Mittwoch, Juni 05, 2013

„Das Buzzwort ‚Ganzheitlichkeit‘ endlich mal mit Leben füllen! Part 1 Exodus.“





Manche Wörter können einen in den Wahnsinn treiben, das Wort ‚Ganzheitlichkeit‘ gehört für mich definitiv dazu. Ich verstehe manchmal was gemeint werden soll, aber ich finde, dass es oftmals zu einer leeren Floskel verkommt. Deshalb möchte ich ein paar Gedanken darüber posten und fange damit im AT an, mal sehen, was dann noch alles kommt.
Eines der zentralen geschichtlichen und theologischen Motive im Alten und Neuen Testament ist der Exodus. Der Auszug aus Ägypten spielt für die Juden in ihrem Verständnis von Heil bis heute eine zentrale Rolle, wie sie sich im jährlichen Passahfest zeigt und auch in unserem Abendmahl. Besonders die Frage nach der ganzheitlichen Erlösung spielt für das Verständnis des Exodus eine zentrale Rolle. Hier wird Gott zum ersten Mal als Erlöser vorgestellt (Ex 6,6). Der Exodus setzt sowohl für die alttestamentliche als auch neutestamentliche Vorstellung von der Erlösung entsprechende Parameter. Immer wieder wurde dieses Motiv auch als Ausgangspunkt für eine Theologie der Mission begriffen. Das ist besonders in den Entwürfen der Befreiungstheologie, aber auch in eher evangelikalen Kreisen aufgegriffen wurde. Die Exodusgeschichte stellt Gottes Erlösung als einen alle Lebensbereiche umfassenden Akt dar. Gottes Heil meint den ganzen Menschen. Nichts wird hier ausgelassen. Und dieses ganzheitliche Handeln an seinem Volk ist durch die Liebe und Treue Gottes zu seinem Volk motiviert. Er erinnert sich an seinen Bund mit Israel und beweist somit seine Bundestreue. Dies zeigt sich in der Erneuerung der Gottesbeziehung (Anbetung Gottes, Gott im Volk, Ex 3,10). So lässt sich für den Exodus folgende Aspekte ganzheitlichen Heils festhalten:
1.   Politische Aspekte: Die Befreiung aus der Sklaverei (aus Sklaven werden Freie) und Änderung des politischen Systems (Theokratie), in dem sich eine eigene Staatlichkeit in der die Stämme, Haushalte und Familien entwickelte (Ex 2,11-14).
2.   Soziale Aspekte: Der Exodus war auch eine Befreiung aus sozialen Ungerechtigkeiten, er galt gleichermaßen für Frauen und Männer, Junge und Alte, was auch in der gemeinsamen Feier des Passafestes zum Ausdruck kommt (Ex 12).
3.   Ökonomische Aspekte: Von der Sklavenarbeit, die kaum Eigentum zuließ, zu wirtschaftlichen Selbstversorgern und eigenem Land (Ex 6,8).
4.   Kulturelle Aspekte: Erinnerungsfeste wie Passah als kulturelles Erbe, Leben teilen, Essen, Erinnerungskultur etc. (Ex 12+13).
5.   Rechtliche Aspekte: Gott schafft dem Volk Rechtsordnungen, ein Rechtssystem, welches den Israeliten hilft ihr Leben zu gestalten (Ex 21-23).
6.   Ethische Aspekte: Die Einsetzung des Dekalog (Ex 20) als neuer ethischer Richtlinie für das Volk Israel.
7.   Ethnische Aspekte: Durch das Exodusgeschehen wird die Selbstständigkeit und Identität als Volk Gottes gestärkt (Ex 13) und gleichzeitig geschieht dadurch eine Offenheit gegenüber Anderen und Fremden, die im Volk aufgenommen werden (Deut 14).
8.   Emanzipatorische Aspekte: Beendigung der Unterdrückung und Exklusion als Sklaven etc. (Ex 14+15)
9.   Theologische-Aspekte: Gott schenkt seinem Volk Israel die Befreiung (Ex 12).
Es geht bei diesen neun Beispielen nicht um Vollständigkeit, sondern um das Aufzeigen des Wirken Gottes in den jeweiligen Situationen, um klar zu machen, dass schon im AT Gottes ganzheitliches Handeln kein Buzzwort war, sondern reale Veränderung im wirklichen Leben, kein geistlich transzendenter Akt, sondern ein lebendiges Eingreifen Gottes in der Wirklichkeit dieser Welt. Der Gott des Exodus ist keine zusätzliche Option, sondern existenzielle Aktion und das bis heute.

