Mittwoch, Dezember 03, 2014

„Kirche ist immer Kirche mit Anderen. Gedanken über eine ‚Theologie der Inklusion’. Part 3: Identität und Anderssein"


Heute ist der "internationale Tag für Menschen mit Behinderungen", ein guter Grund meine kleine Gedankenreihe zum Thema "Theologie der Inklusion" weiterzuführen.
In Part 1 und 2 habe ich versucht die Grundlagen eines theologisch verstandenen Inklusionsbegriffs zu reflektieren, den ich jetzt im neutestamentlichen Kontext anschauen möchte. Dabei möchte ich besonders auf das Buch von Miroslav Volf und sein wegweisendes Buch "Von der Ausgrenzung zur Umarmung" verweisen, aus dem ich einige Gedanken entliehen habe. Die am häufigsten gebrauchte neutestamentliche Metapher für das Volk Gottes ist der Leib Christi. In dem einen Leib Christi leben in einem komplexen Zusammenspiel sehr unterschiedliche Glieder, nämlich Juden und Griechen, Männern und Frauen, Sklaven und Freie. In Christus sind sie eins an dem Leib, also gleich würdig, und doch bleiben sie unterschiedlich in ihren Aufgaben. Volf beschreibt dies folgendermaßen:
„Der Geist löscht die körperlichen Unterschiede nicht aus, sondern er ermöglicht den Zugang zum einen Leib Christi für Menschen mit solchen Unterschieden zu gleichen Bedingungen. Was der Geist auslöscht (oder wenigstens lockert), ist die stabile und sozial konstruierte Wechselbeziehung von Unterschieden und sozialen Rollen. Die Gaben des Geistes werden ungeachtet dieser Unterschiede gegeben“ (Volf 2012:55).
In einer Gemeinschaft seinen Platz zu finden unabhängig von seiner Herkunft ist ein christliches Identitätsmerkmal, das auf die Ebenbildlichkeit Gottes zurückgeht. Alle Menschen haben denselben Wert und dieselbe Würde unabhängig von ihrem Tun und können somit Teil des Leibes Christi werden.
Ein großes Missverständnis in der aktuellen Inklusionsdebatte besteht aber darin, daraus zu schließen, dass alle Menschen das Recht haben alles gleich tun zu können oder zu müssen. Dieser „Zwang zur Inklusion“ wird aber weder der Ebenbildlichkeit Gottes in seiner Vielfalt, noch dem Bild des Leibes Christi gerecht. Wer denkt, dass Inklusion alle Grenzen aufhebt, wird den Menschen nicht gerecht und wird am Ende einen neuen Exklusivismus hervorbringen. Volf beschreibt dies folgendermaßen:
„Schmähe alle Grenzen, bezeichne jede dezidierte Identität als Unterdrückung, hefte das Schild ‚Exklusion’ auf jede dauerhafte Differenz – und du hast zielloses Treiben statt klarsichtigem Handeln, wahllose Aktivität statt moralischem Engagement und Verantwortlichkeit, langfristig Leichenstarre statt des Tanzes der Freiheit“ (Volf 2012:76).
Würde und Vielfalt schließen sich nicht aus, im Gegenteil, sie bedingen sich sogar. Paulus spricht nicht von einer Auflösung der Identität oder davon, dass es keine kulturellen Unterschiede mehr gibt oder die Geschlechtlichkeit aufgehoben wird, sondern sieht Unterschiede in ihrem geschöpflichen Platz und ihrer Ebenbildlichkeit in Gott selbst als wertvoll an. Die Schöpfung am Anfang der Menschheitsgeschichte kannte schon eine Vielfalt und eine Harmonie. Im Schöpfungsprozess (Gen 1+2) wird von Gott geordnet und differenziert, aber nicht ausgeschlossen. Differenzierung besteht in einem relational verstandenen ‚Trennen und Binden’ von Licht und Dunkelheit, Tag und Nacht, Meer und Land etc. Alles hat seinen Platz und ergibt zusammen ein wunderbar funktionierendes Ganzes. Durch den Sündenfall ist vieles durcheinandergekommen und hat sich in den einzelnen Beziehungsebenen entfremdet (Gott – Mensch; Mensch – Mensch; Mensch – sich selbst und Mensch - Natur), doch beschreibt uns die Bibel die große Geschichte Gottes, der diese Beziehungsebenen wieder herstellt. Durch Tod und Auferstehung Christi gehen wir ein in die neue Schöpfung Gottes, die zwar auf Erden noch nicht vollendet ist, aber uns einen hoffnungsvollen Vorgeschmack auf das gibt, was da kommt (2.Kor 5,17). Noch einmal Volf, der dies wunderbar auf den Punkt bringt:
„Wir sind, wer wir sind, nicht weil wir von den anderen neben uns unterschieden sind, sondern weil wir sowohl unterschieden als auch verbunden sind, verschiedenartig und verwandt. Die Grenzen, die unsere Identität ausmachen, sind sowohl Barrieren als auch Brücken“ (Volf 2012:78).

Es geht also beim Thema Inklusion nicht um eine Gleichmacherei aller Menschen, sondern um eine differierende Gleichwürdigkeit. Eine gesunde Identitätsentwicklung braucht auch Abgrenzungsmechanismen, die Unterschiedlichkeiten (in Gaben, Aufgaben und Platz) deutlich machen und Vielfalt befürworten. Der biblische Ort dies einzuüben ist die Gemeinde.

Kommentare:

Gabriel hat gesagt…

Ich bin erleichtert. Du bleibst bei einer „Theologie der Umarmung“ und konstatierst nicht wie so viele im Inklusions-Rausch eine „Theologie des Einschießens“ (includere).

Tobias Faix hat gesagt…

Inklusion ist für die Menschen und nicht die Menschen für die Inklusion. :)