Mittwoch, Januar 02, 2013

„Wie viel Himmel geht auf Erden? Quergedachtes zur Jahreslosung“





Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Hebr. 13,14

Wir leben in einer Zeit weitreichender gesellschaftlicher Umbrüche, die Menschen auf der ganzen Welt in herausfordernde Situationen bringen Deshalb suchen viele Menschen auf ganz unterschiedliche Weise Sicherheit und Heimat. Die Band Silbermond hat dies für eine ganze Generation passend gesungen: „Gib mir ein kleines Stückchen Sicherheit, in einer Welt, in der nichts sicher scheint. Gib mir in dieser schweren Zeit irgendwas das bleibt“. Wir Menschen haben diese Sehnsucht nach einem Ort, an dem alles gut ist, egal auf welchem Kontinent und zu welcher Zeit, diese Sehnsucht scheint in uns Menschen selbst zu liegen. So ging es auch den Christinnen und Christen im ersten Jahrhundert. Sie hatten eine schwierige Zeit, mit Verfolgung und Zerstreuung in die ganze damalige Welt, nichts schien für sie mehr sicher zu sein. Die Jahreslosung 2013 steht ganz in diesem Kontext, in dem der Schreiber des Hebräerbriefes noch mal den langen Brief in Kapitel 13 mit praktischen Anweisungen zusammenfasst: Gastfreundschaft üben, an die Gefangenen denken, die Ehe heiligen und nicht hinter Geld her sein. In diesen schwierigen Zeiten der Verfolgung sollen die Leiter geehrt und die richtige Lehre befolgt werden, denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Das hier gebrauchte Bild von der kommenden Stadt, vom himmlischen Jerusalem spielt im ganzen Hebräerbrief eine große Rolle (vgl. 10,10; 12,22; 13,14) und darüber hinaus steht es in der ganzen Bibel für die Hoffnung, die wir als Christen haben (Jes 55, Gal 4, Offb 21). Diese neue Stadt, die Gott hier auf Erden aufbauen möchte, hat schon der Prophet Sacharja in seiner ersten Vision (1,8-17) beschrieben. Dieses neue Jerusalem wird im Reich Gottes schon jetzt und ganz konkret auf dieser Erde sichtbar. Dabei spielt gerade dieser Zusammenhang zwischen dem Gegenwärtigen und Zukünftigen eine entscheidende Rolle, wie der Tübinger Neutestamentler Hans-Joachim Eckstein feststellt: „Eine Hoffnung, die unsere Gegenwart nicht tiefgreifend verändert, ist nicht wirklich aus der Zukunft bei uns angekommen. Denn da wo Hoffnung einkehrt, verwandelt sich die Gegenwart.“ Diese großartige Hoffnung die Gott uns in Aussicht stellt, lässt uns nicht passiv die Hände in den Schoß legen, nein, es ist die kraftvolle und verändernde Hoffnung aus der Auferstehungskraft Christi. Gerade die Gemeinde ist in der Bibel nicht der perfekte Ort der Sicherheit, in der sich Christen es sich gemütlich machen, sondern ein Ort, an dem sich für die Menschen der Welt die Hoffnung Gottes widerspiegelt. Der britische Theologe NT Wright hat dazu mal passend gesagt, dass wir als Christen noch nicht im Himmel sind, aber die Melodie des Himmels schon miteinander auf Erden singen können. Ein schönes Bild für die Kraft des Zukünftigen in unserer Gegenwart. So können wir als Gemeinde ein gemeinsamer „Chor“ sein, der mitten in dieser sich veränderten Welt als Gemeinschaft die Melodie des Himmels singt und damit ein Stück Himmel auf Erden sichtbar wird. Dem Schreiber des Hebräerbriefes ist dies wichtig gewesen, er fordert seine Leserinnen und Leser dazu auf diese Melodie konkret in ihrem Gemeindeleben umzusetzen, indem man Gastfreundschaft übt, Gefangene besucht und sich um Ausgegrenzte kümmert. Dem Fremden und fremd Gewordenen in Liebe zu begegnen. Dies fordert auch mich und uns heute heraus: Wo sind uns Menschen in unserem Ort fremd? Wo einsam? Wo sind Migranten und Aussiedler, Nachbarn und Einheimische, Alleinerziehende und Rentner? Der Theologe Dietrich Bonhoeffer sagte zu Recht: „Ohne die Schwächsten ist die Kirche nicht ganz“. Gemeinde sollte als Anwältin der Benachteiligten, der Schwachen, Armen und Ausgegrenzten bekannt sein und die Gemeinwesenarbeit vor Ort mit himmlischer Hoffnung zu prägen. Dazu ist ein Sichtwechsel nötig, so dass wir das Gesicht des Anderen wahrnehmen können. Dies gilt sowohl für den persönlichen Lebensbereich und die Gemeinde als auch für lebenswerte Strukturen. Die Bibel beschreibt auch eine sozio-kulturelle Dimension des Reiches Gottes wie zum Beispiel das Eintreten für die, die ungerecht behandelt werden. Damit dies gelingt, braucht es starke Gemeinden, die sich gegenseitig ermutigen und Nachfolge nicht nur auf die eigenen Bedürfnisse zentriert leben, sondern merken, dass glaubwürdiges Christsein immer einen Ort der Hoffnung für andere darstellt. Damit dies gelingt, beten wir gemeinsam: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden...“. Kein einfaches Gebet, nicht für die Christen im 1. Jahrhundert und nicht für uns heute. Aber eines ist gemeinsam: Wir haben jetzt noch nicht den Himmel auf Erden, aber die Melodie des Himmel wollen wir schon singen zur Ehre Gottes und für eine begründete Hoffnung für die Menschen um uns herum.
Zuerst veröffentlicht in der Zeitschrift „WIR“. 


