Samstag, Oktober 25, 2014

„Kirche ist immer Kirche mit Anderen. Gedanken über eine ‚Theologie der Inklusion’. Part 1: Streitbare Begriffe“



In den letzten Monaten habe ich mich verstärkt mit dem Thema Inklusion beschäftigt. Ein Thema, das in der Pädagogik momentan heiß diskutiert wird und viele Emotionen hervorruft. Als Theologe interessiert ich mich neben dieser spannenden Debatte natürlich für die Frage, wie die Bibel dieses Thema sieht, ja wie es theologisch einzuordnen ist. Und das ist mehr als spannend, deshalb möchte ich in den nächsten Wochen immer Mal wieder ein paar meiner Gedanken dazu posten. Dazu kommt, dass das Thema in den letzten Wochen durch die Flüchtlingsthematik neu an Aktualität gewonnen hat. Denn wenn wir von Inklusion reden, dann geht es vor allem um die Ausgrenzung von unterschiedlichen Minderheiten und ihr (fehlendes) Recht auf ein gleichberechtigtes Miteinander in der Gesellschaft. Darum geht es beim Thema Inklusion auch immer implizit um das Thema Exklusion, also, wer in der Gesellschaft ausgegrenzt wird, aus welchen Gründen auch immer. Exklusion beschreibt dabei die Menschen, die für die Gesellschaft überflüssig sind und die deshalb keinen regulären Platz bekommen (gerade in der systemischen Sicht von Luhmann wird das Thema Inklusion erst durch die sichtbare Exklusion deutlich). Oftmals hat dies mit den großen Themen Geld, Arbeit, Status oder auch der Frage nach der Nützlichkeit zu tun. Deshalb spricht der britische Soziologe Anthony Giddens von einer „doppelte Exklusion“, nämlich eine Selbstabgrenzung der „herrschenden Eliten“ und eine mehr oder weniger gewollte Aus- bzw. Abgrenzung der unteren Schichten nach oben. Hillman definiert daran anschließend Inklusion aus soziologischer Sicht: „Inklusion bezeichnet als soziologischer Begriff die Einbeziehung von Gesellschaftsangehörigen in soziale Gebilde, in gesellschaftliche Funktionsbereiche und in die jeweils umfassende Gesamtgesellschaft.“ (Hillmann 2007:377) Mir ist klar, dass der Inklusionsbegriff in der heutigen Diskussion in Deutschland schwerpunktmäßig im Bereich der Sonderpädagogik (Arbeit mit Menschen mit Behinderungen) und der Schulpädagogik verwendet wird, deshalb möchte ich zu Beginn möchte die wichtigsten Begriffe aus dem allgemeinen pädagogischen Diskurs kurz darstellen, da es besonders um die zentralen Begriffe Integration und Inklusion immer wieder Missverständnisse gibt:
  • „Exklusion“: Ausschluss von Minderheiten aus der Gesellschaft
  • „Segregation“: Absonderung von Minderheiten vom Rest der Gesellschaft
  • „Integration“: Anpassung an und langsamer Einbezug von gesellschaftlichen Minderheiten in die gesellschaftlichen Mehrheit
  • „Inklusion“: Teilhabe von Minderheiten durch strukturelle, gesellschaftliche und persönliche Veränderungen alle Beteiligter

Besonders die Begrifflichkeiten Inklusion und Integration stehen im Mittelpunkt der Diskussion (stehen beide Begriffe gegeneinander oder ist das eine nur eine Weiterentwicklung des anderen oder meinen beide eigentlich doch dasselbe?) und müssen deshalb mit bedacht verstanden und beschrieben werden. Was sich jedoch schon jetzt sagen lässt, es gibt nicht das eine Wunderkonzept, sondern es geht die Beschäftigung mit dem Thema. „Inklusion“ hat immer auch mit eigenen Veränderungsprozessen zu tun. Deshalb auch in der Überschrift ein abgewandeltes Bonhoefferzitat, der im Kontext von „Kirche und Armut“ sagte: „Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.“, ich würde das für eine ‚Theologie der Inklusion’ erweitern und sagen: „Kirche ist immer Kirche mit Anderen“.