Freitag, März 07, 2014

„Resilienter Glaube? Stark im eigenen Glauben werden.“


Selten habe ich so viele konstruktive Mails bekommen wie zum letzten Post. Dies zeigt, dass das Thema ‚gesunder Glaube’ ein wichtiges und zentrales ist. Am meisten gestört hat dabei die Bezeichnung ‚gesund’, weil es immer auch ein ‚krank’ impliziert. Das war auch im Kontext der Studie so gemeint, da wir festgestellt haben, dass es eine Glaubenskultur gibt, die tatsächlich einen ‚krankmachenden Glauben’ fördert. Aber losgelöst von dem Buch, gebe ich den Anmerkungen gerne Recht und würde auch von einem 'mündigen Glauben' sprechen. Aber ich möchte noch einen weiteren Begriff in die Diskussion einwerfen, der vor allem von meinem Kollegen Tobias Künkler in unsere gemeinsamen Gespräche (rund um die Studie) eingebracht wurde: resilienter Glaube. Wenn wir darüber nachdenken, wie ein mündiger Glaube aussehen kann, ist es sinnvoll, einen Seitenblick auf die Ergebnisse der sogenannten Resilienzforschung zu werfen.  Resilienz steht für die psychische Widerstandsfähigkeit eines Menschen. Das Wort stammt ursprünglich aus der Materialkunde und bedeutet wörtlich Elastizität, Spannkraft, Strapazierfähigkeit. Man begann, sich mit diesem Thema zu beschäftigen, als man durch Langzeitstudien die Entwicklung von Menschen über einen langen Zeitraum (bis zu mehreren Jahrzehnten) untersuchte. Vor allem ging es darum zu erforschen, inwiefern sich widrige Bedingungen in der Kindheit auf die weitere Entwicklung auswirken. So fand man heraus, dass von den Kindern, die unter sehr belastenden Umständen aufgewachsen waren, ein gewisser Anteil (der je nach Untersuchung zwischen 10 und 30 Prozent schwankt) als Erwachsene relativ gesund war. Es gibt also Situationen und Prägungen, die die Widerstandkraft eines Menschen fördert und es gibt auch das Gegenteil, sogenannte Risikofaktoren. Risikofaktoren sind Faktoren, die die Wahrscheinlichkeit einer negativen Entwicklung, also die Entstehung von Lern- oder Entwicklungsstörungen oder den Ausbruch psychischer Krankheiten, erhöhen. Dazu gehören beispielsweise eine unsichere Bindung zu frühen Bezugspersonen, Armut, das Aufwachsen in Wohngegenden mit hohem Kriminalitätsanteil, dauerhafte familiäre Disharmonie, ungünstige Erziehungspraktiken der Eltern, häufige Umzüge und Schulwechsel, Verlust eines Geschwisterteils oder engen Freundes etc., aber auch personale Faktoren wie ein niedriger Intelligenzquotient, Wahrnehmungsstörungen oder ein schwieriges Temperament. Noch interessanter sind vielleicht die Schutzfaktoren. Teils haben sie allgemein einen positiven Einfluss auf die Entwicklung, teils entfalten sie ihren Schutzschirm erst in Krisensituationen bzw. beim Zusammenwirken verschiedener Risikofaktoren. Der eindeutig wichtigste Schutzfaktor ist dabei eine dauerhafte, gute Beziehung zu mindestens einer primären Bezugsperson, also meist zu einem Elternteil. Weitere gut belegte Schutzfaktoren sind unter anderem Stabilität und konstruktive Kommunikation in der Familie, enge Geschwisterbindungen, ein hohes Bildungsniveau der Eltern, kompetente und fürsorgliche Erwachsene außerhalb der Familie. Und auch hier gibt es personale Faktoren wie ein robustes, aktives und kontaktfreudiges Temperament oder das erstgeborene Kind zu sein.
Auf dem Hintergrund dieser hier nur sehr verkürzt wiedergegebenen Ergebnisse der Resilienzforschung stellt sich in unserem Zusammenhang die Frage nach einem resilienten, also widerstandsfähigen Glauben. Wie können Risiko- und Schutzfaktoren des Glaubens aussehen? Geistlicher Missbrauch, anhaltende negative Gemeindeerfahrungen, die Druck und Stress verursachen, eine als problematisch erlebte christliche Sozialisation, der Verlust nahestehender Personen, der an der Güte Gottes zweifeln lässt sind einige der Risikofaktoren im Glauben. Als Schutzfaktoren kommt man angesichts der großen Bedeutung von familiären Faktoren schnell auf die geistliche „Familie“, also die Kirche, Gemeinde, Gemeinschaft, die als Schutzfaktor wirkt, sofern sie geprägt ist durch Stabilität, konstruktive Kommunikation und ein kompetentes und fürsorgliches Verhalten der Leitungspersonen. Neben diesen gemeinschaftlichen Schutzfaktoren gibt es aber eine ganze Menge an innerer Glaubensfaktoren, die einem helfen können eine eigene Selbstwahrnehmung des Glaubens zu erfahren. Dazu gehört seine geistlichen Gefühle (positiv und negativ) zu kennen und sie ausdrücken (tatsächlich Worte dafür zu haben) zu können. Bei sich und anderen (geistliche) Stimmungen erkennen und einzuordnen. In wie weit kann ich meinen Glauben und mein Gottesbild für mich und andere plausibel erklären? Wo fehlen mir Worte? Wo Argumente? Wo biblisches Wissen? Die eigenen Grenzen erkennen und ggf. auch anzunehmen und in diesem ganzen Prozess zu wissen, dass ich als geliebtes Kind Gottes in ihm sicher geborgen bin (und was bedeutet dieses Wissen/Gefühl für mich). Dies sind nur einige erste und unfertige Gedanken, aber ich glaube, dass es sich lohnt weiter darüber nachzudenken, da dieses Thema nach unserer Einschätzung in vielen Gemeinden zu kurz kommt. In der Pädagogik gibt es mittlerweile umfangreiche Programme zur Stärkung der Resilienz. Vielleicht bräuchte es auch in Gemeinden nicht nur Grund-, Basic- oder Alphakurse, sondern die gezielte Förderung eines mündigen, eigenständigen Glaubens. Noch wichtiger als irgendwelche Programme sind jedoch, wie schon beschrieben, eine gute und fördernde Gemeindekultur sowie das Vorleben eines ganzheitlichen Glaubens, der sich, weder um sich selbst, noch auf selbstzerstörerische Art und Weise um andere dreht und eigene Bedürfnisse leugnet.


Eine ausführlichere Auseinandersetzung gibt es dazu im Buch „Warum ich nicht mehr glaube“.

1 Kommentar:

Hans-Christian Beese hat gesagt…
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