Freitag, September 12, 2014

Wie lautet die ‚lutherische‘ Frage heute? Über ‚religiöse Touristen' in quasireligiöse Kontexten und mutigen Experimenten"


Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? fragte Luther und seine Generation und ich frage mich, was dies für den postsäkularen Menschen heute heißt? Was ist die ‚gute Nachricht’ für die Menschen heute? Wenn wir dies exemplarisch für die neue Generation fragen und ihnen mal „empirisch“ aufs Maul schauen, dann fällt zuerst auf, dass sich die institutionelle und in Kirchen organisierten Religion hin zu einem subjektiven und erlebnisorientierten Spiritualität verändert hat, dies bestätigen fasst alle Umfragen der letzten Jahre:
  • 60% der Deutschen sind „spirituell Suchende“ (Zulehner: GottesSehnsucht 2008)
  • 11% Hochreligiöse & 41% Religiöse: Jugendliche in Deutschland: (Bertelsmann Religionsmonitor 2008)
  • 49% der deutschen Jugendlichen sind in unterschiedlicher Weise religiös (16. Shell Jugendstudie 2010)
  • 63,1% der Jugendlichen innerhalb der Kirche von Westfalen (Schulen, Offene Jugendarbeit etc.) glauben an einen Gott (empirica 2012)

Der Bielefelder Soziologe Hurrelmann hat die neue spirituelle Suche passend beschrieben: „Jugendliche sind im weitesten Sinne ‚religiöse Touristen'; sie tauchen kurz und sporadisch in religiöse oder quasireligiöse Kontexte ein und nehmen die Angebote mit, die ihnen derzeit bei der Lebensbewältigung am nützlichsten erscheinen." Die letzte Shell Studie hat gezeigt, dass Gott dabei immer weniger Person und immer mehr Beziehung ist (sowohl bei Ev.:2010: 26%, 2006: 30%, als auch bei den katholischen: 2010: 32%, 2006: 40%). Diese spirituelle Sehnsucht steht also in einer engen Beziehung mit der Suche nach Beziehungen und dem Sinn im Leben (Bußmann, Faix, Gütlich 2013:78). So ist die ‚lutherische Frage’ heute am besten mit der Frage: „Was gibt mir Sinn und hilft mir mein Leben zu gestalten?“ zu beantworten. Dabei werden verschiedene Angebote wahrgenommen und individuell nach eigenen Erfahrungen zusammengestellt. Diese ‚Patchworkreligiosität fasst die 15jährige Janine gut zusammen, wenn sie über ihren Glauben sagt: „Ich bin gerne evangelisch, da es eine Konfession der Freiheit ist, in der sich Yin und Yang das Gleichgewicht halten.“ (Bußmann, Faix, Gütlich 2013:6). Jetzt könnte man annehmen, dass die Kirchen voll sind, denn sie sind ja spezialisiert darauf gerade die Sinnfragen der Menschen zu beantworten, aber dies ist nicht der Fall. Deshalb müssen wir uns fragen, wie hier „neue Brücken“ gebaut werden können.
Dies bedeutet, dass „neue Brücken“ gebaut werden müssen. Wir brauchen mutige Gedanken, Planungen, Konzepte für, mit und von der neuen Generation. Es reicht nicht, die „alten Brücken“ zu renovieren, wenn sie doch nur ins Leere führen. Gerade im Hinblick auf das Reformationsjahr 2017 erscheint sogar unumgänglich. Dabei müssen neue Projekte und Versuche nicht eine Haltbarkeit von 500 Jahre haben, sondern können als Gottesbegegnungen in vorläufigen Formen durchaus experimentellen Charakter haben. Die anglikanische Kirche hat es beispielsweise mit den „freshexpressions“ vorgemacht, was es bedeutet, neue Brücken zu bauen, die nach über zehn Jahren planen und bauen tatsächlich für viele Kirchendistanzierte einen neuen Weg in die Kirche weisen. Dies sollte Mut machen, alte Denkkategorien zu überwinden und fest Strukturen zu hinterfragen. Vieles ist dabei an der Basis schon in Bewegung geraten und längt gibt es solche Projekte und „Brücken“ auch in Deutschland, aber wir müssen sie wahrnehmen, systematisieren und unterstützen, damit sie nicht zu „Feigenblätter der eigenen Bewegung“ werden. Damit dies gelingt brauchen wir eine doppelte Bewegung, zum einen zu den Menschen hin und zum anderen müssen wir einen alternativen Lebens- und Glaubensstil anbieten, an dem die Liebe Gottes erkennbar wird.

