Sonntag, Januar 25, 2015

„Die Vernützlichung der Religion ist aber der Anfang ihres Endes oder: Was wir von Christen aus China lernen können“ – 5 Fragen an Paul M. Zulehner“


Der Wiener Professor Paul M. Zulehner gilt als einer der inspirierendsten und renommiertesten Theologen des deutschsprachigen Europas. Seine Forschungsschwerpunkte sind zum einen die Erneuerung der Kirche und die Frage, wie Kirche so missionarisch sein kann, dass vor allem spirituell Suchende wieder von ihr ansprechbar sind.
Faix: Sie haben ein spannendes Buch geschrieben: ‚GottesSehnsucht’, darin geht es um Menschen, die auf der Suche nach spirituellen Erfahrungen sind, aber nicht in die traditionellen Kirchen gehen, warum passt das scheinbar nicht zusammen?
Zulehner: Die christlichen Kirchen sind derzeit spirituell erschöpft, trotz aller Aufbrüche, die es gerade deshalb auch in ihnen gibt. Ich denke nur an Taizé. Eine der Ursachen für diese spirituelle „Taubheit“ ist paradoxer Weise die Aufklärung. Sie hat aus der Religion die Mystik gestrichen; übrig blieb nur noch die staatsdienliche Moral. Die Vernützlichung der Religion ist aber der Anfang ihres Endes.
Faix: Was müssten Christen tun, um für spirituell suchende attraktiv zu sein?
Zulehner: Es gilt zunächst nicht, etwas zu tun, sondern vielmehr zu sein. Das Handeln folgt dann dem Sein. Es braucht daher Christinnen und Christen, die wieder Mystiker werden. Sowohl Karl Rahner wie Dorothee Sölle haben dies so gesehen. Sie sind in der Lage, jemanden auf dem Weg in jenes Geheimnis zu geleiten, welches das Leben im Grund immer schon ist.
Faix: Sie machen Gemeindegründung in China, wie kam es dazu und wie beurteilen sie die Lage der chinesischen Christen?
Zulehner: Die Christinnen und Christen in China sind eine Minderheit. Sie stehen damit genau so klein, arm und bescheiden da wie die frühe Jesusbewegung. Wichtig ist, aber nicht die Quantität, sondern die Qualität. Dann können Menschen, die entschlossen in der Spur Jesu leben, wie Licht und Salz sein.
Faix: Was können wir lernen von den chinesischen Geschwistern?
Zulehner: Wir lernen, dass weder Fundamentalismus noch Progressismus das Evangelium anziehend macht, sondern allein die radikale Nachfolge Jesu. Es gibt nicht wenige Christinnen und Christen in China, die bereit sind, für Ihren Glauben in den Untergrund zu gehen und Verfolgung hinzunehmen.
Faix: Vor ein paar Wochen kam ihre Autobiographie heraus, ein spannendes Buch, sehr ehrlich und kein bisschen sentimental. Wie halten sie ihre „Seele“ fit?
Zulehner: Ich habe gelernt, am Morgen in meine Meditationsecke zu gehen, um den Tag mit dem Eintauchen in das Geheimnis Gottes zu beginnen. Das ist für mich eine sprudelnde Quelle von Kraft und Orientierung geworden. Dabei weiß ich mich nicht allein. Ich kenne viele andere ganz moderne Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, die in ähnlicher Weise spirituell sind.

Mehr interessante Antworten gibt es am 14. Februar 2015 von Paul M Zulehner auf dem 8. Marburger Studientag Gesellschaftstransformation. Infos und Anmeldung.

Kommentare:

Christian hat gesagt…

Modernismus und Mystizismus scheinen eigenartigerweise immer gemeinsam daherzukommen.

Tobias Faix hat gesagt…

Ja, je größer der Modernismus - je größer die Sehnsucht nach Mystizismus....

Thomas Jakob hat gesagt…

Großartig! Fast jeder Satz ist ein Volltreffer.

Gofi hat gesagt…

Toby, ich versuch gerade, dich und Mystik zusammenzubringen. made my day! (Ich finde das Interview übrigens auch super!)

