Samstag, Dezember 13, 2014

„Helft uns, einen Schutzraum aufzubauen, in dem wir überleben können.“ Drei Fragen an Dietmar Roller zur Christenverfolgung im Nordirak und Syrien.


In unserem letzten Modul unseres Studienprogramms Development Studies & Transformation war Vorsitzende von Dietmar Roller, der Vorsitzende von IJM Deutschland zu Gast, er kam direkt aus dem Nordirak und ich hatte die Möglichkeit ihn nach seinen Eindrücken zu befragen, da zur Zeit immer mehr Falschmeldungen im Umlauf sind.
Faix: Es wird in der letzten Zeit viel über Christenverfolgung gesprochen, das Thema ist in allen Medien und trotzdem wissen wir eigentlich wenig über Christenverfolgung. Jetzt warst du letzte Woche im Nordirak. Kannst du uns von der Lage erzählen, wie du sie erlebt hast?
Roller: Gerne. Wobei ich das schon erst einmal einordnen will. Also, es gibt nicht nur Christenverfolgung, es gibt generell große Verfolgungen von Minderheiten, von religiösen Minderheiten, und der Irak ist das beste Beispiel dafür, da gibt es eben nicht nur Christenverfolgung. Da werden muslimische Schiiten verfolgt, da werden Jesiden massiv verfolgt, und das nochmal in einer ganz anderen Art und Weise und einer ganz anderen Intensität als die Christen. Trotzdem bleibt natürlich, dass die Christen unheimlich leiden in der Situation, weil sie sozusagen aus ihren letzten angestammten Gebieten vertrieben wurden, und das ist ein sehr, sehr schmerzhafter Prozess.
Faix: Was hast du im Nordirak erlebt?
Roller: Ganze Regionen im Nordirak sind gerade auf der Flucht, und die Menschen sind gezeichnet von der Brutalität, die sie erlebt haben. Wobei die Christen da, im Verhältnis zu den Jesiden, noch ein bisschen geschont wurden. Der IS hat vor den Schriftreligionen noch eine gewisse Hemmung, aber bei den Jesiden gab es furchtbare Vergewaltigungen, ja sogar systematische Vergewaltigungen und systematischen Terror. So müssen viele der Mädchen, die dort vergewaltigt und verkauft worden sind, ihre Eltern anrufen und ihnen erzählen, was mit ihnen täglich geschieht, nur um weiter Angst und Terror zu verbreiten. Und den Christen ist die Angst ins Gesicht geschrieben, und der Schock alles zurücklassen zu müssen, aber auch die Brutalität, die täglich ausgeübt wird, ist schonungslos. Ich habe mit Menschen geredet, die alles verloren haben, deren Familien regelrecht abgeschlachtet wurden, die jetzt auf der Flucht sind und nicht wissen, wie es überhaupt weiter geht. Und das mit einer so kalten Brutalität, das ist schon schockierend. Und das macht einen eigentlich auch sprachlos, und dann kommen einem nur noch die Tränen in so einer Situation. Weil es einfach so brutal ist.
Faix: Was würdest du denn von der westlichen Welt erwarten?
Roller: Naja, was würden denn die Christen und die Jesiden von der westlichen Welt erwarten? Ich meine, ich habe mit vielen gesprochen, die sagen: „Helft uns, einen Schutzraum aufzubauen, in dem wir überleben können. Das ist das einzige, was hilft, ansonsten gehen wir hier weg und kommen zu euch.“ Das ist eine ganz klare Aussage, das erwarten die Menschen: konkrete Hilfe. Wir können und müssen helfen, können die Menschen nicht im Nichts stehen lassen, sondern haben da auch eine Aufgabe als Deutsche, als Christen, hier Solidarität zu üben. Und ich denke, wenn es darum geht, Asylanten aufzunehmen, dann sollte man den Menschen, die aus so einer harten Verfolgung herauskommen, den Vorzug geben. Wir sollten klar Stellung beziehen und unsere Regierung ermutigen, den verfolgten Menschen im Irak einen Schutzraum zu bieten, und dann sollten wir so viele wie möglich aufnehmen und sie willkommen heißen hier mitten unter uns.
Viele Christen haben es verlernt, politisch aktiv zu sein und zu handeln. Wir haben uns in unsere eigenen Nischen zurückgezogen, und so machen wir uns mitschuldig an unseren eigenen Geschwistern. Wir müssen lernen, unseren Glauben öffentlich zu leben und für die Schwächsten einzustehen.
Faix: Danke für das Interview.

Dietmar Roller ist Vorstandsvorsitzender von IJM (International Justice Mission), einer international tätigen gemeinnützigen christlichen Nichtregierungsorganisation (NRO/NGO), die sich den Opfern schwerster Menschenrechtsverletzungen in Entwicklungs- und Schwellenländern widmet.


Kommentare:

Christian hat gesagt…

Schutzraum im Irak bieten ohne Truppeneinsatz? Wie soll das angesichts solcher Gegner denn funktionieren? Was Lobbyarbeit betrifft: Sämtliche 631 Abgeordneten des Deutschen Bundestages haben im Oktober 2014 je ein Freiexemplar des "Jahrbuches zur Verfolgung und Diskriminierung von Christen" und des weiter und grundsätzlicher gefassten "Jahrbuches zur Religionsfreiheit", beide mit Schwerpunkt Irak/Syrien, überreicht bekommen.

Tobias Faix hat gesagt…

Warum ohne Truppeneinsatz? Es könnte ein UN Mandat geben, das diesen Schutzraum bieten kann.

Zur Lobbyarbeit: Ja, sehr guter Anfang, ich schätze das Jahrbuch zur Religionsfreiheit sehr! Danke.