Mittwoch, Februar 25, 2015

„Pastor Latzel & der Zwang zur Häresie“




Nachdem die Diskussionen um die Predigt des Bremer Pastors Olaf Latzel nicht abreißen und zum Teil immer skurrilere Züge annehmen (siehe hier, hier oder hier), frage ich mich, was wir daraus lernen können, denn es scheint mir, dass zwar über die gesellschaftlichen Umbrüche und den Pluralismus seit Jahren diskutiert wird, aber doch viele überrascht sind, wenn sie dies im Alltag erleben. Nicht nur das Leben zerfällt in episodenhafte Erlebnisse, auch der institutionelle Glauben tut dies. Nach Hunderten von Jahren des ‚christlichen Abendlands’ verändert sich substantiell, institutionell und strukturell vieles, denn Religion bzw. Spiritualität zeigt sich heute ausdifferenzierter als jemals zuvor. Dies bedeutet, dass in der öffentlichen Wahrnehmung die Plausibilitätsstruktur des christlichen Glaubens verloren geht. Der Religionssoziologe Peter L. Berger hat schon vor 30 Jahren dazu ein interessantes Buch geschrieben, das er ’Der Zwang zur Häresie’ nannte und in dem es um die Frage nach dem Glauben in einer sich wandelnden modernen Gesellschaft geht.
Die verlorenen Plausibilitätskulturen des Glaubens
Die moderne Kultur hat über Jahrhunderte den christlichen Glauben als logische Plausibilitätskultur anerkannt. Der Maßstab für diese Plausibilitätskultur ist, so Berger, der ‚Maßstab der Vernunft’ der jeweiligen Zeit. Abweichungen davon wurden als Häresie betrachtet und oftmals auf unterschiedliche Weise sanktioniert. Häresie beschreibt ursprünglich das Treffen einer persönlichen Entscheidung, die sich von der jeweiligen (religiösen) Tradition löst. Peter L Berger sagt nun, dass in einer modernen pluralen Gesellschaft der christliche Glauben immer häretisch sein muss, da es keine allgemein anerkannten Glaubenswahrheiten mehr gibt. In diesem Zusammenhang spricht Berger vom ‚Zwang zur Häresie’, dem die Glaubenden heute unterworfen sind. Sie werden also gezwungen sich zu entscheiden. In einer pluralen Gesellschaft haben wir im öffentlichen Raum also konkurrierende Wahrheitsansprüche der verschiedener Religionen und Weltanschauungen. Berger trifft dann eine hilfreiche Einteilung, in dem er den öffentlichen und privaten Raum unterscheidet. Da es keine gesellschaftlich festgelegte religiöse Wahrheit gibt, müssen die verschiedenen religiösen Akteure sich im öffentlichen Bereich miteinander auseinandersetzen.
Lernfeld öffentlicher Raum
