Mittwoch, Februar 04, 2015

„Über heilige Fragen, Schätze des Glauben und offene Gottesdienste. 5 Fragen an Christina Brudereck.“


Faix: Warum können sich Christinnen und Christen freuen in dieser unserer Zeit zu leben?
Brudereck: Wir erleben mit vielen Menschen unserer Zeit große Ansprechbarkeit auf heilige Fragen, eine spirituelle Suchbewegung, Neugier und Offenheit für spirituelle Deutungsangebote. 
Faix: Was für Chancen bietet sie uns?
Brudereck: Die Chance, das zu teilen, was wir lieben, was wir auf der eigenen Lebensreise erfahren haben, ist groß. 
Faix: Was müssten Christen tun, um für spirituell Suchende attraktiv zu sein?
Brudereck: Christinnen und Christen zeigen sich als Mit-Pilgerne, teilen ihre Fragen und ihre persönlichen Erfahrungen; das ist attraktiv.
Faix: Wie müssten Gottesdienste dazu aussehen?
Brudereck: Gottesdienste sind sinnliche Feiern einer Erzählgemeinschaft, die willkommen heißt und einlädt, mitzupilgern und sich zu freuen an den Schätzen des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. 
Faix: Du hast vor ein paar Jahren ein Format mit dem schönen Namen ‚Zeit des Meisters’ entwickelt, das bei euch in Essen jedes Jahr läuft, kannst du uns davon kurz berichten?
Brudereck: Das Format "Zeit des Meisters“ bietet z.B. für eine Woche Raum und Zeit zum Beten, Meditieren, Singen, Schweigen und Durchatmen. In der Tradition der Stundengebete. Mit spirituellen Texten aus verschiedenen Traditionen. In einer offenen Kirche. Mit Kerzen und Blumen geschmückt. Mit inspirierenden Büchern zum Schmökern. Begleitet von einem "Kloster-auf-Zeit-Team". Mit leichter Beteiligung und hoher Freiwilligkeit. 
Faix: Was sind für dich unverzichtbare Merkmale einer Kirche?

Brudereck: Kirche feiert das große Geheimnis, das wir Gott nennen. Sie erinnert und erzählt. Sie verbindet uns mit allem, was lebt. Kirche wandelt uns. Unterstützt uns dabei, Liebende zu werden.

Christina Brudereck wird am 14. Februar 2015 im Rahmen des Studientages Gesellschaftstransformation über das Thema "Mutig Gemeinde lieben" sprechen.

Sonntag, Februar 01, 2015

„Emerging Church in Deutschland: vital, beweglich und doch kaum sichtbar? Ein Zwischenruf.“


