Samstag, April 05, 2014

„Mit Nutella die Welt verändern? oder Mit der Kirche für mehr Gerechtigkeit.“

Auf meinen letzten Post zum Thema „Public Theology“ fragt riepichiep wie das denn praktisch aussehen kann und dazu passt eine Pressemeldung von dieser Woche ganz gut, in der Ferrero bekannt gab, dass sie bis 2020 100 Prozent zertifiziert nachhaltigen Kakao für seine Produktion einsetzen wollen. Eine kleine, aber wichtige Meldung, vor allem wenn man weiß, dass es in Marburg seit vielen Jahren Gespräche zwischen der Kirche und Ferrero gibt, die letztes Jahr einen vorläufigen Höhepunkt erreichten.

Hier ein Kurzbericht, der damals in der 3E erschien:
Da waren sie alle: Bürgermeister, Pfarrer und Pastoren, Professoren, Politiker und jede Menge interessierter Bürgerinnen und Bürger. Drei Stunden wurde diskutiert, zugehört, argumentiert und am Ende wurden Bibeln verteilt und es stellten sich alle unter den Segen Gottes. Was war passiert? Eine Gruppe engagierter Christen hatte sich ein Jahr zuvor zusammengetan um sich dafür einzusetzen, dass Nutella für Kinder hergestellt wird, nicht von Kindern. Und dies nicht nur, weil die Marburger Kinder so gerne Nutella essen und die Arbeitsbedingungen in den afrikanischen Staaten so schlecht sind, sondern auch weil die „Nutellafabrik“ vom Hersteller Ferrero in Stadtallendorf bei Marburg liegt. Dort wird die leckere Nuss-Nugat-Creme hergestellt und das sollte nicht einfach hingenommen werden. „Suchet der Stadt bestes“, dazu gehört auch, dass Gottes Licht der Gerechtigkeit im Gemeinwesen zu sehen ist. So dachten es sich eine Hand voll Christen, die das Gespräch mit der Ferreroleitung suchte und sie auf die Missstände in ihrer Firm aufmerksam machte. Nicht wenig überraschend war diese sehr freundlich, sah aber keinen akuten Handlungsbedarf. Darauf hin wurde zusammen mit der örtlichen Michagruppe eine Petition in Leben gerufen, die man unterschreiben konnte, wenn man sich für eine faire Nutella einsetzt. Diese wurde von über 31 000 Menschen unterschrieben. Und die Übergabe war eben dieser Eingangs beschriebene Abend. Das Interessante an dieser Veranstaltung war die Mischung an unterschiedlichen Menschen, die sich durch das engagierte Auftreten der Christen in der Stadt zusammentaten. Das Zweite besondere war, die Art und Weise wie an diesem Abend diskutiert und gestritten wurde. Es war durchaus kontrovers, aber es wurde mit Respekt und Liebe miteinander umgegangen, so dass sich vor allem die Leute von Ferrero wunderten und das, obwohl es am Ende keine Einigung gab zwischen Parteien gab. Der Einsatz für Gerechtigkeit geht auf ganz unterschiedlichen Ebenen weiter. Mit Nutella dabei die Welt verändern? Nein, sicher nicht, aber diese Aktion hat vieles ausgelöst und ich habe sechs Punkte gelernt, die für eine öffentliche Kirche wichtig sind:
1.    Kirche ist für die Menschen da: Und versucht die Kluft zwischen Glaubenstheorie und Glaubenspraxis sowie Diakonie und Mission zu überwinden. Denn im anbrechenden Reich Gottes zeigt sich dieses vor allem mit den Armen, Benachteiligten und Ausgestoßenen. Die Sprache des Evangeliums ist dabei klar, die Gesunden brauchen keinen Arzt und das eine verlorene Schaf wird gesucht. In Jesus bricht das verheißene (Jes 35, 61) an und wird unter uns sichtbar (Lk 4).
2.    Die Vergangenheit ehren und von ihr lernen: Immer schon haben sich Christen und Kirchen für die Menschen des Gemeinwesen eingesetzt und stark gemacht. Dies ist keine Option einer Kirche sondern gehört zu ihrer ‚DNA’ und ihrem biblischen Auftrag. Die Geschichte der Diakonie zeigt dies eindrucksvoll auf. Aber auch neue Initiativen und Projekte leben in dieser Zeit des Umbruchs. Im Studienprogramm Gesellschaftstransformation haben wir momentan über 60 Projekte die zwischen Kirche und Gesellschaft entstanden sind und sich in der Gemeinwesenarbeit verorten. Die Erfahrungen dabei sind durchweg positiv.
3.    Wertschätzung und Empowerment: Das Evangelium ist die Einladung zu einer heilenden Gemeinschaft, da jeder Mensch als Ebenbild Gottes geschaffen wurde und deshalb eine unverrückbare Würde besitzt. Unser Glaube, der durch die Liebe tätig wird zeigt den Menschen diese Wertschätzung und befähigt sie ihr Leben zu gestalten (Gal 5,6).
4.    Vernetzung leben: Als Teil des Gemeinwesens hat man Pflichten und Aufgaben. Es gehört zu einer lebendigen Gemeinwesenarbeit sich einzubringen, Menschen zu unterstützen, Strukturen zu hinterfragen und Ungerechtigkeiten anzusprechen. Bei diesen Prozessen entstehen ganz neue Allianzen mit Menschen und Gruppen, die man zuvor vielleicht gar nicht kannte. Mutig und ohne Berührungsängste auf die Menschen zugehen ist neben der Sprachfähigkeit eine Grundvoraussetzung.
5.    Sprach- und Dialogfähig sein: Die einfachste Grundlage des Zusammenseins ist das gegenseitige Verständnis in Worten und Taten. Kann ich meine Motivation und meinen Einsatz für Fairen Handeln meinem Nachbarn erklären ohne dass er einen Kulturschock bekommt? Wie gehe ich mit anderen Meinungen, Kulturen und Religionen um? Nicht nur in der Theorie, sondern im persönlichen miteinander?
6.    Kritischer Konsum: Fair-Trade ist eine christliche Errungenschaft und wurde im Jahr 1946 von mennonitischen Christen (Church of the Brethren) gegründet. Zwar setzt sich die Kirche schon seit über 30 Jahren für den fairen Handel ein und das Thema schafft es langsam an die Öffentlichkeit, dort ist der Konsum immer noch verschwindend gering, selbst bei Schokolade liegt der Anteil des Fairen Handels bei 0,2%! In anderen Branchen noch geringer.
Christen haben eine gesellschaftliche Verantwortung für das Gemeinwesen. Warum? Weil sie ein Teil davon sind und weil es Teil ihrer Mission ist. Ein Akteur von vielen die sich auf dem Parkett unserer Gesellschaft tummeln. Wenn wir ernst genommen werden wollen, dann führt da kein Weg dran vorbei.