Auch interessant dazu: "Warum die Jahreslosung 2013 nicht viel mit dem Jenseits zu tun hat."

Montag, Dezember 31, 2012

„Maria und Josef in Neukölln – Lernen für 2013!“



Letztes habe ich zwischen den Jahren auf das sehr interessante „Zeitexperiment“ hingewiesen, in dem zwei als Obdachlose verkleidete Zeitredakteure im „Reichenmilieu“ (Kronberg im Taunus) unterwegs waren und ihre bitteren Erfahrungen in einem lesenswerten und heiß diskutieren Artikel veröffentlicht haben. Jetzt geht dieses Experiment weiter, dieses Mal führt der Weg von zwei „obdachlosen Zeitreportern“ nach Berlin-Neukölln und die Erfahrungen sind überraschend anders, hier ein kurzer Ausschnitt:
Und dann steht da plötzlich dieser Kerl: breites Kreuz, dunkler Bartschatten, raspelkurzes Haar. In seinen Händen zwei Tüten Capri-Sonne, Geschmacksrichtung Orange. Er ist eben aus dem Netto-Markt gekommen. Er muss sie dort für uns gekauft haben. Er geht zu einem alten VW Golf, steigt ein, steigt aus und kommt zurück mit sechs Mandarinen und einer Visitenkarte, darauf die Libanon-Zeder und die Adresse eines Lokals.
»Ich bin Habib«, sagt der Mann. »Meine Nummer steht auf der Karte. Ich hab einen Laden hier um die Ecke. Ihr seid immer meine Gäste.«
Es ist beschämend. Nicht nur des Bettelns wegen. Sondern weil dieses Betteln eine Lüge ist. Eine Lüge zwar, die helfen soll, die Wahrheit zu erkunden. Doch auch eine, mit der wir ausgerechnet die Wohlgesinnten hintergehen. Wir ahnen nicht, welche Folgen das noch haben wird.
Sozialromantik oder ein reales Abbild des Prekariats in Deutschland? Sind Arme doch hilfsbereiter als Reiche? Oder gilt dies nur für das eigene Milieu? Würden die Armen auch den Reichen helfen? Oder die Reichen auch (nur) den Reichen? Die beiden Berichte beantworten vieles und stellen noch mehr neue Fragen. Wichtige Fragen, die mich auch in das Jahr 2013 begleiten werden. Interessant ist, dass in beiden Berichten immer wieder die Religionsgemeinschaften (Moscheen und Kirchen) aufgesucht, hinterfragt und untersucht werden. Wie stellen sich die religiösen Menschen den Fragen von Armut und Not? Haben sie nicht eine besondere Verpflichtung? So wird dieser Text zur Pflichtlektüre und Herausforderung gerade für Christinnen und Christen und ihr eigenes Verhalten für das Jahr 2013.