Welche Argumente sind im öffentlichen Raum plausibel? Der erste Reflex ist der Ruf nach der Wahrheit, aber gerade in einer pluralen Gesellschaft führt dieser Reflex nicht zu der erwarteten Lösung, sondern in den Konflikt, da natürlicher Weise jede Religion (ja, selbst jede spirituelle Spielart und/oder Weltanschuung) von ihrem Wahrheitsanspruch überzeugt ist. Nun gibt es verschiedene Möglichkeiten, wie die verschiedenen Akteure auf dem Marktplatz der religiösen Möglichkeiten miteinander umgehen. Entweder es kommt jetzt zum Wettstreit der Religionen (mit verschiedenen Mitteln und Intentionen) oder aber zu einer Vereinheitlichung der Religionen (Synkretismus). Beide Wege sind meiner Meinung nicht zielführend, sondern müssen durch einen dritten ergänzt werden, der in einer gewissen Spannung Teile der beiden Weg aufnimmt, aber durch eine andere Haltung getragen wird. Diese Haltung zeigt sich zuerst in der eigenen religiösen Identität. Und wie jede Identität braucht diese, bei aller Offenheit, auch Grenzen und Abgrenzungen. Je sicherer ich meiner Identität (in Christus) bin, je offener und angstfreier kann ich den Menschen mit anderen Meinungen, Religionen und Erfahrungen begegnen. Während also die einen die Grenzen sehr weit ziehen, setzen Andere die eigenen Grenzen sehr eng. Dies hat auch mit der eigenen Sozialisation und Weltanschauung zu tun, mit den eigenen Erfahrungen und dem daraus entstehenden Gottesbild und dem hermeneutisches Verständnis der Bibel. Glaube wird nicht im luftleeren Raum gelebt, sondern mitten in den verschiedenen Gemeinschaften unseres Lebens. Jede Identität braucht dabei Grenzen und ist dabei herausgefordert, nicht ausgrenzend zu sein. Dies ist ein feiner Balanceakt, der immer wieder überprüft und reflektiert werden muss. Christina Brudereck hat am Samstag gesagt, dass Frieden in einer pluralistischen Gesellschaft wichtiger ist als Wahrheit. Darüber bin zuerst gestolpert, aber es ist eine interessante Beobachtung, denn wenn alle religiösen Akteure und Weltanschauungen die eigene Wahrheit vertreten, dann machen diejenigen, die Frieden bringen den Unterschied.
Was ist die geistliche Haltung und Motivation?
Dass man dabei zu unterschiedlichen Einschätzungen gerade bei den verschiedenen Religionen kommt, ist sowohl theologisch als auch gesellschaftlich auszuhalten. Die Frage nach der Motivation und Haltung ist aber entscheidend. Wenn ich mich im öffentlichen Raum bewege, bin ich nun Mal ein Akteur und nicht der alleinige, deshalb geht es nicht nur um was ich sage, also z. B. mein Verständnis vom Evangeliums, sondern es geht immer auch darum, wie ich es sage. Jesus selbst bringt das ‚was’ und das ‚wie’ in Mt 7,12 zusammen: „Handelt den Menschen gegenüber in allem so, wie ihr es von ihnen euch gegenüber erwartet. Das ist es, was das Gesetz und die Propheten fordern.“ Diese Worte Jesu sind wie eine Brücke zwischen dem privaten und öffentlichen Bereich, dem was und dem wie. Und dies hängt wieder mit der eigene Identität zusammen, mit der eigenen Charakterentwicklung. Dies zeigt sich beispielsweise ganz praktisch, dass ich andere (Religionen) nicht schlecht machen muss, wenn ich mir meiner eigenen gewiss bin. Denn lauter heißt nicht automatisch richtiger.

