gebracht hat. Der jüdischer Religionsphilosoph Martin Buber hat in seinen Schriften (Der Weg des Menschen, Ich & Du oder Das dialogische Prinzip) die Beziehungsebenen einer Gemeinschaft in zwei Ebenen unterteilt. 

A) Die „Ich – Es Beziehung“: Sie beschreibt die funktionale Beziehungsebene, die danach fragt, wie Dinge funktionieren, was machbar ist oder was mir das bringt? Es geht also um die alltäglichen Beziehungen des Menschen zu den Dingen, die ihn umgeben. Bsp. Baum: Wie viel Papier der Baum wohl ergibt? Bsp. Gemeinde wird zum Konsum: Was bekomme ich von diesem Gottesdienst? Bsp.: Gott: Was kann er heute für mich tun! Gott nimmt eine bestimmte Funktion für mich ein: Gott muss mir das Geben was ich brauche: Gebetserhörungen, Heilung, Hilfen im Alltag 

B) Die „Ich – Du Beziehung“: Sie beschreibt die Beziehungsebene des Menschen mit seinem innersten und gesamten Wesen. In einer Begegnung, in einem echten Gespräch begegnet sich die Menschen (aber auch die Schöpfung und Gott). In diesen Begegnungen findet der Mensch seine Identität, wächst tatsächliche, sinnstiftende Gemeinschaft. Die „Ich – Es Beziehung“ kann unsere innere Sehnsucht nach Gemeinschaft und unsere Anlage auf Beziehungen nicht stillen! Bsp. Baum: Derselbe Schöpfer, sowohl vom Baum als auch von mir! Gott als Schöpfer verbindet mich durch ihn selbst mit dem Baum, er stellt dann mehr als einen Gebrauchsgegenstand dar. Bsp. Gemeinde: Der Gottesdienst wird nicht auf die eigene Konsumhaltung reduziert in dem ich frage, was ich heute mitnehmen kann, sondern es wird gefragt wie echte Begegnung mit Gott und den Menschen möglich ist. Was ist mein Part dabei? Bsp. Gott: Nicht auf Gott als „Daddy“ reduzieren, der alle meine Wünsche erfüllt und nur für mein Wohlbehagen sorgt! Sondern mit Respekt und Ehrfurcht ist eine echte Begegnung mit Gott möglich.

Diese Beziehungsebene wird gelebt, kennt Höhen und Tiefen und muss gepflegt werden. Dafür brauche ich Zeit und wir müssen miteinander reden, essen, teilen – sich kennen lernen. Eine spannende Reise in die Gemeinschaft. Buber sagt, dass diese Reise anfängt mit: „Bei sich beginnen, aber nicht bei sich enden, von sich ausgehen, aber nicht auf sich abzielen, sich erfassen, aber nicht sich mit sich befassen.“ Dies ist das Gegenteil von einer individuellen, geistlichen Nabelschau, die Gemeinschaft nicht durch eine Konsumhaltung zeigt und auch nicht durch einen übertriebenen Aktionismus.

Illustration: Matthias Gieselmann, aus "Emerging Church verstehen"