Vor drei Wochen traf ich auf einer Tagung in London Tony Jones, einen der zentralen Köpfe der amerikanischen ‚Emerging Church Bewegung’ und dort Mann der ersten Stunde. Beim Austausch wurde wieder einmal schnell klar, dass es in Deutschland nie ‚amerikanische Verhältnisse’ gab und auch geben wird. Während in den USA die ‚Emerging Church Bewegung’ vor zehn Jahren ‚the next big thing’ war und die amerikanische Gemeindelandschaft ziemlich durcheinandergewirbelte und es dabei bis in die CNN Nachrichten schaffte, ist mittlerweile ‚Emerging Church’ fast zum Schimpfwort geworden. Zwar betont Jones, dass die inhaltlichen Auseinandersetzungen und Diskussionen sogar zugenommen haben, aber das ‚Label Emerging Church’ zunehmend verschwindet. Das fand ich sehr sympathisch, da ich die ganze Aufregung und ‚labeling’ als lästig empfand, obwohl das in Deutschland ja alles ein paar dutzend Nummern kleiner lief. Aber auch hier sind die lauten Zeiten vorbei und das durchaus gewollt. In den Anfangszeiten von ‚Emergent Deutschland’ gab es viele Missverständnisse und so manche Aufregung, viele Leute haben sich empört und ordentlich auf den ‚Putz gehauen’. Aber von Anfang an wurde betont, dass die emergente  Bewegung mehr eine innerkirchliche Erneuerungsbewegung ist, die sich wichtigen Fragen unsere Glaubens stellen möchte (aktuell diskutierte Fragen sind bspw. wie Gemeinden sich über die eigene Milieuverengung öffnen können oder wie heute ‚Exzentrisch glauben’ aussehen kann). Und genau so läuft es, junge und ältere Christinnen und Christen aus unterschiedlichen Konfessionen arbeiten sich auf unterschiedlichen Ebenen an diesen Fragen ab. Dies geschieht über verschiedene Treffen (Emergent Forum; Con:Fusion, Werkstatt, Stammtische etc.) genauso wie über Publikationen, so gibt es zwei emergente Buchreihen: 1. Edition emergent: zuletzt erschien dort zum Beispiel: Peter Rollins ‚Der orthodoxe Häretiker und andere unglaubliche Geschichten’ oder ‚Von der Ausgrenzung zur Umarmung: Versöhnendes Handeln als Ausdruck christlicher Identität’ von Miroslav Volf. Und in diesem Monat erscheint von N. T. Wright ‚Reich Gottes, Kreuz Kirche. Die vergessene Story der Evangelien“. 2. Einfach Emergent: zuletzt erschien dort zum Beispiel: ‚Wie die Bibel Sinn macht: Ein altes Buch neu kennenlernen’ von Dominik Sikinger oder ‚Pulsierende Spiritualität: Kreative Gottesdienstformen und geistlicher Rhythmus’. Daneben gibt es weitere Beiträge, Reflexionen, Diskussionen, Blogs und andere Möglichkeiten aus der reichhaltigen social media Welt. Auch hier wird deutlich, dass es um Themen und Dialog geht. Es geht also in der deutschen Landschaft nicht um die Einführung einer neuen Marke oder gar neuen Gemeindeform, sondern um ein gemeinsames Nachdenken zu zentralen Glaubensfragen unserer Zeit. Um das Schaffen von Begegnungsplattformen und sicheren Räumen und den Mut, Fragen zu stellen und Antworten zu leben. Oder wie es auf der Homepage zu lesen ist:
Vielmehr geht es darum, in Bezug auf bereits Bestehendes und in Hinblick auf zukünftige Entwicklungen Kommunikationsstrukturen zu schaffen, Gedankenaustausch zu fördern und kreative Initiativkraft zu stärken. Emergent Deutschland verfolgt damit das Ziel, in diversen kulturellen Kontexten den sich wandelnden theologischen Angangswegen und den daraus resultierenden Ansätzen für die Glaubens- und Gemeindepraxis Rechnung zu tragen. Bei allem sind wir davon überzeugt, dass in dem Zusammenspiel und der gegenseitigen Wertschätzung möglichst vieler gegenwärtiger christuszentrierter Strömungen mit all ihrem geschichtlichen Reichtum ein „größeres Bild“ vom Reich Gottes in seinen weltweiten Verzweigungen aufleuchtet (emergieren = auftauchen, hervorkommen, sich zeigen). Und wir glauben, dass es das Wirken des Geistes Gottes ist, der diese „Dynamik der Emergenz“ auch in unserem Land bereits hervorbringt und weiter hervorbringen will.
Ob dabei Menschen von ‚emergent’ sprechen, die anglikanische Bezeichnung ‚fresh expressions’ nutzen oder ganz auf ein Label verzichten ist dabei gar nicht wichtig. So kommt Brian McLaren in seinem aktuellen Zwischenbericht zur Emerging Church auch zu der Ansicht: “Die Diskussion um die Themen der Emerging Church schreitet weiter voran und durchdringt zunehmend die verschiedenen Kirchen und Gemeinden, ohne dass dabei das Wort ‘emergent’ überhaupt fällt” (McLaren 2014). Richtig so, denn wir müssen uns den dringend Fragen unserer Zeit stellen (Mission, Dialog der Religionen, Christenverfolgung, gastfreundliche und offene Gemeinden etc.), egal wo wir her kommen und wie wir unser Denken, Reden und Tun bezeichnen, es soll in allem Gott ehren – das wird am Ende zählen.