Christian hat gesagt…

Weder Rahner noch Sölle hatten ein tragfähiges Konzept eines wahrhaft transzendenten Gottes. Ohne ein solches bleibt nur der Weg in die mystische Immanenz. Natürlich hat "die Aufklärung", allen voran Kant, den Mystizismus kritisiert. In der "Kritik der Praktischen Vernunft" bezeichnet er den Mystizismus der praktischen Vernunft als diejenige Denkart, welche „das, was nur zum Symbol diente, zum Schema macht, d. i. wirkliche, und doch nicht sinnliche Anschauungen (eines unsichtbaren Reiches Gottes) der Anwendung der moralischen Begriffe unterlegt und ins Überschwengliche hinausschweift“. Mystik ist ein Kind des "finsteren", römisch-katholischen Mittelalters". Unsere "Sehnsucht" sollte nicht nach "Mystik", sondern nach Wahrheit und Authentizität sein.

Tobias Faix hat gesagt…

@Gofi: Ja, ich bleibe ein Mysterium! Für mich und Andere! ;)

Tobias Faix hat gesagt…

@christian: Ist doch schön, dass du mal mit Kant einer Meinung bist! ;)

Anonym hat gesagt…

Frag mich immer wieder, wieso ich bei dir poste. Deine hingerotzten Kurzantworten zeigt mir deutlich, wie interessiert du am Dialog bist :(

Tobias Faix hat gesagt…

@christian: Wenn du dir die Mühe machst die letzten hundert Posts und deren Kommentare zu lesen wirst du feststellen, dass ich bei niemanden so oft geantwortet habe wie bei dir. Und ehrlich gesagt ist das auch nicht immer so einfach, da deine Kommentare nicht immer nur konstruktiv sind, also sei nicht gleich beleidigt...

Christian hat gesagt…

O.k. sorry, ich hatte spontan reagiert und könnte das nicht mehr löschen, weil unter " anonym" abgeschickt. Ich nehme es zurück (oder du löscht es). Aber ich meinte es zuvor ernst: Diese Mystik-Geschichte ist groß in Mode, und zwar insbesondere bei Menschen, die ganz und gar nichts für reformatorische Lehre übrig haben. Was zunächst wie ein Widerspruch in sich aussieht, hat in Wahrheit eine innere Beziehung. Immanentes Gerechtigkeitsverständnis paart sich mir einem Mysteriumskonzept, in dem Gott nicht nur für seine Geschöpfe, sondern auch für sich selbst ein Mysterium ist. Nur so lässt sich vieles erklären, wie z.B. Peter Aschoffs allgemeine Kritik des Eskapismus einerseits, und seine Affinität zur Iona-Kommunität anderseits. Allein, mit reformatorischem Denken hat all das überhaupt nichts mehr zu tun.

Tobias Faix hat gesagt…

@Christian: ok, alles klar. Danke.
Das ist natürlich wieder eine Frage wie die Begriffe verstanden und gefüllt werden. Im Judentum hat Mystik viel mit Thora zutun, sich hinein versenken in das Wort Gottes und es im Herzen verstehen, im begegnen verstehen. Allgemein verstehe ich daran anschließend eine unmittelbare, tiefe und persönliche Gotteserfahrung (Begegnung), die die Kraft zur verändernden Lebensgestaltung hat. Ich finde in der Inkarnation, aber auch in der Auferstehungskraft Christi und der Kraft des Heiligen Geistes wird dies deutlich. Paulus nimmt das immer wieder auf (Rom 12; 2. Kor 3 etc.) Daraus sind natürlich im Laufe der Geschichte ganz unterschiedliche Strömungen und Deutungen erwachsen. Für die Reformatoren war die Mystik sicher nicht der zentralste Punkt (wobei Luthers 'Gott in mir' nicht zu vergessen ist und Calvins Betonung von Wort und Heiliger Geist, sowie seine Kritik am Quietismus), im Pietismus findet sie sich dagegen häufiger wieder (Tersteegen Zinzendorf etc.), Zufall? Eher nicht, wenn man die parallel verlaufende Aufklärung und Rationalisierungentwicklung innerhalb der Theologie sieht...

Daniel hat gesagt…

@Christian: Ist nicht Authentizität auch ein Ideal des "Modernismus"?

Christian hat gesagt…

Ja, Daniel, doch der "Modernismus" hat sich mit ganzem Herzen dem Kantschen Erkenntnisansatz des epistemologischen Subjekts verschrieben und dabei den transzendenten Schöpfer- und Erlösergott der Bibel, den "Gott-an-sich" aus dem Blick verloren.