Freitag, Februar 21, 2014

„Der orthodoxe Häretiker. Oder: Warum der Umgang mit Zweifel so wichtig ist.“







„Vor allem war das Ausschlaggebende für meine Abkehr vom Glauben die theologische Auseinandersetzung mit Bibeltexten und biblischen Themen wie Sünde und den Vorstellungen von Himmel und Hölle. Ich habe gemerkt, dass sich viele Widersprüche bei mir nicht haben auflösen lassen.“ (Sophia)

„Der Glaube ist eine ganz große intellektuelle Anforderung und nicht, weil ich so klug bin oder so etwas, sondern weil es echt schwer ist, finde ich, mit den Widersprüchen in der Bibel zu leben und eben auch emotional hinterherzukommen. Es hat ja auch eine emotionale Komponente. Und ich konnte auch nie mit den Liedern, die da gesungen wurden, da habe ich die totale Krise bekommen. Also, diese Worship-Songs, die sind für mich sowieso eine einzige Phrase.“ (Magdalena)

„Glauben basiert auf Gefühlen, nicht auf Fakten.“ (Frieda)
 


Ein zentrales Leitmotiv unserer Dekonversionsstudie war „Intellekt & Zweifel“. Wie gehe ich mit meinen Fragen, Anfragen, Zweifel und Verzweiflung um? Seien es rationale Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Bibel oder emotionale Zweifel am (Nicht)Handeln Gottes. Was mache ich mit diesen Gedanken, die sich in meinem Hirn eingenistet haben und hartnäckig und regelmäßig sich auch ungefragt zu Wort melden? Keine leichte Situation und es gibt keine einfache Lösung. In unserer Studie gab es, bei aller Unterschiedlichkeit im Umgang mit Zweifeln, eine Gemeinsamkeit: Die Zweifelnden haben sich alleine gefühlt, mit kaum jemand gesprochen und sich mit ihren Zweifeln zurückgezogen. Manche, weil sie nicht verstanden wurden, manche, weil sie mit schnellen Antworten abgespeist wurden und manche, weil sie sich ihrer Zweifel geschämt haben. Aber dieser Rückzug war meines Erachtens genau das verkehrte. Zweifel sind nicht zum Schämen, sondern zeigen eine selbstständige Auseinandersetzung mit Gott, der Bibel und dem Christsein. Ja, Zweifel sind notwendig um einen reflektierten Glauben zu bekommen. Und dennoch, Zweifel sind gefährlich, wenn sie die Macht über das eigene Denken und den eigenen Glauben bekommen. Deshalb braucht der Zweifelnde einen vertrauten Raum, in dem die Zweifel ausgesprochen werden können, ohne dass man geringschätzig angeschaut oder geistlich ermahnt wird. Zweifel müssen ausgesprochen werden, diskutiert und geteilt werden, erst dann werden sie fruchtbar für den eigenen Glauben. Eine praktische Möglichkeit dies einzuüben sind Hauskreise oder sonstige Kleingruppen, sowie Mentoringbeziehungen, ein tolles methodisches Hilfsmittel ist das gestern erschienene Buch von PeterRollins „Der orthodoxe Häretiker und andere unglaubliche Geschichten.“ Der englische Philosoph und Theologe versteht es in diesem Buch neue, oftmals provozierende Gleichnisse und Geschichten zu erzählen, die einem Helfen eigene Zweifel ernst zu nehmen und zu formulieren. Seine Erläuterungen helfen dies didaktisch einzusetzen und machen es somit zu einem wunderbaren Lese- und Arbeitsbuch für die genannten Gruppen.
Hier ein Auszug aus dem Vorwort meines Kollegen Tobias Künkler und mir:
„Ich stutze, lese den Satz noch einmal, er stimmt, ich überlege, lächle, ach so, jetzt verstehe ich….“ So in etwa ging es uns beim Lesen dieses herausfordernden Buches von Peter Rollins. Der irische Philosoph, Autor und Redner ist ein Provokateur und Querdenker, der seine Mitchristen und sich selbst immer wieder durch gewollte Irritationen zum Nachdenken zwingt. Nicht immer endet es mit einem Lächeln, manchmal ärgerten wir uns auch über seine Geschichten und Parabeln, aber sie brachten uns immer ins Nachdenken über unseren eigenen Glauben. Schon in der ersten Geschichte dieses Buches wird klar, Rollins geht es nicht um die ‚Religion Christentum‘, sondern um einen Blick hinter die Kulissen. Die folgenden Geschichten und Parabeln werden irritieren, in dem sie Gewohntes in Frage stellen, wohlbekanntes verfremden und vorhandene Widersprüche aufdecken. Doch transformative Lernprozesse, aus denen wir verändert hervorgehen und ohne die Nachfolge nicht möglich ist, sind nicht möglich ohne Irritation oder gar das Empfinden der Krise. Lernen, so die Lerntheoretikerin Frigga Haug „bedeutet das Verlassen einer als sicher aufgefassten Position […] und damit eine Verunsicherung." Lernen im Sinne eines Umlernens, geht notwendig mit einem Verlernen, d.h. mit einem Verlust einher. Solche Lernprozesse werden erfahren, so Haug, „als Unsicherheit, als Unruhe, als Zweifel, als Bruch, eben als Umsturz, als Veränderung von Gewohnheit, Gültigem, für sicher und richtig Gehaltenem, als etwas Neues, das einen auch zwingt, anders zu leben.“