Kommentare:

riepichiep hat gesagt…

Wo kommt das Bild oben her? Selbst gemacht? wenn ja, wie?

Tobias Faix hat gesagt…

ne, aus dem Netz: http://www.google.de/imgres?imgurl=http%3A%2F%2Favalia-gruenderlounge.de%2Fwp-content%2Fuploads%2F2013%2F07%2FGeneration-Y-Selbststaendigkeit.jpg&imgrefurl=http%3A%2F%2Favalia-gruenderlounge.de%2Fist-fur-die-generation-y-selbststandigkeit-eine-losung%2F&h=405&w=819&tbnid=VwtUijhVKjEQ5M%3A&zoom=1&docid=FIQJ6U3K42SywM&ei=YvQTVIWhFsnDPN__gbgD&tbm=isch&iact=rc&uact=3&dur=700&page=1&start=0&ndsp=16&ved=0CCkQrQMwAA

Tobias Faix hat gesagt…

Kann man aber leicht selber machen, siehe:
http://praxistipps.chip.de/word-clouds-kostenlos-online-erstellen-die-besten-webseiten_30199

Hans-Christian Beese hat gesagt…

Gib die Begriffe, die du verwurstet haben willst, de Farbwelt und eine Silhouette, um die sich das Ganze drehen soll, in das Programm, und du bekommst deine Wordcloud.

Zum Thema:

Laut Bibel hat Luther die einzig richtige, für alle Zeiten und Kulturen gültige Frage gestellt. Oder wird das jetzt per statistischem Mehrheitsbeschluss entschieden?


Hans-Christian Beese hat gesagt…

p.s. ich selbst habe das vor kurzem mal in einer Umschlaggestaltung ausprobiert:
http://ecx.images-amazon.com/images/I/91mDJ%2BpnEQL.jpg

Tobias Faix hat gesagt…

Ich halte die Frage von Luther theologisch auch für die Richtige, aber die meisten Menschen heute teilen dies nicht. Das war ja die Ausgangsfrage, was ist dann ihre Frage?

P.S. Schöner Umschlag. Da fällt mir ein, ich bekomme ja noch ein Buch, oder? :)

Hans-Christian Beese hat gesagt…

Die "meisten Menschen" haben sie damals auch nicht geteilt.
"Was gibt mir Sinn und hilft mir mein Leben zu gestalten?" war immer die populärere Frage – bis der Geist Gottes einen anspricht! Dann ist klar: Von sinnvoller Lebensgestaltung kann erst die Rede sein, wenn ich die Antwort auf Luthers Frage kenne.
p.s. Das Angebot gilt, irgendwas von VKW oder RVB. ;)

Daniel hat gesagt…

Dazu ein kurzer, aktueller Einwurf aus eigener Erfahrung:
Ich (31m) habe gestern versucht, via Internet einen Sonntagsgottesdienst in Köln zu finden, der mich anspricht. Ergebnislos. Selbst mit Abstrichen.

Nun gehöre ich zwar schon zum erlauchten Kreis der Bekehrten, aber ich unterstelle, dass die Aufgabe für mich damit tendenziell eher einfacher sein sollte.

Vielleicht stehe ich auch nicht repräsentativ für ein ausgewachsenes Sinus-Milieu. Aber wenn doch? Dann ist die kölsche Ernte groß, aber...

Hans-Christian Beese hat gesagt…

"Ein Gottesdienst, der mich anspricht" klingt wie "ein Gottesdienst, in dem ich höre, was ich gewohnt bin, was mir gefällt, was ich eh schon weiß".
Ein Feld, das "reif zur Ernte" ist, sucht sich seine "Schnitter" nicht aus. Im Gegenteil, die Werkzeuge und die Botschaft, die Gott für unsere Bekehrung einsetzt, können sehr demütigend sein.

