Samstag, Juni 22, 2013

"Nutella für Kinder – nicht von Kindern. Gibt es eine Chance für Fairrero?"









Gestern fand der Micha-Informations-und Aktionstag der Micha InitiativeMarburg statt, an dem über 33 000 Unterschriften für ein faires Nutella dem Ferrero Konzern übergeben wurden. Die Veranstaltung wurde am Nachmittag mit verschiedenen Workshops „Schokoladenträume“ oder „Sich als Alltagsprophet für mehr Gerechtigkeit engagieren“ eröffnet. Nach einem Stehempfang gab es eine Reihe guter Grußworte vom Marburger Bürgermeister Dr. Franz Kahle, Propst Helmut Wöllenstein, EKKW; Karl Böttner von der Ev. Allianz Marburg und dem Kreistagsvorsitzender von Marburg Biedenkopf Detlef Ruffert . Musikalisch umrahmt wurde der Abend von Mischa und Pete (stadtklangfluss), dazu gab es einige Videobeiträge, die die ganze Kampagne begleiteten. Inhaltlich gab es einen ethischen Impuls, der die Spannung zwischen den ökonomischen Interessen der Konzerne, dem Konsum der Konsumenten und den Herstellerländer im Kontext der Globalisierung aufzeigte. Neben dem Höhepunkt der Übergabe der über 33 000 Unterschriften an Ferrero gab es eine Podiumsdiskussion mit Michael Gahler (Europaabgeordneter, Brüssel), Dr. Franz Kahle, Almut Feller (Ferrero Deutschland, Leiterin Institutional & Corporate Affairs), Helmut Heiser (Pfarrer), Dieter Overath (Fairtrade Deutschland) und Iris Degen (Weltläden Hessen). Die sehr unterhaltsame Moderation führte Prof. Dr. Harald Jung (Deputy Chairman, Gesellschaft zur Förderung von Wirtschaftswissenschaften und Ethik) durch. Dieter Oberrat erklärte die grundsätzliche Problematik der ‚Aldisierung’ in Deutschland (93% der Deutschen kaufen bei Discountern), dass für Luxusartikel (Auto, Handy etc.) viel Geld ausgegeben wird, aber für Lebensmittel kaum. Und obwohl Fairtrade Produkte im Jahr 2012 einen Wachstum von 33% hatte und das Fairtrade Siegel einen Bekanntheitsgrad von 80% hat, ist der Anteil des Fairen Handels in der Schokoladenindustrie bei 0,2%! Das ist unglaublich. Iris Degen stellte sehr deutlich heraus, dass das Ziel sein muss, ausbeuterische Kinderarbeit zu beenden, dazu reichen die bisherigen Bemühungen von und Ferrero bei weitem nicht aus. Die Lösung sei die Stärkung von Kleinbauern durch höhere und feste Preise. Almut Feller erwiderte darauf, dass es Ferrero immer faire Preise zahle und dass in vielen Ländern ein Preis festgelegt wurde, den Ferrero meist noch überbiete. Wer nicht das Fairtrade Label auf seinem Produkt hat, der müsse nicht zwangsläufig unfair sein. Dies wurde nicht unwidersprochen gelassen und so wogte die Diskussion hin und her. Grundsätzlich stellte Almut Feller heraus, dass Ferrero ein traditionelles Familienunternehmen sei, welches ein höchstes Maß an ethischen Sozialverhalten an den Tag lege, sowohl für die Werke in Deutschland als auch für die Arbeiterinnen und Arbeiter weltweit. An diesen warmen Worten wird sich Ferrero in den nächsten Monaten messen lassen müssen, denn die Kampagne ist erst am Anfang. Der heutige Abend glich einer „liebevolle Umarmung“ für Ferrero, aber die Bürgerinnen und Bürger sind mittlerweile mündig genug, dass sie die gesprochenen und versprochenen Worte sehr ernst nehmen und die Protagonisten sich daran in der Zukunft messen lassen müssen.
Gelobt wurde von allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern die gute Atmosphäre der ganzen Kampagne und an dem Tag. Knapp 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen, diskutierten engagiert mit und sind gespannt, wie es weiter geht. Zum Abschluss gab es für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Diskussionsrunde die Gerechtigkeitsbibel geschenkt.
Zum Abschluss noch eine Liedzeile von Mischa Marin:
Wenn nicht wir
Endlich aufstehen
Endlich losgehen
Wir alle sind Propheten
Wenn nicht wir

Bericht von dem Tag.



