Freitag, September 05, 2014

„Sommerlektüre Part 2: Imperium. Auf der Suche nach der Erlösung durch Kokosnüsse“


Ich mag Christian Kracht, den zurückgezogenen Wahlschweizer, der ein so begnadeter Schriftsteller ist und so wenig mit dem Leben zurecht kommt. Schon vor 30 Jahren habe ich seine „Tempo Kolumnen“ mit Begeisterung gelesen und zusammen mit Maxim Biller hat er mir die Welt erklärt. ‚Faserland’, sein erster Roman, eine brillante Beobachtung Deutschlands, geschrieben aus dem Zug heraus, unbestechlich der Blick, treffend im Ton. Kracht eben, ein wunderbar klarer Beobachter. Dann wurde es stiller um ihn, Kracht lebte und arbeitete meist in Asien (Indien, Nepal etc.) als Journalist (Kolumnen in der FAZ; Reiseberichte in ‚Der Freund’ etc.), veröffentlichte mit ‚1979’ und ‚Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten’ zwei weitere Romane. Dann kam mit großem Knall „Imperium“, die Feuilletons überschlugen sich mit Lobeshymnen und als ihm dann Antisemitismus vorgeworfen wurde, war der Erfolg perfekt. Lange habe ich das Buch liegen lassen, wollte es am Stück lesen, nicht einfach überlesen. Der jetzige Sommer schien geeignet, Mittelmeer, Italien, Ruhe und Sonne und Strand und Kracht. Los ging es. Die sonderbare Geschichte des August Engelhardt und seiner krankhaften Obsession für Kokosnüsse. Der Roman spielt, wie schon ‚Stoner’, Ende des 19. Anfang des 20. Jahrhunderts, doch im Gegenteil zu Stoners Distanziertheit geht Kracht mit seiner Hauptfigur mitten hinein und dies ist durchaus wörtlich zu nehmen, denn Kracht schreibt das ganze Buch in ihrem Duktus, als wäre er direkt aus der Zeit entsprungen. Aber zurück zu unserem eigenwilligen Antihelden Engelhardt, der, gleich auf seiner ersten Reise zu seinem großen Ziel, treffend charakterisiert wird: „An Bord der Prinz Waldemar befand sich also der junge August Engelhardt aus Nürnberg, Bartträger, Vegetarier, Nudist. Er hatte vor einiger Zeit in Deutschland ein Buch mit dem schwärmerischen Titel ‚Eine sorgenfreie Zukunft’ veröffentlicht, nun reiste er nach Neupommern, um Land zu kaufen für eine Kokosplantage, wieviel genau, und wo, das wusste er noch nicht. Er würde Pflanzer  werden, doch nicht aus Profitgier, sondern zutiefst empfundenen Glauben, er könne Kraft seiner großen Idee die Welt, die ihm feindlich, dumm und grausam dünkte, für immer verändern“ (Seite 19). Im Grunde ist mit diesen Sätzen die Grundidee, sowie die Story des Buches, erzählt. Sonderling Engelhardt kauft eine Südseeinsel und begegnet dabei eine Menge an skurilen Menschen, die wie er, den verschiedenen Leidenschaften frönen, sei es dem Vegetarismus, Nudismus oder einfach so aussteigen wollen. Sehr unterhaltsam aufgebaut und in einer Sprache, die man schon lange nicht mehr in der zeitgenössischen Literatur gelesen hat. Aber genau diese Sprache muss man lieben, wollen und aushalten, mit Letzterem hatte ich manchmal meine Schwierigkeiten. Im dritten Teil des Buches gewinnt diese wieder an Fahrt und somit wächst auch mein Lesevergnügen. Der Schluss ist dann fast etwas zu schnell, die wichtigsten Protagonisten des Buches werden in ihrem Ende beschrieben und Engelhardt, leprakrank und dem Wahnsinn nahe ... (möchte ja nicht zuviel verraten)
Im Grund hat Kracht ein zutiefst spirituelles Buch geschrieben, ein Buch, das mitten in einer dekadenten Aufbruch- und Entdeckerphase der kolonialen Globalisierung (und des deutschen Idealismus) und des ungezügelten Kapitalismus nach Erlösung sucht. Erlösung aus all dem Materiellen, Alltäglichen und Banalen. Es ist ein Roman über Aussteiger, wie es zu dieser Zeit viele gab, erinnert sei nur an Monte Veritas am Lago Maggiore, den nackten und tanzenden Künstlern, die zur selben Zeit, nur in der Schweiz, den Ausstieg aus dem ach so bürgerlichen Leben suchten und genau von diesem am Ende eingeholt wurden. Bei Kracht ist die Kokosnuss das Zeichen der Erlösung zu einem neuen Leben, ja zum Paradies, das sich am Ende als irdische Hölle erweist und wieder einmal aufzeigt, dass die immanente Sehnsucht des Menschen immer wieder an sich selbst scheitert. So ist Krachts Buch auch eine Parabel für unsere globale und kapitalistische Zeit, in der man scheinbar alles kaufen und besitzen kann und doch dadurch nicht nur nicht glücklich, sondern scheitern wird und ach ja, weglaufen, egal wohin, egal mit welcher Intensität und noch so verrückten Idee, egal ob hier oder dort, der Mensch scheitert, letztlich dann doch an sich selbst.


Kommentare:

Tim A. hat gesagt…

Faserland ist nicht ganz aus dem Zug heraus geschrieben, aber viel spielt in Reisevehikeln, ja ;)

Hatte ja auch mal die Idee zu einem Christen-Pendant 'Faserliebe'- aber ich glaube kaum, dass es dafür Verleger gäbe :)

Tobias Faix hat gesagt…

Wer weiß, versuche es! ;)