Ausführlich setze ich mich damit in dem Aufsatz: „Exodus, Jubeljahr, Kreuz und die Gemeinde heute – Biblische Aspekte der Befreiung, Erlösung und Transformation“ auseinander. Erschienen in dem Band: „Die verändernde Kraft des Evangeliums“.



Kommentare:

IWe hat gesagt…

Beim Lesen dieses Eintrags ist mir bewußt geworden, daß ich in jüdischen Kontexten noch nie das Wort "Ganzheitlichkeit" im Zusammenhang mit Pessach bzw. Exodus gehört habe. Wahrscheinlich ist Ganzheitlichkeit dann ein Thema, wenn sie einem abhanden gekommen ist.

Ob ich wohl in diesem Leben noch erfahre, wie das mit Jesus und seinem Einkauf bei Ikea ist? Das Buch ist noch nicht bei mir angekommen.

Tobias Faix hat gesagt…

oh, ja, sorry, mein Fehler. Liegt neben mir! :)

Uwe Hermann hat gesagt…

Hallo Tobias,
herzlichen Dank für den Artikel! So habe ich das mit der Ganzheitlichkeit noch nicht betrachtet. Es ist spannend, das so an einer biblischen Geschichte zu entfalten. Ich bin gespannt, was du noch weiter dazu schreiben wirst.
Besonders gefreut habe ich mich über die Schlusssätze. Ich suche auch auf meinem Blog immer wieder danach, wie unser Glaube sich im Leben und im Alltag verwirklicht.
Toll ausgedrückt: "Gottes ganzheitliches Handeln kein Buzzwort war, sondern reale Veränderung im wirklichen Leben, kein geistlich transzendenter Akt, sondern ein lebendiges Eingreifen Gottes in der Wirklichkeit dieser Welt."
Nochmal herzlichen Dank!
Liebe Grüße
Uwe

Matthias hat gesagt…

Hi Toby,
ich weiß nicht was noch lebendiger und wirklicher ist als Gottes Eingreifen in einem Menschenleben, welcher durch Erkenntnis seiner Verdorbenheit und Verlorenheit durch Gottes Gnade Buße tut, zur Wiedergeburt durchdringt und neues Leben durch den Glauben ans Jesus bekommt.

"Glücklich der, dem Übertretung2 vergeben, dem Sünde zugedeckt ist! Glücklich der Mensch, dem der HERR die Schuld nicht zurechnet und in dessen Geist kein Trug ist!"

Im Ausklang scheint das "transzendente" etwas Weltfremd und Unwirklich gegenüber dem "lebendigen Eingreifen Gottes in der Wirklichkeit dieser Welt" zu sein. Wenn wir dies auf die Israeliten beziehen, dann hatten sie weniger ein "Problem" mit der Transzendenz als mit ihrer Lebenswirklichkeit, die eher schlecht als Recht mit den ungläubigen Augen wahrgenommen wurde und für nahezu eine ganze Generation den Tod in der Wüste bedeutete.
Wie "ganzheitlich" befreit waren sie denn nun? Das Gesetz half Ihnen im Miteinander, aber war es nicht als "Zuchtmeister auf Christus hin" gedacht? Nicht darum, um ihnen (und uns) das böse, menschliche Herz zu offenbaren, damit wir vor lauter Sündigkeit den Erlöser lieben lernen?
Wer dies erfährt, dessen Leben ändert sich wirklich – angefangen im Herzen und herrlicher als im Alten Bund.

Tobias Faix hat gesagt…

Hi Matthias, ich weiß nicht, ob ich dich richtig verstehe, was möchtest du mir sagen? Das es gut ist, wenn ein Mensch Gott erkennt und Buße tut? Sicher, da bin ich ganz mit dir...