Ich gebe zu, dass dies nur ein kleiner Beitrag ist, aber er spiegelt ganz gut wieder, was „Public Theology“ in der praktischen Umsetzung heißen kann.



Donnerstag, April 03, 2014

„Warum Glaube immer persönlich – aber nie privat ist"


„Auf der Flucht vor der öffentlichen Auseinandersetzung erreicht dieser und jener die Freistatt einer privaten Tugendhaftigkeit. Er stiehlt nicht, er mordet nicht, er bricht nicht die Ehe, er tut nach seinen Kräften Gutes. Aber in seinem freiwilligen Verzicht auf Öffentlichkeit weiß er die erlaubten Grenzen, die ihn vor dem Konflikt bewahren, genau einzuhalten. So muss er seine Augen und Ohren verschließen vor dem Unrecht um ihn herum. Nur auf Kosten eines Selbstbetruges kann er seine private Untadeligkeit vor der Befleckung durch verantwortliches Handeln in der Welt reinerhalten. Bei allem, was er tut, wird ihn das, was er unterlässt, nicht zur Ruhe kommen lassen.“ (Dietrich Bonhoeffer, Ethik, DBW 6, 66.)

In den letzten Jahrzehnten haben sich viele Christen, Kirchen und Gemeinden aus dem öffentlich konstruktiven Diskurs zurückgezogen. Durch die gesellschaftlichen Umbrüche und den kritischen Umgang mit religiösen Institutionen gab es auf allen Seiten oftmals Unsicherheiten und durchaus auch Sprach- und Verständigungsprobleme. In den letzten Jahren verändert sich dies zunehmend. Christen entdecken die Öffentlichkeit, was sehr zu begrüßen ist, tun sich manchmal bei Inhalt und Ausdruck schwer. Deshalb freut es mich, dass auch im Theologiestudium vermehrt darauf gesetzt wird und die in Deutschland zarte Pflanze der ‚Public Theology’ immer mehr wächst. Wir brauchen eine (neue) Kultur, die das ‚persönlich’ betont, dass das Evangelium mit all seiner Kraft und Macht mich betrifft als ganzen Mensch in allen meinen Systemen, aber dass dieses Evangelium nicht meine Privatsache ist, die nur mich (und meinen engsten Familien- und Freundeskreis) etwas angeht. Privat bedeutet auf lateinisch ‚abtrennen’ und auch ‚berauben’ und genau das passiert, wenn wir unseren Glauben ‚privat’ verstehen. Wir berauben uns der ureigensten Kraft des Evangeliums, das sich von je her der öffentlichen Debatte gestellt hat und als Korrektiv zum gesellschaftlichen Mainstream sich besonders für die Schwachen, Benachteiligten und Ausgestoßenen eingesetzt hat. Das, wie Bonhoeffer vorlebte, auch politisch kritisch zu sein, ohne eigene Machtansprüche zu stellen, kommt oftmals zu kurz. Und da zeigt sich auch sehr gut die Spannung, zwischen ‚privat und persönlich’, da, wenn das Persönliche verloren geht, die eigene Ge- und Betroffenheit des Evangeliums, alles Öffentliche zum Menschlichen verkommt. Es braucht den Geist Gottes, der zu beidem befähigt und den Mut und die Demut dies zu leben. Das ist die schöne Herausforderung in der wir als Christen stehen und die uns die nächsten Jahre beschäftigen wird, da bin ich mir ganz sicher...

Dazu passend von einem der Mitförderer der ‚Public Theology’ in Deutschland, dem Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern Prof. Bischof Bedford-Strohm:

„Wer öffentliche Theologie im Herzen hat, der wird auf den Kanzeln und in den Gemeindehäusern davon sprechen, der wird aber auch mit Leidenschaftlichkeit und Sachlichkeit in die Rathäuser und Regierungsbüros gehen, er wird in die Mikrophone der Journalisten hinein sprechen und er wird davon erzählen, welche Kraft in der reichen Tradition des Christentums steckt und welch lebensfreundliche Orientierungen davon für die Welt von heute ausgehen.“