Donnerstag, Februar 27, 2014

„Aspekte eines gesunden Glaubens“



Im Zusammenhang mit der Dekonversionsstudie wurde ich immer wieder damit konfrontiert, was (mein) Glaube überhaupt ist und ausmacht. In diesem Zusammenhang habe ich mit meinen beiden Kollegen viel diskutiert, wie ein gesunder und mündiger Glaube aussehen kann. Dabei ist uns zuerst wichtig geworden, dass ein gesunder Glaube nicht von alleine oder aus uns selbst entsteht, sondern immer im Zusammenhang in der Auseinandersetzung mit der Bibel, dem Wirken des Geistes und der Gemeinschaft um einen herum entsteht. Paulus beschreibt dieses Ringen um einen gesunden Glauben im Brief an seinen Mitarbeiter Titus, der mit falschem und krankmachendem Glauben in seiner Gemeinde zu tun hat, und ermutigt ihn mit den Worten: „Deshalb musst du die, ´die vom richtigen Weg abgekommen sind,` ohne falsche Nachsicht zurechtweisen, damit sie zu einem gesunden Glauben zurückfinden.“ (Titus 1,13) Glauben ist dabei nichts Abstraktes, keine Wahrheit, die wir einfach besitzen können, sondern entfaltet sich in der Beziehung von, mit und zu Gott. Einige Aspekte des gesunden Glaubens wurden uns in der Beschäftigung mit dem Thema Dekonversion besonders wichtig:
·      Ein gesunder Glaube weiß, dass jeder Mensch, bei aller Sündhaftigkeit und bei allem gefallenen Sein, im Ebenbild Gottes (Imago Dei) erschaffen ist und deshalb unabhängig seiner Herkunft, seines Standes oder seiner sexuellen Orientierung wertvoll in und vor Gott ist.
·      Ein gesunder Glaube weiß, dass das eigene Gottesbild auch von der eigenen Sozialisation und Erfahrung geprägt ist und sich deshalb in der Beziehung zu Gott, den Menschen und sich selbst weiterentwickeln darf.
·      Ein gesunder Glaube wirkt nicht kompensatorisch. Das heißt: Er dient nicht dazu, Defizite in der eigenen Persönlichkeitsentwicklung zuzudecken. Ein Mensch mit einem mündigen Glauben befindet sich in einer Entwicklung, in der er immer weniger darauf angewiesen ist, sich selbst und anderen etwas vorzumachen.
·      Ein gesunder Glaube lässt sich nicht in ein starres und festes Regelwerk pressen, sondern braucht Freiheit, sich zu entfalten.
·      Ein gesunder Glaube zeigt sich nicht durch menschliche Stärke oder Erfolg, sondern auch durch die eigene Schwachheit.
·      Ein gesunder Glaube zeigt sich in einem Prozess der Versöhnung, der durch die Kraft von Kreuz und Auferstehung ein ganzes Leben lang dauert und alle Ebenen des menschlichen Lebens und Zusammenlebens umfasst.
·      Ein gesunder Glaube fördert das eigenständige und kritische Denken. Er hilft somit dabei, die eigenen Positionen sowie die Position der Gemeinde zu überprüfen. So entsteht ein Prüf- und Aneignungsprozess, der sich gegen blinden Gehorsam und geistliche Vereinnahmung wehrt und dabei gleichzeitig die eigene Glaubensentwicklung fördert.
·      Ein gesunder Glaube hat Raum für Reflektionen und Zweifel; sie gehören im Aneignungsprozess dazu, sind normal und kein Zeichen von Unglauben oder gar Sünde.
Und dies sind nur die ersten Überlegungen, es gibt sicher noch weitere zentrale Punkte. Ein gesunder Glaube ist somit ein dynamisches Geschehen, bei dem Gott in seiner Liebe am Menschen handelt und dabei Fragen und Zweifel aushält.

Mehr Gedanken dazu gibt es im 4. Kapitel des Buches "Warum ich nicht mehr glaube".