In das Londoner Jesus People Haus, in dem ich nach meiner Bekehrung lebte, kam eines Tages nach langer Odyssee ein Hippie aus Kalifornien, Grover Johnson. Zu der Zeit war bei uns gerade ein amerikanischer Pastor mit Holzfällerhemd und kurzen Haaren zu Besuch. Am Abend hielt er eine Predigt, und Grover Johnson bekehrte sich. Er sagte später, das Demütigendste für ihn war, dass Gott sich ausgerechnet einen solchen Mann als Werkzeug für seine Bekehrung ausgesucht hatte.

Mit anderen Worten: Die Botschaft soll nicht gefallen und "ansprechen", sondern überraschen, aus der Reserve locken und verändern. Was "gefällt", verändert nicht. Fragen, die "die heutigen Menschen" haben, aufzugreifen und in einer Art zu beantworten, wie sie selbst sie beantworten könnten, ist keine Herausforderung und Alternative.

Daniel hat gesagt…

""Ein Gottesdienst, der mich anspricht" klingt wie "ein Gottesdienst, in dem ich höre, was ich gewohnt bin, was mir gefällt, was ich eh schon weiß"."

Habe mir schon gedacht, dass sowas kommt... :-)
Aber das ist nicht der Punkt, und eigentlich vermute ich, dass du das weißt.

Mal abgesehen davon, dass Jesus People und Hippie eigentlich wie die Faust aufs Auge passt, was "Zielgruppenorientierung" (in moderner Terminologie) betrifft. q.e.d. :-)

Dirk hat gesagt…

Mittlerweile bin ich ein wenig müde geworden, wenn es um "neue" Aktionen und Programme geht, um die "Heiden" zu gewinnen. Marketingtechnisch mag es da Etliches geben, was wir tun sollten und fraglos gibt es Christen, Gemeinden, Gottesdienstfeiern, die eher abschrecken als anziehen. Doch letztlich führt nichts an einer Jesus-Fokussierung vorbei und daran, diese Jesus-Geschichten für unser Heute und Jetzt verständlich zu machen. Schließlich will ich nicht, dass jemand mein Programm toll findet. Die Leute sollen Jesus toll finden und ihm folgen. So fromm es klingt, so steht m.E. das fest: Durch Jesus entstehen die Fragen und finden wir die Antworten. Unsere Gesellschaft ist einerseits höchst heterogen und andererseits gibt es zahlreiche menschliche Gleichheiten. Doch in dieser Vielfalt und in dieser Gleichheit beantwortet Jesus die Fragen nach dem Sinn, der Erfüllung, des Überwindens, des Friedens und der Gerechtigkeit. Und zugleich fragt er: Und was mit dir?

Tobias Faix hat gesagt…

Ja, wenn du das von mir beschriebene als "Methodenaktionismus" siehst, dann gebe ich dir absolut Recht. Aber eigentlich geht es mir um was anderes, was viel grundsätzlicheres: Wie kann die neue Generation "deine Jesusgeschichten" verstehen? Was verstehen sie von dem was du ihnen erzählst, mal vorausgesetzt, es kommt überhaupt zu einer Begegnung. Wie drücken junge Menschen die Sehnsucht nach Sinn und erfüllten Leben aus? Was ist ihnen dabei wichtig?
Ich für meinen Teil werde gerne ernst genommen für das was ich bin und tue, und mit dieser Haltung versuch eich auch meinen Mitmenschen zu begegnen....

Hans-Christian Beese hat gesagt…

Paulus hat die Athener "ernst genommen" und "abgeholt":

"Ich bin herdurchgegangen und habe gesehen eure Gottesdienste und fand einen Altar, darauf war geschrieben: Dem unbekannten Gott."

Und gleich im nächsten Satz hat er ihren Horizont auf für sie unvorhersehbare, für etliche der Zuhörer skandalöse Weise erweitert:

"Nun verkündige ich euch denselben, dem ihr unwissend Gottesdienst tut."

Die anschließende Predigt über Schöpfung, Repräsentation, Gericht und Auferstehung polarisierte die Hörer: Etliche "hatten ihren Spott ... etliche aber sprachen: Wir wollen dich davon weiter hören... etliche Männer aber hingen ihm an und wurden gläubig."

Das wird uns zum Vorbild berichtet.

