Freitag, Oktober 03, 2014

„Das Wunder der Freiheit und Einheit: Grund zum Danken und zum Nachdenken über Versöhnung"



Heute ist ein Tag zum Feiern. 25 Jahre Wende, friedliche Revolution, Tag der Deutschen Einheit. Und es ist wichtig die Geschichte lebendig zu halten, deshalb freue ich mich über viele Feierlichkeiten und Zeitzeugenberichte in ganz Deutschland. Zum heutigen Tag ist auch ein Buch herausgekommen, dass den Titel „Das Wunder der Freiheit und Einheit“ trägt und in dem über 50 Autorinnen und Autoren (Gauck, Joachim, Genscher, Hans-Dietrich, Haack, Dieter, Heinrich, Frank, Lieberknecht, Christine, Meckel, Markus; Lengsfeld, Vera, Meckel, Markus; Führer, Christian, Kaul, Albrecht, Krause, Brigitte u.a.) ihre Erlebnisse, Reflexionen und Überlegungen rund um die Wende aufgeschrieben, was einen sehr guten und reichhaltigen Einblick auf die Zeiten vor , während und nach der Wendezeit gibt (wobei der Schwerpunkt auf dem historischen Zeitabschnitt vom 3. Oktober bis 9. November 1989 liegt). Besonderes interessant  ist dabei die Rolle viele Christinnen und Christen in der Zeit der friedlichen Revolution. Das Buch ist deshalb auch so aufgeteilt, dass jedes Thema mit einem kleinen biblisch-theologischen Impuls beginnt, danach gibt es einen Zeitzeugenbericht und zum Ende erfährt man als Leserin und Leser interessante Hintergründe. Die einzelnen Kapitel greifen die Spannung in der Zeit auf und heißen bspw. „Eingesperrt oder befreit“; „Beten und das Gerechte tun“ oder „Laut schweigen und sich zeigen“. Ich durfte einen kleinen Beitrag zum Themenkomplex „Einmischen und verändern“ beitragen, in dem ich am Beispiel von Daniel aufgezeigt habe, dass Glaube immer persönlich, aber nie privat ist. Insgesamt ein wichtiges und wunderbares Lesebuch zu einem zentralen Thema unserer deutschen Geschichte.
Bei allem Feiern und Danken, ist aber auch zu bedenken, dass nicht alles gut war und ist rund um die deutsche Wiedervereinigung. Ich denke an letztes Jahr, wo ich mit Miroslav Volf ein paar Tage in Berlin war und wir uns mit dem Thema „Wiedervereinigung und Versöhnung“ beschäftigt haben. Wir haben verschiedene Zeitzeugen aus der ehemaligen DDR (Politiker, Theologen, Bürgerrechtler etc.) getroffen und sie befragt, wie sie die Einheit erlebt haben. Dies war auf der einen Seite sehr unterschiedlich und doch gab es eine gemeinsame Aussage, die mich doch überraschte, denn alle waren der Meinung, dass es eigentlich keine Wiedervereinigung des Volkes gab, sondern eine ökonomische Übernahme des Ostens durch den Westen. Mir ist bewusst, dass dies ein komplexes Themengebiet ist und ich muss zugeben, dass ich da noch einiges zu lernen habe. Auch gibt es wenige Forschungsarbeiten zu dem Themengebiet, da scheint mir noch einiges nötig zu sein. Denn das Thema Versöhnung scheint auch 25 Jahre nach der Wende noch nicht abgeschlossen zu sein. Auch daran möchte ich heute denken.
Das Buch „Das Wunder der Freiheit und Einheit“ ist bei der Evangelische Verlagsanstalt herausgekommen, hrg. von  Harald Bretschneider, Bernd Oettinghaus, Frank Richter, und es gibt eine Homepage zum Buch.


Dienstag, September 30, 2014

„Gebet als spiritueller Widerstand“


Meine Frau hat in den Sommerferien von Walter Wink „Verwandlungder Mächte: Eine Theologie der Gewaltfreiheit“ gelesen und ist ganz begeistert. Davon angesteckt habe ich am Wochenende auch mal wieder darin gelesen und habe einen Aspekt entdeckt, der mir beim früheren Lesen nicht so aufgefallen ist und der gerade mitten in meine Situation passt: „Gebet als spiritueller Widerstand“. In Zeiten von ISIS, Boko Haram und Ebola weiß ich oftmals nicht mehr was ich beten soll, fehlt mir der Glaube und Wille. Und da mitten hinein ermutigt mich Wink mit seinen frischen Gedanken über Fürbitte. Das Gebet und die Gewalten, wir beten im Namen dessen, der am Kreuz die Mächte dieser Welt besiegt hat und treten im Gebet in das Wirkungsfeld Gottes ein.
Fürbitte imaginiert eine alternative Zukunft, anders als die, welche vom Schicksal durch das Zusammenwirken gegenwärtiger Kräfte bestimmt zu sein. Das Gebet lässt die Luft einer kommenden Zeit in die erstickende Atmosphäre der Gegenwart hineinwehen. Die Geschichte gehört den Fürbittern, die durch ihren Glauben die Zukunft heraufführen. Das ist nicht nur eine religiöse Aussage. Sie gilt genauso für Kommunisten oder Kapitalisten oder Anarchisten. Die Zukunft gehört jedem, der die Vision einer neuen und erstrebenswerten Möglichkeit heraufbeschwören kann, einer Möglichkeit, die durch Glauben aufgegriffen und als unvermeidlich festgehalten wird. Die Gestaltgeber der Zukunft sind die Fürbitter, die die ersehnte neue Gegenwart aus der Zukunft hervorrufen. Wir sind beim Beten eher eingebunden in einen gemeinsamen Schöpfungsakt, in dem ein kleines Segment des Universums sich erhebt und lichtdurchlässig, glühend wird, zu einem vibrierenden Kraftzentrum, das die Macht des Universums ausstrahlt. (aus: „Verwandlung der Mächte: Eine Theologie der Gewaltfreiheit“ )