Kommentare:

Gerhard Denker hat gesagt…

Danke Tobias Faix,
die beste Botschaft der Welt kann nur mit DER Liebe weiter gegeben werden, die Christus uns gelehrt und vorgelebt hat.

gerhard@denker-wilnsdorf.de

Diederich Lüken hat gesagt…

Muss man wirklich vorausschicken, dass man selbst anders predigen würde? (Ich bin Pastor i. R.) Also sei es vorausgeschickt. Drei Dinge möchte ich bemerken. Erstens: Wenn ein Imam seinen Moslems erklären würde, dass ein Weihnachtsbaum oder besser noch ein Kruzifix nichts in einem moslemischen Haus zu suchen hat, wäre er dadurch ein Hassprediger? Wenn er die Teilnahme eines Moslems am christlichen Abendmahl für abwegig erklären würde, wäre er dann ein Hassprediger? Nichts anderes hat Latzel nämlich getan. Ist er deshalb ein Hassprediger? Und wenn ein Imam den christlichen Glauben kritisieren würde, im selben Atemzug seine muslimischen Zuhörer aber dazu auffordern würde, die Christen zu lieben - wäre er dann ein Hassprediger? Genau das hat Latzel nämlich getan. Zweitens: Die Predigt Latzels wendet sich an gläubige Christen. Er ermahnt die gläubigen Christen, keinen Synkretismus, also keine Religionsvermischung zuzulassen. Das ist die ganz normale Aufgabe eines evangelischen Theologen. Ist er deswegen ein Hassprediger? Drittens: Eine innegemeindliche Äußerung wird auf die Ebene eines allgemein politischen Statements gehoben. Das heißt: Willkürlich werden Kontext und Anlass der Predigt verändert. So etwas nennt man Manipulation. Und auf Manipulation reagieren die Medien doch sonst allergisch - warum hier nicht? Weil die Predigt von Latzel unbequem ist und nicht in das Wohlfühlschema von Journalisten und kirchlichen Amtsträgern passt? Und nun noch zum Schriftverständnis: Der Zorn Gottes, nach Theologie-Prof. Dr. W. Härle Ausdruck seiner verletzten Liebe, ist nicht nur im Alten Testament zu finden, sondern auch im Neuen. Paulus zum Beispiel redet völlig unbefangen davon. Er gilt allen Menschen, die nicht durch Jesus Christus erlöst wurden. Kennen die Theologen der BEK ihr Neues Testament nicht? Und was ist mit dem peitschenschwingenden Jesus im Tempel? Das alles wird gern ausgeblendet zugunsten einer seichten Wohlfühltheologie, die mit Recht niemanden mehr interessiert. Ich sage noch einmal: Ich würde anders und über andere Texte predigen als Pastor Latzel. Aber ein Fall für Kirchenzucht und Staatsanwaltschaft? Gott bewahre. Diederich Lüken

Christian hat gesagt…

Version A ("Wettstreit der Religionen"), durchgeführt in Liebe zum Nächsten, mit gütlicher Überzeugung, nicht mit Gewalt, wäre die biblische und dem Evangelium angemessene Variante. Nichts anderes finden wir in den Briefen und im Evangelium. Der gesamte Hebräerbrief (z.B.) ist eine detaillierte, mit AT Bibelstellen flankierte, Aufstellung aller Vorzüge und Vorteile des Christentums gegenüber der levitischen Ordnung, ganz zu schweigen von den heidnischen Religionen.

Christian hat gesagt…

p.s. vorausgesetzt natürlich 3 Dinge: (1) dass uns die Vorzüge und die Überlegenheit unseres Glaubens, bzw, unserer "Religion", bewusst sind, (2) dass sie uns etwas bedeuten, (3) dass wir sie ebenfalls für unseren Nächsten für notwendig und bedeutsam halten.

Martin hat gesagt…

Frau Brudereck irrt, wenn sie meint, "Frieden" und "Wahrheit" in Antithese setzen zu können. Friede auf Kosten der Wahrheit ist allenfalls fauler Friede und nützt, wie das dumme Salz niemandem. Die Leute werden es mit ihren Füßen zertreten.

Tobias Faix hat gesagt…

Lieber Herr Lüken, danke für Ihren Kommentar. Ich bin mir nicht sicher, ob ich Sie richtig verstehe, aber warum bezeichnen Sie Herrn Latzel als Hassprediger? Das finde ich genauso verfehlt wie die Staatsanwaltschaft. Aber es bedarf nicht einmal biblischer Werte um Andersgläubigen mit Respekt und Achtung zu begegnen. Das gehört sich nicht. Über alles andere lässt sich trefflich streiten....

Tobias Faix hat gesagt…

Lieber Martin, da hast du Frau Brudereck glaube ich falsch verstanden, das Gegenteil ist der Fall: Wahrheit und Frieden bedingen sich, sonst wird die Wahrheit hart und ungnädig und der Frieden falsch und zudeckend...

