Freitag, Februar 20, 2015

"Wie hältst du’s mit der Religion? Kirche zum Wohl des ganzen Stadtteils"



Diese Woche ging es in Modul 2 unseres Studienprogramms Gesellschaftstransformation um die Frage der Zuordnung von Kirche und Gemeinwesen. Welche Aufgaben haben Christen und Gemeinden für die Menschen ihres Ortes und wie verhält sich ihr Handeln zu anderen Religionen und den demokratischen Grundwerten unserer Gesellschaft. Ein sehr spannendes und herausforderndes Thema. Dazu passt eine Rede (Wie hältst du’s mit der Religion? Religion kann die Demokratie fördern) unseres Außenministers Frank-Walter Steinmeier, die in der letzten ‚Zeit‘ abgedruckt war, hier ein Auszug:
"Ich weiß, dass Religion sich mit der Demokratie nicht nur vertragen, sondern sie fördern kann! Ein deutscher Richter am Bundesverfassungsgericht hat einmal gesagt: Der Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht schaffen kann. Demokratie braucht einen ethischen Nährboden – und Religion kann ihn bereiten helfen.
Ich will dazu etwas Persönliches sagen. Auch ich lebe meinen Glauben. Ich bin Christ und bin in der protestantischen Kirche aktiv. Natürlich hat mein Christsein mit meinem Handeln in der Gesellschaft zu tun: Meine Religion gebe ich nicht an der Garderobe ab, wenn ich morgens ins Büro gehe.
Im Koran heißt es an einer Stelle: "Gott hat dem Menschen nicht zwei Herzen in die Brust gelegt, sondern eines." Ja, auch mein christlicher Glaube inspiriert mein Handeln. Aber: Mein Glaube darf nicht selbst zum Gegenstand der Politik werden und schon gar nicht zur Waffe gegen Andersgläubige.
Deswegen sagt der Apostel Petrus in der Bibel: "Ehret jedermann." Das Gebot der Nächstenliebe gilt aber nicht nur unter Christen. So gesehen ist eine Moschee, eine Kirche oder eine Synagoge nie nur für die Gläubigen da, sondern für das Wohl des ganzen Stadtteils. Wenn Religion niemanden ausgrenzt, kann sie die Gesellschaft stärken."

Montag, Februar 16, 2015

„Hinken ist ein Zeichen des Segens. Rückblick auf den 8. Studientag Gesellschaftstransformation.“











