Freitag, Juni 06, 2014

„Exklusivitätsallergie, das Missverständnis Pluralismus und die Hoffnung auf Pfingsten“



Am Wochenende feiern wir Pfingsten und blicken auf die erste Gemeinde in Jerusalem und den Geist Gottes und sehnen uns nach Sprachfähigkeit und der Überwindung von kulturellen Grenzen. Und auch an diesem Pfingstfest können wir beides gut gebrauchen. Ich habe aus vielen Gesprächen den Eindruck, dass viele Gemeinden in Deutschland über die tatsächlichen Auswirkungen von einem Kulturwandel hin zu einer „Postmoderne“ überrascht sind. Man hat dutzende Bücher über die Auswirkung des Postmoderne oder des Pluralismus gelesen, Vorträge gehört und diskutiert, hat dies aber stets auf der Metaebene getan. Natürlich merkte man, dass Beziehungen eine gesteigerte Aufmerksam im Kontext der Gemeinde brauchen, dass die Verbindlichkeit nachlässt und die Generation 19plus sich aus dem Gemeindeleben zurückzieht und dafür ist man auch bereit methodisch etwas zu tun, neue Musikstile, neue Namen, neue kreative Elemente, aber die Theologie bleibt gleich. Der Anstrich hat sich verändert, schimmert postmodern, aber der Inhalt ist gleich geblieben. Jetzt stellen wir in Deutschland fest, dass viele Menschen sich aber von dem „postmodernen Farbanstrich“ nicht beeindrucken lassen, sondern den Inhalt kritisieren, ja geradezu allergisch reagieren, wenn sie den vereinnahmenden Exklusivismusanspruch in manchen Gesprächen hören und sie wollen sich nicht einfach von „der einen Wahrheit“ überzeugen lassen. Aber auf dem Markt der religiösen Möglichkeiten reicht ein neuer Anstrich nicht aus, da geht es auch um Inhalte und plötzlich merkt man, dass der Inhalt eine „exklusivistische Theologie“ ist, die kaum dialogfähig ist und auf einem modernen Wahrheitsbegriff ruht, der objektiv über allen anderen steht. Dazu kommt, dass sich Menschen durch zu viele Wahlmöglichkeiten verunsichern lassen und sich an den Rändern sammeln. Dies gilt sowohl für den „linken Rand“, der idealisierend die Welt verbessern möchte und dadurch selbst radikalisiert wird (sozusagen ein "exklusivistischer Pluralismus", der aussagt, dass es nur noch die eine pluralistische Wahrheit gibt) als auch für den „rechten Rand“, der sich in einer unsicher gewordenen Zeit verzweifelt an die „alte objektive Wahrheit“ klammert. So verhärten sich mitten in einer ach so pluralistisch lebenden Gesellschaft die äußeren Ränder, was manche Christinnen und Christen noch mehr verwundert, da man doch gerade dachte, die Postmoderne und den Pluralismus verstanden zu haben (schön zu sehen bei Diskussionen wie Inklusion oder Homosexualität). Inhaltlich wird dies am Thema „Mission“ sehr deutlich. Zwar hat sich der Begriff „missional“ in den letzten Jahren mehr und mehr durchgesetzt, aber die Konsequenz was dies im Leben zwischen Familie, Beruf und Kirche heißt, ist schwer umzusetzen. So versucht man die „Tat“ gegenüber dem „Wort“ aufzuwerten und die Grenzen zwischen „Kirche und Welt“ zu überwinden, aber wenn konkrete Anfragen kommen, verfällt man zu leicht wieder in die „Rhetorik“ zurück. Und dann spricht man wieder davon, dass es nun Mal nur eine Wahrheit gibt und die für alle gilt, da könne man ja schließlich auch nichts machen. Dies wird besonders im interreligiösen Dialog deutlich. Andere Religionen werden von manchen Christinnen und Christen immer noch angstbesetzt gesehen und somit als „Feind“ deklariert, was besonders für den Islam gilt. Mit dieser Deutung ist aber kaum ein Dialog möglich. Die Folge ist, dass man nach ähnlichen Methoden sucht (außer militante), die man selbst am Islam ablehnt. Ein Dialog kann aber nur auf einer Basis des Respekts und der Achtung des Anderen gelingen und auf der Grundlage eines demokratischen Kontextes. Letzteres haben wir in Deutschland, nur beim erstgenannten hapert es noch, dabei schließen sich Dialog und Mission keinesfalls aus wie David Bosch schon vor 20 Jahren eindrucksvoll belegt hat. Und ich höre sie schon die Widerrede: „Ja, aber, was ist, wenn der Andere mich nicht mit Respekt behandelt und selbst eine exklusivistische Meinung vertritt? Dann sind all die schönen Worte nicht wert!“ Stimmt: Dann gilt das alte Jesuswort: Behandelt dich der andere schlecht, dann darfst du das bitte auch. Gleiches Recht für alle.“  Oder war es doch eher so: „Handelt den Menschen gegenüber in allem so, wie ihr es von ihnen euch gegenüber erwartet.“ (Mt 7,12) Es ist die Haltung mit der wir das Wort Mission neben allen inhaltlichen Diskussionen füllen müssen, die Haltung wie ich dem Anderen begegne und ihm meine Wahrheit erzähle und ihm zuhöre, was er zu sagen hat oder wie Hemmerle es mal schön ausrückte: „Lass mich dich lernen, Dein Denken und Sprechen, Dein Fragen und Dasein, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich Dir zu überliefern habe.“ Dann kann Pfingsten werden, weil wir vielleicht tatsächlich anfangen uns wieder zu verstehen...