Martin hat gesagt…

Die (post-)moderne pluralistische Gesellschaft bringt es laut Brudereck als eine Art Neuerung oder Besonderheit mit sich, dass "Frieden wichtiger ist als Wahrheit". Was gibt's daran falsch zu verstehen? Wahrheit und Frieden bedingen sich in einer zutiefst kranken und wahrheitsfeindlichen Gesellschaft allenfalls in reziproker Proportionalität.

Tobias Faix hat gesagt…

Ich finde, gerade postmodern Gesellschaft ist wahrheitsfreundlich, jeder kann seine eigene Wahrheit haben! ;) Und genau dann muss man ja lernen miteinander klar zu kommen, sonst gibt es einen (nicht ende wollenden) "Wettstreit der Wahrheit". Das beschreibt die gesellschaftliche Perspektive, ob ich und du das gut oder schlecht finden, spielt erstmal keine Rolle...

Martin hat gesagt…

Wenn euch der "Wettstreit der Wahrheit" nicht behagt, ist es eure Sache, doch habt ihr laut Brecht damit bereits verloren, und mit euch das, was die Christenheit einst für Wahrheit hielt.

Christian hat gesagt…

"Kaufe Wahrheit und verkaufe sie nicht, Wahrheit, Zucht und Verstand." (Sprüche 23,23). "Friede mit allen Menschen" darf niemals auf Kosten der Wahrheit gehen.

Anonym hat gesagt…

Lieber Herr Faix,

hab Ihnen, glaube ich, noch nicht gesagt, dass ich hier immer gerne mitlese. Ich hatte als die Geschichte bekannt wurde eine Bibelstelle im Kopf (Hebräer 12.14 und Römer 12.18).

Viele Grüße
K. Dünkel

Carsten Stein hat gesagt…

Der Beitrag von Diederich Lüken widerlegt doch gerade den Vorwurf der Presse, Olaf Latzel sein ein Hassprediger.

Anonym hat gesagt…

Das waren doch alles rhetorische Fragen, um die Bezeichnung Hass Prediger zu hinterfragen. Dieser Begriff wurde von der Presse verwendet, um Latzel in die extreme Ecke zu stellen.

Markus Steuer hat gesagt…

Schade, dass jetzt doch wieder direkt auf Olaf Latzel eingegangen wird - die Meta-Ebene, die Tobias Faix hier aufmacht, ist doch wesentlich spannender (zum konkreten Fall ist nun wirklich jedes Argument, jede Unterstellung und jede Beleidigung ausgetauscht).
Wenn ich den Beitrag richtig verstanden habe, ist der Fall Latzel letztlich nur ein Beispiel für den Grundsatz, dass "Häresie" sozusagen der "Normalfall" geworden ist (was wohl nicht nur gesellschaftlich, sondern auch innerkirchlich gilt). Spannende These! Mit Blick z.B. auf das Familienpapier der EKD würde ich dem zustimmen.
Das heißt aber auch: jeder, der Position bezieht, wird hauptsächlich Gegenwind bekommen (weil Zustimmung meist leise, Protest meist laut geschieht). Was heißt das z.B. für unsere Predigten? Was heißt das für unsere (innerkirchlichen) Diskussionen und die entsprechende Diskussionskultur? Spannende Fragen, finde ich. Werden diese Diskussionen aktuell schon irgendwo geführt?

Tobias Faix hat gesagt…

Danke Markus Steuer, da fühle ich mich doch gleich verstanden!

In meinem Post ging es NICHT um den Hassprediger Olaf Latzel und deshalb habe ich mich gewundert, warum Herr Lüken das reingebracht hat. Ich finde das völlig unnötig. Mich interessiert nicht so sehr was einzelne Presseleute gesagt haben, sondern was wir aus der "Causa Latzel" lernen können....

Johannes Plenio hat gesagt…

Hab den Artikel erst heute gelesen und finde ihn richtig gut! Tut gut, solche Texte nach einer gewissen Zeit, wo sich der ganze Wirbel etwas gelegt hat, zu lesen, da kommt so etwas viel eher an als mit den aus der Situation entstandenen Emotionen.