Tobias Faix hat gesagt…

Und das ohne Kreuz! Skandal! Wenn ich mir sowas erlaubt hätte.... :)

Hans-Christian Beese hat gesagt…

Lieber Toby,


danke für die Steilvorlage ;) Natürlich stimmt es, dass wir die Präsentation des Evangeliums an unsere Zuhörerschaft anpassen müssen.
Um nicht missverstanden bzw. nicht überhaupt nicht verstanden zu werden und somit unwillentlich das Evangelium zu vernebeln, sollten wir ihren Hintergrund, ihre Voreingenommenheiten und Vorurteile kennen und verstehen.

Paulus‘ Rede in Athen in Apg. 17,22-31 richtet sich an Leute, die keinerlei Vorkenntnis der Bibel hatten, anders als seine Predigt in Antiochien, Pesidien, wo er zu Menschen spricht, die mit dem Judentum vertraut sind. Die Athener haben nichts von Mose gehört und das AT nie gelesen. Sie waren eindeutig Polytheisten, hatten somit eine völlig andere Weltsicht.

Daher ist die Athener Rede interessant für unsere heutige Situation im Westen, wo wir es zunehmend mit Menschen zu tun haben, die von postmoderner Epistemologie geprägt sind.

Die Lektion aus Apg. 17 ist eine doppelte:

Erstens, wir müssen das postmoderne Denken mit der großen Gesamtgeschichte der Bibel konfrontieren.

Zweitens müssen wir uns klar werden, wohin die Unterhaltung gehen soll – d. h. zu einem Punkt, wo die Leute begreifen, dass wir Sünder vor einem heiligen Gott sind und Vergebung brauchen.

Wenn Weltsichten derart kollidieren wie im postmodernen Kontext, muss zunächst ein Bezugsrahmen geschaffen werden, von dem her unsere Botschaft verständlich wird.

Postmoderne Menschen lieben “Stories”, doch sie hassen “Meta-Narrative”, die alle anderen Narrative beherrschen und überlagern. An dem Punkt sind sie zutiefst misstrauisch. Metastories sind für sie totalitär und manipulativ und erheben Ansprüche, die für endliche Wesen schlichtweg unmöglich und unhaltbar sind.

Sie lieben Stories, doch ihr Verständnis der Dinge ist von ihrem eigenen Bezugsrahmen beherrscht. Wenn wir also die “Story” von Jesus erzählen, müssen wir irgendwie dahin kommen, sie in das biblische Meta-Narrativ einzupassen. Andernfalls missrepräsentieren wir Jesus. Die Leute mögen am Ende denken, Jesus sei nicht der einzige Weg zu Gott, sondern gekommen, um uns von unseren seelischen Verletzungen zu heilen.

Solange wir uns mit den Postmodernen nicht über das Kernproblem der menschlichen Situation einig sind – wie können sie da je die Lösung verstehen? Wenn wir uns nicht darin einig sind, dass das Kernproblem das in der Bibel beschriebene ist, Rebellion, Entfremdung gegenüber Gott, Eigenliebe und alles, was die Bibel unter Sünde versteht – muss Jesus als das Lösungsangebot für die Hörer bedeuten, dass er eine Art Problemlöser für alle Lebenslagen ist.

Menschen unter dem Einfluss postmoderner Epistemologie sehen Gut und Böse als soziologische Konstrukte. Das bedeutet, dass wir in unserer Evangeliumspräsentation wohl oder übel die biblische Metastory rüberbringen müssen, mit ihrem Konzept von Sünde, d. h. dass Gott uns gemacht hat und wir in seiner Schuld stehen. Wir haben rebelliert und tun es täglich weiter und sind hoffnungslos schuldig in seinen Augen. Für Menschen aus christlichem Hintergrund ist das selbstverständlich, doch vom postmodernen Denken ist das Lichtjahre entfernt.

Hans-Christian Beese hat gesagt…

p.s.

um auf den ursprünglichen Kontext zurückzukommen, fasse ich zusammen:
Bevor wir Jesus als Lösung bzw. Erlöser anbieten, müssen wir die Menschen an den Punkt führen, wo sie Luthers Frage stellen.

Hans-Christian Beese hat gesagt…

"Keine Antwort mehr ist auch eine Antwort" – – nur welche?