Sonntag, Juni 16, 2013

„Passen christliche Jugendarbeit und spirituell suchende Jugendliche nicht zusammen? Eine Spurensuche.“





In den letzten zwei Wochen habe ich einige Vorträge und Vorlesungen zum Thema „Jugend & Spiritualität“ gehalten und hatte mit den unterschiedlichsten Menschen spannende Diskussionen die mich sehr nachdenklich gemacht haben. Denn, so unterschiedlich die Diskussionsteilnehmer/innen auch waren, so einig waren sich (fast) alle: Die christliche Jugendarbeit steckt in einer Krise. Dies ist um so interessanter, wenn man bedenkt, dass fast alle empirischen Umfragen zum Thema „Jugend & Religiosität“ der letzten Jahren feststellen, dass Jugendliche in Deutschland offen nach spirituellen Erfahrungen suchen. Hier ein paar Beispiele:
·    60% der Deutschen sind „spirituell Suchende“ (Zulehner: GottesSehnsucht)

11% Hochreligiöse & 41% Religiöse: Jugendliche in Deutschland: (Bertelsmann Religionsmonitor)
49% der deutschen Jugendlichen sind in irgendeiner Weise religiös (15. Shell Jugendstudie)
63,1% der Jugendlichen innerhalb der Kirche von Westfalen (Schulen, offene Jugendarbeit etc.) glauben an Gott (empirica 2012)
46% der deutschen befragten Jugendlichen bezeichnen sich als „Glaubende“; 56% wünschen sich religiöse Erfahrungen, aber nur 22% haben diese auch gemacht (Youth in Europe, Ziebertz etc.)

Aber hier scheint was irgendwie nicht zusammenzupassen, auf der einen Seite die Kirchen und Gemeinden, die ein Angebot haben und auf der anderen Seite die Jugendlichen, die auf der Suche sind. Sicher, jetzt ist das in der Praxis auch etwas komplexer, da die Realität zwischen unterschiedlichen Milieus und Gottesvorstellungen, eine unglaubliche Vielzahl an Möglichkeiten ergibt. Und dennoch, es bleibt ein fader Beigeschmack, wenn man den Jugendlichen nicht die „Schuld in die Schuhe“ schieben möchte und wir müssen darüber nachdenken, in wie weit wir den Glauben von Jugendlichen in unserer Jugendarbeit ernst nehmen oder ob wir nur die ganze Zeit denken, was Jugendliche gut und ansprechend finden. Hier scheint mir ein zentraler Punkt zu sein, dass die „Sprache des Glaubens“ von vielen Jugendlichen nicht mehr verstehen und die Jugendlichen umgekehrt die der Mitarbeitenden auch nicht. So herrscht eine „Sprachlosigkeit“, die genau ein Problem zwischen Angebot und Nachfrage ist. Das ist jedenfalls ein Ergebnis der Studie „Wenn Jugendliche über Glauben reden“. Ein zentrales Ergebnis ist, dass Jugendliche über ihren eigenen Glauben reden wollen und können. Allerdings haben Jugendliche ihren ganz eigenen Glauben, der sich vom christlich-konfessionell geprägten Glaube der Kirche weit entfernt hat.  Glaube ist in erster Linie Glaube an Beziehungen, die dem eigenen Leben Sinn geben und erst an zweiter Stelle kommt ein transzendenter Glaube für viele Jugendlichen dazu. Dabei sind die befragten Jugendlichen offen über ihren Glauben zu reden und offen für spirituelle Erfahrungen wie beispielsweise das Gebet. Der eigene Glaube zeigt sich privat, vermeidet große Veranstaltungen und sucht sichere Räume in denen sie über ihre Art von Glaube reden können. Wenn das stimmt, dann wären folgende Punkte für die christliche Jugendarbeit wichtig:
  • Gemeinschaft als zentraler Wert von Jugendarbeit (statt perfekter Programme)
  • Gebet: auf der Suche nach transzendenten Erfahrungen
  • Sichere Räume anbieten (eigene Gestaltungsmöglichkeiten geben)
  • Sprache: Die eigene Sprachfähigkeit (der Jugendlichen) entdecken und von ihnen lernen
  • Den Glauben der Jugendlichen ernst nehmen


Dies sind sicher nur erste Gedanken und vielleicht gibt es dazu noch ganz andere Erfahrungen. Ermutigend fand ich die große Offenheit in vielen Gesprächen neues zu wagen - zusammen mit den Jugendlichen...


Hier ein Bericht von Fachtag "Spiritualität von Jugendlichen", veranstaltet vom Amt für Jugendarbeit der Ev. Kirche von Westfalen.