Freitag, Dezember 19, 2014

„Kirche ist immer Kirche mit Anderen. Gedanken über eine ‚Theologie der Inklusion’. Part 4: Gemeinde als Ort gelebter Inklusion“

 

Was auf der einen Seite für Christinnen und Christen in Kirchen und Gemeinden selbstverständlich sein sollte, weil klassische Exklusionsgründe (Gal 3,28: Mann/Frau, arm/reich, Einheimischer/Fremder) durch Christus überwunden wurden, ist auf der anderen Seite immer noch problematisch, weil wir immer noch mit beiden Beinen mitten in dieser gefallenen Welt stehen. Inklusion muss aber genau diese Spannung aushalten, da sie sich auf der einen Seite für die Würde und die Rechte aller Menschen einsetzt, auf der anderen Seite aber durch Inklusion nicht das Paradies auf Erden geschaffen wird. Gerade weil es um unterschiedliche und gefallene Menschen geht, gehört aus christlicher Sicht das Thema Versöhnung zur Grundhaltung jeglicher Inklusionsdebatte. Dabei geht es nicht um eine billige „Gleichmacherei“, sondern um die zentrale Frage einer neuen Gemeinschaft. Wenn wir im Neuen Testament vom Gedanken der ‚Inklusion’ reden wollen, dann ist dies kein Individualgeschehen, sondern eingebettet in die neue Gemeinschaft, die Christus durch Kreuz und Auferstehung gestiftet hat. Der Theologe Miroslav Volf zitiert dazu seinen Lehrer Jürgen Moltmann (Volf 2012:23):
„Am Kreuz Christi ist diese Liebe (d.h. die Liebe Gottes) für die anderen da, für Sünder – die widerstrebenden – Feinde. Die gegenseitige Selbsthingabe aneinander innerhalb der Trinität erweist sich in Christi Selbsthingabe in einer Welt, die im Widerspruch zu Gott steht; und dieses Sich-Verschenken bezieht alle, die an ihn glauben, in das ewige Leben der göttlichen Liebe ein“ (Moltmann1991:137).
Gott leidet in Christus am Kreuz für alle Ausgrenzungen und öffnet so erst die Tür zu dieser neuen Gemeinschaft zwischen Gott und den Menschen. Die Selbsthingabe Christi feiern wir im Abendmahl, in dem diese neue Gemeinschaft hier auf Erden schon sichtbar wird. Hier kommen beide Punkte zusammen, denn in Taufe und Abendmahl erinnern sich die Nachfolgerinnen und Nachfolger Christi an ihre Ebenbildlichkeit Gottes und feiern dann die Teilhabe an der neuen Gemeinschaft und dem Leib Christi (1. Kor 11, 21.24). Durch ihn erleben wir eine Transformation unseres Denken und Handelns (Röm 12, 2) und können so die neue Gemeinschaft miteinander leben. Dies zeigt sich auch in dem von Paulus immer wieder bemühten Bild des Leibes (Röm 12; 1. Kor 12), in dem alle gleichwertig zusammen gehören, aber jeder verschiedene Aufgaben hat, 1. Kor 12, 12-31:
„Denn wie der Leib einer ist und doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch ein Leib sind: so auch Christus. Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt. Denn auch der Leib ist nicht ein Glied, sondern viele. Wenn aber der Fuß spräche: Ich bin keine Hand, darum bin ich nicht Glied des Leibes, sollte er deshalb nicht Glied des Leibes sein? Und wenn das Ohr spräche: Ich bin kein Auge, darum bin ich nicht Glied des Leibes, sollte es deshalb nicht Glied des Leibes sein? Wenn der ganze Leib Auge wäre, wo bliebe das Gehör? Wenn er ganz Gehör wäre, wo bliebe der Geruch? Nun aber hat Gott die Glieder eingesetzt, ein jedes von ihnen im Leib, so wie er gewollt hat. Wenn aber alle Glieder ein Glied wären, wo bliebe der Leib? Nun aber sind es viele Glieder, aber der Leib ist einer. Das Auge kann nicht sagen zu der Hand: Ich brauche dich nicht; oder auch das Haupt zu den Füßen: Ich brauche euch nicht. Vielmehr sind die Glieder des Leibes, die uns die schwächsten zu sein scheinen, die nötigsten; und die uns am wenigsten ehrbar zu sein scheinen, die umkleiden wir mit besonderer Ehre; und bei den unanständigen achten wir besonders auf Anstand; denn die anständigen brauchen’s nicht. Aber Gott hat den Leib zusammengefügt und dem geringeren Glied höhere Ehre gegeben, damit im Leib keine Spaltung sei, sondern die Glieder in gleicher Weise füreinander sorgen. Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit. Ihr aber seid der Leib Christi und jeder von euch ein Glied.“

Hier werden Einheit, Gleichwertigkeit und Verschiedenheit christologisch begründet und als Kennzeichen der christlichen Gemeinschaft beschrieben. Merz beschreibt dies: „In Jesus Christus ‚inkludiert’ Gott in unüberbietbarer Weise selbst, vereint die Menschen im Versöhnungsgeschehen, was die spezifische Eigenheit der Inklusion aus christlicher bzw. theologischer Perspektive begründet“ (Merz 2014:94). Oder wie Anne Krauss es treffend zusammenfasst: „Inklusion geschieht in der Gleichheit aller Menschen als Gottes Geschöpfe und in der Gleichheit aller Menschen als ‚geschädigte Schöpfung’“ (Krauss 2010:426). Dies zeigt sich gerade in einer gelebten Gemeinschaft wie Paulus sie im ‚Leib-Glied-Beispiel’ aufgreift, in der eben nicht alle gleich gemacht werden und auch nicht die gleichen Aufgaben haben, aber alle die gleiche Wertigkeit besitzen und eine ihnen zugewiesene Aufgabe haben. Ja, nur in einer inklusiven Gemeinschaft findet jede und jeder den richtigen Platz. Wolfhard Schweiker führt das weiter, wenn er schreibt: „Die Gemeinschaft wird als eine organische Einheit betrachtet, die keine Aussonderung, Abspaltung oder Stigmatisierung verträgt. Wird ein Glied verletzt, wirkt es sich auf den ganzen Körper aus: ‚Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit’ (V.16). So entsteht Solidarität in der Verschiedenheit“ (Schweiker 2011:5).

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