Donnerstag, März 07, 2013

„Das Schengener Abkommen des Glaubens oder warum jugendlicher Glaube heute kaum noch verstanden wird“




Ein Ergebnis der Studie „Spiritualität bei Jugendlichen“ beschäftigt mich immer wieder und ergab auch gestern große Diskussionen nach einem Vortrag von mir. Für viele Jugendlichen ist ihr Glaube in einer postsäkularen Welt oftmals eine subjektive Grenzerfahrung, in der bisherige traditionelle und konfessionelle Grenzen überschritten werden. Die eigenen Glaubenskonstruktionen sind individuell und werden subjektiv und anhand eigener Erfahrungen zusammengestellt. Dies zeigt sich vor allem daran, wie Jugendliche über ihre Glauben reden und dass sie traditionelle Glaubensbegriffe inhaltlich ganz anders füllen. Bildlich gesprochen könnte man von einem „Schengener Abkommen des Glaubens“ reden: (Das „Schengener Abkommen“ ist das Abkommen der EU, das die Öffnung der Grenzen zwischen den einzelnen Mitgliedstaaten garantiert). Die bisherigen Grenzen von Glauben, Konfessionen, gesellschaftlichen Normen und Traditionen werden aufgelöst, man geht neue Wege und damit entstehen ganz neue Identitäten des Glaubens. Dies lässt sich an zwei wesentlichen Punkten fest machen:
1. Es gibt kaum inhaltlichen Bezug zu den traditionellen konfessionellen Glaubenssätzen der Kirchen/Gemeinden und
2. kaum Anbindung an die institutionellen Kirchen/Gemeinden, die traditionell für Ersteres verantwortlich waren.
Diese Grenzüberschreitungen empfinden die Jugendlichen selbst meist als normal und stimmig. Sie wissen, was sie glauben, und können es auch selbstständig ausdrücken, tun es aber zumeist nur in einem geschützten Rahmen. Problematisch wird es, wenn sie im Kontext der Jugendarbeit auf Begriffe stoßen, die sie zwar kennen, aber ganz anders füllen. So kommt es nicht selten zu Verständnis- und Kommunikationsproblemen. Jugendliche glauben deshalb nicht weniger, sondern sogar mehr aber vor allem anders. Ich finde, dass dies eine der spannendsten Fragen ist, die Semantik der Jugendlichen zu verstehen und dadurch selbst neu sprachfähig im Glauben zu werden. Aber es ist auch eine große Herausforderung und gar nicht so einfach…