Die Halle war voll, über 400 Teilnehmende hatten sich auf den Weg gemacht, die Musik spielte und dann es ging los. Immer wieder ein bewegender Moment für mich persönlich und viele, die mit geplant und geholfen haben. Dieses Mal gilt ein besonderer Dank unserem Partner Jumpers und ihrem Leiter Thorsten Riewesell. Der Studientag wurde eröffnet mit einem Vortrag von Prof. Dr. Paul M Zulehner aus Wien und er begann das Thema GottesSehnsucht anthropologisch auszulegen. Alle Menschen, egal welcher Herkunft oder Religion haben die Sehnsucht nach Leben in sich, suchen nach Erfüllung und sind stets hinterher dem her, was wir sein wollen und nicht sind. Das eint die Menschen, egal ob sie atheistisch, pragmatisch oder religiös sind und alle suchen nach der Sinnhaftigkeit des Lebens, wollen diese Momente festhalten und können es doch nicht. Dabei leben viel unter dem Leben unter dem Diktat der Diesseitigkeit. Unsere Kultur vertröstet uns auf das Diesseits. Leben als letzte Gelegenheit. Das maßlose Glück in mäßiger Zeit? Viele wollen den verschlossenen Himmel hier auf Erden haben. Wir arbeiten, leben, amüsieren uns zu Tode – weil wir getrieben sind das Leben ausnutzen, zu quetschen und nur nichts zu versäumen.  Daraus entsteht, so Zulehner, die Kernangst unserer Zeit: Ich komme zu kurz!  Und er fragt weiter: Was stimmt mit unserem Leben nicht! Escapismus ist eine Antwort von vielen. Entkommen, raus aus dem Kreislauf des mehr Haben Wollens, aber was gibt es als Alternative? Sucht als holprige Lesehilfe für unsere Sehnsucht? Diese Sehnsucht nach Maßlosigkeit spiegelt die Maßlosigkeit Gottes wider. Der Gott, der gerne gibt, der sich verzehrt nach dem Menschen. Der in Christus alles gegeben hat und so Anfang der Vollendung der Liebesgeschichte Gottes ist. Und wir? Empfänger. Wir dürfen bei Gott werden, was wir sind. Können nicht alles verstehen, aber dürfen in Gott wohnen lernen: Das Geheimnis Gottes in mir. Aber es geht dabei nicht nur um mich und meine Sehnsucht, sondern: In Gott eintauchen heißt neben den Armen auftauchen. Handfeste Liebe üben als Gnadenzeit Gottes in unserem Leben. Abendmahl und Fußwaschung gehören beim Maler Simon von Taisten zusammen und so erwächst aus der ‚Spiritualität der Fußwaschung’ ein vierfaches: 1) offene Augen: hinschauen; 2) wacher Verstand: analysieren; 3) mitfühlendes Herz und 4) engagierte Hände. Nach einer kurzen Reflexionsphase baute Christina Brudereck auf diesen Gedanken auf und führte sie weiter mit ihrem Vortrag:  Mutig Gemeinde lieben. „Der Mut beginnt ja manchmal klein und fein. Ich bete eins: Ich möchte niemals feige sein.“ Und die Gedanken der GottesSehnsucht wurden narrativ in das Sterbezimmer von Anna transportiert, eine spirituell Suchende auf ihrem letzten Weg. Wie begegnen wir Anna? Herausfordernd und wortgewaltig führte Christina Brudereck uns an die Grenzen und Hoffnungen unseres Glaubens und die Notwendigkeit von Gemeinschaft und Gemeinde. Wir brauchen die physische Präsenz untereinander. Mutig präsent zu sein, sichtbar, nicht perfekt. Sieh mich an, dann weißt du, wie es mir geht. Gnädig Gemeinde lieben. In der Gemeinde wird meine Sehnsucht größer. Oder wie Bonhoeffer es sinngemäß ausdrückte: Kirche ist der Christus der Erde. Es geht nicht um Perfektion in unseren Gemeinden, sondern um Beziehungen. Hinken ist ein Zeichen des Segens. Wir sind alle verletzlich, Gott und den Menschen gegenüber, deshalb sollen wir einander in Achtung und Dankbarkeit begegnen. Gemeinde liebgewinnen. Mutig Gemeinde liebgewinnen. „Gott ist der Film, die Kirche nur das Dorfkino.“ (Hape Kerkeling) Viele wollen den Film sehen, nicht das Kino. Aber wir brauchen das Kino, um den Film zu sehen. Gemeinde ist die Braut meines Meisters, die Vertraute meines Herrn. Deshalb, so Brudereck, denke ich bei Gemeinde an feiern. Und deshalb ist Gemeinde so schön wie verheiratet sein, und auch so anstrengend. Auch nach diesem herausfordernden Vortrag gab es erst mal Zeit, in Gruppen um das Gehörte zu ordnen und zu überlegen, was es denn für den eigenen Kontext heißt. Dann gab es den Posterpreis der diesjährigen Transformationsstudien und das Kick off von Trafo, des neuen Instituts für Gemeindetransformation. Ziel von Trafo ist es, Gemeinden in ihren Veränderungsprozessen zu begleiten, zu bereichern und zu coachen. Eine tolle Sache. Nach dem Mittagessen gab es zwölf Seminare, die das Gehörte des Vormittags an praktischen Projekten und Themen vertiefte bzw. praktisch umsetzte. Von Evangelisation über milieusensible Arbeit bis zum Thema Menschenhandel war viel Interessantes und Wichtiges dabei. Das Abschlusswort des Tages hatte Frank Heinrich, der für die CDU im Bundestag sitzt und sich für Menschenrechte, gegen Christenverfolgung etc. einsetzt. Sehr herausfordernd führte er das Thema weiter und fragte ganz praktisch, wie wir jetzt gut über Gott reden können? Mit den Menschen in unserem Kontext, am Sonntag und am Montag. Sehr biographisch und schonungslos offen gab Heinrich Einblick in seine Erfahrungen von der Heilsarmee bis in den Bundestag. Klasse. So schloss sich der Kreis, der am Anfang gezogen wurde von der Sehnsucht der Menschen bis hin zu uns und der Frage, wie wir damit umgehen und wie wir diesen Menschen in unserem Alltag begegnen. Nicht perfekt, vielleicht hinkend, sollen wir die Menschen ernst nehmen, ihnen tatsächlich begegnen, mutig unsere Geschichten zu teilen: mitfreuen, mitflehen, mit feiern. Hoffnung teilen. Mutig sein heißt nicht zu fliehen. Mutig zu sein heißt zu fragen: Betest du noch?
Ein toller und herausfordernder Studientag und mein Dank gilt allen, die auf und hinter der Bühne zum Gelingen beigetragen haben. Am 12. März 2016 geht es mit unserem Partner IJM dann weiter, es bleibt spannend, denn es geht um die Frage, wie wir als Christen zum Thema Gerechtigkeit stehen und wie wir in dieser Welt den Unterschied ausmachen können.

Weitere Berichte gibt es hier oder hier. MP3 Aufnahmen von den Hauptvorträgen gibt es hier.