Dienstag, Februar 18, 2014

"Christen sind nicht, wie sie singen."

Dies war sicher einer der Gründe, weshalb sich in unserer Studie Menschen von Gott abgewendet haben. Und darüber gab es die letzten Tage auch sehr interessante Diskussionen. Wie ist dieses Leitmotiv (Moral, eines von vier) einzuordnen? Was sagen uns Zitate wie diese:

„Menschen in christlichen Kreisen leben häufig sehr gesetzlich und heucheln ein heiliges Leben, obwohl sie selbst oft die Schlimmsten sind.“ (Gudrun)


„Ich glaube nicht mehr, weil ich persönlich erleben musste, wie viel Schlimmes sich Christen gegenseitig antun. Gemeindesysteme verletzen Menschen. Ich will nicht mehr Teil dieses Systems sein.“ (Dirk)

Einige in den Diskussionen kritisierten die Abhängigkeit des Glauben von Menschen, man wisse doch, dass der Mensch schlecht sei, eben auch Christen und wie heißt es so schön: Christen enttäuschen - Christus nie. Aber ist es so einfach? Ist damit das Thema aus der Welt geschafft? Ich fürchte nicht, denn diese Zitate (und das ganze Kapitel dazu im Buch) weisen zumindest mich darauf hin, dass es doch eine (immer größere?) Spannung zwischen Christus und Christen gibt und beides ist eben nicht zu trennen. So wie der Name der Christen auf Christus hinweist, so auch alles Verhalten. So wie Gottes- und Nächstenliebe nicht zu trennen ist und das eine auf das andere hinweist, so gibt das Leben der Christen Zeugnis über Christus. Deshalb glaube ich, dass es sich lohnt darüber nachzudenken nach was unser Leben 'schmeckt', dabei geht es nicht um Perfektion, sondern um Beziehungen, zu Gott und dem Nächsten, auf dass die Welt erkenne, dass wir Gottes Kinder sind. 

Hier ein Radiobeitrag des SWR zum Buch:





Christina Brudereck hat nicht nur eine sehr lesenswerte Rezension des Buches für die Zeitbeilage "Christ & Welt" geschrieben, sondern auch diese wertschätzenden Worte. Danke.

Will ich das wissen? Wie es zur Ent-Kehrung kommt?
Will ich das wahrhaben? Dass es De-Konversion gibt?
Will ich das beachten? Dass es Aus-Wählen gibt?  

Ich kenne Zweifel, habe selbst genug davon. 
Ich kenne eigene Irritation über das Christentum und seine Dogmen & Gesetzlichkeiten. 
Ich kenne alles von Kopfschütteln bis Verzweiflung über einzelne VertreterInnen meiner Glaubenstradition.  
Ich vermisse Gott in dieser Welt.

Will ich mehr wissen? Muss ich? Ja, ich muss. 
Um der Ent-Kehrten willen. Also um der Liebe willen. 
Um meiner eigenen Entkehrungs-Tendenzen willen. 
Um meiner Arbeit willen. 
Ich will eigentlich erst Mal nicht. 
Aber um Gottes willen habe ich am Ende doch gelesen. 
Mit großem Gewinn.

Es war entlarvend. Wohltuend ehrlich. 
Es war schaurig. Traurig. Eine Offenbarung. 
Erforscht, nachgefragt und aufgeschrieben, gibt es kein Zurück.
Ich komme hinter mein Wissen nicht mehr zurück.
Was das bedeutet, muss ich jetzt herausfinden. 

Christina Brudereck


Sonntag, Februar 16, 2014

"Klom, die Kunst und ein Sonntagnachmittag...."









Marburg ist keine Kunsthochburg, doch gibt es immer wieder die eine oder andere Entdeckung zu machen. Zu meinen und unseren Lieblingsorten gehört zweifelsohne der Kunstverein. Nicht nur wegen seiner Arthotek, sondern weil es alle drei Monate eine neue,  inspirierende und spannende Ausstellung gibt, die wir meist als Familie besuchen. So auch an diesem wunderbaren Sonntagnachmittag...

Ach ja, und da war da noch der Klom, der uns verfolgte...